Kino

Christian Petzold: "Die entzauberte Welt wieder verzaubern"

Mit "Undine" ist Christian Petzold nach "Transit" wieder im Berlinale-Wettbewerb vertreten; am kommenden Sonntag findet die Weltpremiere statt. Über den Prozess des Drehbuchschreibens, uralte Mythen und die Begeisterung über seine Hauptdarsteller spricht er hier.

21.02.2020 11:05 • von Jochen Müller
Christian Petzold (Bild: Schramm Film / Marco Krüger)

Mit "Undine" ist Christian Petzold nach "Transit" wieder im Berlinale-Wettbewerb vertreten; am kommenden Sonntag findet die Weltpremiere statt. Über den Prozess des Drehbuchschreibens, uralte Mythen und die Begeisterung über seine Hauptdarsteller spricht er hier.

Wie ist die Idee entstanden, ein altes Volksmärchen zu verfilmen - das allerdings in Ihrer Fassung sehr zeitgemäß aussieht?

Das hängt mit den Kindern zusammen, denen ich sie vorgelesen, aber so halb vergessen habe. Auch "Undine". Dann stieß ich in dem faszinierenden Buch von Peter von Matt, "Liebesverrat - die Treulosen in der Literatur" in seinem Kapitel über Undine auf meinen Lieblingssatz: "Ich habe ihn tot geweint". Das fand ich so schön ... Ingeborg Bachmann hat aus dem uralten Mythos eine Geschichte gemacht, in der die Frau nicht das Objekt ist, sondern das Subjekt wird. Sie sagt: "Ihr Menschen, ihr Ungeheuer, ihr Männer, die ihr euch nur selbst liebt" - das war für mich eine neue Sicht. Das Kino benutzt ja die Mythen und erzählt sie aus einer anderen Perspektive. Dazu habe ich 2008 eine kleine Kurzgeschichte geschrieben, "Undine".

Sonst wählen Sie meist politische oder historische Hintergründe. Kann man sagen, der rote Faden ist die Liebe?

Es war ungefähr am 20. Drehtag von "Transit" in dieser kleinen Pizzeria, wo wir immer gefilmt haben. Da saß ich mit Paula und Franz in einer Pause am Tisch. Ich war so glücklich mit den beiden, es war so schön, mit ihnen zu arbeiten, diese Liebe, die sie entwickelt haben, zu begleiten - da habe ich ihnen die Geschichte erzählt und gesagt, die würde ich gerne mit ihnen machen, natürlich dann mit Paula in der Hauptrolle. Und Franz, der Hauptdarsteller damals, meinte, das Thema fände er gut, aber ein Projekt, das Undino heißt, sei noch besser ...

Undine ist eine Stadthistorikerin, es geht auch - durchaus kritisch - um Berlin, um den Umgang mit architektonischer Vergangenheit in der Gegenwart, wie in den Modellen zu sehen ist, um den Wiederaufbau des Stadtschlosses, das Humboldt-Forum ...

In der Zeit, als ich über Undine nachdachte, ging ich mit meinem Freund Christoph Hochhäusler - wir arbeiteten gerade zusammen mit Dominik Graf an Dreileben" - viel spazieren. Er zeigte mir diese Stadtmodelle von Berlin, eine Ausstellung, die kaum jemand kennt: ganz Berlin als Modell, aufgebaut in einem großen Lichthof, das informiert über Architektur und Stadtplanung. Als ich da drüber stand, fiel mir auf, dass Berlin als Stadt keine richtige Geschichte hat, im Sinne einer Sagenwelt, wie man sie aus Thüringen oder dem Schwarzwald kennt, Hauffs Märchen ... Berlins Mythen kamen aus der Ferne, mitgebracht von Studenten aus Bielefeld oder Kassel. Deswegen ist Berlin eine Art Modellstadt, die jetzt trockengelegt wird, abgepumpt - es war immer schon historisch eine Sumpflandschaft - alle Sagen und Erzählungen und Komplexitäten werden durch Architektur und neoliberale Geschichte aus Berlin entfernt. So verschwindet auch der Lebensraum einer Undine - das war mein Gedanke ...

Sie geben der Stadt damit auch so etwas wie eine geheimnisvolle Unterwelt ...

Ich bin Romantiker, ich kann nichts dagegen machen. Wir sind durch romantische Literatur und Musik in Deutschland charakterisiert. Als ich damals an "Undine" arbeitete, hatte ich einen Bandscheibenvorfall und kam zu einem Masseur, der oben an der Decke das Eichendorff-Gedicht hatte: "Schläft ein Lied in allen Dingen" - er hängt an meinen Wirbeln und ich lese Eichendorff! Das ist die Aufgabe des Films, diese vom Kapitalismus entzauberte Welt wieder zu verzaubern. Wie kann man den Dingen, die da träumen fort und fort, wieder ein Lied entreißen? Berlin ist natürlich nicht Paris, wir haben keine monumentalen Brücken, verwunschene Ecken, sondern müssen am Stromkasten hinter H&M eine zauberhafte Geschichte erzählen.

Der andere Drehort ist ein Waldsee in Nordrhein-Westfalen?

Bei Wuppertal-Remscheid. Wir haben dort nicht wegen der Förderung gedreht, die wurde erst nachher beantragt, sondern weil ich dort aufgewachsen bin und als Kind oft mit Vater und Brüdern spazieren gegangen. Da gibt es hunderte Talsperren, die deutsche Industrie, Thyssen etwa, war dort angesiedelt, Energie wurde gewonnen. Staumauern, Architektur, Einsamkeit - es ist Naturschutzgebiet - das sind für mich verwunschene Orte. Es ist kein Märchensee. Später habe ich gelesen, dass in der Talsperre eine versunkene Stadt liegt, ein Dorf geflutet wurde. Das passt zu dem Mythos - Berlin wird trockengelegt, und da ist eine versunkene Geschichte, die manchmal nach oben kommt.

Was war Ihnen beim Drehbuchschreiben wichtig? Haben Sie alle Vorlagen gelesen, Fouqué, Bachmann, die Brüder Grimm? Und auch die Verfilmungen gesehen, die es bereits gibt, von Rolf Thiele oder Eckhart Schmidt?

Ich kenne sie alle. Franz Rogowski hat mir das Plakat von Schmidt geschickt, nackte Brüste auf Felsen, es ist der Meerjungfrau nach Andersen in Kopenhagen nachgebildet. Ich habe sehr viel gelesen. Aber da das Kino viel mit Traum zu tun hat, wie ich finde, mache ich es immer so, dass ich irgendwann mit den Recherchen aufhöre, mich ins Bett lege wie Rossellini - er hatte ein Riesenbett, 3x3 Meter - und träume mir das halbschlafmäßig zusammen. Wenn ich das nachher aufschreibe, bin ich überrascht, dass ich mich dabei vom ursprünglichen Text weit entfernt habe. Ich lüge ein bisschen. Wie ich aus einem Film von Isabella Rossellini über ihren Vater weiß, pennte er den ganzen Tag in seinem großen Bett. Das, was er weiß, hat er nochmal geträumt. So mach ich's auch, dachte ich mir.

Ein Zustand, wie man ihn im besten Fall auch im Kino erlebt - zwischen Tag und Traum, man taucht ab und muss sich, wenn man wieder an die Oberfläche kommt, erstmal wieder zusammensetzen und erinnern ...

Deswegen: Das Kino wird nicht sterben! Ich habe mich durch die Kiste mit 120 DVDs der Oscar-Akademie geschaut, und bin oft nochmals ins Kino gegangen, wo man anwesend und abwesend zugleich ist, in diesem somnambulen Halbtraumzustand, den das Kino braucht.

Das Kino erzählt immer wieder Geschichten neu - steht es in einer Tradition der Überlieferung von Mythen?

Ja, absolut. Von erzählten, von Menschen weitergegebenen Mythen. Das Kino darf aber nicht Retro werden, nicht die Mythen immer wiederholen, sondern es muss eine neue Position dazu finden, die Welt neu verzaubern wie Ingeborg Bachmann mit ihrer Geschichte. Der neue Zugang, die andere Perspektive interessieren mich.

Wie schon in "Transit" spielen Paula Beer und Franz Rogowski die Hauptrollen. Gönnen Sie ihnen jetzt die Liebesbeziehung, die ihnen da verwehrt wurde?

Ein bisschen schon. Ich war so begeistert von den beiden während der zweimonatigen Drehzeit in Marseille, dem Tanz, den sie miteinander entwickelt haben. Ich finde, Filmrollen sind Teil der Biografie von Schauspielern, das bleibt ihnen. In "Transit" ertrinkt Paula im Meer, so sehe ich das jedenfalls, Franz wartet am Gestade wie in einer griechischen Mythologie, dass sie vielleicht doch zurückkehrt. Genau das sollte in "Undine" geschehen, sie kommt aus dem Wasser zurück und sie kriegen eine Geschichte.

Viele Szenen spielen unter Wasser, haben dadurch eine besondere Magie. Wie waren die Dreharbeiten, wie haben Sie sich vorbereitet, wo gedreht?

Wenn es um Verzauberung und Romantik geht, sollte man an Orten drehen, die nicht nur im Computer entstanden, sondern wirklich da sind. Wir haben im Studio in Babelsberg, direkt neben dem Set von Babylon Berlin", eine riesige Unterwasserwelt gebaut. Ein Becken, 11x14 Meter, fünf Meter tief, mit Gebäuden, Turbinen, Pflanzen. Das brauchen die Schauspieler - auch das Kino! - dass es das wirklich gibt, man sich in einer Zauberwelt bewegt. Es gab exakte Choreografien mit den Schauspielern, Kamera, Licht, eine ungeheure Logistik steckte dahinter - wenn die Leute, die das gestemmt haben, bei der Deutschen Bahn arbeiten würden, gäb es keine Verspätungen mehr. Wenn man das alles gemacht hat, beginnt die Freiheit ...

Sie arbeiten mit verschiedenen Wahrnehmungs- und Bewusstseinsebenen - wie wichtig ist da das exakte Spiel Ihrer Darsteller, oder vertrauen Sie mehr auf deren Instinkt?

Das ist immer beides. Ich hatte eine Retro in Paris, kurz bevor wir "Transit" gedreht haben. Paula war zu dieser Zeit in der Stadt, um ihr Französisch aufzumöbeln für eine Filmrolle. Sie kam zur Eröffnung im Centre Pompidou und sagte, sie könne nicht lange bleiben, sie müsse zu einem Tauchkurs. Da habe ich das Drehbuch dahingehend geändert, dass Franz Taucher wird. Die Unterwasserwelten fielen mir ein aus Richard Fleischers 20 mit Kirk Douglas, die Begräbnisszene unter Wasser - traumhaftes Kino. Franz durfte eigentlich nicht tauchen wegen seiner Lippenspalte, hat vom Arzt aber das OK bekommen und ist zum ersten Mal getaucht. Er hatte Glücksgefühle unter Wasser - auch, wie er sagte, weil da unten kein Regisseur ist, der Anweisungen geben kann. Auch die Fische hören ja nicht ... Paula und Franz hatten großen Spaß, wollten gar nicht mehr raus und sahen nach 30 Minuten im 37 Grad warmen Wasser oft aus wie frischgewaschene Babys - oder wie der große Zeh von Richard Gere in der Badewanne in Pretty Woman". Sie waren im Wasser in ihrem Element, konnten machen was sie wollten, vollführten in einer Choreografie eine Art Liebestanz. Aber wir haben natürlich exakte Storyboards gemacht für jede Einstellung.

Man hat das Gefühl im Film, dass da etwas Echtes mit ihnen passiert. Sie haben eine intensive Art miteinander.

Man muss erstmal einen fiktionalen Rahmen schaffen, die Schauspieler brauchen die Sicherheit, dass alles organisiert ist, aber was die beiden aus diesem Sicherheitsraum heraus dann gemacht haben, war erstaunlich, ich war jeden Tag Glück beseelt - und etwas traurig, dass ich schon so alt bin. Die beiden gehörten mir nicht mehr, es war wie eine Erinnerung an mich selber in früheren Jahren.

Sie arbeiten wieder mit Ihrem angestammten Team, darunter Kameramann Hans Fromm.

Er hat sich einen Unterwasserkameramann zur Seite geholt. Sie hatten eine eigene Funkverbindung, ich stand oben wie ein Feldherr am Monitor und habe Anweisungen gegeben.

Woher kommt der Taucheranzug von Franz und das Modell des Tauchers?

Habe ich ausgedacht und Zeichnungen angefertigt. Die Inspiration kam von dem Dokumentarfilm Berlin Babylon" über den Potsdamer Platz. Da habe ich einen Industrietaucher gesehen, der aussah wie bei Jules Verne, mit LED-Lampen und Schweißgerät - er hätte auch in der Serie Chernobyl" auftauchen können. Franz hat eine Schweißer- und Taucherausbildung für den Film absolviert und unter Wasser richtig gearbeitet.

Der Film hat Spannungsbögen, es gibt die Gegensätze, die sich reiben. Natur ist nicht nur schön, es gibt Industrie. Undines anonymes Apartment wird schön durch die Liebe - zwei Pole, die Spannung erzeugen ...

Dann habe ich alles richtig gemacht. Ich suche nicht Orte, die von sich aus Kulissen sind. Ein kleiner Bahnhof bei Remscheid, er ist eigentlich schrecklich - aber so, wie die Liebenden aufeinander warten, entfaltet er auch Zauber.

War die Finanzierung schwierig?

Nein, das hängt damit zusammen, dass sich die letzten drei Filme im Ausland gut verkauft haben - es ging ganz schnell, und Caroline von Senden vom ZDF liebt auch den Zauber, ihr hat das Projekt sofort gefallen.

Sie sind zum fünften Mal Berlinale-Teilnehmer. Nach Meinung vieler - auch meiner - hätten Sie vor zwei Jahren mit "Transit" gewinnen müssen. Mit welchen Gefühlen kehren Sie in den Palast zurück?

Ich freue mich total - ich stelle mir vor, ich bin Zuschauer bei der Berlinale, gehe raus und durch etwas, was ich im Film gesehen habe, kann zur Senatsstelle für Stadtentwicklung gehen und mir die Modelllandschaften anschauen ... Wenn der Zauber des Kinos und der Zauber der Stadt so nah beinander liegen, dann ist Berlinale! Ich freue mich, dass mein Film da läuft, auch auf die neue Leitung. Ich freue mich auf die Premiere mit den beiden Schauspielern. Ich schaue mit den Darstellern den Film immer einmal vorher an, damit sie ihn ohne Publikum sehen. Wir drei saßen in einem Kino in Berlin, ich ein bisschen weiter weg, die beiden nebeneinander - es war ein beseelter Vormittag, sie waren glücklich, und ich auch.

Das Gespräch führte Marga Boehle