Kino

"Die Branche muss zu ihrer Verantwortung stehen"

Zum Auftakt der Berlinale gab Kulturstaatsministerin Monika Grütters beim Produzententag einen ausführlichen Ausblick auf jene Themen, die der unmittelbar nach der Berlinale zu erwartende Entwurf der FFG-Novelle adressieren wird - darunter auch auf den einen oder anderen laut BKM "heiklen Punkt". In ihrer Rede bemängelte sie zudem, dass die Gespräche im Vorfeld bisweilen "etwas Irritierendes" gehabt hätten.

20.02.2020 17:28 • von Marc Mensch
Monika Grütters beim Deutschen Produzententag (Bild: Klara Yoon/Offenblende)

"Zuckerbrot und Peitsche" hätte als Motto über der filmpolitischen Rede stehen können, mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters unmittelbar vor der Eröffnung der Berlinale bei dem von der Produzentenallianz veranstalten Deutschen Produzententag aktuelle filmpolitische Entwicklungen skizzierte. Wobei das Zuckerbrot durchaus überwog - und das in mehrfacher Hinsicht. Die wichtigste, wenn auch wenig überraschende Botschaft: An eine Reduzierung der in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebauten kulturellen und wirtschaftlichen Filmförderung des Bundes werde nicht gedacht. "So viel Geld wie 2020 gab es noch nie für den deutschen Film", so Grütters, "und das wollen wir auch nicht im negativen Sinn ändern." Eine Formulierung, die Optimisten natürlich sogar noch im Sinne einer möglichen positiven Änderung interpretieren könnten - aber das wäre wirklich Spekulation reinsten Wassers.

Dass an der Ausstattung der Fördertöpfe - insbesondere jener der Anreizförderung über DFFF I und II sowie GMPF - nicht gerüttelt werden soll, dürfte durchaus auch von der positiven Entwicklung im vergangenen Jahr beeinflusst worden sein. Denn wie wir bereits berichteten, wurden die 140 Mio. Euro, die die BKM für die wirtschaftliche Filmförderung zur Verfügung stellt, nahezu ausgeschöpft. Insbesondere der DFFF II erlebte einen geradezu massiven Anstieg des Rückgriffes auf dieses Instrument - was zu einem (wenn auch vergleichsweise überschaubaren) Teil auf erfolgreiche Inanspruchnahme durch VFX-Dienstleister in Folge der Richtlinienanpassung zurückzuführen ist.

Und wo die damalige Pressemitteilung der BKM noch ein wenig zu positiv hinsichtlich der Attraktivität der Standortförderung in Deutschland formuliert war, gab sich Grütters beim Produzententag erfreulich realistisch: Die Förderung sei demnach grundsätzlich "auf einem richtigen Weg" - was auch durch die erstmalige DFFF-II-Förderung von VFX-Unternehmen signalisiert werde. "Aber dieser Erfolg ist kein Ruhekissen!", so Grütters klipp und klar. Insbesondere adressierte sie auch die Problematik des Brexit, in dessen Zuge Großbritannien theoretisch noch stärkere Incentives setzen könnte, als dies nach EU-Recht möglich ist. Sie selbst werde auf Ebene der EU jedenfalls darauf hinwirken, dass man auch in diesem Punkt über das vielbeschworene "level playing field" mit Großbritannien verhandeln werde. Bekanntermaßen kommen in diesem Jahr noch neue Richtlinien für DFFF und GMPF - und Grütters verriet hierzu bereits ein Detail. So werde man den GMPF auch für dokumentarische Serien öffnen. Darüber hinaus gehe es darum, die Instrumente "noch besser aufeinander abzustimmen". Die gegenseitige Deckungsfähigkeit habe sich jedenfalls bewährt. Was man unter anderem an den knapp 13 Mio. Euro an DFFF-II-Mitteln ablesen kann, die im vergangenen Jahr in den wie üblich deutlich überbuchten GMPF flossen.

Beim Blick auf das vergangene Kinojahr konnte sich Grütters etwas versöhnlicher zeigen als noch 2019. "Man sieht, dass die Deutschen das Kino nach wie vor lieben", lautete ihre Einschätzung, an der es nichts zu rütteln gibt. Ebensowenig wie an ihrer Einschätzung, dass der deutsche Film nicht bei einem "eher mageren" Anteil von 21,5 Prozent liegen sollte. Auffällig war, welchen Film sie in besonderer Weise hervorhob: Nicht etwa Das perfekte Geheimnis", der alleine für rund 20 Prozent des Besucheraufkommens deutscher Filme stand. Sondern Systemsprenger", dessen rund 590.000 Besucher vor allem in Relation zum Budget eine "Sensation" seien. Ihm sei gelungen, was nur wenigen deutschen Filmen gelänge: Kritiker, Juroren und Publikum gleichermaßen mitzunehmen. Ein Juwel wie dieses zeige, wie sinnvoll Filmförderung sein könne, so die Ministerin. Die noch eine Zahl zückte, die etwaigen unbelehrbaren Zweiflern an der Filmförderung endgültig den Wind aus den Segeln nehmen sollte (Grütters drückte es etwas diplomatischer aus): Rund 715 Mio. Euro an Investitionen holte alleine die wirtschaftliche Filmförderung des Bundes nach Deutschland.

Womit wir bei jenem Gesetz wären, das die Förderung durch die FFA regelt: dem FFG. Dass der Diskussionsentwurf der BKM im Großen und Ganzen steht, war bereits bekannt (schließlich wurde für Ende März bereits ein Runder Tisch einberufen, der sich damit befassen wird), nun gibt es auch einen relativ klaren Zeitpunkt für seine Veröffentlichung: Unmittelbar nach der Berlinale soll das Papier vorgelegt werden. Und Grütters skizzierte beim Produzententag schon einmal in groben Zügen, worauf man sich darin wird einstellen können. Punkte, die angesichts des kürzlich veröffentlichten Eckpunktepapiers keine größere Überraschung darstellen sollten - umso weniger, als etliche geplante Reformen Themen adressieren, bei denen man schon innerhalb der Branche große Einigkeit verzeichnen konnte.

So wird ein wesentlicher Fokus der Stärkung der Bereiche Verleih & Vermarktung gelten - wobei Grütters hier durchaus auch die Branche in die Pflicht nahm: Gefragt seien innovative Marketinginstrumente sowie die Bereitschaft, auch kleine Filme groß herauszubringen. Und sie ließ noch einen Schlenker zur Verantwortung der (öffentlich-rechtlichen) Sender für den deutschen Film folgen. Denn auch im TV müsste dieser sichtbarer werden - gerne auch einmal zur Primetime.

Mehr "Luft für Kreativität" wolle man mit Maßnahmen zum Ausbau der Stoff- und Projektentwicklung schaffen - wobei damit vor allem auch gemeint ist, es sich künftig leisten zu können, Projekte auch einmal abzubrechen. Genau diese Freiheit solle eine neue Projektentwicklungsförderung geben.

Grundsätzliche Einigkeit, massiver Zwist im Detail: So könnte man womöglich die Debatte um eine Verbesserung der Erlössituation der Produzenten beschreiben, die in den letzten Wochen bekanntlich auch öffentlich sehr wortreich ausgetragen wurde. Wer diesbezüglich ernsthaft auf einen Eklat beim Produzententag gewartet hatte (Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz hatte sich ja mit überaus deutlichen Worten von der Position der Produzentenallianz distanziert und sogar die Formulierung eines eigenen Positionspapiers der Constantin angekündigt) durfte sich enttäuscht sehen. Indes ließ auch Grütters durchblicken, dass die Debatte hinsichtlich des richtigen Weges sicherlich noch nicht beendet ist. Wobei sie doch eine womöglich vielsagende Andeutung machte: "Vergleichbares Risiko muss sich vergleichbar lohnen", so die Kulturstaatsministerin, die die Forderung nach einer besseren Beteiligung der Produzenten eindeutig unterstütze.

"Ich weiß, wir sprechen von einem heiklen Punkt." Mit diesen Worten leitete Grütters zu den im Eckpunktepapier beinahe en passant abgehandelten Sperrfristen über. Ja, man bekenne sich zum Kino als einem exklusiven Auswertungsort. Aber man müsse auch den Veränderungen des Nutzungsverhaltens Rechnung tragen. Was bedeutet: Auch an dieser Stelle dürfte sich im Diskussionsentwurf finden, was schon das Eckpunktepapier skizzierte: Eine Verkürzung des Kinofensters auf fünf oder gar vier Monate sowie weitere Anpassungen auf Ebene der weiteren Verwertungsstufen. Mehr Flexibilität wünscht sich Grütters auch für die Arbeit der Gremien - so wolle man dort das starre Rotationsprinzip lockern. Und auch eine geschlechtergerechte Besetzung von Vorstand und Präsidium sei ihr ein Anliegen.

Womit wir zur sprichwörtlichen Peitsche kämen. Denn Grütters versäumte es nicht, ein grundlegendes Problem dieser Novelle zu adressieren: Die negativen Prognosen zum Abgabeaufkommen, gepaart mit den Wünschen nach Stärkung der Förderbereiche. Interessanterweise adressierte Grütters beim Produzententag die vielleicht kontroversesten Forderungen zur Ausgabenseite aus dem Eckpunktepapier der Koalition (Massive Schwächung der Sequelförderung, Streichung der Förderung von Kurzfilm und Filmerbe aus dem Aufgabenkatalog) ausdrücklich nicht - streifte aber die vielleicht noch kontroverse Forderung nach einer Erhöhung der Abgabesätze vor allem für die Kinos zumindest mittelbar.

Zwar hatte die Ministerin die Atmosphäre und den Informationswert der von ihr (bislang drei) einberufenen Gespräche zur Neuaufstellung der Filmförderung zuvor ausdrücklich gelobt. Allerdings hätten die Gespräche (insbesondere zur FFG-Novelle) manchmal doch "etwas Irritierendes", erklärte Grütters. Sie könne schlicht nicht verstehen, wie wenige Akteure bereit seien, sich zu bewegen. "Jeder will mehr Geld. Aber was ich A gebe, muss ich B wegnehmen", so die klare Ansage. Die Diskussion mit den Einzahlern über ein "auskömmliches Abgabeaufkommen" habe jedenfalls noch nicht die erwünschten Resultate geliefert. Ergo der Appell: "Die Branche muss zu ihrer Verantwortung stehen! Die Einzahler sind gefragt, das ist eine Frage der Solidarität! Denn nur eine systemrelevante FFA hilft der Branche weiter", erklärte Grütters.

Wobei es wohl nicht ganz von ungefähr kam, dass auch bei dieser Veranstaltung der Gedanke einer Anhebung des Höchstabgabesatzes für Kinos (im Zuge einer "moderaten Erhöhung der Abgaben aller Abgabepflichtigen", wie es dazu unter anderem im Eckpunktepapier heißt) hinter vorgehaltener Hand weitergesponnen wurde. Denn würde dieser Schritt nicht gerade jene zusätzlich belasten, die schon beim Zukunftsprogramm außen vor bleiben dürfen? Und apropos Zukunftsprogramm: An sich hätte man ja durchaus damit rechnen können, dass die Kulturstaatsministerin die Gelegenheit ergreifen würde, beim Produzententag Details der Richtlinie bekannt zu geben. Denn dass diese nun in Stein gemeißelt ist, bestätigte sie immerhin. Indes beließ sie es beim extrem vagen Hinweis auf eine mögliche Fördersumme von bis zu 34 Mio. Euro, sollten die Länder den Betrag des Bundes für 2020 spiegeln - und beim Hinweis, dass man die Richtlinie in den kommenden Tagen bekannt machen würde. Nicht eben frühzeitig für ein Instrument, das nun im März starten soll. Indes ließ sich aus Koalitionskreisen vernehmen, dass die schon vor Monaten zirkulierenden Kriterien wohl keine großen Veränderungen mehr erfahren hätten. Würde grob bedeuten: Förderung für Häuser in Orten bis zu 50.000 Einwohnern unter Ausschluss der Multiplexe, Förderung in Städten nur für Kinos, die innerhalb von drei Jahren vor Antragstellung einen BKM-Kinoprogrammpreis erhalten oder einen (unrealistisch) hohen Anteil an deutschen bzw. europäischen Filmen im Programm haben. Man darf gespannt sein.

Ihre Rede schloss Grütters schließlich mit einem "besonders wichtigen Statement", wie sich Alexander Thies als Vorstandsvorsitzender der Produzentenallianz freuen durfte. Denn die BKM versprach der Produzentenschaft, ihr bei einem tatsächlich ernsten Problem zur Seite zu stehen: Die Besteuerungsproblematik bei Koproduktionen sehe sie selbst mit "großer Sorge", sie habe sich diesbezüglich bereits an Bundesfinanzminister Olaf Scholz gewandt. Engagement, das am Ende noch deutlich schwerer wiegt als freundlichen Worte. An denen es in Richtung der Filmbranche indes keinen Mangel an diesem Tag gab. Trotz der Peitsche.