Kino

Themis-Studie: Perspektiven aus nächster Nähe

Seit Oktober 2018 berät und begleitet Themis Betroffene von sexueller Belästigung und Gewalt. Eine Interviewstudie liefert nun die Basis für einen Ausbau der Beratungs- und Schutzstrukturen.

20.02.2020 16:08 • von Jochen Müller

Es sind Zahlen, die auch in einer von der #MeToo-Bewegung geprägten Zeit der Sensibilisierung und des zunehmenden Problembewusstseins noch aufrütteln können, wenn es darum geht, die Magnitude der Herausforderung zu erfassen. Denn laut einer EU-weiten Untersuchung der Europäischen Agentur für Grundrechte aus dem Jahr 2014 hat mehr als jede zweite Frau (konkret 55 Prozent der Teilnehmerinnen) seit ihrem 15. Lebensjahr wenigstens einmal sexuelle Belästigung erfahren. Sei es verbaler, physischer oder anderer Natur. Und rund ein Drittel dieser Betroffenen gab an, dass die Belästigung von einer Person aus dem beruflichen Umfeld ausgegangen war. Hierzu passt das Bild, das eine aktuelle Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeichnet: Dort gab etwa jede elfte erwerbstätige Peron an, entsprechende Erfahrungen im Arbeitskontext gemacht zu haben. Wohlgemerkt: Alleine innerhalb von drei Jahren vor dem Zeitpunkt der Befragung.

Wie das Bild im deutschen Kulturbereich und insbesondere der Film- und Fernsehbranche aussieht? Dazu fehlt es nach Angaben der Themis Vertrauensstelle derzeit noch an einer umfassenden Untersuchung - die Studie "Macht und Struktur im Theater" von Thomas Schmidt aus dem Jahr 2019 lässt indes nichts Gutes erahnen: Dort gaben 66,6 Prozent der befragten künstlerischen Mitarbeiter*innen und Darsteller*innen an, schon einmal unmittelbar Machtmissbrauch am Arbeitsort erlebt zu haben, 9,4 Prozent berichteten von sexuellen Übergriffen. Und dann wäre da natürlich ein Indikator in Form des Zuspruchs, den die Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt erfährt. Initiiert vom Bundesverband Schauspiel (BFFS) und u.a. mit Anschubfinanzierung der BKM auf die Beine gestellt, konnte sie ihre Arbeit im Oktober 2018 aufnehmen. Seither berät und begleitet sie Betroffene in den Branchen Film, Fernsehen und Bühne - und verzeichnet "tägliche neue Ratsuchende", wie es in einer ersten Bilanz nach zwölf Monaten hieß. Zwar zählten zu diesen Ratsuchenden auch Unternehmen, die Informationen zum Umgang mit Beschwerden oder zu Präventionsmaßnahmen wünschten. Zum größten Teil waren es jedoch Betroffene, die juristische oder psychologische Hilfe suchten - und die dabei geschilderten Vorfälle reichten von verbalen Belästigungen bis hin zu schweren Straftaten wie Vergewaltigungen.

Eine Situation, in der Themis selbstverständlich nicht nur beratend und begleitend zur Seite stehen, sondern vor allem auch präventiv tätig werden will. Ziel ist letztendlich ein Kulturwandel in der Film-, Fernseh- und Bühnenbranche. Man könnte auch grob sagen: Die Schaffung eines Arbeitsumfelds, in dem Grenzen nicht nur klar definiert sind, sondern in dem deren Überschreitung nicht hingenommen wird.

Eine weitere Grundlage hierfür bildet nun eine qualitative Interviewstudie, die nicht nur einen vertieften Einblick und explorativen Einstieg in weitere Forschung auf diesem Gebiet ermöglichen soll, sondern direkt auch einen noch passgenaueren Ausbau der Beratungs- und Schutzstrukturen - und das anhand von Perspektiven aus nächster Nähe. Die nicht zuletzt eine massive Grundproblematik illustrieren, wie Marina Fischer, die gemeinsam mit Hannah Lesser inhaltlich für die Studie verantwortlich zeichnet, schildert. Denn es sei deutlich geworden, dass allgemein große Unsicherheit herrsche - sowohl beim Erkennen von Grenzüberschreitungen, wie auch beim Umgang damit. Umso schwerer wiegt dies vor dem Hintergrund, dass tatsächlich alle befragten Personen zumindest aus Berichten Dritter oder als Zeug*innen bereits einmal mit Grenzüberschreitungen in Berührung gekommen waren, explizit sogar mit sexueller Belästigung im Arbeitskontext - und ganze zehn davon als direkt Betroffene. Generell wurde sexuelle Belästigung von den Teilnehmenden der Studie als verbreitete Form der Grenzüberschreitung in der Branche thematisiert, auch wenn die Bandbreite natürlich erheblich größer ist und u.a. auch unzumutbare Arbeitszeitüberschreitungen und verbale oder sogar physische Gewalt umfasst.

Zur kompletten Studie "Grenzen der Grenzenlosigkeit. Machtstrukturen, sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Bühnenbranche."

Um dies vorsorglich zu betonen: Repräsentativen Fallzahlen lassen sich aus dem erschreckenden Resultat der Befragungen nicht ableiten. Aber eben doch grundsätzliche Erkenntnisse hinsichtlich der besonderen Vulnerabilität vieler in der Branche Tätiger (und in besonderem Maße von Schauspieler*innen und generell Personen in einem frühen Berufsstadium). Denn dies ist laut Fischer eine der wichtigsten Aussage dieser Studie: Zur generellen Unsicherheit geselle sich die Problematik großen Drucks und Stresses. "Wir sprechen von Konkurrenzdruck, von stetigem zeitlichem und finanziellem Druck, von existenziellen Sorgen - in einem Umfeld, das zwar einerseits stark hierarchisch, auf der anderen Seite aber auch durch scheinbar familiär-persönliche Strukturen geprägt ist. Letztendlich haben wir es mit einer geradezu toxischen Mischung zu tun, die dazu führt, dass sich Betroffene noch weniger trauen, dass oft schon gar keine Zeit ist, um Konflikte auszutragen", so Fischer. Tatsächlich habe es bei den Interviewten einen Grundtenor dahingehend gegeben, dass selbst dann, wenn ihnen eine Situation unbehaglich war und sie sich in einem anderen Kontext gewehrt hätten, sie angesichts des Drucks von einer angemessenen Reaktion abgesehen hätten (siehe dazu auch die beispielhaften Zitate). "Man hatte Sorge, die Produktion aufzuhalten, sah sich in der Verantwortung für das Vorankommen des Drehs, wollte - um das ganz banal zu sagen - nicht die oder der 'Schwierige' am Set sein."

Potenziert würden solche Probleme noch durch die Tatsache, dass - dies ein massiver Unterschied zu anderen Branchen - die Arbeit im Kulturbereich oft von großer physischer Nähe geprägt sei. Interessant sei in diesem Zusammenhang auch die Erkenntnis, dass traditionell weiblich konnotierte Berufssparten (wie z.B. das Maskenbild) zu den besonders vulnerablen Gruppen in der Branche zählten - und zwar unabhängig vom Geschlecht der dort Tätigen.

Wie aber nun auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse weiter agieren? Für Marina Fischer ist der erste Schritt klar: Es bedarf noch besserer Aufklärung, auch über grundsätzliche Rechte der Arbeitnehmer*innen und Pflichten der Arbeitgeber*innen - gerade auch solchen, die sich aus dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz ergeben. "Wir müssen auf allen Ebenen präventiv werden, wir müssen darüber sprechen, wo und wie Grenzen in dieser Branche zu setzen sind - und welche Handlungsoptionen im Falle einer Überschreitung existieren. Ganz gezielt auch schon in der Ausbildung. Wichtig ist dabei aber, dass wir die Verantwortung keinesfalls auf die potenziell Betroffenen abwälzen, sondern dass wir gerade auch die Menschen in leitenden Funktionen und erfahrene Branchenangehörige dazu motivieren, ihre Glaubenssätze, ihre Gewohnheiten hinsichtlich kritischer Handlungsweisen zu hinterfragen." Dazu zählt natürlich auch das Hinwirken auf die Einrichtung entsprechender Informations- und Beschwerdemöglichkeiten über interne Anlaufstellen. Zumal auch dies eine zentrale Erkenntnis ist: Beim Entschluss, sich gegen Grenzüberschreitungen (und seien sie auch nur beobachtet) zu wehren, spielt soziale Unterstützung eine zentrale Rolle. In erster Linie werde der Austausch mit Kolleg*innen

und das Einschalten von Leitungsebenen angestrebt. Themis selbst will künftig jedenfalls noch stärker präventiv tätig werden, ins Auge gefasst sind beispielsweise Workshops und Schulungen - wobei aber natürlich auch die Frage der Finanzierung solcher Maßnahmen im Raum steht. Letztlich geht es um nicht weniger als einen Struktur- und Kulturwandel. Der möglichst Fahrt aufnehmen sollte, bevor eine quantitative Erhebung die Magnitude der Herausforderung Schwarz auf Weiß belegt...

Zur Methodik

Die qualitative Studie "Grenzen der Grenzenlosigkeit - Machtstrukturen, sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Bühnenbranche" basiert auf umfassenden Interviews mit 16 in der deutschen Film-, Fernseh- und Bühnenbranche tätigen Personen (14 Frauen und zwei Männer), die von April bis Anfang Juli 2019 durchgeführt wurden. Um ein aussagekräftiges Bild zu erhalten, wurden die Teilnehmer*innen aus möglichst vielen verschiedenen Gewerken, Verantwortungsebenen und mit unterschiedlich großem beruflichen Erfahrungsschatz rekrutiert. Angefragt wurden dabei explizit nicht etwa (nur) Betroffene, sondern schlicht Personen, die sich zum Thema Grenzen und Grenzüberschreitungen äußern wollten (selbstverständlich anonymisiert). Ziel der Erhebung war es, sich den komplexen Fragestellungen explorativ zu nähern, um auf diese Weise besonders relevante Themen zu identifizieren und dadurch nicht zuletzt Hinweise für die weitere Forschung herauszuarbeiten - insbesondere auch eine spätere quantitative Erhebung. Die Studie kann auf www.themis-vertrauensstelle.de abgerufen werden.

Beispielhafte Zitate aus der Studie (Verkürzte Wiedergabe)

"Da ist einfach viel Stress am Filmset. Da muss viel geschafft werden und man hat immer zu wenig Zeit für alles. Dadurch entstehen natürlich Stresssituationen, wo Leute auch manchmal im Stress eben auf so einer persönlichen Ebene eben übergriffig werden, finde ich."

"Wir hatten in unseren Runden oft das Gespräch, 'Ja, das war eine ganz unangenehme Zusammenarbeit, ich musste, auf einmal gab es ne Badewannenszene, die gab's vorher nicht', wo alle gesagt haben, 'warum machst du es denn dann?' - Naja, ich hab zwei Kinder zuhause, das war mein zehnter Drehtag, es war schon Mai und ich wollte auch nicht so sein".

"Ich hätte die Befürchtung, dass ich nicht ernst genommen werde, dass es abgetan wird, dass ICH am Ende quasi als Täterin dastehe und danach keine Jobs mehr kriege."

"Grenzen zwischen Männern und Frauen werden offiziell geleugnet, sind aber auf jeden Fall da. Also, in allen Bereichen. Es gibt Bereiche, die sind hauptsächlich weiblich und hauptsächlich männlich. Meistens sind die Männer da zu finden, wo das Geld ist."

Marc Mensch