Festival

KOMMENTAR: Cannessance

Dass einer der großen Gewinner der 92. Academy Awards das Festival de Cannes seinwürde, ist eine der verrückteren Geschichten der nunmehr beendeten Oscarsaison. In Cannes hatte "Parasite", der vierfache Oscargewinner, Weltpremiere gefeiert.

20.02.2020 07:54 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Dass einer der großen Gewinner der 92. Academy Awards das Festival de Cannes seinwürde, ist eine der verrückteren Geschichten der nunmehr beendeten Oscarsaison. In Cannes hatte "Parasite", der vierfache Oscargewinner, Weltpremiere gefeiert. Aber eben nicht nur Bong Joon-hos Ausnahmefi lm, der in den deutschen Kinos gerade am 18. Wochenende sein mit Abstand bestes Wochenendergebnis feierte und am Tag des Berlinale-Starts seine Home-Entertainment-Karriere als Early EST beginnt: "Once Upon a Time in Hollywood", der am selben Tag an der Croisette lief wie "Parasite" an einem der wohl legendärsten Filmtage des Festivals überhaupt, hatte lange als geheimer Favorit gegolten (und gewann schließlich zwei Preise). Und eben auch Pedro Almodóvars Leid und Herrlichkeit", der mit zwei Nominierungen bedacht wurde, und %Lady Lys% Die Wütenden - Les Misérables", der sich als Internationaler Film, wie zu erwarten war, "Parasite" geschlagen geben musste.

Das ist von Bedeutung, nicht nur weil überhaupt erst zum zweiten Mal in der Geschichte der Gewinner des Oscars für den besten Film identisch war mit dem Gewinner der Goldenen Palme (davor war das nur Marty" aus dem Jahr 1955 gelungen). Sondern weil sich Cannes damit wieder gegen das Bollwerk Venedig/Toronto positionieren konnte. Mit seiner zweiten Amtszeit als Festivalchef der Mostra hatte Alberto Barbera 2013 - damals war Gravity" Eröffnungsfilm in Venedig gewesen - gezielt daran gearbeitet, sein zuvor etwas verstaubt wirkendes Festival als Plattform für große Hollywoodfilme mit Blick auf die Oscarsaison in Stellung zu bringen. Erfolgreich.

Während Cannes sich zunehmend schwerer zu tun begann, große amerikanische Titel in den Wettbewerb einzuladen - und wenn es dann doch gelang, klang der Widerhall aus Südfrankreich für Mud", Carol" oder Loving" nicht lange genug nach, um die Filme für die Awards-Season zu positionieren -, punktete Venedig mit Birdman" oder La La Land". Und wenn es nicht Venedig war, starteten die kommenden Oscargewinner eben in Telluride und/oder Toronto: 12 Years a Slave", "Moonlight", Green Book". Jetzt ist Cannes wieder am Drücker, dank des Ausnahmefilms "Parasite", Quentin Tarantinos Insistieren gegen das Anraten des Studios, "Once Upon a Time in...Hollywood" auf jeden Fall nach Cannes bringen zu wollen, und Thierry Frémaux' kluger Entscheidung vor zwei Jahren, nicht mehr den großen Namen hinterherzujagen, sondern das Weltkino wieder stärker in den Vordergrund zu rücken.

Hollywood kann es kaum erwarten, seine aussichtsreichen Filme wieder an die Côte d'Azur zu schicken. Wie sich die Berlinale in diesem Zirkus der großen Festivals unter Carlo Chatrian positionieren wird, werden wir in den kommenden zehn Tagen erleben. Die Berlinalessance kann beginnen.

Thomas Schultze, Chefredakteur