Festival

Sandra Wollner: "Die Suche beim Dreh war unabdingbar"

Sandra Wollner ist mit "The Trouble with Being Born" in der neuen Berlinale-­Reihe Encounters. Hier erzählt sie von ihrem künstlerischen Ansatz und der Faszination vom Flirren hinter den Bildern.

24.02.2020 12:00 • von Barbara Schuster
Sandra Wollners neue Filmarbeit läuft in der Berlinale-Reihe Encounters (Bild: Privat)

Sandra Wollner ist mit "The Trouble with Being Born" in der neuen -­Reihe Encounters. Hier erzählt sie von ihrem künstlerischen Ansatz und der Faszination vom Flirren hinter den Bildern.

Was bedeutet Ihnen die Einladung in die neue Berlinale-Reihe Encounters?

Ich bin sehr froh, dass unser Film dort seine Premiere hat. Als wir das erste Mal von Encounters gehört hatten, hatten wir das vage Gefühl, dass das genau das Richtige sein könnte. Dass es dann auch tatsächlich so gekommen ist, ist natürlich großartig. Wie genau diese Sektion sich definiert, inwiefern sie sich von anderen abhebt wird sich ja noch weisen.Aber vielleicht gerade weil man diese Sektion noch nicht in eine Schublade stecken kann, passt "The Trouble with Being Born" fantastisch dort hin.

Ihr Debüt, der mittellange Film "Das unmögliche Bild", hatte eine beeindruckende Festivalkarriere. Welche Erfahrungen ­haben Sie mitgenommen?

Mit diesem Erfolg hatten wir nicht gerechnet. "Das unmögliche Bild" tauchte als quasi ohne Förderung entstandener Studentenfilm aus der Position des völligen Underdogs auf. Die Resonanz auf den Festivals war natürlich eine Bestätigung für das eigene Schaffen, für meine Art Geschichten zu erzählen. Vor allem aber hat es geholfen den nächsten Film zu machen.

Sie haben an der Filmakademie Ludwigsburg Dokumentarfilmregie studiert. Wie bei "Das unmögliche Bild" fungierte die Ausbildungsstätte auch bei "The Trouble with Being Born" als (Ko)Produzent. Können Sie die wichtigste Lehre herausfiltern, die Sie auf Ihrem Weg durchs Studium mit auf den Weg bekommen haben?

Die Filmakademie Baden-Württemberg hat eine unfassbare Infrastruktur. Alleine, was an Technik zur Verfügung steht, die Räumlichkeiten, das Kino am Campus. Aber viel wichtiger war es für mich, auf Menschen zu stoßen, die eine ähnliche Sprache wie ich sprechen und mit denen ich dann auch die letzten Filme realisieren konnte. An der Filmakademie ist der Unterricht so konzipiert, dass man nicht einen durchgängigen Betreuer hat, sondern ständig auf neue Dozenten trifft. Das hat ein Für und Wider, es schärft einen auf jeden Fall dabei, sich ständig neu zu erklären. Es schärft aber auch dabei, auf die eigene Stimme zu hören. Zumindest war das bei mir so. Im Endeffekt hatte ich einen großen Freiraum, mich auszuprobieren. Das halte ich für das Wichtigste.

Als Hauptproduzent haben Sie die österreichische Panama Film an Bord. Was zeichnete die Zusammenarbeit aus?

In der Entwicklung des Projekts habe ich mit den beiden Produzentinnen Andi G. Hess von der Filmakademie - sie hat bereits meinen letzten Film produziert - und Astrid Schäfer - sie hat mit "The Trouble with Being Born" ihr Produktionsstudium abgeschlossen - eine österreichische Produktionsfirma gesucht. So sind wir auf die Panama Film gestoßen, die gleich ihr Interesse bekundete. Wir haben einen ähnlichen künstlerischen Ansatz. Die Firma von Lixi Frank und David Bohun wurde sozusagen das Mutterschiff. Von deutscher Seite stiegen noch The Barricades von Viktoria Stolpe und Timm Kröger ein, mit denen mich eine lange Zusammenarbeit verbindet. Panama Film hat das komplette Risiko getragen, hier liefen alle Fäden zusammen. Dennoch hatten alle Produzent*innen ein gleichwertiges Mitspracherecht. Das war nur möglich, weil untereinander großes Vertrauen herrschte und alle gleichermaßen an den Film geglaubt haben. Förderungen kamen vom ZDF - Das kleine Fernsehspiel, ORF und BKA.

Das Drehbuch entstand im Duo mit ­Roderick Warich. Wurde auch die Idee bereits gemeinsam geboren?

Die Idee zum Film kam ursprünglich von Roderick Warich. Die Bucharbeit war dann ein fantastischer Austausch, da uns filmisch ähnliche Dinge interessieren. Er ist in seinen eigenen Arbeiten als Regisseur ("2557") wie ich eher auf der Suche nach etwas, das man am ehesten als eine Art Flirren hinter den Bildern bezeichnen könnte, etwas, das sprachlich vielleicht nicht darstellbar ist. Er hat verstanden, was ich in meinem letzten Film "Das unmögliche Bild" gesucht habe, und dass dieser Film eine Art Weiterführung ist, wenn auch eine ganz andere. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits an einem anderen Buch geschrieben und wir standen im Austausch, ich kam aber nicht richtig weiter. Als er dann die Idee hatte, einen Film über diesen kindlichen Androiden zu machen, war ich gleich überzeugt. Wir haben intensiv zusammengearbeitet, aber natürlich habe ich im Endeffekt meinen Film daraus gemacht und meine Sprache in den Vordergrund gestellt. Film ist Teamarbeit, aber ich bin schon davon überzeugt, dass etwas wirklich Eigenes nur entstehen kann, wenn man versucht, seine eigene Stimme zu hören und nicht kontinuierlich versucht, etwas zu reproduzieren oder einen Mittelwert aus all den anderen Stimmen zu suchen. Daher muss man sich eben mit Leuten umgeben, die ohnehin eine ähnliche Spreche sprechen.

Inwiefern ist es Ihnen ein Anliegen, die Elemente des Spiel- mit denen des Dokumentarfilms zu verweben?

Mich interessiert auf jeden Fall das Zusammenspiel dieser beiden Bereiche. Das ist eine Dynamik, die mich schon lange beschäftigt. Vor der Filmakademie habe ich als Nachrichteneditorin gearbeitet und bin danach in der Werbung gelandet. Ich war also an den vermeintlich gegensätzlichsten Polen dieser Realitäten. Und im Dokumentarfilm habe ich diese Grenzen dann weiter in Frage gestellt. Sicher gibt es Stoffe, bei denen man strikt zwischen Fiktion und Dokumentation trennen kann und muss, bei wichtigen politischen Themen etwa, die ein Zeitmoment festhalten. Mich treibt momentan aber eben die Frage nach unserer eigenen Realität an. Wie fiktiv die Struktur unserer eigenen Realität ist. Die Überlagerung von Erinnerungen und Vorstellungen ist ein Thema, das mich schon in meinem letzten Film begleitet hat - Erinnerung als das sinn- und identitätsstiftende Narrativ, ohne das wir im bedeutungslosen Chaos versinken würden. "The Trouble with Being Born" ist eine Weiterführung davon, ein Android schaut in die Welt und die Welt schaut zurück. Jeder Dialog mit ihm ist eigentlich ein Monolog. "The Trouble with Being Born" ist im Grunde ein Film über unsere eigenen Virtualität.

Haben Sie "The Trouble with Being Born" dann auch selbst geschnitten? Und gibt es einen speziellen künstlerischen Ansatz in Ihrer Herangehensweise als Regisseurin?

Nein, hier habe ich mit Hannes Bruun zusammengearbeitet. Der Film ist sehr stark im Schnitt entstanden. Das Drehbuch selbst konnte in diesem Fall nicht völlig das abbilden, was ich gesucht habe, eben auch etwas Nicht-Sprachliches. Dazu ist die Form vielleicht zu ein­engend. Außerdem ist für diese Art von Film die Suche beim Dreh selber unabdingbar. Ich kann dabei nicht oft genug den Mut meiner Produzent*innen hervorheben, diese Herausforderung mit mir angepackt zu haben. Am Set haben wir zum Beispiel mit Silikonmasken gearbeitet, die jeden Tag in mühsamer Kleinarbeit einzeln erstellt werden mussten von unserer Maskenbildnerin Gaby Grünwald und ihrem Team. Das geht natürlich nur, wenn alles sehr gut im Voraus geplant ist. Die Suche am Set wiederum ist nur denkbar, wenn eine gewisse Flexibilität gewährleistet ist. Nur dann ist es möglich, schnell in Richtung des Nebels zu gehen, der gerade aufzieht, oder die Chance zu nutzen, den einsetzenden Regen zu integrieren. Die Art des Suchens ist in diesem Fall eine sehr bewusste Entscheidung. Eine, die ich dann auch mit in den Schnitt genommen habe. Hannes Bruun hat sehr genau verstanden, vielleicht besser als ich es manchmal beschreiben konnte, worum es mir geht. Das war eine monatelange Arbeit, die ich sehr genossen habe.

Arbeiten Sie bereits an neuen Stoffen?

Ja ich habe vor mit Panama Film ein nächstes Projekt zu entwickeln. Das steht aber noch ganz am Anfang. Zudem arbeite ich gerade an der Mystery-Serie "Schnee", die von Michaela Taschek geschrieben wurde. Gemeinsam mit Barbara Albert werde ich für die Regie verantwortlich sein. Produzentin ist Ursula Wolschlager mit ihrer Witcraft.

Das Gespräch führte Barbara Schuster