TV

Uli Aselmann: "Man weiß nicht, was herauskommt"

Die film gmbh hat mit den Improvisationsfilmen von Jan Georg Schütte und ihren ersten beiden "Tatort"-Produktionen Neuland betreten. Bei "Das Team" trafen beide Phänomene aufeinander. Uli Aselmann sprach mit Blickpunkt:Film daüber, ob er dieses Experiment als geglückt empfindet, über den Reiz des "Tatorts" und die Herausforderung Impro-Dreh. Auch die Zukunft des Fernsehfilms und die Pläne seiner Firma kamen zur Sprache.

14.02.2020 07:56 • von Frank Heine
die film-Gründer Uli Aselmann mit seiner Produzentenkollegin und Co-Geschäftsführerin Sophia Aldenhoven am Set des "Tatort"-Experiments "Das Team" (Bild: Tom Trambow)

Mit der Impro-Folge Das Team" und nun Das perfekte Verbrechen" vom RBB haben Sie Ihre ersten beiden "Tatorte" gedreht. Ist es ein besonderer Reiz, "Tatort"-Produzent zu werden?

Uli Aselmann: Der "Tatort" ist das bekannteste Format im deutschen Fernsehen und eine so glanzvolle Marke, dass man sich gerne zu denen zählt, die Tatorte produzieren. Aber ich bin dem nicht hinterhergelaufen. Der Improvisations-"Tatort" ging aus unserer ersten Zusammenarbeit mit Jan Georg Schütte bei "Klassentreffen" hervor. Diese ungewöhnliche Form der Herstellung war natürlich eine risikovolle Herausforderung, bei der man nicht wirklich absehen konnte, wie man da beim Zuschauer ankommt. Darum waren wir sehr froh, dass wir quasi als Kontrast im selben Jahr mit unserer Berliner Tochterfirma auch noch einen gescripteten "Tatort" produzieren konnten. Aber meine persönlichen Erfahrungen mit dem Tatort-Format reichen viel weiter zurück. Ich habe schon bei den Manfred Krug-"Tatorten" in Hamburg als Aufnahmeleiter sehr aufschlussreiche Erfahrungen gesammelt.

Sie haben bereits sehr viele Münchner "Polizeirufe" gemacht. Wäre es nicht auch ein Ziel, mal einen Münchner "Tatort" zu drehen?

Uli Aselmann: Ja, wäre es. Wir haben uns auch schon einmal an einer Ausschreibung des Bayerischen Rundfunks beteiligt. Bislang hat es aber noch nicht funktioniert. Aber ich finde es grundsätzlich gut, dass es inzwischen auch beim WDR und beim NDR revolvierende Auswahlverfahren gibt. Ich glaube, dass die Landesrundfunkanstalten erkannt haben, dass die Vielfalt an kreativen Produzenten, die es an den jeweiligen Standorten gibt, auch einen Facettenreichtum an Programm mit sich bringen.

Die großen Zuschauerzahlen, die Schlagzeilen und die kreativen Möglichkeiten sind bestimmt sehr reizvoll, aber großartig Geldverdienen lässt sich mit dem "Tatort" wahrscheinlich nicht?

Uli Aselmann: Sagen wir mal so: Es ist eine risikoreiche Aufgabe, die Ansprüche des Formats mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu bedienen. Der "Tatort" ist inzwischen ja auch ein ganz starkes Format für gesellschaftlich relevante Themen, und da sind die Anforderungen von Standort zu Standort unterschiedlich. Der Berliner "Tatort" beobachtet die Vielfältigkeit der Großstadt und fokussiert sich auch auf die Probleme, die mit einer Boomtown zu tun haben. Auch in München nimmt man sich der Themen der Stadt an wie z.B. Mietwucher, Obdachlosigkeit oder zuletzt dem Anschlag von 2016 im Olympiaeinkaufzentrum. Das ist für mich als Produzent, der auch gern relevante Inhalte erzählen möchte, besonders reizvoll. Bei anderen Fernsehfilmformaten ist das mit der Relevanz und den unterschiedlichen Sendeplatzanforderungen nicht immer kompatibel.

Was war der Ansatz für ihren Berliner "Tatort", der nun am 15. März ausgestrahlt wird?

Uli Aselmann: Die erste Inspiration war eine Geschichte aus Italien. Der Fall "Marta Russo" als Versuch des perfekten Verbrechens. Um diesen hypothetischen Kern haben wir eine Geschichte von Elitejurastudenten gebaut, die an einer Privatuni studieren. Wie funktioniert ihre Vernetzung? Kann man sich da Zugang verschaffen? Die wohlhabende Elite einerseits, und ein talentierter junger Mann aus der Unterschicht, der die Chance bekommt, in diesen Kreis aufgenommen zu werden. Was passiert dann mit der Gruppe? Eine spannende Geschichte ist unserem Autor Michael Comtesse und Regisseurin Brigitte Maria Bertele da gelungen, die auch entfernt mit dem politischen Berlin zu tun hat.

Wenn man als Produzent neu zu einer länger laufenden Reihe hinzustößt, muss man sich da anders vorbereiten als bei klassischen Einzelstücken?

Uli Aselmann: Ganz sicher. Man darf nicht unterschätzen wie wichtig es den Zuschauern ist, mit den Figuren, die man schon so lange kennt, vertraut zu bleiben. Die Sender haben Biografien ihrer Kommissare. Die Berliner Ermittlerfiguren von Meret Becker und Mark Waschke haben sehr außergewöhnliche Backstories. Natürlich muss man sich als Produzent damit aufmerksam beschäftigen und die Vorgänger-Filme gesehen haben, um auch das Miteinander zwischen den Ermittlern zu erfassen. Sonst ist es schwierig, in das Format einzudringen.

Wie ist Ihre Erwartungshaltung an den Film?

Uli Aselmann: Über den März-Sendeplatz sind wir sehr glücklich. Ich finde, wir haben mit den beiden Kommissaren, mit Peter Kurth als Hochschulgründer und unseren jugendlichen Akteuren eine phantastische Besetzung, die sowohl ein 14-49-Publikum als auch die "Tatort"-Stammzuschauer interessieren wird. Und wir haben eine Geschichte, die durch viele Volten sehr spannend bleibt. Dadurch, dass wir verschiedene Lebenswelten erzählen, bilden wir auch eine gewisse gesellschaftliche Bandbreite ab. Ich glaube, dass das gut funktioniert. Wir haben unser Bestes gegeben, auch was das "production value" angeht.

Wie schon angesprochen, war die Impro-Folge "Das Team" Ihr erster "Tatort". Wie fällt Ihr Urteil aus, Experiment geglückt?

Uli Aselmann: Ja, wir sind total zufrieden damit, weil wir eine neue Erzählform ausprobiert haben. Der Film polarisiert stark. Gerade von jungen Leuten gab es aber überwiegend viel positives Feedback. In der Zielgruppe 14-49 haben wir das gegenprogrammierte "Traumschiff" geschlagen. Ich glaube, dass sich die jungen Leute durch diesen anderen Spirit sehr gut unterhalten fühlten. Auch die Gesamtzuschauerzahl - mit den Zahlen von der One-Wiederholung am selben Abend - liegen wir bei weit über sieben Millionen Zuschauern. Das bewertet man auch beim WDR für so ein Experiment als gelungen. Es ist der erfolgreichste Schütte-Film bisher. Und es war grandios, wie offen und engagiert der WDR dem Experiment gegenüberstand.

Dass man dieses Experiment wagte, war absolut richtig. Die Erkenntnis könnte aber auch sein, dass Impro-Film und Krimigenre nicht füreinander geschaffen sind. In der zweiten Hälfte war der Spannungsabfall beträchtlich.

Uli Aselmann: Ich respektiere Ihre Meinung, aber das sehe ich nicht so. Jan Georg Schütte hat sicherlich mit dem Genre gekämpft, weil er gemerkt hat, dass sich die Improvisation über den Humor wesentlich leichter bedienen lässt. Unsere Redakteurin Nina Klamroth, meine Mitproduzentin Sophia Aldenhoven und ich haben aber bei der Entwicklung des Films Jan immer wieder so motiviert, dass er ja schließlich diese wunderbare Besetzung für das Experiment begeistern konnte. Viele Zuschauerreaktionen haben bestätigt, dass sie den Film gerade mit zunehmender Dauer sehr spannungsreich fanden.

Über die bereits eingeführten Ermittler-Figuren hat man sich aber nicht allzu viel Gedanken gemacht. Die Dortmunder Genies stehen wie begossene Pudel da und geben Sätze von sich wie: "Ich weiß nicht mehr wie man ermittelt..." Und Nadeshda Krusenstern sterben zu lassen, obwohl im Anschluss noch einmal eine Folge mit ihr gezeigt wird, klingt auch nicht nach einem perfekten Plan.

Uli Aselmann: Warum nicht? Die Kollegen vom Münsteraner "Tatort" lassen sie in einer Folge vielleicht noch einmal als Geist oder Engel wiederkehren, dass wissen wir nicht. Aber das passt doch zu deren phantasievollen Geschichten. Und die Darsteller von "Das Team" haben so viel gegeben in über fünf Stunden Improvisation, dass ich Ihrer Anmerkung da nicht folgen möchte. Wir fanden die Schauspieler alle wirklich durchgehend überzeugend, sie spielten eben auch mal etwas anders. Und Sie müssen sich vorstellen, die wussten ja von nichts! Die wussten nicht, dass Krusenstern ermordet wird. Schauen Sie es sich noch einmal an und schauen Sie in die Gesichter von Charly Hübner und Bjarne Mädel, wenn die erfahren, dass Krusenstern ermordet wurde. Ich sehe da Entsetzen.

In dem Film hat auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet einen kleineren Part übernommen. Was man so hört, hat dies letztlich zu einigen Komplikationen geführt.

Uli Aselmann: Das ist richtig, aber das kann und möchte ich nicht weiter kommentieren!

Schade. Dann gewähren Sie uns noch Einblicke in die Impro-Drehs. Was sind die besonderen Herausforderungen als Produzent?

Uli Aselmann: Das größte Risiko ist, dass man nicht weiß, was am Ende herauskommt. Weil man das nicht im Griff hat, bedarf es einer ungleich intensiveren technischen und logistischen Vorbereitung als bei einem klassischen Film. Wir bereiten diese Drehs drei Wochen vor, proben mit den Kamerateams, das waren jeweils über 30 Leute. Bei "Klassentreffen" kam hinzu, dass es mehrere parallele Spielräumlichkeiten gab, deshalb mussten wir mit vier Bildregieteams arbeiten, um die Kameraleute anzuleiten, weil die ja nicht sahen, was ihre Kollegen filmen. Der eigentliche Dreh ist beim Impro viel intensiver, da wird unglaublich viel Adrenalin freigesetzt und das schweißt enorm zusammen. Da ist man als Produzent dichter dran, in den Prozess direkt involviert, weit mehr als bei herkömmlichen Produktionen. Und natürlich ist die Zeit des Schnitts viel, viel länger. Unter fünf Monaten war das beim Tatort nicht zu machen. Das ganze Material zusammenzuführen war eine Herkulesaufgabe für den Editor Benjamin Ikes.

Sie sagten, die "Spielzeit" lag beim Impro-"Tatort" bei fünf Stunden?

Uli Aselmann: Beim "Tatort" haben wir fünfeinhalb Stunden Improvisation aufgezeichnet. Für die Schauspieler bedeutet das ein extremes Maß an Konzentration. So lange durchgängige, pausenlose "Arbeitszeiten" sind sie nicht einmal von Theateraufführungen gewohnt, bei denen sie ja zudem wenigstens einen Text gelernt haben. Es gab noch einen zweiten Drehtag, an dem man Szenen dreht, wie zum Beispiel die SEK-Einsätze, Verfolgungsjagden und Abläufe vervollständigt. Und der zweite Tag dient auch als Back-Up-für den Fall, dass etwas überhaupt nicht funktioniert hat und man gegebenenfalls nachdrehen muss.

Landet man bei einem Impro-Film am Ende bei den gleichen Kosten wie für einen klassischen Film?

Uli Aselmann: Finanziell glauben alle, dass es günstiger sei, weil die Schauspieler nur zwei Tage am Set sind. Aber der Mitarbeiterstab ist viel größer und länger beschäftigt. "Das Team" war jetzt einen Tick billiger als der gescriptete "Tatort", aber es ist nicht der Rede wert.

Wie kamen Sie eigentlich dazu, Improvisationsfilme zu produzieren?

Uli Aselmann: Das kam durch den Regisseur Lars Jessen, mit dem ich die Heinz Strunk-Verfilmung Jürgen - Heute wird gelebt" gedreht habe. Er kennt Jan Georg Schütte sehr gut und wusste, dass der einen neuen Produzenten und eine neue Redakteurin für seine Improvisationsfilme suchte. Redakteurin wurde dann Nina Klamroth, die auch die Redaktion bei "Jürgen" hatte und wir haben produziert.

Werden Sie die Zusammenarbeit mit Jan Georg Schütte fortsetzen oder ist es hinderlich, dass er jetzt in den Deal von Florida und ProSieben involviert ist?

Uli Aselmann: Ja, denn mittlerweile ist Lars Jessen selber Produzent, eben bei Florida Film, und deshalb macht Jan seinen nächsten Film mit der Firma. Und ja, das macht schon was mit einem, auch weil wir uns als Produzenten sehr für diese Filme und die "Klassentreffen"-Serie" engagiert und eingebracht haben und gut mit Jan harmonisierten. Aber wir sind ja keine sehr sesshafte Branche und so zieht jeder irgendwie weiter. Wir denken trotzdem darüber nach, aus den bemerkenswerten Erfahrungen dieser beiden Produktionen etwas Neues anzufangen. Vielleicht auch eine Mischform aus Impro und geskriptetem Projekt spielt da in unseren Planungen eine Rolle.

die film gmbh ist neben diversen Reihenformaten stark auf Einzelfilme spezialisiert - 2019 liefen "Irgendwas bleibt immer" und "Nimm du ihn". Spüren Sie, dass die Luft für Einzelstücke dünner wird, weil die Sender vermehrt auf Miniserien und Serien und die Mediathekenoffensive fixiert sind?

Uli Aselmann: Mit Blick auf das große Ganze und den zunehmenden Schienen für Reihenformate wird es sicher für das klassische TV Movie nicht leichter. Mit gesellschaftsrelevanten Komödien wie "Nimm du ihn" kann man noch punkten, auch bei Publikum und Kritik. Selbst bei den Privaten wie ProSiebenSat.1 und der Mediengruppe RTL ist es für Neunzigminüter nicht einfacher geworden. Die Neunzigminüter sind aber natürlich auch nicht billig und verpuffen "marketingtechnisch" gerne nach der ersten Ausstrahlung, im Gegensatz zu Reihen. Da kommen dann die Wünsche von Netflix & Co. gerade recht, vermehrt nach deutschen Neunzigminütern Ausschau zu halten.

Dann spüren Sie diesen gegenläufigen Trend also auch: Die neuen Player brauchen neben Serien auch Filme?

Uli Aselmann: Da ist jetzt noch kein Trend erkennbar, aber bei Netflix gibt es klare Bestrebungen und erste deutsche Produktionen in diese Richtung. Bei den Mediatheken und den non-linearen Angeboten der Privaten liegt der Fokus wohl erst einmal auf Serien. Aber irgendwann wird der Neunziger wieder attraktiv. Vielleicht ist es dann die Wiedererstarkung dieses Formats zunächst im Kino. Die momentane Delle ist nicht das Ende des Einzelfilms! Ich bin mir übrigens auch nicht sicher, ob der Zuschauer es goutieren wird, wenn er auf dem Mittwochssendeplatz der ARD jetzt ständig Miniserien zu sehen bekommt.

Wird die film gmbh trotzdem Teil der Serienoffensive sein?

Uli Aselmann: Wir entwickeln verschiedene Serien- und Comedy-Formate für alle Bereiche und pflegen konstruktive Kontakte zu allen Playern. Ich glaube aber nicht, dass man den amerikanischen Serien vergleichbare Pendants entgegensetzen kann, wenn man es so billig machen will wie es sich in einigen nonlinearen Ablegern abzeichnet. Für die 20 Mio. Euro, die für die Mediathekenoffensive der ARD ausgerufen sind, kann man vielleicht zwei Serien üppig ausstatten, um vom production value ansatzweise mit amerikanischen und englischen High End Serien konkurrieren zu können. Wenn man für 45 Minuten aber nur 500.000 Euro auszugeben bereit ist, wird man die Sehgewohnheiten der Streaming-Fans auf Dauer nicht befriedigen können.

Was steht an neuen Produktionen für Sie an?

Uli Aselmann: Wir drehen in diesem Jahr eine weitere Folge "Sarah Kohr" mit Lisa-Maria Potthoff. Zwei sind bereits fertiggestellt. Eine davon, Teufelsmoor", wird am 6. April im ZDF ausgestrahlt. Wir produzieren eine weitere Komödie für den Bayerischen Rundfunk, außerdem entwickeln wir mit dem SWR und der Degeto gerade eine zweite Folge von Die Bestatterin" mit Anna Fischer, die wir noch im Spätsommer realisieren. Und es gibt, wie erwähnt, neben den geplanten Stoffen für 2021 noch Kino- und serielle Entwicklungen; aber da will ich nicht zu konkret werden. Außer vielleicht bei einer komödiantischen Serie, die mit und für Manuel Rubey und Lisa Maria Potthoff, in Planung ist, weil das gerade sehr viel Spaß macht.

Das Interview führte Frank Heine