Produktion

Visar Morina zu "Exil": "An den äußersten Rand des Realismus"

Filmemacher Visar Morina feierte mit "Exil" Weltpremiere beim Sundance Filmfestival. Nun stellt er das Drama am 24. Februar im Panorama der Berlinale erstmals dem europäischen Publikum vor.

24.02.2020 08:01 • von Heike Angermaier

Filmemacher Visar Morina feierte mit "Exil" Weltpremiere beim Sundance Filmfestival. Nun stellt er das Drama am 24. Februar im Panorama der Berlinale erstmals dem europäischen Publikum vor.

Wie war es für Sie in Sundance zu laufen?

Visar Morina: Es ist anders als jedes Festival, bei dem ich bisher war. Park City ist eine "Kleinststadt", die mich an "Fargo" erinnerte, einer meiner Lieblingsfilme. Die Kinos sind zum Teil Hallen, die zu Kinosälen umgebaut sind und das Festival ist unfassbar konzentriert. Natürlich ist es eine Ehre und ein guter Start für unseren Film, in den nur zwölf Titel umfassenden Weltkino-Wettbewerb eingeladen zu werden, bei dem gefühlt die ganze Filmbranche präsent ist. Nach elf Stunden im Flieger ohne Zigaretten und Schlaf kam ich allerdings ziemlich erledigt an.

Wie waren die Reaktionen?

VM: Wir haben bis zuletzt am Film gearbeitet und ihn nur wenigen Leuten gezeigt. So hatte ich vor der Premiere keine Idee, wie er ankommen würde und war so sehr aufgeregt, dass ich nicht zusehen konnte. Ich musste mich auf die Schilderung von Janine Jackowski und Jonas Dornbach verlassen. In den vier weiteren Vorstellungen wirkte das Publikum sehr konzentriert und es wurden viele kluge Fragen gestellt. Der Film ist sehr gut angekommen, obwohl er in einer europäischen Erzähltradition steht, langsam erzählt ist, Dinge oft nur andeutet.

"Exil" hat eine beeindruckende Optik. Was war ihr Konzept für Kamera und Produktionsdesign?

VM: Zuerst einmal hatte ich wahnsinnig Glück, mit Kameramann Matteo Cocco und Szenenbildner Christian Goldbeck arbeiten zu dürfen und würde es jederzeit wieder tun."Exil" ist mein dritter Film mit Matteo nach Babai" und "Von Hunden und Tapeten". Da er fast nur in Innenräumen spielt und nicht wie Fernsehen aussehen sollte, wollten wir für das Szenenbild einen Künstler wie Christian. Das Konzept der Wiederholung war schon im Drehbuch festgelegt, auch dass die Orte wie Labyrinthe wirken sollen, nicht fassbar sind. Über Moodbilder habe ich mit Matteo und Christian die Richtung besprochen, in die es gehen sollte: an den äußersten Rand des Realismus. Allgemein sollte der größtmögliche Fokus auf dem Schauspiel liegen. Besonders wichtig war mir der Raum als Bühne, das heißt, wie sich die Schauspieler im Raum bewegen, wie weit und wie viel Zeit sie dafür haben. Danach habe ich mich bereits bei der Locationsuche orientiert. Ich bin stark vom Theater geprägt, vom Zuschauen wie vom Selbermachen als Regieassistent. Das betrifft Schauspielführung ebenso wie meine Herangehensweise an den Text. Der Film entsteht beim Schreiben, einschließlich der Form der Inszenierung, der Bewegung der Schauspieler und der Kamera. Natürlich kann beim Dreh alles anders kommen, aber es ist für mich eine gute Vorbereitung.

Die Wiederholung findet auch in den Dialogen ihren Niederschlag - oft mit komischen Effekt.

VM: Ja, in Sundance wurde viel gelacht, was mich sehr gefreut hat.

Ein starkes Bild ist der brennende Kinderwagen.

VM: In Park City fragten viele, wie das zu verstehen sei. Ich habe es nicht als Metapher gemeint, sondern sehr konkret, wie alles andere auch. Es muss schrecklich für Eltern sein. Als ich das Drehbuch schrieb, wusste ich nicht genau, wo ich hinwollte, hatte nur die Atmosphäre, die Tonalität als Parameter. Vieles ist einfach entstanden. So habe ich auch diese Szene mit Verweis auf einen realen Fall aus Berlin eingebaut.

Ihr Drehbuch wurde mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Wie nahe ist ihm der Film?

VM: Ich weiß nicht, wie es anderen Regisseuren geht, aber ich habe wie bei "Babai" das Gefühl, dass der Film dem Drehbuch nicht standhält. Das Drehbuch ist einem Idealbild verhaftet, das der Film nie erreichen kann. Vielleicht ist es anders, wenn man ein fremdes Drehbuch verfilmt. Aber wenn man selbst schreibt, sich über jedes Komma monatelang Gedanken machen kann, dann ist die Produktionszeit immer zu kurz, auch wenn sie bei "Exil" mit 41 Drehtagen sogar verhältnismäßig luxuriös war. Grundsätzlich ist der Charakter, das Wesen des Buches natürlich zu sehen. Und es gibt Szenen, die schöner geworden sind als erwartet. Mit der Besetzung, selbst die der kleinsten Parts, bin ich unglaublich glücklich.

Der Sound- und Musikeinsatz ist ungewöhnlich. Wie gingen Sie hier vor?

VM: Für mich ist Ton enorm wichtig. Manche Szenen existieren nur wegen eines Geräusches, das ich unterbringen will, zum Beispiel die Szene, in der Nora Milch abpumpt. Ich höre sehr viel Musik, auch während des Schreibens und schreibe Geräusche oder Musik auch ins Drehbuch. Mit dem Ton kann man die Tonalität des Filmes setzen und vor allem eine subjektive Sicht schildern. Unser Protagonist Xhafer nimmt nur bestimmte Dinge, nicht das Ganze wahr, so wie die eigene Wahrnehmung auch fokussiert ist. Etwa, als ich in Sundance in einer Vorführung minutenlang nur den Essensgeräuschen von Leuten hinter mir hören und mich nicht auf den Film konzentrieren konnte. Für Benedikt Schiefer und mich war wichtig, die Musik sehr selbstbewusst, eher laut als leise einzusetzen, sie tritt in Dialog mit dem Bild. Bei manchen Szenen, die förmlich nach Musik schreien, haben wir sie bewusst weggelassen.

Wie sind Sie beim Schnitt vorgegangen?

VM: Wir hatten unglaublich viel Material, 87 Stunden. Ich habe erst mit Hans-Jörg Weißbrich gearbeitet, was eine sehr wichtige Auseinandersetzung mit dem Material war und dann wollte ich das Material alleine "durchdringen". Maren Ade hat mich eine Zeit lang unterstützt und Ulrich Köhler, der mich bereits beim Drehbuch beriet. Die letzten Monate saß ich mit Laura Lauzemis am Schnitt, deren Perspektive von außen sehr hilfreich war. Der Schnitt war für mich die schwierigste Phase der Produktion. Ich habe daraus gelernt, dass ich Pausen brauche, zwischen Dreh und Schnitt und nicht immer die Wochenenden durcharbeite.

Nach den positiven Erfahrungen in Sundance können Sie nun entspannt der Berlinale entgegensehen?

VM: Entspannt ist man wahrscheinlich nie. Ich freue mich sehr, dass wir den Film jetzt in Deutschland zeigen und ihn auch Cast und Crew sehen können.

Hatten Sie Zeit, sich über ihren nächsten Film Gedanken zu machen?

VM: Ich habe eine Idee für einen Stoff um eine Single-Frau mit Kind und hoffe, in nicht allzu langer Zeit wieder zu drehen. Er ist noch in den Anfängen.

Das Interview führte Heike Angermaier