Produktion

Burhan Qurbani zu "Berlin Alexanderplatz": "Mit Mut und Irrsinn seine eigene Geschichte erzählen"

Regisseur Burhan Qurbani kehrt mit "Berlin Alexanderplatz" in den Wettbewerb der Berlinale zurück. Mit dem Drama, das am 26. Februar Premiere feiert, will er "Menschen der Parallelgesellschaft eine Stimme geben".

25.02.2020 12:52 • von Heike Angermaier
Burhan Qurbani (Bild: Malik Vitthal)

Burhan Qurbani kehrt nach seinem Debüt "Shahada" mit "Berlin Alexanderplatz" in den Wettbewerb der Berlinale zurück. Mit dem Drama, das am 26. Februar Premiere feiert, will er "Menschen der Parallelgesellschaft eine Stimme geben".

Sie sind zum zweiten Mal in den Wettbewerb der Berlinale geladen - mit ihrem erst dritten Langspielfilm. Was bedeutet es für Sie?

Burhan Qurbani: Es ist eine ungeheure Ehre! Gerade bei dieser besonderen, der 70. Berlinale, mit einem neuen Direktoren-Duo, ist es natürlich eine Adelung für die Arbeit meines gesamten Teams. Ich hatte das Glück mit ein paar der besten Filmemacher Deutschlands zusammenzuarbeiten. Jedes Department hat Unglaubliches geleistet. Ein schöneres Geschenk als die Wettbewerbsteilnahme kann ich mir für die Arbeit und das Herzblut meines Teams nicht vorstellen.

Der Roman "Berlin Alexanderplatz" ist ein Klassiker, von Rainer Werner Fassbinder und Phil Jutzi verfilmt. Wie überwindet man die Ehrfurcht, modernisiert und interpretiert ihn neu?

BQ: Man überwindet diese Ehrfurcht nicht, aber man lernt damit umzugehen. Natürlich hängen der Roman, die Fassbinder Serie und die erste Verfilmung von "Berlin Alexanderplatz", bei der Alfred Döblin selbst das Drehbuch geschrieben hat, himmelhoch über einem. Man begibt sich in einen Dialog mit diesen großen Geistern, man reibt sich an ihnen und dann muss man sich Schritt für Schritt von den Vorbildern lösen und mit Mut und Irrsinn seine eigene Geschichte erzählen.

Was hat Sie am Roman besonders gereizt und war ihnen bei der Adaption am Wichtigsten?

BQ: Ich finde, dass der Roman und unser Film eine Geschichte über die menschliche Würde erzählen. Es geht bei beiden um eine Figur, die in Zeiten des Umbruchs viel Leid erfahren und doch ihre Menschlichkeit bewahren muss, damit sie am Ende zu sich finden kann. Als Kind von Flüchtlingen in Deutschland war es für mich irgendwie logisch, den Film aus der Perspektive eines Refugees in Berlin zu erzählen. Dabei hat mich vor allem die komplexe Liebes und Hassbeziehung zwischen den Hauptfiguren gereizt. Der Film ist eine Passionsgeschichte, aber auch ein Liebesreigen. Wie der Roman erzählen wir von Menschen in einer Parallelgesellschaft. Diesen Menschen eine Stimme und ein Gesicht zu geben, war mir das Allerwichtigste.

Wie sah die Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Martin Behnke aus, mit dem sie auch Wir sind jung Wir sind stark und ein Theaterstück schrieben?

BQ: Martin und ich arbeiten nun seit über zehn Jahren zusammen. In dieser Zeit haben wir ein ganz eigenes Gefühl für Sprache, Rhythmus und Erzählfluss gefunden. Wenn wir schreiben machen wir das in einer Art Ping-Pong-Spiel. Einer macht und schickt dann raus, der andere redigiert und schickt zurück. Martin ist für mich einer der besten Dialogautoren, die ich kenne, und hat ein fantastisches Gefühl für gefährliche Momente. Ich bin gut in Rhythmus, Bildhaftigkeit und Atmosphäre und muss als Regisseur immer den roten Faden des Films im Auge behalten. So ergänzen wir uns sehr gut.

Im Film gibt es viele Nachtszenen, viel Neonlicht. Wie gingen Sie und Kameramann Yoshi Heimrath sie an? Worauf legten Sie Wert beim Look?

BQ: Yoshi Heimrath ist ein visuelles Genie. Ich arbeite seit 15 Jahren mit ihm und kenne niemanden, der so genau ein Drehbuch liest und so sehr der Geschichte zuarbeitet. Genau das macht den Look seiner Arbeit so spannend: Er unterwirft die Ästhetik der Erzählung und macht sie zu einem weiteren Protagonisten im Film. Am Anfang unserer Arbeit steht also lesen und reden und dann Bilder sammeln und austauschen. Wir versuchen, wie in der Musik, visuelle Leitmotive, Motive und Themen zu finden. Wir sind beide sehr strukturalistische Menschen. Wir brauchen einen Plan. Erst wenn wir den haben, trauen wir uns ans Set.

Sie haben eine spannende Besetzung gewonnen. Wie haben Sie mit den SchauspielerInnen gearbeitet?

BQ: Susanne Marquardt hat mit Jella Haase, Welket Bungué und Albrecht Schuch einen echt unglaublichen Hauptcast zusammengestellt! Ich liebe meine Darsteller. Ich bewundere den Mut und Wahnsinn, den man als Schauspieler ans Set bringt, denn man wirft seine Seele vor die Kamera und muss der Regie vertrauen. Dieses Vertrauen ist für mich die Grundlage jeder Zusammenarbeit mit Darstellern. Ich versuche einen sicheren Raum zu erzeugen, in dem die Schauspieler alles geben können. Das hat viel damit zu tun, dass wir lange an den Figuren arbeiten und auch das Buch immer in Frage gestellt werden kann. In diesem Film konnten wir vor dem Dreh mit den Schauspielern viel proben, aber auch am Set ist es so, dass der Drehtag immer im kleinen Kreis - Regie, Schauspieler, Kamera - beginnt und wir das Team erst dazu holen, wenn wir die Szene geknackt haben.

Sie haben bereits im Sommer 2018 gedreht. Schnitt und Postproduktion war offenbar ein langer Prozess. Was war die Herausforderung?

BQ: Wir hatten nach dem Dreh im Sommer noch einen Teil des Films, der in Afrika spielt, noch nicht im Kasten. Philipp Thomas, der Filmeditor, hatte schon mit dem Schnitt begonnen, aber natürlich unter Vorbehalt. Erst Ende des Jahres konnten wir dann in Kapstadt den fehlenden Teil nachdrehen und dann Anfang 2019 in den Film einarbeiten. Die Arbeit mit Philipp Thomas war eine phantastische Schnitterfahrung für mich. Wir hatten Tonnen an Material und er hat daraus einen ersten Entwurf des Films gemacht, bevor ich dazu kam. Dann haben wir begonnen, mit dem Material zu spielen, den Film immer wieder zu verdichten und zu modellieren, um die richtige Balance zu finden. Technisch hatten wir die Herausforderung einer Hauptfigur, die ab der Mitte des Films ihren Arm verliert und man dadurch natürlich viele VFX Schüsse hat.

Was wird Ihr nächstes Projekt?

BQ: Ich möchte gerne eine kleine Reihe machen: Drei Farben Deutschland. Schwarz, Rot, Gold. Ich weiß, das Model ist bei Kieslowski abgeschaut. Aber ich denke, dass wir da einen eigenen, spannenden Ansatz finden werden, um über Deutschland in unserer Zeit, über Demokratie und die Werte unserer pluralistischen Gesellschaft und darüber wo wir scheitern, zu erzählen.

Das Gespräch führte Heike Angermaier