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Johannes Naber zu seinem neuen Film: "Provokantes, politisches Kino"

Johannes Naber feiert mit seinem neuen Film am 27. Februar Weltpremiere im Rahmen von Berlinale Special Gala. Der deutsche Filmemacher hofft, "dass der Film auf diesem Festival beweisen kann, dass provokantes, politisches Kino hierzulande noch möglich ist", wie er im Interview mit Blickpunkt:Film sagt, das Sie hier lesen können.

26.02.2020 13:59 • von Heike Angermaier
Johannes Naber zu seiner Berlinale-Premiere (Bild: Gudrun Schoppe)

Johannes Naber feiert mit seinem neuen Film am 27. Februar Weltpremiere im Rahmen von Berlinale Special Gala. Der deutsche Filmemacher hofft, "dass der Film auf diesem Festival beweisen kann, dass provokantes, politisches Kino hierzulande noch möglich ist", wie er im Interview mit Blickpunkt:Film sagt, das Sie hier lesen können.

Wie ist es für Sie nach Zeit der Kannibalen" wieder zur Berlinale eingeladen zu werden?

Johannes Naber: Berlin ist meine Heimat, mein zu Hause. Meine Arbeit auf der Berlinale zeigen zu dürfen ist daher sehr besonders und für mich mit keinem anderen Festival vergleichbar. Ich bin sehr dankbar dafür.

Was erwarten, erhoffen Sie sich?

JN: Der Friedrichstadt-Palast hat fast 1800 Plätze und ist die größte Leinwand der Berlinale. Es ist nach vielen Jahren Arbeit unsere Weltpremiere. Ich erhoffe mir einen großartigen, unvergesslichen Kino-Moment. Und ich hoffe, dass der Film" auf diesem Festival beweisen kann, dass provokantes, politisches Kino hierzulande noch möglich ist und seine Resonanzräume findet. Deutschland hat, anders als viele glauben wollen, beim Thema Irakkrieg keine saubere Weste. Darüber muss endlich gesprochen werden.

Wie sind sie auf die Geschichte gestoßen und war für Sie die Art der Umsetzung zwischen Politdrama und Komödie gleich klar?

JN: Dass es sowohl dramatisch als auch skurril werden soll, war von vornherein klar. Das Mischungsverhältnis hat sich erst nach und nach ergeben.

Es ist eine ziemlich absurde, auch erschreckende, wahre Geschichte. Warum haben Sie sich für einen verhältnismäßig zurückhaltenden Ton zwischen Komödie und Drama entschieden?

JN: Oliver Keidel und ich haben uns im Vorfeld satirische Filme wie Wag the Dog" und "Schtonk!" sehr genau angesehen, und es lag erst einmal nah, sich daran zu orientieren. Aber wir haben dann relativ schnell gespürt, wie viel Ernsthaftigkeit unser Thema einfordert, einfach aufgrund der Hundertausenden von Opfern dieses unnötigen Krieges und der desaströsen Folgen für den mittleren Osten und die ganze Welt. In "Wag the Dog" geht es um einen erfundenen Krieg und keinen realen, und in "Schtonk!" ist der Leidtragende ein Hamburger Magazin und nicht die ganze Welt. Wir haben eine andere Wahrheit aufzudecken, da hält man sich mit Humor etwas mehr zurück. Dass es in dem Film trotzdem auch etwas zu lachen gibt, Skurriles nicht fehlt, war uns dennoch sehr wichtig. Ganz ohne ist die Realität ja schwer zu ertragen.

Im Film geht es um Wahrheit, Fakten und Fake. Wie viel Wahrheit, Recherche steckt im Film, wie viel Fiction?

JN: Wir haben Jahre recherchiert, die sehr komplexen Quellen genau analysiert, mit vielen Experten gesprochen. Wir waren sehr lange Historiker unseres Stoffes. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem man einen Film daraus machen muss, und bei uns war das eben ein Spielfilm. Das ist der Moment, in dem aus Fakten Wahrhaftigkeit werden muss. Wir haben verkürzt, fiktionalisiert, und überspitzt, um das sehr komplexe Thema in knapp zwei Stunden greifbar, verstehbar zu machen. Wir haben versucht, die Essenz zu finden. Egal ob im Dokumentarfilm oder im Spielfilm, der Umgang mit Realität ist immer heikel. Wo eine Kamera ist, wo eine Montage gemacht wird, wird manipuliert. Man kann leicht aus richtigen Fakten ein falsches Bild zusammenbauen. Mir ist wichtig, dass ich dem Zuschauer guten Gewissens sagen kann: "Wenn du diesen Film siehst, siehst du die Wahrheit. Die Wahrheit durch meine Augen."

Wie sind Sie mit den Produzenten von Bon Voyage Films zusammengekommen? Wie war die gemeinsame Reise?

JN: Amir Hamz, einer der Produzenten, kam schon 2011 mit der Idee auf mich zu, aus der Geschichte einen Film zu machen. Es war seine Initiative. Er hat bei mir allerdings offene Türen eingerannt, denn ich hatte die Geschehnisse bis dato schon aufmerksam verfolgt und mir ähnliche Gedanken gemacht. Amir brachte das Projekt in seine neue Firma Bon Voyage Films ein, wo Christian Springer und Fahri Yardim dazu kamen. Der SWR mit Stefanie Groß kam schon in der Buchentwicklung dazu, andere ARD-Anstalten folgten. ARRI Media stieg als Koproduzent ein, so wuchs die Produktion. Amir blieb auf Produzentenseite aber immer mein inhaltlicher Partner.

Sie führten bei dem Film nicht nur Regie und schrieben am Drehbuch mit, sondern steuerten auch die Musik bei. Wie kam es dazu?

JN: Mein vorhergegangener Film "Das kalte Herz" hatte ja gerade die Lola für die beste Filmmusik gewonnen, mit dem wundervollen Score meines alten Freundes Oliver Biehler. Eine sehr reife, mutige, aber auch im besten Sinne klassische Arbeit. Aber bei dem Film brauchte es etwas vollkommen Anderes: Roh, brüchig, minimalistisch. Ich konnte es hören, allerdings konnte ich es nicht beschreiben. Mir fehlten die Worte. Ich habe mein Leben lang musiziert - allerdings nur für mich. Also habe ich, anstatt über die Musik zu sprechen, Skizzen entworfen und aufgenommen - und da wurde mir klar, dass ich diesmal selbst komponieren muss. Ich bin sehr froh, dass ich den Mut dazu gefunden habe und hoffe, dass die Filmkomponisten mir verzeihen.

Wie bei Der Albaner" und "Zeit der Kannibalen" ließen Sie sich für den Film von der Realität, der Zeitgeschichte inspirieren. Sind dort die spannenderen Geschichten als in der Literatur zu finden?

JN: Das würde ich nicht sagen. Bei einer Romanverfilmung hat man es allerdings mit einem Werk zu tun, dass seine perfekte Form schon gefunden hat. Die Übersetzung in ein anderes Medium ist dann ein Balanceakt an sich - und immer verlustbehaftet. Mich interessiert für meine eigene Arbeit der gesellschaftliche Aspekt des Erzählens mehr als der künstlerische. Narrationen formen Identitätsgemeinschaften, das ist seit dem Märchen am Lagerfeuer ihre Funktion.

Welche (reale) Geschichte wollen Sie als nächstes angehen?

JN: Vielleicht wird es trotz allem eine Romanverfilmung...

Das Interview führte Heike Angermaier