Kino

KOMMENTAR: Lust auf schlechte Filme?

Bei unserem traditionellen Produzentengespräch anlässlich der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2018 sagte Herman Weigel, ehedem bei der Constantin rechte Hand von Bernd Eichinger und als Produzent von "Aus dem Nichts" Teil der illustren Runde, einen schönen Satz, den ich nicht mehr vergessen habe: "In jedem Scheißfilm, der ein Erfolg ist, steckt ein guter Film, den die Menschen sehen wollen." Oder ganz einfach: Die Geschmäcker sind verschieden.

06.02.2020 08:20 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Bei unserem traditionellen Produzentengespräch anlässlich der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2018 sagte Herman Weigel, ehedem bei der Constantin rechte Hand von Bernd Eichinger und als Produzent von Aus dem Nichts" Teil der illustren Runde, einen schönen Satz, den ich nicht mehr vergessen habe: "In jedem Scheißfilm, der ein Erfolg ist, steckt ein guter Film, den die Menschen sehen wollen." Oder ganz einfach: Die Geschmäcker sind verschieden.

Daran musste ich ganz aktuell denken, als ich die Wochenendzahlen der neuen Nummer eins der deutschen Kinocharts gesehen habe. Was war Die fantastische Reise des Dr Dolittle" in den Wochen vor seiner Veröffentlichung nicht verrissen worden! Ginge es nach der Filmkritik, wäre der Film mit Robert Downey Jr vom Erdboden getilgt worden. Mag schon auch sein, dass man nur darauf gewartet hatte, offene Rechnungen mit dem gerne etwas blasierten Downey Jr. - der mit seiner Gattin auch einer der Produzenten des Films ist - zu begleichen. Und klar, es macht ja auch Spaß, noch einmal besonders fest zuzutreten, wenn einer ohnehin schon am Boden liegt. Geteilter Blutrausch ist doppelter Blutrausch.

Nun werde ich nicht versuchen, "Dr. Dolittle" unnötig zu verteidigen. Er ist, was er ist. Etwas aufgeblasen, etwas selbstgefällig, etwas unspeziell. Aber sicherlich hatte es sich keiner der Macher zum Ziel gesetzt, einen schlechten Film zu machen. So sagt das auch Hollywoodproduzent Neal H Moritz in der aktuellen Printausgabe von Blickpunkt:Film im großen Interview. Egal, was man von seiner "Fast & Furious"-Franchise halten mag: Ein Multimillionenpublikum fühlt sich bestens unterhalten von der Boliden-Seifenoper, die im Sommer in ihre neunte Runde gehen wird. Oder wie es Hermann Weigel sagt: "Es gibt keinen Menschen, der einen schlechten Film sehen will." Was nun aber genau ein "guter Film" ist, darüber lässt sich nicht nur trefflich streiten. Darüber wird auch trefflich gestritten, ungefähr seit Anbeginn der Filmgeschichte. Jeder Filmfan hat nun einmal ganz eigene Parameter, die er anlegt bei der Bewertung der Klasse eines Films. Es soll ja auch, ganz verrückt, Menschen geben, die einfach nur zwei Stunden abschalten wollen im Kino. Wiegt ihre Bewertung eines Films weniger als die Stimme derer, die jetzt in Blogs bereits beklagen, die für den Wettbewerb in Berlin ausgewählten Filme seien viel zu mainstreamig? Weil wir schon bei Zitaten sind: Jeder hat seine Gründe! Renoir! Die Regeln des Spiels! Das eigentlich Schöne am Kino ist, dass es disparateste Geschmäcker bedient und unterschiedlichsten Ansprüchen genügen will im ewigen Spannungsfeld zwischen E und U. Was gut ist. Es sei denn, man sieht es - Achtung, letztes Zitat! - wie Bully Herbig: "Ich dachte immer, U steht für Unterhaltung und E für Entertainment." Wo ist also das Problem?

Thomas Schultze, Chefredakteur