Kino

Eine Frage der Reichweite

An welchen Punkten hakt es im deutschen Kinomarkt? Um den Zusammenhängen auf den Grund zu gehen, stellte Kim Ludolf Koch höchst interessante internationale Vergleiche an.

04.05.2019 16:52 • von Marc Mensch
Kim Ludolf Koch (Bild: Mike Auerbach/HDF Kino)

Eines wurde auch beim vergangenen Filmtheaterkongress wieder klar: Zu den Gründen für die generelle Marktentwicklung oder besonders tiefe Abstürze wie jüngst 2018 gibt es durchaus unterschiedliche Ansichten - und das gerade auch dort, wo Statistiken eine bestimmte Denkweise auf den ersten Blick untermauern könnten. Denn der Interpretationsspielraum bleibt groß.

Ein Beispiel gefällig? Die Tatsache, dass ein Großteil der Kinogänger (zuletzt 55 Prozent) auch SVoD-Abos nutzt und gerade diese Gruppe überdurchschnittlich häufig das Leinwanderlebnis sucht, verleitete bereits zur Behauptung, die Konkurrenz durch Streaming-Abos sei für das Kino zu vernachlässigen. Nun, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht - aber einen negativen Austausch von Kinoumsätzen in Richtung SVoD von zuletzt 59 Mio. Euro halte ich nicht unbedingt für gänzlich trivial. Zumal dann nicht, wenn sich die Entwicklung so fortsetzen sollte wie zuletzt. 2017 bezifferte die FFA die "Abwanderung" immerhin noch auf nur 17 Mio. Euro zulasten des Kinos... Mit dem "Häufigkeits-Vorsprung" hinsichtlich der Kinobesuche SVoD-nutzender Leinwandfans ist es schließlich so eine Sache. Er schrumpfte zuletzt, wie die FFA feststellte. Mit anderen Worten: Die Konkurrenz um das Zeitbudget hinterließ Spuren. Allerdings - und darauf kann man sich wohl in jedem Fall einigen - (noch) keine, die auch nur annähernd groß genug wären, um als Hauptgrund für die Rückgänge im Kinomarkt verantwortlich gemacht zu werden. Die Ursachenforschung muss also ein wenig tiefer gehen.

Einen hochinteressanten Beitrag hierzu lieferte Cineplex-Geschäftsführer Kim Ludolf Koch im Rahmen der KINO 2019 mit einem Blick über den nationalen Tellerrand, der mehr war als nur der bloße Vergleich von Besucher- und Umsatzzahlen in ausgewählten Märkten. Vielmehr stellte er Beziehungen zwischen unterschiedlichen Faktoren her und kam so zu Betrachtungen, die (wenngleich nicht erschöpfend) doch erheblich aussagekräftiger sind als bloße Einzelwerte. Eindeutig, so viel sei vorausgeschickt, sind die Resultate durchaus nicht immer - und können es angesichts der Komplexität der Faktoren auch gar nicht sein. Denkanstöße und Diskussionsstoff liefert die detaillierte Analyse aber in jedem Fall. Die Schlüsse, die Koch aus den Daten zieht, haben wir für Sie am Ende des Textes kurz skizziert.

Was jedenfalls klar ins Auge sticht: Wer in Deutschland das Kino aufsucht, tut dies gar nicht allzu selten. Tatsächlich kann man die Besuchshäufigkeit hiesiger Kinogänger im Vergleich mit ausgewählten Märkten als im positiven Sinne durchschnittlich ansehen. Wo es massiv hakt, ist bei der Reichweite. Gerade einmal 37 Prozent der Deutschen (ab zehn Jahren) erreichte das Leinwanderlebnis bekanntermaßen zuletzt - und auch wenn man nicht darauf hoffen sollte, hierzulande Verhältnisse wie in Frankreich zu erreichen, wo das Kino nicht nur einen deutlich höheren Stellenwert genießt, sondern auch staatlich stark protegiert wird, lohnt sich ein Gedankenspiel. 68 Prozent Reichweite mögen für Deutschland erst einmal utopisch sein. Aber wie hätte eine Hochrechnung für 2018 bei 50 Prozent ausgesehen? Die Antwort lautet "über 142 Millionen Besucher".

Indes ist Deutschland nicht alleine, was die negative Entwicklung bei den Besuchen pro Einwohner seit der Jahrtausendwende anbelangt - wobei auffällt, wie sehr der deutsche Sprachraum hier hervorsticht. Denn auch in Österreich (-27 Prozent) und der Schweiz (-34 Prozent) verlor das Kino an Strahlkraft. Allerdings gilt das auch für die USA, wo der Wert zwischen den Jahren 2000 und 2018 um 22 Prozent sank (die Kurve zeigte, anders als in den vorgenannten Märkten, 2018 aber wieder nach oben).

Wie aber den Durchschnittsbesuch hierzulande ankurbeln? Ist eine signifikante Erhöhung der Kinodichte, wie sie nicht zuletzt aus Reihen des HDF in der Vergangenheit mehrfach gefordert wurde, der goldene Weg? Immerhin zeigt sich Deutschland mit 5,8 Leinwänden pro 100.000 Einwohnern nicht gerade im Spitzenfeld. Dort rangieren vielmehr Schweden (9,1), Frankreich (8,8) - und vor allem die USA mit 12,3 Sälen pro 100.000 Einwohnern. Und tatsächlich zeigt sich laut Koch grundsätzlich, dass mit steigender Leinwandversorgung auch der Pro-Kopf-Besuch zunimmt. Allerdings schließt sich dieser Erkenntnis ein dickes "aber" an. Denn betrachtet werden will auch das Ausmaß der Zunahme. Und hier sieht Koch die Tendenz, dass der Besuch pro Leinwand in den untersuchten Märkten mit steigender Versorgungsdichte abnimmt - was den einzelnen Kinobetrieb natürlich unwirtschaftlicher macht. Nicht, dass dies per se ein Argument dagegen wäre, sprichwörtliche "weiße Flecken" auf der Kinolandkarte zu schließen. Aber das Patentrezept wäre mit einem bloßen quantitativen Ausbau der Kinolandschaft wohl nicht gefunden.

Was uns schon zu einer Kernfrage des Kinogeschäfts bringt: jener nach dem Eintrittspreis. Denn anstatt lediglich die absoluten Zahlen zu betrachten (die in der Schweiz mit durchschnittlich 13,60 Euro pro Ticket auf den ersten Blick durchaus ehrfurchtgebietend wären), setzte Koch sie in Relation zum durchschnittlichen Monatseinkommen und errechnete - mit Deutschland als mittlerer Bezugsgröße - einen Soll-Preis. Und siehe da: Die Eidgenossen kommen im Verhältnis günstiger ins Kino als wir Deutschen, während die Polen mit verhältnismäßig teuren Tickets leben müssen. Dennoch ist Polen der einsame Sieger bei der Betrachtung der langfristigen Entwicklung der Besuche pro Einwohner (siehe Kasten). Haben sich damit Debatten um Anreize durch günstigere Tickets erledigt? Mitnichten, meint Koch. Denn wie bereits eingangs festgestellt, sprechen wir von komplexen Zusammenhängen - und gerade Polen steht bei dieser Entwicklung nur deshalb prozentual so gut da, weil das Ausgangsniveau im Jahr 2000 (0,54 Besuche pro Einwohner) geradezu desolat war. Im krassen Gegensatz dazu stehen die USA. Denn das bereits angesprochene 22prozentige Minus relativiert sich schnell, wenn man auf die absoluten Zahlen im Zeitverlauf blickt. Anders ausgedrückt: Wir sprechen von gänzlich unterschiedlichen Herausforderungen zur (weiteren) Stärkung des Kinogeschäfts. Während es hierzulande ganz erheblich darum gehen muss, Leute überhaupt wieder vor die Leinwand zu holen, stellt sich die Kinobranche in den USA der Aufgabe, Besucher häufiger zu sich zu locken. Was übrigens durchaus den einen oder anderen Unterschied beim Stellenwert von Kundenbindungsprogrammen und Abo-Offerten in Deutschland und den USA erklären könnte.

Für Kim Ludolf Koch deuten die Daten jedenfalls darauf hin, dass der Preis "wesentlicher Treiber des Besuchs" ist. Was ihn nicht für generelle Preissenkungen eintreten lässt - aber doch für niedrigschwellige Anreize für bestimmte Zielgruppen, insbesondere junge Besucher. Dass er damit beim VdF noch keine offenen Türen einrennt, machte indes die Diskussion mit Johannes Klingsporn zum Abschluss des Filmtheaterkongresses mehr als deutlich.

Keinen Dissens dürfte es hingegen bei einer Bewertung der Bedeutung lokaler Produktionen geben. Dass die Weisheit "Ein gutes Jahr für den deutschen Film ist ein gutes Jahr für den Gesamtmarkt" nicht von ungefähr kommt, lässt sich schon an unseren Kinocharts der letzten Jahre ablesen. Aber auch international zeigt sich laut Koch eindeutig: Ein hoher heimischer Marktanteil geht mit hohem Pro-Kopf-Besuch einher. Und es dürfte kein Zufall sein, dass es deutsche bzw. europäische Produktionen waren, die Koch als Beispiele dafür nannte, wie Filme hierzulande auch Filminteressierte erreichen können, die ansonsten kaum einen Fuß in ein Kino setzen. Umso besser vermutlich, wenn es ein Kino ist, dass ihre Erwartungen erfüllt...

Seine Beobachtungen hat Kim Ludolf Koch wie folgt knapp zusammengefasst:

- Preis ist einer der wesentlichen Treiber des Besuchs.

- Kinodichte und Besuch weisen nur einen schwachen Zusammenhang auf.

- Mehr Leinwände führen tendenziell zu geringerem Besuch pro Leinwand.

- Mittlerer Zusammenhang zwischen Kinodichte und Reichweite, aber starker Zusammenhang zwischen Reichweite und Besuch.

- Der heimische Marktanteil hat einen starken Einfluss auf Besuch.

- Arbeitslosigkeit hat kaum erkennbaren Einfluss auf Besuch.

- Anzahl der Filme ist kein erkennbar besuchsbeeinflussender Faktor.

- Kinogänger in Deutschland gehen durchschnittlich oft, aber es sind zu wenige.

- Kinobesuch der Männer in Deutschland ist zu gering.- Potenzial zum Wachstum ist im Arthouse-Bereich größer als im Mainstream, der Hebel ist bei Mainstream aufgrund der Menge allerdings größer.