Festival

KOMMENTAR: Noch Luft nach oben

Allmählich gewinnt die 70. Berlinale an Kontur. Gespannt verfolgt die Fachwelt, welche Neuerungen verkündet werden. Der größte Erwartungsdruck lag auf dem Wettbewerb.

30.01.2020 08:07 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Allmählich gewinnt die 70. Berlinale an Kontur. Gespannt verfolgt die Fachwelt, welche Neuerungen verkündet werden. Der größte Erwartungsdruck lag auf dem Wettbewerb. Die Zeitenwende ist mit den 18 Filmen noch nicht eingeläutet, es bleibt noch Luft nach oben. Die Ablösung des langjährigen Festivalchefs Dieter Kosslick war mit großem Eifer betrieben worden. Die 70. Jubiläumsausgabe sollte seine verdienstvolle Karriere in Berlin nicht mehr krönen, jüngere Macher sollten dann eine Zäsur setzen und das größte Publikumsfilmfestival der Welt in eine neue Zukunft führen. Der ehemalige Leiter vonLocarno, Carlo Chatrian, und die langjährige Chefin von German Films, Mariette Rissenbeek, treten nun als Doppelspitze das Erbe an. Die einen erwarten von ihnen die künstlerische Erneuerung des traditionsreichen Filmfests, die anderen noch eine Steigerung der internationalen Bedeutung dieses zuletzt an Attraktionen überbordenden Hauptstadtfestivals. Die überkritischen Begleiter der Hauptstadtpresse hatten besonders beklagt, wie abgeschlagen die Berlinale im Vergleich zu den Festivals in Cannes und Venedig liege. Dass diese Konkurrenz heimlich besteht, belegte gerade der Nominierungswettbewerb um den jeweiligen Jury-Vorsitz, als Berlin Jeremy Irons und fast nur Stunden später Cannes Spike Lee und Venedig Cate Blanchett ins Rennen schickten, als gäbe es auch einen Wettbewerb um gelebte Diversität.

Auch der Eröffnungsfilm der Berlinale wurde mit eher freundlich-verhaltenem Interesse zur Kenntnis genommen. Jetzt darf die Wahl am Eröffnungsabend beweisen, dass sie gut gewesen ist, und ob Cannes und Venedig das neidlos anerkennen müssen. Der mit so viel Spannung erwartete Wettbewerb versammelt 18 vielversprechende Werke. Die ganz großen Namen sind nicht dabei, solche die Fans und Fachleute atemlos vor Staunen und Neugier am Potsdamer Platz zusammenströmen lassen würden. Wegen Kelly Reichardt, Sally Potter, Abel Ferrara und Christian Petzold wird sich Thierry Frémaux nicht in den Schlaf geweint haben.

Tatsächlich bietet dieser Wettbewerb die Begegnung mit vielen Künstlern, die die Berlinale schon zu früheren Zeiten beehrt haben. Neue Entdeckungen gibt es auch zu machen. Was Glanz und Glamour auf dem roten Teppich betrifft, verweist der neue künstlerische Leiter lieber auf die Galavorführungen der Berlinale Specials. Ein überzeugender Blick auf das künstlerische Weltkino wollen der Wettbewerb und seine Schwesterveranstaltung, die neuen Encounters, sein. Die Filme der Streamer haben in Berlin weiterhin kein Schaufenster, dafür sind weibliche Regisseure so willkommen wie im Jahr zuvor. So gibt es einen neuen Anfang mit viel Kontinuität. "Einen illusionslosen Blick auf die Gegenwart" hat Carlo Chatrian versprochen, den werfen Kosslicks Kritiker ab Festivalbeginn dann auch auf ihn.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur