Kino

Wolfgang Groos: "Der Film hat einen ganz besonderen Spirit"

Der Regisseur Wolfgang Groos merkte schon in der Vorbereitung der Komödie "Enkel für Anfänger", dass es sich um einen besonderen Film handelt. Er erzählt vom Casting, der Drehbucharbeit mit Robert Löhr und der Inspiration Heinz Rühmann.

29.01.2020 13:34 • von
V.l.: Maya Lauterbach, Maren Kroymann, Dominic Raacke, Heiner Lauterbach, Palina Rojinski, Regisseur Wolfgang Groos, Barbara Sukowa und vorne sitzend Julius Weckauf und Bruno Gründer (Bild: Studiocanal)

Der Regisseur Wolfgang Groos merkte schon in der Vorbereitung der Komödie "Enkel für Anfänger", dass es sich um einen besonderen Film handelt. Er erzählt vom Casting, der Drehbucharbeit mit Robert Löhr und der Inspiration Heinz Rühmann.

Wie fühlt sich das mit Ihrem neuen Film an, der gerade auch auf der Filmwoche München präsentiert wurde?

Der Film hat schon von der Vorbereitung an einen besonderen Spirit - irgendwie liefen da Dingen so gut ineinander, wie man es sonst nicht hat. Mit den Produzenten Jakob Claussen und Uli Putz hatte ich schon Filme zusammen gedreht. Wir wussten genau, was wir an dem anderen haben. Dann hatten wir eine Situation, die sonst nie eintrifft: Wir konnten uns den Cast aussuchen, weil alle zugesagt haben. Wir wussten zwar, dass wir ein gutes Drehbuch haben. Trotzdem hast du normalerweise Situationen, dass der eine aus Zeitgründen nicht kann oder etwas anderes lieber spielen will oder die Rolle nicht so sehr bei sich sieht. Bei dem Film war das bis in die kleinsten Rollen rein nicht so. Egal, wo wir für das Projekt gefragt haben, haben wir super Leute gekriegt. Das hatten wir auch hinter der Kamera, was ein ganz wichtiger Faktor ist. Wenn man da Top-Leute zusammen bekommt, läuft alles viel runder. Als wir dann den Film in ersten Screenings gezeigt haben, merkte man, wie der im Saal ankommt. Da hatte ich zum ersten Mal bei einem Film das Gefühl, dass das ein ganz besonderer Spirit ist.

Da Ihr Film in der Zusammenführung der jungen und alten Generation auch ein Stückweit wie eine Utopie wirkt: Bedeutet für Sie Kino eine Wunschmaschine zu sein oder soll es die Realität abbilden?

Für mich persönlich ist Kino im besten Sinne unterhaltsam. Unterhaltsam ist es dann, wenn es nicht banal ist. In dem Moment, wo Dinge banal werden, sind sie nicht mehr unterhaltsam, weil sie nicht mehr reizen. Manchmal wird der Fehler gemacht, dass 'unterhaltsam' mit 'albern' in einen Hut gepackt wird. In der Konkurrenz mit den Streamingdiensten unterhaltsame Kinofilme zu machen, ist heute noch wichtiger als früher, weil man den Zuschauern ein besonderes Erlebnis geben muss. Das kann ein Film sein, der sehr realistisch und autobiografisch seine Geschichte im Drama erzählt. Oder es kann eine sehr feinfühlige Komödie sein, was wir sind. Ich finde dabei das Adjektiv 'feinfühlig' wichtig, weil es auch plumpe Komödien gibt. Klar, haben wir Lacher, aber keine Schenkelklopfer-Lacher. Wir haben auch eigentlich ernsthafte Themen, aber oft in einer politisch unkorrekten Sprache, in der sich die Senioren-Protagonisten unterhalten. Das ist für mich im besten Sinne Unterhaltung. Realitäten eins-zu-eins abzubilden, ist für mich nicht Kino. Das ist schon bigger than life. Die Kunst ist es, komische und dramatische Sachen zu komprimieren und in einer Dichte zu erzählen, die man sonst im Leben nicht hat. Der Zuschauer von einem deutschen Film erwartet aber auch eine gewisse Bodenhaftung und Verortung in Deutschland. Das ist die Balance, in der wir uns bewegen. Andere Genres wie etwa im Science-Fiction-Bereich sind durch große internationale Projekte belegt. Deutschen Projekten fehlt dort der Unique Selling Point. Das Besondere ist, dass wir Geschichten erzählen, die theoretisch jeder in Deutschland erleben könnte.

Interessant ist, dass die Lacher des Trailers bereits alle im ersten Drittel des Films vorkommen. Als Zuschauer freut man sich, dass dann noch viel Unbekanntes wartet.

Das finde ich auch besonders. Den Trailer habe natürlich nicht ich als Regisseur gemacht, den lässt der Verleih machen. Als ich den Trailer gesehen habe, war ich super happy, weil er sehr gut die Tonalität des Films trifft, aber er verrät nicht zu viel. Es ist wirklich so: Alle Lacher aus dem Trailer sind aus dem ersten Drittel des Films. Und ich kann versprechen, dass es dann kein Drama wird. Aber das ist schön. Wenn ich einen Trailer sehe und das Gefühl habe, dass ich mir den Film nicht mehr anzuschauen brauche, weil ich alles Wichtige bereits gesehen habe, ist das schade.

Sie haben zuletzt viele Filme gemacht, bei denen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt standen. Was hat Sie an den Rentnern in "Enkel für Anfänger" gereizt?

Ich habe gedacht, dass ich den Mittelteil einfach auslasse. Nein, aber es stimmt, dass ich viel Family-Entertainment und Coming-of-Age-Geschichten wie "Hangtime" oder "Systemfehler" gemacht habe. Aber ich habe die Projekte nie danach ausgewählt, was die für ein Genre haben. Das Family-Entertainment ist ein Genre, wo wir so fantasievoll im deutschen Film wie in keinem anderen Genre erzählen dürfen, weil wir da marktfähig sind. Viele Kinder- und Familienfilme aus Deutschland sind richtig aufwendig. Auch wenn sie nicht mit den ganz großen Disney-Animationsfilmen mithalten können - aber mit allen anderen Filmen schon. Das hat etwas damit zu tun, dass wir uns da erlauben, fantasievoll zu erzählen. Das hat mich immer gereizt - ob bei "Die Vampirschwestern" oder "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt". Ich entscheide, was ich als Nächstes mache, nach dem Drehbuch. Ich war von dem Drehbuch für "Enkel für Anfänger" so begeistert. Ich sagte: Das müssen wir machen. Da schaue ich nicht darauf, ob da Senioren mitspielen. Es gibt jetzt ein Projekt, das ich selbst entwickele, da spielen Mitvierziger die Hauptrollen.

Sie haben sich für den Film selbst eine Agentur angeschaut, in der tatsächlich Enkel an Paten-Opis und-Omis vermittelt werden?

Ich habe das Drehbuch gelesen und gedacht: Das ist genau wie das, was mein Freund Kai in Essen macht. Es gibt so viele Menschen, die ehrenamtlich arbeiten wollen, aber nicht wissen, wo sie hingehen sollen. Mein Freund hat vor Jahren deswegen eine Non-Profit-Institution ins Leben gerufen, die "Ehrenamt Essen" heißt. Da können sich die, die ehrenamtliche Helfer brauchen, hinwenden - ob das der Volkslauf oder Schulveranstaltungen sind. Da können auch die Menschen hingehen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, aber noch nicht so richtig wissen, wo sie das tun sollen. Die werden beraten. Es wird geschaut, welche Fähigkeiten sie haben. Die haben seit Jahren auch dieses Paten-Programm, weil sie festgestellt haben, dass es für die Kinder eine große Hilfe ist, wenn sie Kontakt zur Großelterngeneration haben. Bei vielen ist das so, dass die Großeltern nicht mehr leben oder sehr weit weg wohnen oder kein Kontakt mehr vorhanden ist. Da müssen das dann gar nicht unbedingt Rentner sein. Die kommen auch aus dem Arbeitsleben und übernehmen eine Patenschaft. Im Vorfeld des Films und während der Drehbucharbeit haben wir uns auch nochmal genauer informiert. Im Film kann man komprimiert erzählen. In der Realität ist der Prozess viel langsamer, wie Paten und Kinder zusammenkommen. Es ist natürlich nicht so, dass beim ersten Treffen die Patenoma mit ihrem Enkel schon in der Stadt rumläuft. Da gibt es viele Gruppentreffen. Auch muss darauf geachtet werden, dass es keine Leute gibt, die diese Institution missbrauchen. Bei denen steht auch mehr im Vordergrund als in unserem Film, dass das Ganze gerade für Kinder ist, die mehr Hilfe brauchen. Da wird viel mit Schulen zusammengearbeitet. Bei uns geht die Initiative von den Eltern aus. Wenn wir es mit dem Film neben der tollen Unterhaltung schaffen, dass sich ein paar mehr Menschen ehrenamtlich engagieren, wäre das super und mehr, als man sich von einem Kinofilm erhoffen kann.

Wie lief die Entwicklung des Drehbuchs?

Ich bekam das Drehbuch von den Produzenten mit der Information, das sie daran noch gerne mit mir zusammen arbeiten wollen. Dann sitzen die Produzenten, Koproduzenten, der Drehbuchautor Robert Löhr und ich zusammen, und es ist eine offene Diskussion über die Stellschrauben, woran noch gearbeitet werden muss. Diese Entwicklung geht dann meist über mehrere Fassungen, bis schlussendlich die finale Fassung zustande kommt. Ich selber gebe zwar viele Anregungen und Anmerkungen, aber geschrieben hat es dann Robert Löhr.

Was war das bei "Enkel für Anfänger" konkret?

Wir haben zum Beispiel ganz viel an der Figur von Maren Kroymanns Ehemann gearbeitet, den Günther Maria Halmer spielt. Der war zuerst so blass und langweilig. Wir alle - inklusive des Drehbuchautors - fanden, dass das noch nicht stimmt. Einer langweiligen Figur will man nicht zuschauen. Maren Kroymanns Figur ist die treibende Kraft, die Hauptfigur. Da eine Balance zu finden, echte Probleme für den Ehemann zu kreieren, das haben wir dann gemeinsam sehr gut hingekriegt. In letzter Instanz ist das auch so toll entstanden, weil Günther Maria Halmer das so toll gespielt hat. Einerseits spielt er das grummelig. Im nächsten Moment spürt man aber auch seine Verletztheit und seine Schwachstellen und Wunden.

Heiner Lauterbach war lange schon nicht mehr so gut wie in seiner Figur als lakonische Rentner Gerhard. Hatten Sie ihn von Anfang an im Hinterkopf für diese Rolle?

Das war wirklich so. Ich drehte zu der Zeit mit Heiner gerade meinen letzten Film "Kalte Füße", wo er auch eine wichtige Rolle spielte. In dem Film hat er aber nach wenigen Minuten einen Schlaganfall und kann den ganzen Film über nicht mehr reden. Er kommunizierte dann ohne Dialog. Ich war beim Dreh so begeistert von dieser Leistung. Vorher kannten wir uns noch gar nicht. Wir merkten aber, dass wir nach wenigen Tagen bereits ein Miteinander hatten, was man eigentlich erst bekommt, wenn man mehrere Jahre miteinander arbeitet. Als ich dann das Drehbuch zu "Enkel für Anfänger" gelesen habe, habe ich mir bei der ersten Seite sofort Heiner vorstellen können. Er spielt einen homosexuellen Internisten. Ich fand es gerade gut, ihn in dieser Rolle zu besetzen und es ihn nicht 'tuckig' und besonders gewollt spielen zu lassen. Im Sinne von, wenn da einer jetzt homosexuell ist, muss der sich auch dementsprechend verhalten. Das entspricht vielleicht einem Teil der homosexuellen Menschen. Aber das ist nicht der Unterschied, warum jemand hetero-, homo oder bisexuell ist. Deswegen fand ich das so erfrischend und schön, der Figur gar nicht absichtlich einen goldenen Ohrring zu geben oder ihn den Finger heben zu lassen, wenn er eine Tasse Tee trinkt. All diese Klischees wollte ich nicht haben. Wir haben dem Heiner das Drehbuch gegeben, und ich habe gesagt: Ich will dich unbedingt für die Rolle haben. Er hat gesagt: Ich bin dabei. Da gab es kein Casting. Und sie haben Recht, er spielt das wirklich fantastisch.

Wie entstand die Gesangsszene, in der Heiner Lauterbach Reinhard Meys Klassiker "Über den Wolken" singt? Stand der Song bereits im Drehbuch oder wurde improvisiert?

Die Szene ist nicht improvisiert. Heiner hat es live am Drehort gesungen. Im Film geht das dann ein bisschen über in den Score, was dann in einem gewissen Takt sein muss. Er hat dafür auch ein bisschen, nicht wahnsinnig viel, geübt. Aber er ist auch begabt. Das Schöne daran ist, dass es sehr warmherzig gesungen ist, und es nicht darum geht, dass es die tollste Stimme der Welt ist. Heiner hat natürlich eine Super-Stimme. Reinhard Mey stand nicht von Anfang an im Drehbuch. Aber wir sind früh auf den Gedanken gekommen, dass es der perfekte Song dafür ist. Dann war die Frage, ob Reinhard Mey den Song für uns freigibt. Er hat sofort bei der Anfrage "Ja" gesagt. Heiner soll in der Szene ja ein Gute-Nacht-Lied vorsingen, und der Song handelt am Anfang von einer Startbahn, wo sich das Kind natürlich auch fragt, ob das überhaupt ein Gute-Nacht-Lied ist. Es ist aber genau so geworden, wie ich mir das vorgestellt habe: Die Diskrepanz zwischen dem, was man hört und sieht, nämlich die traurige Philippa, die Barbara Sukowa spielt. Dazu zieht man Maren Kroymann und Dominic Raacke tanzen, aber eben nicht auf diesen Song. Dann haben wir einen schönen emotionalen Schluss, wenn wir zu Heiner zurückkommen, weil man das Gefühl hat, in die Seele der Figur zu schauen.

War das vielleicht auch als eine kleine Reminiszenz an den Film "Wenn der Vater mit dem Sohne" gedacht, wo Heinz Rühmann das Schlaflied singt?

Ehrlicherweise "Ja" - für mich. Da haben wir eigentlich nie drüber gesprochen. Ich habe das auch nicht zu Heiner gesagt. Aber ich als Kind habe diesen Film geliebt. Es ist der einzige Film, an den ich mich erinnern kann, wo ich als Kind immer wieder geweint habe. Der Film hat mich früh emotional berührt. Den Gedanken an den Film hatte ich, als wir die Szene bei uns vorbereitet und gedreht haben.

Haben Sie Julius Weckauf als eines der drei Enkelkinder vor oder nach dem riesigen Erfolg von "Der Junge muss an die frische Luft" gecastet?

Wir haben ihn gecastet, da war Caroline Links Film bereits im Kino. Aber wir haben in vielen Rollen Schauspieler, die wir aufgrund ihrer Bekanntheit viel größer hätten machen können. Julius hat mich total im Casting überzeugt. Für mich ist das Wichtigste, dass die Energie stimmt - gerade bei Kindern und Jugendlichen. Natürlich ist Julius nicht hyperaktiv wie seine Figur. Aber man braucht eine Energie, um das herstellen zu können. Julius sprüht vor Energie. Ich wünsche ihm sehr, dass er den Wirbel, der um ihn passiert, gut verarbeitet bekommt, um weiter seinen Weg gehen zu können. Aber ich finde auch, dass die das als Familie sehr gut hinbekommen.

Wie war es bei der Kinder-Rolle Leonie mit Zwillingen zu arbeiten?

Das ist der Traum von jedem Regisseur. Ich habe viele Kinderfilme gemacht. Wir hatten immer die Hoffnung, dass wir Zwillinge finden, weil wir mit Kindern nur fünf Stunden drehen dürfen. Dann kamen plötzlich Julia und Luise Gleich zum Casting. Ich dachte: Bitte lass sie gut spielen. Sie waren dann auch wirklich super. So gleich sie optisch aussehen, so sind sie, gerade was die Energie angeht, sehr unterschiedlich. Für mich war das ein Traum, weil ich sagen konnte: Die Luise ist genau für den einen Teil von der Figur Leonie besser und Julia ist für den anderen Teil besser geeignet. Bei kleinen Kindern gibt es auch immer mal die Situation, dass sie, nach der ersten Begeisterung durch den Drehort, nicht mehr so richtig Lust haben. Wenn sie am dritten Tag kommen, nervt es sie dann auch mitunter. Dann hatte ich das Glück, dass ich sagen konnte, dann machst du heute den Tag Pause und dann spielte ihr Zwilling.

Todd Phillips sagte bei seiner Promo-Tour für "Joker", dass es in Zeiten der political correctness schwieriger geworden sei, Komödien zu drehen. Wie empfinden Sie das Klima in Deutschland?

Wenn ich jetzt den Satz höre, kann ich nicht sofort sagen, dass das stimmt. Man muss auch nicht jeden Witz machen, nur weil man es kann. Eigentlich ist gerade eher das Problem, dass der Respekt voreinander verloren geht und man deshalb diffamierend und verunglimpfend ist - alles unter dem Deckmantel der Komödie. Es gibt einfach bestimmte Dinge, da ist es gut, dass man sie nicht sagen sollte oder darf, weil sie nämlich einfach Mist sind. Aber ich finde auch eher, dass wir in der Komödie jetzt wieder ein bisschen mutiger werden. Ich finde mutig, was "Fack Ju Göhte" im ersten Teil gemacht hat. Wir bei "Enkel für Anfänger", die eine ganz andere Form der Komödie wählen, haben auch immer wieder versucht, dass unsere Protagonisten auch Dinge politisch unkorrekt aussprechen oder auch Dinge passieren, die ein No-Go sind. In welchem anderen Genre dürfte ein Heiner Lauterbach einen Jungen ohrfeigen, ohne dafür nicht ins Gefängnis zu kommen. Und hinterher sagt er: Ich hätte das schon vor 40 Jahren machen sollen. Aber Satiriker haben fast das Problem, dass reale News inzwischen so absurd sind, dass sie das kaum noch satirisch überzeichnen können. Wir sollten aber aufpassen, dass wir bei aller Ironie und Komik respektvoll miteinander umgehen.

Sie haben jetzt zum fünften Mal mit den Produzenten Jakob Claussen und Uli Putz zusammengearbeitet. Was schätzen Sie an dieser Kooperation?

Ich schätze besonders an der Zusammenarbeit, dass wir uns immer als Einheit verstehen - bei allen kontroversen Diskussionen über Inhalten oder Strukturen, die auch geführt werden müssen. Wir haben uns von Anfang nicht als Gegner gesehen. Die beiden sind extrem respektvoll mit der Arbeit des Regisseurs. Sie vertrauen mir total, ohne mich aber allein zulassen. Das heißt aber auch nicht, wenn sie im Schnitt etwas finden, was noch geändert werden muss, dass sie sich dann zurücklehnen und sagen: Soll er doch machen, wie er will. Die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten, ist besonders, weil sie immer konstruktiv ist. In unserer Branche ist vieles emotionalisiert. Da fühlt sich jemand auf den Schlips getreten. Da geht es darum, wer der Tollere ist. Wenn man das alles weglässt, wie wir das in unserer Zusammenarbeit tun, dann ist das mega. Ich habe als Regieassistent viele Regisseure erlebt. Da gibt es immer wieder die Situation, dass eine Angst besteht, dass der eine dem anderen etwas kaputt macht. Das habe ich nie verstanden.

Haben Sie sich vor dem Dreh andere Filme angeschaut, um sich die richtige Stimmung für den eigenen Film zu bringen?

Ich habe mir "Monsieur Claude und seine Töchter" nochmal angeschaut. Ein Thema darin sind die ganzen Schwiegersöhne, aber eigentlich geht es auch um die Beziehung von Monsieur Claude zu seiner Frau, nämlich dass sie nochmal etwas machen und erleben will - und er nicht. Unter diesem Aspekt habe ich mir diesen Film wieder angeschaut. Wir haben uns mit unserem Kameramann Andreas Berger im Vorfeld auch "A Star Is Born" angeschaut. Der hat inhaltlich nichts mit unserem Film zu tun. Aber wir fanden den von der Kamera so gut. Es gibt sehr viele Handkamera-Aufnahmen. Bei einem Film über Senioren ist man eigentlich nicht auf so viele Handkamera-Arbeit aus. Aber ich fand, wie die Kamera bei "A Star Is Born" eingesetzt wurde, unheimlich spannend. Wir haben bei uns die Handkamera auch viel eingesetzt und zwar immer, wenn die Kinder-Figuren ins Spiel kommen. In diesem Moment lebt die Kamera ein bisschen mehr. Wenn die Senioren allein sind, gibt es die festen Einstellungen.

Das Interview führte Michael Müller