Produktion

"40 Mio. Besucher für deutsche Kinofilme sind keine Utopie"

Der VdF hat einen umfassenden Katalog an Maßnahmen vorgelegt, mit denen die Erlössituation für Produktion, Verleih und Kinos verbessert werden soll - darunter auch ein Konzept für einen von den Öffentlich-Rechtlichen jährlich mit 30 Mio. Euro zu bedienenden "Lizenzpool" bei der FFA.

24.01.2020 16:54 • von Marc Mensch
Der aktuelle VdF-Vorstand um Kalle Friz, Benjamin Herrmann, Vincent de La Tour, Benjamina Mirnik-Voges, Martin Bachmann, Oliver Koppert und Peter Schauerte. Mit auf dem Bild ist Geschäftsführer Johannes Klingsporn, es fehlen Bernhard zu Castell und Stephan Hutter (Bild: Bernhard Schurian/VdF)

Wie wohl das Fazit von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Abschneiden des deutschen Films 2019 ausfallen wird? Schließlich hatte sie im Vorfeld der letztjährigen Berlinale mit Blick auf das schlechte Kinojahr 2018 ein "Missverhältnis zwischen Investition und Ertrag" angeprangert - und in diesem Zuge (natürlich auch - aber längst nicht nur - mit Blick auf die anstehende Novellierung des FFG) zu einer Reihe von Gesprächsrunden geladen, um auf diese Weise Input für eine Neujustierung des Fördersystems zu erhalten. Dabei erinnern wir uns: 2018 erreichten deutsche Kinofilme einen Besuchermarktanteil von 22,9 Prozent. Ein Wert, der 2019 nicht etwa gestiegen ist, sondern im Kontext eines stark gewachsenen Gesamtmarktes sogar um rund drei Prozentpunkte fiel. Tatsächlich ging es bei den Besuchern sogar in absoluten Zahlen nach unten, wenn auch nur um 0,3 Prozent. Besser, das darf man festhalten, fiel die Bilanz also eher nicht aus, auch wenn die Umsätze aufgrund der geringeren Rolle von Kinderfilmen im vergangenen Jahr um vier Prozent stiegen.

Unterdessen wurde nicht nur auf Ebene der BKM, sondern auch in den Gremien von SPIO und FFA sowie auf Einladung von CDU und SPD diskutiert - und der VdF sieht einen breiten Konsens, was Kernprobleme im Markt anbelangt. (Die Produzentenseite, das sei erwähnt, vertritt an mehreren Stellen andere Auffassungen.) Basierend auf diesen Gesprächen und den dort gewonnenen Erkenntnissen hat der VdF ein Konzept formuliert, das nach Angaben des Verbands "die Erlössituation für die drei Sparten Produktion, Verleih, Kino der Kinofilm-Kultur-Wirtschaft nachhaltig verbessern kann."

Zur Ausgangslag führt der VdF aus, dass sich in den Gesprächsrunden gezeigt habe, dass im Bereich der Kinofilmproduktion ein Mechanismus gesucht werde, der die Produzenten im Erfolgsfall früher an den Verwertungserlösen partizipieren lasse. Darüber hinaus bestehe weitgehende Einigkeit, dass die Anzahl neuer deutscher Kinofilme mit jährlich über 200 Produktionen (ComScore weist für 2019 ganze 251 Neustarts aus) zu hoch sei. Insbesondere würden zu viele Low-Budget-Filme realisiert, die auf Desinteresse beim Publikum stießen. (Auch wenn der VdF diesen Punkt in seinem Papier nicht explizit aufgreift, gibt es doch Stimmen, die für eine höhere Budget-Untergrenze für DFFF-Förderung plädieren). Konsens sei auch, dass mehr Filme im Budgetbereich zwischen vier und acht Mio. Euro produziert und mit höheren Vermarktungsbudgets ausgestattet werden sollten - in der Regel rund 30 Prozent des Herstellungsbudgets. Diesen Filmen solle es gelingen können, deutlich mehr Menschen für den deutschen Kinofilm zu begeistern: "40 Millionen Besucher für deutsche Kinofilme sind keine Utopie", lautet die Aussage.

Grundsätzlich solle die Herstellung, Vermarktung und Verwertung "neuer deutscher Kinofilme" - der VdF wendet sich an dieser Stelle ganz klar gegen die "Sackgasse" der Trennung zwischen "U" und "E" - ins Zentrum der FFG-Novelle gestellt werden, die indes nicht allein betrachtet werden könne. Vielmehr seien flankierend auch Anpassungen bei der kulturellen Filmförderung des Bundes und dem DFFF notwendig.

Wie aber stellt sich der VdF nun die Maßnahmen zur Verbesserung der Erlössituation von Produzenten vor? Denn auch wenn es heißt, man wolle diese "gemeinsam mit den Produzentenverbänden" erreichen, besteht an dieser Stelle ein erheblicher Dissens hinsichtlich deines von den Verleihern kategorisch abgelehnten Erlöskorridors. Indes begrüßt der VdF die jüngste Erhöhung der Produzentenhonorare und Handlungskosten im Zuge der Anpassung der FFA-Förderrichtlinien. Man hoffe, dass Bund und Länderförderer entsprechende Regelungen übernehmen.

Neuregelung zur Tilgung der Verleihförderung

Der Vorschlag des Verleiherverbands sieht vor, die Tilgung der Verleihförderung neu zu gestalten. Diese solle künftig nicht mehr zu 100 Prozent den Förderer, sondern zu je 50 Prozent an Produzenten und Förderer erfolgen. Dies werde - insbesondere wenn der Vorschlag von den Länderförderungen mitgetragen würde - dazu führen, dass die Tilgungen an die Förderer zunächst sinken und die Erlöse für die Produzenten bei erfolgreichen Filmen spürbar früher steigen.

Zwar sei man sich bewusst, dass Tilgungen der Absatzmittel häufig der einzig nennenswerte Rückfluss auf Ebene der Regionalförderer seien. Man gehe aber davon aus, dass der neue Produzentenanteil als neuer Fördereffekt und damit als Erfolgskriterium gegenüber den Aufsichtsgremien und den Landesrechnungshöfen vermittelt werden könne. Getilgte Mittel der Verleihförderung würden dem gleichen Verwendungszweck zugeführt. Zunächst führe dieser Schritt somit zu einer Schwächung der Verleihförderung.

Ergänzend schlägt der VdF vor, eine Tilgung erst ab dem Recoupment des doppelten Eigenanteils der Produzenten (also ab zehn Prozent beim Regelfall eines Eigenanteils von fünf Prozent des Herstellungsbudgets) zu beginnen. Zur Ablehnung eines zwingenden Erlöskorridors führt der VdF aus, dass dieser das Risiko-Investment der Verleiher deutlich reduzieren und zu sinkenden Besucher- und Umsatzzahlen deutscher Filme führen würde.

Weniger Filme fördern, aber besser ausstatten

Laut VdF würden aktuell zu viele deutsche Kinofilme zu geringen Budgets produziert. Ziel sei es somit, insgesamt weniger deutsche Kinofilme zu realisieren, davon aber mehr mit Budgets von vier bis fünf Mio. Euro (und mehr), unter dem Strich schweben dem VdF pro Jahr 30 bis 40 Produktionen in dieser Größenordnung vor, bei der man zudem davon ausgehe, dass für alle beteiligten Filmschaffenden die Einhaltung der Sozialstandards gewährleistet sei.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssten die Förderungen von FFA und BKM (inklusive des DFFF) neu justiert werden, und sich die kulturelle Filmförderung des Bundes breiter aufstellen (siehe den Punkt "E" und "U"). Denn die derzeit in der Förderkonstellation FFA/BKM realisierten Projekte seien eher "Low-Budget-Filme". Laut VdF liege gemäß einer Auswertung der SPIO der Förderanteil in dieser Kombination im Durchschnitt bei 700.000 Euro. Nicht zuletzt solle im Falle einer gemeinsamen Projektfilmförderung durch BKM und FFA ein erhöhter Zuschuss beim DFFF von 25 Prozent greifen.

Neues Senderpool-Modell

Vor allem aber seien die öffentlich-rechtlichen Sender gefragt, sich mit deutlich höheren Mitteln an der Herstellung zu beteiligen - ohne dass den Verleihunternehmen die Nutzung neuer Verwertungsmöglichkeiten verwehrt bleibt.

Laut VdF sei unbestritten, dass die Investitionen der ÖR-TV-Sender in den deutschen Kinofilm je Filmprojekt deutlich gesunken seien, eine nennenswerte deutsche Kinofilmproduktion sei ohne ein Investment von deren Seite aber nicht möglich. Für angemessen halte man eine Beteiligung in Höhe von 20 Prozent der Herstellungskosten.

Ausgangssituation sei, dass die Sender Mittel für die Produktionsförderung der FFA und diverse Länderförderungen zur Verfügung stellten, auf Ebene der FFA zuletzt jährlich 9,3 Mio. Euro. Im Wesentlichen beteiligten sie sich im Rahmen von projektbezogenen Einzelverträgen mit einem Produzenten an der Finanzierung eines Filmvorhabens mit einem Betrag X aus sendereigenen Haushaltsmitteln, der hälftig auf einen Lizenzanteil für die Ausstrahlungsrechte und einen Co-Finanzierungsbeitrag mit entsprechenden Mitspracherechten, Einfluss auf weitere Verwertungsrechte und einer Erlösbeteiligung allokiert werde. Eine Bestätigung dieser Art der Beteiligung sei zudem ganz überwiegend Voraussetzung für eine erfolgversprechende Einreichung bei den Filmförderungen. Daraus würde sich eine Reihe von Problemen ergeben, zuvorderst eine redaktionelle Einflussnahme "die naturgemäß primär die inhaltlichen Senderinteressen einer späteren TV Ausstrahlung im Auge hat", so der VdF. Zudem schränke dieses System die Auswertungsrechte der Produzenten und der diese Rechte konkret verwertenden Verleiher ein, der Blick richtet sich hier auf Pay-TV und SVoD. Dazu der VdF: "Mit den derzeitigen Investments des ÖR-TV in deutsche Kinofilme und mit den Blockaden der Auswertungen in den neuen digitalen Verwertungsmärkten wird das Risiko-Investment der Verleiher bei dieser Art von Kino-Koproduktionen verschwinden."

Der Lösungsvorschlag lehnt sich an das österreichische Modell an. Dazu führt der VdF aus: "Ausgehend von einer geschätzten jährlichen Gesamtbeteiligung der öffentlich-rechtlichen Sender an der Finanzierung und dem Ankauf von Kinofilmen in Höhe von. 150 Mio. Euro, stellen diese 30 Mio. Euro einem "Lizenzpool" der FFA zur Verfügung.

Vorgesehenes Verfahren (das übrigens erhebliche Parallelen zu Teilen der "Frankfurter Positionen" aufweist) wäre eine Einreichung von Kinoprojekten bei der FFA ohne Senderbeteiligung. Mit Zusage einer Förderung solle der Produzent gleichzeitig für die Vergabe der reinen Sendelizenzrechte (ggf. mit Sieben-Tage-Catch-Up-Fenster für die Mediathekenauswertung) aus dem Lizenzpool zunächst einen Betrag in Höhe von 20 Prozent der Herstellungskosten erhalten. Ein bei der FFA angesiedeltes Gremium aus Sendervertretern und von der FFA benannten Mitgliedern (jeweils drei) soll die Projekte auf die Sender verteilen, die dann Lizenzverträge mit den Produzenten schließen. Dabei solle nicht ausgeschlossen werden, dass sich der Sender zusätzlich mit einem Koproduktionsbeitrag an der Finanzierung beteilige, mit entsprechender Erlösbeteiligung. Die Auswertungskaskade dürfe dabei aber grundsätzlich nicht eingeschränkt werden, nur im Falle einer "Nichtverwertung" durch Produzent bzw. Verleiher könne der Sender Pay-TV- bzw. First-SVoD-Rechte erwerben.

40 bis 50 Mio. Euro für Vermarktungsförderung

Auf Basis von FFA-Auswertungen habe der VdF errechnet, dass die Verleiher bei deutschen Kinofilmen in der Regel deutlich über 50 bis 70 Prozent der Vermarktungskosten tragen würden - wobei rund 80 Prozent der Filme diese nicht aus der Kinoauswertung recoupen könnten. Auf Basis von Modellrechnungen habe man den Vorschlag gemacht, dass die Förderungsinstitutionen für die Verleihförderung pro Jahr 40 bis 50 Mio. Euro zur Verfügung stellen, wobei die Verleiher jeweils mit 50 Prozent eigenen Risikokapitals bei der Vermarktung engagiert sein müssten.

Zukunftsprogramm Kino breiter aufstellen

Seitens des VdF teile man die Sorge des HDF Kino, dass die aktuelle Konzeption des Zukunftsprogrammes "nur" die Arthouse-Kinos erreiche und diese zusätzlich noch beim Zugang zu FFA-Fördergeldern begünstigt würden, mit entsprechenden Folgen für andere Kinotypen. Damit, so der VdF, könne ein breiterer Markteffekt nicht erreicht werden. Denn die Bedeutung der nach aktuellem Stand vom Programm umfassten Kinos sei insgesamt zu gering, "um den Gesamtmarkt und damit natürlich auch die Auswertung deutscher Kinofilmproduktion wesentlich zu verbessern". Es liege daher im gemeinsamen Interesse der Branche, möglichst viele Kinos in das Programm einzubinden. Zwar sei der Versuch der BKM, dass Programm auch für Kinos in Orten mit mehr als 50.000 Einwohnern zu öffnen, löblich. Die beiden kulturellen Kriterien (Programmpreise und Besucheranteile europäischer Filme von 50 Prozent und mehr) seien aber ein "zu schmaler Korridor".

Kinofenster bewahren - aber kürzen

Abschließend macht der VdF noch zwei Vorschläge, von denen einer umstrittener sein könnte, als es die Abhandlung im Wege des "obiter dictum" nahelegen könnte. Beileibe nicht der Vorschlag, die Filmabgabe der Kinos künftig auf Centerebene zu regeln - schließlich gab Cineplex-Geschäftsführer Kim Ludolf Koch hierzu schon im Dezember 2015 vom VdF aufgegriffene Anregungen. Sondern vielmehr die Forderung, das Erstauswertungsfenster für Kinofilme auf vier Monate zu kürzen. Andererseits: Ordentliche Verkürzungen der Sechs-Monats-Sperrfrist sind ohnehin schon an der Tagesordnung, vier Monate würden zudem dem üblichen Fenster für US-Filme entsprechen.

Das VdF-Konzept finden Sie in voller Länge an dieser Stelle.