Kino

KOMMENTAR: Oscar - Alea iacta est!

Möge der Beste gewinnen. Das hat so einen schönen romantischen Klang. Dabei darf angezweifelt werden, dass das Oscarrennen jemals besonders romantisch war.

24.01.2020 09:02 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Möge der Beste gewinnen. Das hat so einen schönen romantischen Klang. Dabei darf angezweifelt werden, dass das Oscarrennen jemals besonders romantisch war. Ganz gewiss ist es das nicht mehr, seitdem Harvey Weinstein vor 25 Jahren begann, eine Wissenschaft und einen echten Wettbewerb daraus zu machen. Und der Oscarjournalist geboren wurde, dessen einzige Direktive es ist, zwölf Monate im Jahr Filme danach abzuklopfen, ob sie denn Aussichten bei der kommenden Oscarsaison haben könnten. In Realzeit kann man nunmehr vermeintliche Entwicklungen aus einer Echokammer mitverfolgen, in der kluge Menschen täglich das wiederholen, was sie schon seit Wochen schreiben, ihm aber jeweils neue Bedeutung beimessen. Um politische, gesellschaftliche und kulturelle Grabenkämpfe geht es da, aber selten um die wahren Meriten der Filme, die herhalten dürfen als Proxys für die jeweiligen Debatten über Identität, Gender und Diversität. Was alles etwas irre ist, wenn man bedenkt, dass die Oscars eigentlich immer nur als Party gedacht waren, bei der sich die Industrie für Geleistetes bei ein paar Drinks selbst auf die Schulter klopft. Eine Strenge wie bei den großen Festivals, auf denen sich Jurys die Köpfe heißreden, bevor sie ihre wohltemperierten Preise vergeben, war nie die Sache der Academy Awards. Der Aspekt des sich selbst Abfeierns ist der eigentliche Antrieb.

Nicht zuletzt das kuriose Wahlsystem für den besten Film, die so genannte Preferential Ballot, macht die Sache dabei so kompliziert, weil dieses System sicherstellt, dass nicht unbedingt der beliebteste Film, sondern der am wenigsten unbeliebte Film der Nominierten gewinnt. In einer geheimen Abstimmung, in der die jeweiligen Mitglieder der Academy nicht nur einen Film nennen, sondern, nach absteigender Präferenz, die ganze Liste von Titeln. Wenn die Stimmzettel ausgewertet werden, hat automatisch der Film gewonnen, der von mehr als 50 Prozent auf Platz eins gewählt wurde. Sollte bei der ersten Auswertung kein Film eine Mehrheit erzielen, wird der Film mit den wenigsten Nummer-eins-Nennungen gestrichen. Entsprechend bewegen sich nun auf den Wahlzetteln die anderen Filme nach oben. Dieser Vorgang wiederholt sich, bis ein Film mehr als 50 Prozent aller Erster-Platz-Nennungen hat. Je länger der Prozess andauert, desto unklarer ist, wie gut die Academy ihren Gewinner eigentlich findet. In einem Jahr wie diesem, ohne klaren Favoriten und wenigstens fünf Filmen unter den neun Nominierten, die sich eine Chance ausrechnen können, wird es aber genau darauf hinauslaufen. Man könnte den besten Film auch auswürfeln. Das hätte wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert. Aber aufpassen: Die Würfel könnten gezinkt sein.

Thomas Schultze, Chefredakteur