Produktion

Feo Aladag: "Formal mutige Zugänge finden"

Die abenteuerliche Lebensgeschichte des polnischen Widerstandskämpfers Witold Pilecki hat sich die renommierte Filmemacherin Feo Aladag als nächstes Kinoprojekt auserwählt. Warum, erzählt sie im exklusiven Interview.

24.01.2020 07:39 • von Barbara Schuster
Feo Aladag (Bild: ROMAN WALCZYNA)

Die abenteuerliche Lebensgeschichte des polnischen Widerstandskämpfers Witold Pilecki hat sich die renommierte Filmemacherin Feo Aladag als nächstes Kinoprojekt auserwählt. Warum, erzählt sie im exklusiven Interview.

Wie sind Sie auf die Geschichte des ­polnischen Widerstandskämpfers Witold Pilecki aufmerksam geworden?

Das war bereits vor über zwei Jahren, über eine familiäre Achse, die auch nach Polen führt. Meine Cousine engagiert sich dort gegen das Vergessen der Gräueltaten des Dritten Reichs. So bin ich auf die Biografie von Witold Pilecki gestoßen, die mich sofort fasziniert hat. Ich begann mit einer intensiven Recherche und konnte es nicht fassen, dass seine Geschichte nicht so bekannt ist, wie sie es verdient hat. Es gibt zahlreiche Sachbücher über Pilecki und den "Raport W", sein Bericht über das Konzentrationslager Auschwitz, den er an die Briten geschickt hatte und der dem einen oder anderen in der Schulzeit oder im Studium begegnet sein mag. Aber eigentlich ist seine Geschichte wie verschüttet. Pilecki wurde 1990 rehabilitiert und erst 2003 fand der Prozess statt gegen jene Menschen, die ihn zum Tode verurteilt hatten. Das ist wahnsinnig spät! Nachdem mich diese Geschichte so gepackt hatte, habe ich über einen langen Zeitraum versucht, die Psychologie, die Komplexität des Menschen Pilecki, die Dynamiken der Umstände zu verstehen, und mir auch sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie ich das filmisch fiktional erzählen kann, sowohl aus formaler, aber auch aus dramaturgischer Sicht.

Welche aktuelle Relevanz entdecken Sie in dem Stoff, dem Sie den Arbeitstitel "The Inconvenient Truth" gegeben haben?

Wir sitzen in der Klemme in Deutschland und Österreich. Einerseits sagen wir uns als Produzenten und Filmemacher selbst: Wir müssen aufhören, aus der Vergangenheit zu erzählen und mehr im Hier und Jetzt sein. Gleichzeitig merken wir, wie viel im Jetzt eben immer noch und derzeit so aktuell wie nie - eben auch - mit unserer Vergangenheit zu tun hat. Wie sehr die alten Fragen nach Schuld und Verantwortung das, wenn man so will, nationale Selbstwertgefühl geformt haben, auf dessen Basis wir unseren Herausforderungen im Heute begegnen. Manchmal darf es nicht darum gehen, ob historische Narrative aus der deutschen, der europäischen Vergangenheit jetzt das nächste Boxoffice-Wunder sind. Manchmal geht es darum, Geschichten zu erzählen, die einfach filmisch erzählt werden müssen. Die Geschichte von Witold Pilecki ist so eine Geschichte. Aber es reicht nicht, eine historische Biografie zu nehmen oder einen historischen Fakt. Das ist wie Hausaufgabenmachen. Es geht vielmehr darum, dass wir als Produzenten und Filmemacher unsere Stoffe beweisen müssen. Wir wollen einen universellen Kern schaffen, der Räume öffnet und die Brücke ins Jetzt schlägt. Wir kriegen heute dank unserer Medien mehr mit denn je. Doch durch die auf uns einstürzenden Flut an Informationen entsteht der Reflex: Es wird zu viel. Wir haben heute mehr Informationen denn je zur Verfügung, kommen dadurch aber nicht zwingend mehr und stärker ins Handeln. Rein auf politisch-thematischer Ebene hat mich Pileckis Geschichte fasziniert, weil sein "Raport W" zeigt, dass es nicht reicht, Transparenz zu schaffen. Er hat die Welt informiert. Die Welt hat gewählt, nicht zu handeln. Ich muss, hoffe ich, die aktuellen Brennpunkte von Aleppo bis zu den griechischen Inseln nicht aufzählen, für eine Referenz zum Hier und Jetzt. Wir schauen seit Jahren überwiegend zu. In der Hoffnung, es geht vorbei. Das wird es aber nur, wenn wir auch handeln.

Was zeichnet die Person Witold Pilecki aus?

Sein unermüdlicher Kampf gegen die Gleichgültigkeit. Vor allem sein unvergleichlicher Wille und Mut, zu vertrauen. Pileckis Charakter war geprägt von zahlreichen sehr beachtenswerten Merkmalen, wobei seine unglaubliche Fähigkeit hervorsticht, seinen Mitmenschen uneingeschränkt vertrauen zu können. Wenn in einer Gesellschaft Empathie und Nächstenliebe auf dem Spiel stehen, hat die Idee von Vertrauen ineinander eine absolut revolutionäre Qualität. Weil sie uns die Würde lässt, weil sie uns hoffen lässt, weil sie uns Menschen miteinander verbindet. Pileckis Fähigkeit zur Resilienz war so ungewöhnlich wie außergewöhnlich. Er hat dadurch sehr vielen Menschen Hoffnung und Kraft geschenkt.

Die aufwändige Recherche haben Sie ­bereits angesprochen. Inwiefern gab es auch Gespräche mit eventuell noch auffindbaren Familienangehörigen oder Zeitzeugen?

Ich habe mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen und mich auch aus familiären Gründen, über einen langen Zeitraum mit den Lebenswelten aus dieser Zeit beschäftigt. Der Kontakt mit Menschen ist bei mir ein Zugang, den ich bei allen meinen bisherigen Stoffen gesucht und gebraucht habe. Ich finde es enorm wichtig, um ein Gefühl für Lebenswelten zu bekommen.

Was ist Stand der Dinge von "The Inconvenient Truth"?

Wir befinden uns derzeit in Finanzierungsgesprächen mit potenziellen Partnern. Es ist mir wichtig, die Geschichte nicht nur aus Deutschland heraus zu finanzieren und zu produzieren, sondern mit meiner Independent Artists als Hauptproduzentin gemeinsam mit europäischen und internationalen Partnern.

Welchen filmischen Ansatz verfolgen Sie?

Für mich ist es wichtig, formal mutige Zugänge zu finden. Eine starke Reduktion aufs Wesentliche, Bilderwelten zu schaffen, die uns aus dem Damaligen heraus- und ins Heutige hineinbringen. Es gibt derzeit einige gute Beispiele bei Serien, die die mir zwingend erscheinende Reduktion aufs Wesentliche gelungen umsetzen. Witold Pileckis Geschichte bietet formal eine überaus spannende Grundlage sowohl für eine Serie wie auch für einen Spielfilm.

Dennoch wird es kein leichtes Unterfangen, das Leben in Auschwitz darzustellen ...

Was mich in der Recherche zu Pilecki gepackt hat, war der so detailliert und klar geschilderte Alltag in Auschwitz, die Normalität des Lebens an einem solchen Ort. Wie Menschen sich in Auschwitz eingerichtet haben: Die Details und Aspekte, die Pilecki liefert, wurden noch nie fiktionalisiert. Wir alle kennen aus Filmen und Serien bestimmte erzählerische Dynamiken und Abläufe... und sind geneigt, sie schnell wieder wegzudrücken. Zum einen, weil wir meinen, diese Bilderwelten schon zu kennen, zum anderen, weil sie nicht erträglich sind. Die Herausforderung bleibt der fiktionale und erzählerische Umgang mit Gewalt, menschlichen Leid und Resilienz.

Fiktional spielt die Macht der Bilder eine entscheidende Rolle...

Absolut. Wir machen ja keine Hörspiele. Wir stellen audiovisuelle Inhalte her. Es geht um das Suchen und Finden der metaphorischen Essenzen. Ich bin überzeugt, wenn wir Bilder finden, die wirklich Kraft haben, haben sie auch universelle Relevanz. Sie ermöglichen uns, wenn wir sie sehen, eine intuitive Transferleistung auf das Heute, auf unsere eigene Realität.

Gibt es schon Vorstellungen zur Besetzung?

Es ist ein Projekt mit hoher internationaler Resonanz. Deshalb finde ich wichtig, dass sich dieser Aspekt auch in der Besetzung spiegelt. Ich habe konkrete Ideen und wir befinden uns in Gesprächen. Die Geschichte bringt ja eine europäische und internationale Besetzung mit sich. Es wäre schön, wenn es auch hier eine Art Brückenschlag zwischen Deutschland und Polen gibt. Und in Zeiten, in denen der Wind in beiden Ländern von rechts relativ stark weht, em­pfinde ich dieses Projekt im kreativen Schulterschluss umso wichtiger.

Welche Bedeutung hat dieser Stoff für Sie?

Witold Pileckis Geschichte und dieses Projekt gehe ich, wie alle meine Stoffe, mit voller Kraft und brennendem Herzen an. Ich lege alles hinein, was ich als Produzentin und Filmemacherin zu geben habe und investieren kann. Ich kann's eh nicht anders. Stoffe, in egal welchen Formaten, die mir nicht wirklich etwas bedeuten, die nicht wahrhaftig auf irgendeiner Ebene mit dem zu tun haben, was mich umgibt, umtreibt und berührt, die kann ich nicht. Da fällt mir schlicht nichts zu ein. Alle drei Filme, die ich gemacht habe, sind nicht loszulösen von Geschichten, die mich nicht losgelassen haben. Gleichzeitig mache ich die Stoffe nicht für mich selbst. Es geht mir um Kommunikation, um das in den Dialog Treten und das Aushalten von Ambiguitäten.

Sie treten bei Ihren Filmen als Autorin, Regisseurin und Produzentin auf. Kämpft da manchmal die Produzentin gegen die kreative Seele?

Das Modell hat wie ich finde nur Vorteile. Bis auf den wenigen Schlaf. Zum einen rein wirtschaftlich und kreativ betrachtet. Zum anderen habe ich keinen Kraftverlust durch irgendein Machtgeschacher. Die großen Vorteile für alle Beteiligten, die die Arbeit und die Funktion des produzierenden Showrunners mit sich bringen, sind ja nicht mehr wegzudiskutieren. Ich glaube auch hier in Bereichen an die Reduktion, gleichzeitig mache ich meine Filme nicht allein; ich habe immer ein großartiges Team an meiner Seite. Wir kreieren gemeinsam. Das ist ja genau das Wunderschöne und die Magie unserer Berufe.

Das Gespräch führte Barbara Schuster