Kino

Zukunftsprogramm Kino: Gegenwind aus Bayern

Ausgerechnet die Schwesterpartei zeigt sich öffentlich unzufrieden mit dem, was seitens der BKM als Zukunftsprogramm Kino auf den Weg gebracht wird. Von Produzentenseite wurden beim CSU-Filmgespräch zur Münchner Filmwoche wiederum den Öffentlich-Rechtlichen die Leviten gelesen.

20.01.2020 15:50 • von Marc Mensch
Thomas Negele, Uli Aselmann, Stephen Sikder, Benjamina Mirnik-Voges und Christine Berg debattierten beim CSU-Filmgespräch zur Filmwoche (Bild: BF)

Eines steht wohl fest: Die CSU geht mit großem Optimismus ins neue Jahr - immerhin ließ sich Kristina Frank beim traditionellen CSU-Filmgespräch als Münchens neue Oberbürgermeisterin begrüßen. So ging denn auch ihre Rede ein wenig mehr in Richtung Wahlkampf, als es bei einer Branchenveranstaltung üblich ist. Aber interessant war doch, dass sie öffentlich die "Grabenkämpfe" ansprach, die sich im Hintergrund des Filmfestes München zwischen Stadt und Freistaat abspielen.

Digitalministerin Judith Gerlach wiederum zeigte sich in ihrer Rede einmal mehr als bestens informierte Fürsprecherin der Filmwirtschaft im Allgemeinen und des Kinos im Besonderen. Eines Ortes, dem Forscher der Universität Regensburg gerade erst per Studie bescheinigt haben, dass man Filme dort emotionaler erlebt, als anderswo, wie Gerlach betonte. Nicht, dass diese (wenig überraschende) Erkenntnis alleine allzu viel bringen würde. Denn an der Notwendigkeit, Kinos zu einem modernen Erlebnisort zu machen, ändert sich dadurch nichts. In diesem Sinne ist die Landesregierung bekanntermaßen bereits vorangegangen und hat neben einer Aufstockung des Budgets für die Kinoförderung auf 1,7 Mio. Euro vor allem die maximalen Zuschüsse pro Förderung schon im vergangenen Jahr erhöht. Und tatsächlich hätten die bayerischen Kinos in besonderer Weise am flankierenden Soforthilfeprogramm des Bundes partizipieren können, wie Gerlach berichtete. Alleine 1,26 Mio. Euro aus dem mit fünf Mio. Euro ausgestatteten (und kurzfristig noch um 500.000 Euro aufgestockten) Topf seien an sie geflossen.

Doch wo sich Gerlach mit dem Soforthilfeprogramm als kurzfristig aufgesetzter Maßnahme zufrieden zeigte, äußerte sie deutliche Kritik an dem, was die BKM nach letztem Sachstand zur Berlinale zu verkünden plant: den Richtlinien für das eigentliche, große Zukunftsprogramm. Dieses sei im Grund "ein Schlag ins Gesicht mancher Kinos!", so Gerlach überraschend deutlich. So bestünde hinsichtlich der Kriterien durchaus noch Gesprächsbedarf, unter anderem mit Blick auf eine (immens hohe) Quote an zu zeigenden deutschen bzw. europäischen Filmen, die nach aktuellen Informationen auch Kinos in Orten mit mehr als 50.000 Einwohnern als Alternative zu einer BKM-Auszeichnung Förderung sichern könnte. Tatsächlich forderte Gerlach, nicht auf den geplanten einheitlichen Antrag für Bund- und Länderförderung im Rahmen des Zukunftsprogramms zu setzen, denn die Länder sollten die Möglichkeit haben, innerhalb des Programms auch eigene Schwerpunkte zu setzen. Dass Bayern mit dieser Auffassung nicht alleine dasteht, war in den letzten Monaten immer wieder zu hören gewesen. Besonderes Gewicht bekommt die Stimme aus dem Freistaat indes dadurch, dass von hier die Initiative ausgegangen sein soll, das Programm überhaupt im Koalitionsvertrag zu verankern.

Über das Abschneiden des bayerischen Films im Kinojahr 2019 konnte die Ministerin durchaus lobende Worte verlieren. Kein Wunder, stammten doch beide Besuchermillionäre unter den Neustarts (darunter vor allem der Sensationserfolg Das perfekte Geheimnis") aus dem Hause Constantin. Der deutsche Marktanteil insgesamt sei jedoch deutlich zu gering gewesen - und Gerlach sieht nicht zuletzt eine Fokussierung auf weniger, dafür aber besser ausgestattete Projekte als mögliche Antwort. Man benötige mehr Filme mit Budgets jenseits von fünf Mio. Euro und vor allem mehr Geld für die Herausbringung, der FFG-Novelle käme hier eine "entscheidende Rolle" zu.

An dieser Stelle entzündete sich dann auch der lebhafteste Teil der Podiumsdebatte, denn wenngleich Gerlach mit ihrer Auffassung einen breiten Konsens in der Branche spiegelt, mahnte Produzent Uli Aselmann doch erneut, dass es keine Umverteilung zulasten der Produktionsförderung geben dürfe - dies wäre in seinen Augen "geradezu absurd". Das grundlegende Problem: "Wenn wir ohne nennenswerte Mittelerhöhung einen Bereich stärken wollen, wird zwangsläufig ein anderer zurückstecken müssen", erklärte die HDF-Vorstandsvorsitzende Christine Berg. "Wir werden uns darüber unterhalten müssen, wer einen Schritt zurückgeht, ansonsten wird wieder alles so bleiben, wie es ist!"

"Es wird sich tatsächlich nichts ändern, wenn wir das Abgabeaufkommen nicht erhöhen!", entgegnete Aselmann, der an dieser Stelle vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender in der Pflicht sieht. Diese würden keinen angemessen Beitrag leisten und insbesondere vor dem Hintergrund zu wenig einzahlen, dass sie sich parallel kaum noch für den Kinofilm engagierten. "Die Öffentlich-Rechtlichen sind weit hinter die Privatsender zurückgefallen, ProSiebenSat.1 zeigt mehr deutsche Filme als die öffentlich-rechtlichen Sender!", so Aselmann.

Benjamina Mirnik-Voges (eOne) sieht Reformbedarf nicht nur bei der FFA. Auf Ebene der kulturellen Filmförderung des Bundes hält sie vier bis sechs Mio. Euro an Verleihförderung pro Jahr für angemessen, zugleich regte sie einen "Vermarktungsfonds" als Teil des DFFF an. Dessen Einfluss auf die zunehmende Zahl an deutschen Neustarts es ebenfalls noch einmal kritisch zu betrachten gelte. Reicht der "Freischuss" im FFG als Korrektiv für die vielkritisierte Herausbringungsverpflichtung? Eine Frage, die in der Debatte nur angerissen wurde - und mit den erwarteten Änderungen der Richtlinien von DFFF und GMPF vielleicht ohnehin eine neue Wendung nehmen könnte.

Aus dem Publikum wiederum knüpfte Stefan Arndt an die Rede von SPIO-Präsident Thomas Negele an, der sich zuvor ebenfalls für höhere Durchschnittsbudgets und einen 30prozentigen Anteil an diesen für die Vermarktung ausgesprochen hatte. "Wir brauchen Vielfalt, aber Vielfalt mit Chance auf Sichtbarkeit!", so Negele, der neue Erlösmodelle (insbesondere bessere Recoupment-Chancen) anmahnte, um so über private Investoren an mehr Geld zu kommen. Unter Bezug darauf erklärte Arndt, dass man in der Tat nicht länger nur "bewahren" dürfe, sondern auch althergebrachte Modelle neu strukturieren müsse, um zu den genannten "neuen Erlösmodellen" zu kommen. Womit er am Rande auch die Fensterfrage anriss, die dann aber nicht weiter aufgegriffen wurde. Aus dem Publikum kam von Produzent Philipp Kreuzer noch die Anregung, den Mehrwertsteuerhebel zu nutzen, um Herstellungskosten und Erlöse in ein gesünderes Verhältnis zu bringen.

Apropos Steuern: Während Ministerin Gerlach in ihrer Rede auch auf erfolgreiche Initiativen Bayerns zur Stärkung des digitalen Filmschaffens und der Produktion von High-End-Serien am Standort verwies (und einen baldigen Vorstoß zur Adressierung des Fachkräftemangels ankündigte), zeigte sie sich hörbar besorgt über den potenziellen Schaden, der dem Filmstandort Deutschland insgesamt durch die Problematik der steuerrechtlichen Behandlung von Koproduktionen entstehen könne. Diesbezüglich habe sie sich bereits selbst mit einem Schreiben an die zuständigen Kolleg*innen beim Bund gewandt. Abschließend noch ihr Fingerzeig an die Branche. So finde sie es großartig, dass die Filmbranche - wie bei der Filmwoche wieder und wieder betont - enger zusammenrücken wolle. Denn: "Wir sind für Sie da - aber den richtigen Weg müssen Sie gemeinsam finden!"