Produktion

Jerry Bruckheimer: "Ich liebe es!"

Mit 76 Jahren hat Jerry Produzent, Branchenname "Überproduzent", nichts von seiner Lust am Erzählen großer Kinogeschichten verloren. Mit "Bad Boys for Life" kommt am Donnerstag ein dritter Teil einer seiner erfolgreichsten Marken in die deutschen Kinos. Mit Blickpunkt:Film sprach er darüber, warum ihm sein Job unverändert Spaß macht..

14.01.2020 13:36 • von Thomas Schultze
Klare Ansage: Jerry Bruckheimer will weitermachen, "bis man mich stoppt" (Bild: Sony)

Eine lebende Hollywoodlegende: Jerry Bruckheimer, Jahrgang 1943, ist einer der erfolgreichsten Produzenten aller Zeiten. Zu Beginn seiner Karriere landete er mit seinem Partner Don Simpson Hits wie Beverly Hills Cop" oder Top Gun". Nach Simpsons Tod machte Bruckheimer alleine weiter und machte Talente wie Will Smith, Nicolas Cage oder Ben Affleck in Filmen wie Harte Jungs - Bad Boys", The Rock - Fels der Entscheidung", Armageddon" oder Pearl Harbor" zu Weltstars, um 2003 mit dem "Pirates of the Caribbean"-Franchise eine der erfolgreichsten Filmreihen aller Zeiten zu etablieren. Seit 2000 ist Bruckheimer mit Serien wie CSI" oder "Lucifer" auch im Fernsehen eine Macht. Nun kommt mit Bad Boys for Life" der überfällige dritte Teil des Franchise ins Kino. Im Sommer folgt Top Gun: Maverick".

Es ist ungewöhnlich, 17 Jahre zwischen dem zweiten und dritten Teil eines Franchise verstreichen zu lassen. Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass der Zug nicht abgefahren ist für die "Bad Boys"?

Jerry Bruckheimer: Die Kombination funktioniert einfach, sie ist zeitlos. Wenn Will Smith und Martin Lawrence in diesen Rollen auftreten, dann hat das eine echte Magie. Das war 1995 so, beim ersten Film, 2003 bei der Fortsetzung. Und es ist 2020 so. Deshalb habe ich Zuversicht, dass der dritte auch der erfolgreichste der drei Teile werden wird.

Als der erste Teil im Frühjahr 1995 an den Start ging, markierte er den Beginn eines furiosen Comebacks für Sie, nachdem Sie und Ihr damaliger Produktionspartner Don Simpson einige Jahre zu kämpfen gehabt hatten. Ist das einer der Gründe, warum "Bad Boys" speziell für Sie ist?

Jerry Bruckheimer: Es ist komisch, dass Sie das sagen. Ich habe das nie so gesehen, und es kam mir sicherlich auch nie so vor, als wären wir je weg vom Fenster gewesen. Wir haben konstant durchgearbeitet. Nur so war es uns möglich, 1995 drei Filme - neben "Bad Boys" noch "Dangerous Minds - Wilde Gedanken" und Crimson Tide - In tiefster Gefahr" - ins Kino zu bringen. Aber es stimmt, dass "Bad Boys" einen besonderen Platz in meinem Herzen hat. Das liegt aber an der außergewöhnlichen Kombination von Talenten, die wir zusammenbringen konnten. Will Smith und Martin Lawrence wurden durch den Film zu Kinostars. Das macht mich sehr stolz. Ich liebe diese beiden Kerle, sie zusammen auf die Leinwand zu bringen, erfüllt mich mit Freude. Es ist pure Chemie, wenn sie miteinander spielen. Und Michael Bay hatte seinen ersten Hit. Das machte es einzigartig und besonders.

Was ist Ihr Beitrag?

Jerry Bruckheimer: Ich habe sie zusammengebracht. Das ist alles. Das ist generell die Kunst meiner Profession. Wir machen gute Stoffe ausfindig, die uns elektrisieren. Dann suchen wir die besten Darsteller, die besten Regisseure und besten Autoren. Und wir unterstützen sie, dass sie aus einer tollen Idee einen noch tolleren Film machen.

Waren Sie nervös, als Sie nach so langer Zeit die Arbeit an dem dritten Film aufnahmen?

Jerry Bruckheimer: Dazu gab es keinen Grund. Es war pure Magie. Das ist der Grund, warum ich in diesem Geschäft bin und es so sehr liebe. Für solche Momente lebe ich. Und sehen Sie, es lag nicht an mir, dass es so lange gedauert hat. Tatsächlich haben wir ziemlich schnell nach dem zweiten Teil angefangen, Ideen zu entwickeln und auszuprobieren. Aber das ist alles müßig, wenn die Leute, die am Drücker sitzen, nicht mitziehen und keine Leidenschaft entwickeln. Sony war viele Jahre lang nicht interessiert, vielleicht auch, weil sie fanden, dass wir noch keine zündende Idee hatten. Als Tom Rothman das Studio übernahm, kam er auf mich zu und fragte mich, was ich von "Bad Boys 3" halten würde. Da nahm die Sache Fahrt auf. Wir brauchten noch eine Weile, bis wir das richtige Paket geschnürt hatten, aber von da an lief die Sache.

Gab es von Ihrer Seite Bestrebungen, Michael Bay wieder an Bord zu holen, mit dem die Reihe ebenso identifiziert wird wie mit ihren beiden Stars?

Jerry Bruckheimer: Ich habe bis zuletzt gehofft, dass es klappen würde. Michael war immer meine erste Wahl. Aber wie das in unserem Geschäft nun einmal so ist, oft kommt das Leben dazwischen. Er hat sich mit den Transformers"-Filmen eine Karriere geschaffen, für die er meine Rückendeckung nicht mehr braucht. Er zeigte Interesse an "Bad Boys for Life", entschied sich dann aber für 6 Underground", den er zu einem neuen Franchise aufzubauen hofft. Dafür habe ich Verständnis, wir sind befreundet. Also suchten wir nach einem Filmemacher, der ihm ebenbürtig ist und eine ganz eigene Handschrift mitbringt. Es wurde dann ein Filmemacher-Duo, eine ausgezeichnete Wahl.

Und Michael Bay konnten Sie immerhin für einen Cameo-Auftritt gewinnen.

Jerry Bruckheimer: Ich habe ihn angerufen und ihm gesagt, er habe "Bad Boys" geschaffen, er sei der Urvater des Erfolgs. Wenn er schon nicht selbst Regie führen könne, ob er nicht für einen Gastauftritt zur Verfügung stünde. Er war wegen "6 Underground" in Miami und schaute kurz vorbei. Alles ganz unkompliziert.

Erinnern Sie die beiden neuen Regisseure, Adil und Bilall, an Michael Bay, als er jung war und ganz am Anfang seiner Karriere stand?

Jerry Bruckheimer: Ganz richtig. Sie sind einerseits ganz anders, aber ihre Leidenschaft, ihre Begeisterung, ihr Antrieb und ihre kreative Energie erinnern mich durchaus an den jungen Michael. Sie sind genau das, was dieses Franchise gebraucht hat.

In der Pressekonferenz sagten Sie, dass Sie eine ganz neue Perspektive mitbrachten. Wie haben Sie das gemeint?

Jerry Bruckheimer: Sie kommen aus Belgien. Dadurch sehen sie Dinge ganz anders. Das ist eigentlich ganz selbstverständlich. Wenn meine Leute und ich durch Miami fahren, um nach den richtigen Drehorten zu suchen, haben wir jede Ecke schon hundertmal gesehen. Für sie ist alles neu und frisch. Sie können sich für Dinge begeistern, die wir nicht einmal mehr wahrnehmen. Wenn ich nach Deutschland komme, fahre ich auf Dinge ab, die Sie wahrscheinlich für ganz alltäglich halten.

In "Bad Boys for Life" erzählt Martin Lawrence die Geschichte eines Reiters auf einem Pferd, der auf die Frage, wohin er denn reite, antwortet, das müsse man das Pferd fragen. Wenn Sie der Reiter sind und Hollywood das Pferd: Wohin geht die Reise?

Jerry Bruckheimer: Als Produzent befinde ich mich in einer beneidenswert guten Lage. Noch nie war das Bedürfnis nach Content größer, noch nie gab es so viele verschiedene Plattformen, auf denen man filmisch Geschichten erzählen kann. Es sind nicht mehr nur die große Leinwand und das Fernsehen, die Produzenten zur Verfügung stehen, sondern auch Netflix und all die anderen Streamingdienste, deren Zahl noch zunehmen wird und die alle um Originalstoffe buhlen. Und mal sehen, was künftig noch alles exklusiv für den Smartphone-Bildschirm gemacht wird. Das ist gut für mich. Auch dahingehend, dass ich mit noch mehr kreativen Talenten arbeiten kann. Die Suche nach jungen Autoren, Regisseuren und Schauspielern hört nie auf. Ich finde das aufregend und sehr inspirierend.

Ist das einer der Gründe, warum Sie in den letzten Jahren nicht mehr ganz so viel für die große Leinwand produziert haben, wie es früher der Fall gewesen ist?

Jerry Bruckheimer: Nein, eigentlich ist unser Engagement fürs Kino gleichgeblieben. Es ist nur einfach schwieriger geworden, ein grünes Licht für die Projekte zu bekommen. Die Studios sind nicht so sehr an neuen Stoffen interessiert, sie setzen lieber auf bewährte Erfolgsformate.

Fällt es Ihnen leicht, sich mit neuen Plattformen anzufreunden. Sie waren zu Beginn des neuen Jahrtausends einer der ersten großen Filmproduzenten, die sich auch an Fernsehserien gewagt und gleich mit "C.S.I." einen Volltreffer gelandet haben, der das Medium Fernsehen verändert hat.

Jerry Bruckheimer: Mein Können ist es, einen Blick für Talent zu haben. Das ist im Kino so, das ist im Fernsehen so: Bei "C.S.I." haben wir darauf vertraut, dass William Peterson einen ausgezeichneten Serienhelden abgeben würde, und hielten große Stücke auf Autor Anthony E. Zuiker. Wir haben Danny Cannon als Regisseur den Rücken gestärkt, den damals niemand anstellen wollte. Wir waren von ihnen überzeugt. Das haben wir beim Sender mit Nachdruck kundgetan. Das ist mein Talent, das sind meine Stärken. Ich bin sehr überzeugend. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein belgisch-marokkanisches Regieduo ohne große Erfahrung einen so großen Film umsetzen darf. Das mussten wir Sony erst einmal beibringen.

Was sind aus Ihrer Warte die großen Veränderungen im Filmgeschäft?

Jerry Bruckheimer: Die gewaltige Vielfalt an Angebot, die heute gegeben ist. Als ich angefangen habe, gab es in den USA drei oder vier Fernsehsender. Und es gab das Kino. Das war's. Da war nicht viel, was man in diesem eng gesteckten Rahmen machen konnte. Heute gibt es 500 Kanäle, Streaming, Videogames... Sport ist ein großes Geschäft geworden. Es gibt unzählige Wege, die einen von dem Content ablenken könnten, den wir herstellen. Daraus ergibt sich nur eine Konsequenz: Unser Produkt muss noch besser werden. Man muss noch mehr Arbeit und Energie reinstecken, wenn man nicht untergehen will in der Flut an Angebot. Das ist man natürlich auch seinem Publikum schuldig. Nur wenn es zufrieden ist mit dem, was man ihm bietet, wird es wiederkehren.

Haben sich die Studios selbst verändert?

Jerry Bruckheimer: Nun, mittlerweile stehen große Korporationen hinter ihnen. Das macht den Umgang mit ihnen etwas anders. Aber im Grunde wollen sie immer noch das, was sie immer schon wollten. Es geht um Unterhaltung, das sein Publikum glücklich machen soll. Und da komme wieder ich ins Spiel. Ich muss sie nur überzeugen, die Filme zu machen, die auch ich machen will.

Wäre es früher vorstellbar gewesen, dass ein Film wie "Bad Boys for Life" im Januar in die Kinos kommt?

Jerry Bruckheimer: Es ist ein guter Termin, man kann mittlerweile in jedem Monat des Jahres große Filme starten. Natürlich sind wir involviert in die Findung des bestmöglichen Starttermins, aber im Grunde ist das Sache des Studios. Da sind sie die Spezialisten, das ist ihr Geschäft, das beschäftigt sie 24 Stunden am Tag.

Ihre Firma trägt zwar Ihren Namen, aber Sie sind kein Einzelgänger. Auch bei "Bad Boys for Life" sind wieder Chad Oman und Mike Stenson als ausführende Produzenten gelistet - die zwei wichtigsten Mitstreiter in Ihrer Company?

Jerry Bruckheimer: Beide sind großartig. Mike hat uns jetzt nach 20 Jahren verlassen, aber Chad ist immer noch da, arbeitet so hart wie immer. Er ist meine rechte Hand. Bei diesem Film spielte er eine tragende Rolle bei der Entwicklung mit den Autoren, er war vor Ort am Set, wenn es meine Zeit nicht zuließ. Wir sind ein Team. Keiner ist in der Lage, in diesem Geschäft alles allein zu stemmen. Es gibt immer wieder Leute, die glauben, dass sie es können. Aber ich weiß, dass zumindest ich es nicht kann. Man braucht ein Dorf, um das umzusetzen, was wir uns vorgenommen haben.

"Bad Boys for Life" ist als Produktion von Don Simpson Jerry Bruckheimer Films ausgeschrieben. Denken Sie oft an Ihren im Januar 1996 verstorbenen Produktionspartner zurück?

Jerry Bruckheimer: Ich habe Don immer gemocht und natürlich sehr geschätzt. Er war ein großartiger Geschichtenerzähler, ein einzigartiger Typ, absolut brillant. Ich vermisse ihn. Ich habe einen guten Freund verloren. Es macht mich bis heute traurig, dass ich ihn nicht mehr an meiner Seite weiß.

Fiel es Ihnen damals schwer, alleine weiterzumachen?

Jerry Bruckheimer: Klar war ich nervös. Ich war mir nicht sicher, ob ich das alleine kann. Aber wie Sie wissen, lief es dann recht gut.

Gibt Ihnen das Produzieren immer noch die gleiche Befriedigung wie in den frühen Tagen?

Jerry Bruckheimer: Ich liebe es.

Was genau?

Jerry Bruckheimer: Ich liebe den Umstand, dass wir ein großes Publikum weltweit unterhalten dürfen. Das ist es, was mir heute noch den Kick gibt. Ums Geld geht es mir schon lange nicht mehr. Davon habe ich genug gemacht. In meinem Leben hat es mir nie an etwas gemangelt. Aber wenn ich wie bei den Previews von "Bad Boys for Life" ganz hinten im dunklen Kino stehe und miterlebe, wie das Publikum mitgeht, klatscht, lacht, das ist mein ganzes Glück. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als die Menschen zu unterhalten. Wenn ich dazu beitragen kann, den Menschen zwei tolle Stunden zu bereiten, in denen sie nicht an das weinende Baby daheim oder ihren Chef denken müssen, dann bin ich zufrieden.

Hat sich der Geschmack des Publikums verändert?

Jerry Bruckheimer: Er verändert sich jede Minute. Konstant. Man darf sich nie zurücklehnen und glauben, man hätte den Dreh raus. Man weiß nie, was den Menschen als nächstes gefallen wird. Wenn Ihnen das jemand zu erzählen versucht, dann lügt er sich in die eigene Tasche. Ich mache Filme, die ich selbst sehen will, für die ich selbst ins Kino gehen würde. Irgendwann werde ich nicht mehr da sein, weil sich mein Geschmack vielleicht nicht mehr mit dem des Publikums deckt. Aber bisher war ich glücklich genug, sodass ich immer noch mit Ihnen in einem Raum sitzen und meinen neuen Film reden kann.

Was sind die Filme, die Sie gerne sehen wollen?

Jerry Bruckheimer: Das können ganz unterschiedliche Sachen sein, ich könnte mich da nicht festlegen. Ich weiß, das klingt vage, aber mich begeistern tolle Geschichten, tolle Figuren, tolle Themen. Wissen Sie, "Joker" habe ich geliebt. Ein großartig gemachter Film. 1917" hat mich mitgerissen, sehr innovativ.

Wie lange werden Sie noch weitermachen?

Jerry Bruckheimer: Bis man mich stoppt. Ich werde nicht ewig leben, aber so lange ich noch kann, will ich weitermachen. Wir haben noch viele Sachen im Köcher. "Tob Gun: Maverick" kommt im Sommer, da freue ich mich drauf. Wir machen Beverly Hills Cop 4" mit den Regisseuren von "Bad Boys for Life" für Netflix, nachdem Paramount abgewunken hat. Für Warner Bros arbeiten wir an einem neuen "The Wild Bunch" mit Mel Gibson als Regisseur. Ich weiß, ein großes Sakrileg, aber ich verspreche Ihnen, unser Film wird ganz anders, kein Western. Und ja, dann wollen wir mal sehen, wie sich "Bad Boys for Life" schlägt. Ich hätte nichts gegen einen vierten Teil. Die Figuren gäben das auf jeden Fall her.

Das Gespräch führte Thomas Schultze