Kino

KOMMENTAR: Hollywoodbeschimpfung

Der Monolog von Ricky Gervais zum Auftakt der 77. Golden Globe Awards war nicht jedermanns Sache. Zumindest im Auditorium sah man eingefrorene Gesichter. Vielleicht weil der britische Comedian wirklich nicht lustig war. Vielleicht aber auch, weil er die Finger so punktgenau in die klaffende Wunde des liberalen Hollywoods legte, dass den Anwesenden das Lachen buchstäblich im Hals stecken blieb.

10.01.2020 08:11 • von Barbara Schuster
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt: Film)

Der Monolog von Ricky Gervais zum Auftakt der 77. Golden Globe Awards war nicht jedermanns Sache. Zumindest im Auditorium sah man eingefrorene Gesichter. Vielleicht weil der britische Comedian wirklich nicht lustig war. Vielleicht aber auch, weil er die Finger so punktgenau in die klaffende Wunde des liberalen Hollywoods legte, dass den Anwesenden das Lachen buchstäblich im Hals stecken blieb: Wer geht schon zu einer launigen Preisverleihung, um sich dann von dem Moderator in einer Rede, die sich vor ein paar Jahren noch todsicher als Karrieresuizid erwiesen hätte, vorhalten zu lassen, man sei ein Heuchler. Die Gags von Gervais, die richtig tief ins Herz trafen, waren nicht die Gags über pädophile Priester, Jeffrey Epstein, Schauspieler, die sich Studienplätze für ihren Nachwuchs an Elite-Unis erkaufen oder Judi Dench: Was richtig weh tat, war Gervais' Anklage, all die wohlmeinenden moralischen und politisch aktivistischen Aufrufe bei Dankesreden seien Augenwischerei, solange die kreative Gemeinde kein Problem damit habe, für Auftraggeber wie Apple oder Disney zu arbeiten, die Teil des Problems und nicht der Lösung seien: Wenn das richtige Angebot käme, würde Hollywoods Elite auch für den IS vor die Kameras treten. Das saß.

Und war bei aller guter Absicht auch ein Schuss in den Ofen. Denn den lautesten Beifall für seine Hollywoodbeschimpfung erhielt Gervais sogleich aus dem Lager, von dem man eigentlich nicht ­beklatscht werden will. Für die reaktionäre Rechte war der Monolog ein ­gefundenes Fressen, wiederholte Ricky Gervais doch all die Talking-Points, mit der die Alt-Right über »liberale Eliten« ätzt. Natürlich übersehen sie, dass ­Gervais andernorts am allerhärtesten genau gegen sie ins Feld zieht. Und dass Heuchelei ganz bestimmt nicht von Hollywood gepachtet ist. Niemandem wird sich der Magen bei dem Gedanken, von Trumpistas und anderen unliberalen Kräften vereinnahmt zu werden, mehr umdrehen als Gervais selbst. Aber so ist das in unseren Zeiten unablässiger Empörung: Dass Gervais' ureigene Botschaft zutiefst human ist und auf unbedingten Prinzipien des Gleichheitsgedankens fußt, lässt sich leicht pervertieren, indem man kleine, aus dem größeren Zusammenhang gerissene Soundbites zu ­Memes und Gifs verarbeitet, die der jeweils eigenen Agenda in die Hände ­spielen. Ironischerweise wurde Gervais ja von der anderen Seite angegriffen, einzelne aktuelle Themen wie Harvey Weinstein nicht aufgegriffen zu haben, als würde das die geäußerte Kritik des MCs in irgendeiner Form entwerten. Ich sage es nicht zum ersten Mal, aber vielleicht sollte man es grundsätzlich wieder mehr mit der Botschaft versuchen, die Gervais' Serie Afterlife in jedem Moment ihrer Laufzeit regelrecht durchdringt: Try a little gentleness. Etwas Entspannung kann nicht schaden.