Kino

KOMMENTAR: Die goldenen Zwanziger

Die vielen Resümees für das letzte Jahr und damit das letzte Jahrzehnt sind gezogen, jetzt wird die neue Dekade ins Visier genommen. Warten goldene Zeiten auf die Film- und Kinobranche oder lassen sich im rasenden digitalen Wandel kaum noch Vorhersagen treffen?

06.01.2020 09:44 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Die vielen Resümees für das letzte Jahr und damit das letzte Jahrzehnt sind gezogen, jetzt wird die neue Dekade ins Visier genommen. Warten goldene Zeiten auf die Film- und Kinobranche oder lassen sich im rasenden digitalen Wandel kaum noch Vorhersagen treffen? Kein Magazin, kein Branchenblatt, das nicht in den letzten Wochen die 10er-Jahre resümiert hat. Für die Kinos lässt sich sagen, dass trotz aller Unkenrufe das Business nahezu auf Rekordniveau läuft. Die letzten Wochen des letzten Jahres mit seinen durchschlagenden Weihnachtshits von Disney & Co. haben tiefe Sorgenfalten glätten geholfen, die die (Programm-)Flut der neuen und alten Streamer verursacht hat. Beim Sprung ins nächste Jahrzehnt lässt sich vor allem konstatieren, dass das Wachstum der Bewegtbildbranche keine Grenzen kennt. Die Film- und Serienproduktion erlebt weltweit eine Hausse, die auch bei uns nicht mehr vom Bedarf der öffentlich-rechtlichen Sender eingegrenzt wird. Den Wunsch nach lokalen Inhalten äußern viele neue Player, die ihre Angebote im Netz attraktiv machen wollen. Weltweit erlebt das Kino seltene Rekordzahlen. Wie da in manchen Druckschriften Abgesänge auf den Ort oder die Kunstform angestimmt werden können, entzieht sich verständiger Kenntnis. Der Hunger nach Erzählungen und fiktionalem Content wächst beim Publikum mit jedem neuen Angebot. Noch nie waren wir von Bewegtbild auf so vielen Kanälen umgeben, das in jeder Darreichungsform vom Schnipsel auf Youtube bis zum Epos im Kino genutzt wird. Der Boom der Streamingangebote hat die anderen Medien verändert, aber die Nachfrage scheint mit dem Boom mitzuwachsen. Selten hat ein neues Medium bestehende ersetzt. Den Trägermedien droht dieses Schicksal. Erstmals gibt es große Kinofilme nur noch als Download und nicht mehr auf Silberscheiben gepresst. Für die Content¬erzeuger werden dabei nur die Nachfragewege ausgetauscht. Die Contentmittler müssen zusehen, dass sie selbst als Angebot oder Ort attraktiv bleiben, über ihr Programm oder ihr eigenes Serviceportfolio. Auch das gelingt schon beachtlich vielen. Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts kennzeichnen die große Zeit des deutschen Films, der mit Künstlern wie Lang, Murnau oder Lubitsch Weltgeltung hatte. Die 2020er Jahre sehen den deutschen Film bei marginaler Bedeutung. Zumindest auf unseren Leinwänden müssen die so vielfältig nachgefragten Produzent*innen Boden gut machen, denn von ihren Erfolgen hängt die Zukunft des Kinos ab. So wie die Fernsehsender mit lokalen Inhalten Millionen begeistern, gelingt das nur wenigen Filmen im Kino. Daran muss auch die Kino- und Filmförderung etwas ändern, wenn sie 2020 neu gefasst wird. Nicht mangelndes Publikumsinteresse entscheidet in den 20ern über die die Zukunft des Kinos sondern die Gestaltungskraft seiner Macher.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur