Kino

KOMMENTAR: Was sind schon zehn Jahre?

Ist es nicht kurios, dass es ein Film von 2010 ist, der das nun zu Ende gehende zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts am besten definiert? "The Social Network" von David Fincher ist so visionär, nicht einfach nur die Bedeutung von Facebook, Twitter, Instagram und Co. vorherzusehen, sondern auch die inhärenten Probleme der sozialen Netzwerke zu erkennen

19.12.2019 07:54 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Ist es nicht kurios, dass es ein Film von 2010 ist, der das nun zu Ende gehende zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts am besten definiert? The Social Network" von David Fincher ist so visionär, nicht einfach nur die Bedeutung von Facebook, Twitter, Instagram und Co. vorherzusehen, sondern auch die inhärenten Probleme der sozialen Netzwerke zu erkennen: Der Film analysiert, dass diese Dienste, die die Menschen angeblich zusammenbringen sollen, allzu leicht Instrumente der Trennung und des Dissens sein können. Weil, so "The Social Network", geschrieben von Aaron Sorkin, Zurückweisung und Demütigung die Triebfeder für Mark Zuckerberg waren, Facebook zu programmieren. Hier sind wir nun, zehn Jahre später, und können zurückblicken auf einen Film, der zeitlos ist und prophetisch zugleich, und stehen vor einer Welt, die unkontrolliert auseinander zu driften scheint.

Interessanterweise kam der Film, der sich für die gesamte Filmbranche als entscheidender Film des Jahrzehnts erwies, zwar bereits Ende 2009 ins Kino. Seine anhaltende Wirkung entfaltete er indes erst im Lauf des Jahres 2010: Ohne Avatar - Aufbruch nach Pandora" - der letzte Kinofilm übrigens, der in Deutschland mehr als zehn Mio. Besucher anlocken konnte - wären wir heute nicht, wo wir jetzt sind.

James Camerons visionärer Science-Fiction-Film machte die Digitalisierung der Kinos möglich und etablierte 3D als Hoff nungsträger, eine Technologie, mit der sich das Kino auf Sicht von kommender Konkurrenz abheben und sein Alleinstellungsmerkmal sichern sollte. "Besser ist besser", sagte Jeffrey Katzenberg damals in einem Interview mit Blickpunkt:Film. Wie wir wissen, ist das Kino ohne digitale Projektion heute undenkbar.

Sie hat verändert, wie Filme eingesetzt werden können, wie Kino programmiert wird. Was 3D betrifft, haben sich die hohen Erwartungen nicht so erfüllt, weil die Stereoskopie eben nicht nur eingesetzt wurde, um hochwertige Meisterwerke zu produzieren, sondern allzu viel Mittelmaß pseudo-veredelte, bis das Publikum sich wieder abwandte. Warten wir also ab, was die nächsten "Avatar"-Filme im neuen Jahrzehnt bewirken können.

Ausschließen kann man eine Renaissance von 3D nicht. Am Ende des Jahrzehnts ist Kino weiterhin eine treibende wirtschaftliche Kraft. Aber es ist nicht mehr allein. Nun haben auch Fernsehen und Video das Kino nicht, wie befürchtet, zerstört. Aber auch sie haben die Bedeutung von Kino verändert. Auch mit den Streamingdiensten ist Koexistenz möglich. Man muss nur erkennen, dass das Alleinstellungsmerkmal nur bedingt das Produkt, sondern das Erlebnis ist. Auf der Leinwand funktioniert der definierende Film des Jahres, "Joker", der den angedachten Schrecken von "The Social Network" in drastischen Bildern ausformuliert, am besten.

In diesem Sinne: Ein tolles neues Jahrzehnt. Und im Namen der Redaktionein frohes Fest und einen guten Rutsch.

Thomas Schultze, Chefredakteur