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Klaus Lintschinger: "Wir wollten keine Kompromisse eingehen"

Die ARD zeigt heute um 20.15 Uhr mit "Steirerkreuz" den dritten Landkrimi aus der Steiermark. Für den ORF sind die Kriminalfilme aus den verschiedenen Bundesländern längst zu einem großen Programmerfolg geworden. Im Gespräch mit Ressortleiter Klaus Lintschinger geht es um die Entwicklung dieser Marke, die Zusammenarbeit mit den deutschen Sendern und um am Rande auch um Skistar Marcel Hirscher.

12.12.2019 15:46 • von Frank Heine
Klaus Lintschinger, Ressortleiter Fernsehfilm beim ORF (Bild: ORF/Thomas Ramstorfer)

Seit 2014 zeigen Sie im ORF die Landkrimis. Was war die Ursprungsidee? In wieweit stand hier der ARD-"Tatort" Pate?

Klaus Lintschinger: Wenn es eine Inspiration gab, kam sie von den Regionalkrimis des BR. Ein tolles Modell. Die gab es schon als uns um 2012 ein steirischer Regionalkrimi als Verfilmung angeboten wurde. Wir fanden das interessant, zumal sich auch in der Literatur sehr viel in diesem Bereich getan hat. Schnell kam auch der Gedanke auf, etwas zu machen, dass über ein Unikat hinausreicht. Die Idee war, in jedem der neun österreichischen Bundesländer und dazu noch in Südtirol einen Krimi zu drehen. Es sollte eine Art Anthologie werden. Dass daraus mehrere Reihen entstehen würden, war keineswegs die Absicht. Unser Ziel war es, mit den Besten der Besten, die es in Österreich gibt, zusammenzuarbeiten. Das galt auch für Kinoschaffende, die sich zum Teil bislang nicht sonderlich fürs Fernsehen interessiert hatten. Wir sind die Filme so angegangen, als würden wir einen Regionalkrimi fürs Kino drehen.

Wie kam es zum Label Landkrimi?

Klaus Lintschinger: Den Begriff hat unser damaliger Fernsehfilmchef Heinrich Mis geprägt. Für uns war es sehr wichtig, diese Marke zu bilden, weil wir anders als deutsche Sender nicht die Kontinuität durch einen fixen Fiction-Termin haben wie etwa die ARD mit dem Mittwochsfilm oder das ZDF mit seinem Montagstermin. Mangels Schlagzahl haben wir so etwas nicht zu bieten. Um die Filme bei uns im Programm leichter zu finden, war der Markenname sehr wichtig.

Die Landkrimis wurden zu einem "Who is Who" der Kreativen. Sie haben bereits mit ganz großen Namen von Glawogger über Murnberger und Schalko bis Kren und Prochaska zusammengearbeitet. Vor der Kamera mit HaderMoretti oder Ofczarek. Ist das eine Frage des Geldes oder der filmischen Möglichkeiten?

Klaus Lintschinger: Da spielt eine andere Grundbedingung eine Rolle. Ursprünglich wollten wir bei den Landkrimis keine Koproduktionen mit dem Ausland eingehen. Wobei ARTE als Ko-Partner immer in Betracht kam. Sie sollten auf ein österreichisches Publikum ausgerichtet sein und - auch sprachlich - so deutlich verortet sein, dass es für ein Publikum in Deutschland kaum mehr verständlich wäre. Wir wollten keine Kompromisse eingehen und derart lokaltypische Geschichten erzählen, dass sie nur an den dafür vorgesehenen Orten spielen konnten. Das fanden auch viele Kreative reizvoll.

Inwieweit profitieren Sie dabei von den diversen Regionalförderungen, die es in Österreich gibt?

Klaus Lintschinger: Um das so konsequent durchziehen zu können, haben uns die durch den Fernsehfonds Austria und die Regionalförderungen ermöglichten Finanzierungsstrukturen sehr geholfen. Der Löwenanteil kam zwar schon vom ORF, aber wir konnten dann mit den geförderten Produktionsfirmen in Koproduktionen eintreten. So kamen konventionelle Fernsehfilmbudgets zusammen, ohne dass es einen deutschen Sender als Partner erfordert hätte.

Was heißt das? Bewegen sich die Landkrimis auf gleichem finanziellen Niveau wie die "Tatorte" des ORF?

Klaus Lintschinger: Ja, die Budgets sind sich sehr ähnlich.

Was gab den Ausschlag, schließlich an verschiedenen Schauplätzen doch Fortsetzungen zu drehen?

Klaus Lintschinger: Zunächst wollten wir von jedem Bundesland einen Film im Kasten haben, ehe wir uns mit Fortsetzungen befassten, und das haben wir auch geschafft. Uns hat selbst gut gefallen, was da alles in Bewegung kam. Von den Resultaten waren wir ohnehin überzeugt. Und dann hat das Publikum unsere Meinung geteilt. Von einem Termin zum nächsten wurden es immer noch mehr Zuschauer. Einmal hatten wir einen Landkrimi gegen ein abendliches Weltcup-Skirennen programmiert. Superstar Marcel Hirscher äußerte daraufhin sein Unverständnis, was da los sei, ob man jetzt Ski fahre oder Landkrimis schaue. Das war natürlich beste Werbung. Ein weiterer Grund war die positive Resonanz aus der Branche. Außerdem haben wir festgestellt, je genauer wir in der Regionalität sind, desto größer ist die Chance auf Internationalität. Der Kärntner Landkrimi Wenn Du wüsstest, wie schön es hier ist" hat beim Prix Europa den zweiten Preis gewonnen und Arte ist als Partner eingestiegen. Auf sein Publikum zuzugehen und dabei einen besonderen Qualitätsanspruch zu erfüllen, das steht dem ORF gut zu Gesicht.

Inzwischen sind auch die Degeto und das ZDF mit im Boot. Wie kamen diese Kooperationen zustande?

Klaus Lintschinger: Jenseits der Landkrimis gingen und gehen wir häufig und sehr gerne auf die deutschen Sender zu. Das sind lange anhaltende Partnerschaften. Die Degeto hat sich den ersten Krimi aus der Steiermark, Steirerblut" angesehen und war davon begeistert. Sie haben den Film gekauft und ein wenig nachsynchronisiert. Es wurde ein enormer Ausstrahlungserfolg. Von da an war das Interesse entfacht, auch beim ZDF, das zuvor schon durch unseren Kärntner Krimi, der auch auf dem Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden lief, auf die Landkrimis aufmerksam wurde.

Daraus wurde eine besonders nachhaltige Partnerschaft.

Klaus Lintschinger: Das ZDF hat sich auch all die anderen Landkrimis angesehen und einen ganzen Schwung gekauft. Daraufhin wurden sie zunächst beim neuen Salzburger Krimi "Das dunkle Paradies" unser Partner. Vor Kurzem haben wir zusammen den Tiroler Krimi "Das Mädchen aus dem Bergsee" und den Kärntner Krimi Waidmannsdank" abgedreht. Beabsichtigt ist außerdem, in Niederösterreich und in Salzburg gemeinsame Landkrimis zu machen. Bemerkenswert und erfreulich, dass bei diesen Filmen mit Catalina Molina, Mirjam Unger und Marie Kreutzer überwiegend Regisseurinnen tätig sind.

Die Vorteile der Kooperationen liegen auf der Hand, geringere Kosten, höhere Schlagzahl...

Klaus Lintschinger: Natürlich sind die Produktionen für den ORF dadurch erheblich kostengünstiger. Bei den Steirerkrimis hat sich auch die Schlagzahl erhöht. Da haben wir jetzt schon vier gemacht und es geht auch im nächsten Jahr wieder weiter.

Und wie gehen Sie mit der sprachlichen Barriere um?

Klaus Lintschinger: Wir drehen nach wie vor so, dass das österreichische Publikum die regionalen Unterschiede erkennt. Viele der Schauspieler müssen sich die regionalen Sprachfärbungen antrainieren. Wir teilen mit dem ZDF die Vision, dass diese Authentizität ganz wichtig ist. Durch die Einkäufe des ZDF, bei denen bereits sensibel nachsynchronisiert wurde, hat sich ein Modus eingestellt, der dazu dient, ein Sprachverständnis herzustellen. So gibt es zwei Fassungen, von denen eine wohl nur in Österreich durchgehend verständlich ist. Aber nicht unbedingt in ganz Österreich.

Hat die Zusammenarbeit mit den deutschen Sendern zufolge, dass nun verstärkt deutsche Kreative mitwirken?

Klaus Lintschinger: Hinter der Kamera ist das Personal in der Regel zu einhundert Prozent österreichisch. Die österreichischen Kreativen begreifen grundsätzlich auch den deutschen Markt als ihren Raum. Bei den Besetzungen sieht es etwas anders aus. Ein deutscher Co-Partner hat vielleicht den Wunsch, Schauspieler oder Schauspielerinnen unterzubringen, mit denen sie auch ans deutsche Publikum andocken können. So etwas unterstützen wir, aber nur im Rahmen der Authentizität.

In Deutschland gab es eine große Diskussion, wie viel Experiment im "Tatort" erwünscht sei. Wie halten Sie es damit? Wie sehr loten Sie die Grenzen des Genres aus?

Klaus Lintschinger: Wir wollen auf jeden Fall die jeweilige Handschrift der FilmemacherInnen sehen. Interessant war das Beispiel Michael Glawogger, der uns ja viel zu früh verlassen hat und einen der allerersten Landkrimis, Die Frau mit einem Schuh", gemacht hat. Er wusste vielmehr über das Fernsehen, als ich erwartet hatte. Und er dachte, er müsse sich jetzt den TV-Konventionen, der Fernsehdramaturgie anpassen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir wollen, dass ein Filmemacher seine Eigenheiten beibehält und dadurch etwas Besonderes entsteht, das sich deutlich von dem unterscheidet, was es ansonsten im Bereich Kriminalfilm zu sehen gibt. "Die Frau mit einem Schuh" war für viele andere FilmemacherInnen der Augenöffner dafür, was bei uns möglich ist. Sehr modern zu erzählen und dabei ein großes Publikum mitzunehmen. Wir hatten 28% Prozent Marktanteil in der Zielgruppe.

Im Dezember feiern die Landkrimis fünfjähriges Sendejubiläum. Wie schaut denn die Jubiläumsstrecke aus?

Klaus Lintschinger: Steirerkreuz" machte am 3. Dezember den Anfang, am 10. Dezember folgt der neue Salzburger Krimi "Das dunkle Paradies" und am 5. Jänner "Das nächste Problem" mit der besonderen Kombination, Drehbuch Daniel Kehlmann, Regie Karl Markovics und Produktion David Schalko und John Lueftner.

2016 gesellten sich dann zu den Landkrimis die Stadtkomödien. Ist das im Grunde das gleiche Modell?

Klaus Lintschinger: Das ist ein von Programmdirektorin Kathrin Zechner initiiertes Komplementärprojekt, dessen Markenprinzip genauso gut funktioniert. Pro Jahr machen wir zwei bis drei Stadtkomödien. Und ständig kommen neue Schauplätze hinzu, wobei die Zahl der größeren Städte in Österreich natürlich endlich ist. Klagenfurt, St. Pölten und Eisenstadt waren neben Wien schon im Einsatz. Wir planen gerade Innsbruck und Graz.

Curling für Eisenstadt" lief ja erst kürzlich in der ARD. Ist da eine ähnliche Entwicklung wie bei den steirischen Krimis denkbar?

Klaus Lintschinger: Das war ohnehin schon eine Koproduktion mit dem MDR. Geschenkt", die Geschichte aus St. Pölten, war eine Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk und wird am 18.12. in der ARD zu sehen sein. Da waren wir von vornherein offener für Partnerschaften, weil diese Filme nicht so stark durch das Sprachliche geprägt sind.

Die Koproduktionen mit ARD und ZDF haben eine lange Tradition und florieren weiterhin. In wie weit ergeben sich durch die neuen Player für den ORF weitere Möglichkeiten?

Klaus Lintschinger: Früher haben wir auch mit Sat1 und RTL zusammengearbeitet. In einzelnen Bereichen - Stichwort: Serie - flammt das wieder auf, wie zuletzt bei der Neuverfilmung von M - Eine Stadt sucht einen Mörder" mit der RTL Mediengruppe. Darüber hinaus haben wir weitere Koproduktionssituationen vorgefunden und auch bedient, etwa mit Netflix bei Freud". Das wird man im nächsten Jahr zu sehen bekommen. Außerdem haben wir gerade die Filme drei und vier von insgesamt sechs über "Maria Theresia" in Koproduktion mit Tschechien, der Slowakei und der Beta Film realisiert. Wir haben damit Quoten wie vor 20 Jahren erreicht, und das mit einer babylonisch gedrehten Produktion. Als österreichisch-deutsch-englische Koproduktion entstand "Vienna Blood". Das sind historische Krimis, die auf den Romanen des britischen Autors Frank Tallis beruhen, die wir auf Englisch gedreht haben. Der erste Film war auf BBC2 der erfolgreichste Film des Jahres am Sendeplatz. Bei uns startet der erste von drei Filmen, "Die letzte Séance", am 20. Dezember. Regie führte Robert Dornhelm, der zweite und der dritte stammen von Umut Dag. Das ZDF zieht im kommenden Jahr nach. Im Hochglanz-Eventbereich waren wir immer von Koproduktionen abhängig. Das geht jetzt auch in diesen neuen Konstellationen weiter.

Das Interview führte Frank Heine.