Kino

KOMMENTAR: Noch einmal mit Gefühl

Nein, es werden im nächsten Jahr nicht nur noch kommunale Kinos existieren. Das Kino leibt und lebt, egal was auf geduldiges Zeitungspapier gedruckt wird. Kino behauptet sich auf Milliardenniveau, verteidigt locker seinen hohen Rang in der Gunst des Publikums und wird obendrein immer stärker auch von der Politik wichtig genommen.

12.12.2019 08:14 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Nein, es werden im nächsten Jahr nicht nur noch kommunale Kinos existieren. Das Kino leibt und lebt, egal was auf geduldiges Zeitungspapier gedruckt wird. Kino behauptet sich auf Milliardenniveau, verteidigt locker seinen hohen Rang in der Gunst des Publikums und wird obendrein immer stärker auch von der Politik wichtig genommen. Fast ist es, als wäre das Kinojahr 2018 ein böser Traum gewesen. Die satten Rückgänge beim Umsatz und bei den Besuchern werden dieses Jahr mehr als wettgemacht werden. Seit Herbstbeginn und in dieser schönen Vorweihnachtszeit klingeln die Kassen der Kinos so süß wie lange nicht. Ob der "Joker" oder Das perfekte Geheimnis", ob in den Arthäusern "Parasite" oder Systemsprenger", die neuen Kinofilme verfügen über genug Anziehungskraft, damit sich auch das intensiv beargwöhnte junge Publikum auf den Weg dorthin macht. Vor allem hat Disney in diesem Jahr geliefert. Mag sein, dass es nicht das beliebteste Studio bei den Kinobetreibern ist, aber Disney hat ohne Zweifel dieses Kinojahr gerettet. Fast jeder Film hat Bestzahlen geschrieben, weit mehr als ein Viertel des Boxoffice 2019 hat Disney erwirtschaftet mit Megahits wie Avengers: Endgame", "Der König der Löwen" oder Die Eiskönigin 2", die manche lieber nur Schiene gespielt hätten. Und der Höhepunkt der Star Wars"-Saga startet erst, um zusammen mit Cats" und dem neuen Film von Caroline Link über die Weihnachtstage für eine Besucherrallye in den Kinos zu sorgen.

Genau betrachtet stünde eigentlich alles zum Besten, wenn sich nicht im Bildhintergrund das Geschäft mit Bewegtbild ungebrochen radikal verändern würde. Natürlich ist es an den Kinos, den Ausflug vor ihre Leinwände und das Erlebnis in ihren Hallen so attraktiv und angenehm wie möglich zu gestalten. Natürlich rüsten die Streamer auf und werden 2020 mit vielen neuen Angeboten die Konsumenten zu ihren Abonnenten machen wollen. Die Faszination der großen Leinwand wird trotzdem auf Jahre hinaus wirken. Auch wenn sich die Kinoverbände in direkter Konkurrenz mit den Streamern wähnen, so ist das ein Irrtum. Für die Mainstreamkinos werden auch in Zukunft genügend aufregende Leinwandspektakel produziert werden, um ihre Häuser zu füllen. Anders sieht es bei den Programmkinos aus. Die großen Kinofilme von einst entstehen heute für die Streamer. Das zeigen die Nominierungen für die Golden Globes ganz deutlich: Von fünf "Besten Filmen" stammen drei von Netflix. Pragmatische Kinobetreiber im Programmkino- oder Arthouse-Bereich tragen dem längst Rechnung und spielen einfach mit. Pragmatismus und Kundennähe sind auch das Überlebensrezept für die nächsten Jahre. Für gute Filme kommen die Leute auch in Zukunft ins Kino. Wer sie den Kinos liefert, ob die Studios wie bisher, ob der deutsche Film wie bisher zu selten, oder gar die Streamer, ist dabei erst in zweiter Linie wichtig.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur