Kino

Globe-Geschichte wird gemacht

Nach den Nominierungen für die 77. Golden Globe Awards gibt es keinen Zweifel: Die Streamer dominieren jetzt auch die zweitwichtigste Preisverleihung in Hollywood.

10.12.2019 07:47 • von Jochen Müller
Scarlett Johansson und Adam Driver sind für ihre Rollen in "Marriage Story" für einen Golden Globe nominiert (Bild: Netflix (Filmwelt))

Die Hollywood Foreign Press Association (HFPA) hat immer schon nach ihrem eigenen Rhythmus getanzt. Wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, muss man nur einen Blick auf die aktuellen Nominierungen für den besten Animationsfilm werfen: Obwohl "Der König der Löwen" bei Disney als Realfilm behandelt wurde und sicherlich auch nicht als Animationsfilm eingereicht wurde, hat die Vereinigung der Hollywood-Auslandspresse selbst kurzerhand entschieden, dass sie Jon Favreaus komplett im Computer entstandenen Film aber genau als das erachtet und entsprechend auch neben den erwarteten Titeln in der Animations-Kategorie nominierte. Dass Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" nicht als Drama gewertet wird, sondern in der Sparte Komödie/Musical geführt wird, ist eine weitere Petitesse, die einem zumindest ein Schmunzeln abringt. Aber natürlich sind das nur Randnotizen.

Denn wenn die Nominierungen für die 77. Golden Globe Awards am 5. Januar 2020 eines deutlich machen, dann ist es der Fakt, dass die Streamer nunmehr nicht mehr nur Player am Rand bei der Oscarsaison sind, sondern den Ton angeben. Netflix allein brachte es auf 34 Nominierungen, sowohl in der Film- wie auch in der Fernsehsparte. Mit Marriage Story" stellt der Streamer auch den Titel mit den meisten Nominierungen. Sechs Preise könnte das gefeierte Drama, das seit vergangener Woche weltweit bei dem Streamer abrufbar ist, gewinnen. Kurioserweise schaffte es ausgerechnet Regisseur Noah Baumbach nicht in die Auswahl - aber immerhin ist er als Drehbuchautor vertreten. Mit The Irishman" und dem überraschend stark vertretenen Die zwei Päpste" stellt Netflix überdies zwei weitere Beiträge in der Kategorie Bestes Drama. Mit "Joker" und 1917" füllen zwei Studioproduktionen das Feld. Wenigstens in der Kategorie "Beste Komödie/Musical" finden sich neben einem weiteren Netflix-Titel, Dolemite Is My Name", und dem Paramount-Film Rocketman" mit Jojo Rabbit" und Knives Out" zwei Independentproduktionen.

Im Fernsehbereich darf sich von den Streamern nicht nur Netflix freuen, die hier mit The Crown", The Kominsky Method", "The Politician" und "Unbelievable" auffallend vertreten sind, auch Prime, Hulu und - erstmals! - AppleTV+ (mit seiner Serie "The Morning Show") sind: Insgesamt kommen die Streamer auf 61 Nominierungen, die höchste Zahl bislang. Nun muss sich natürlich noch zeigen, ob sie sich auch durchsetzen können. Die Konkurrenz ist stark, und gerade im Filmbereich muss sich zeigen, inwiefern die HFPA sich nicht doch noch den klassischen Filmstudios verbunden fühlt. Zumal eine hohe Anzahl von Nominierungen - hinter "Marriage Story" brachten es "The Irishman" und "Once Upon a Time in...Hollywood" jeweils auf fünf Nennungen - nicht automatisch heißen muss, dass besagter Film siegreich hervorgehen wird. Gerade in diesem Jahr steht nur fest, dass eigentlich nichts feststeht. Es gibt keinen klaren Favoriten, keinen Film wie in vergangenen Jahren ein "The Revenant" oder ein La La Land" oder "Moonlight", die zumindest das Narrativ bestimmten. Und selbst im letzten Jahr, als "Green Book" auf den letzten Metern "A Star Is Born" und Roma" den Wind auf den Segeln nahm, gab es klarere Favoriten. In diesem Jahr scheint alles möglich: Ein Durchmarsch von "The Irishman" oder "Marriage Story", ein überraschendes Finish von "Joker", ein plötzliches Erstarken von "Jojo Rabbit", dem Gewinner des Publikumspreises in Toronto, ein langer Atem von "Once Upon a Time in... Hollywood", oder sogar eine Überraschung wie "Parasite", der bei den Globes nur als bester femdsprachiger Film nominiert wurde, aber anschließend bei den Oscars vielleicht eine größere Rolle spielen könnte - immerhin haben die Filmkritiker von Los Angeles auf ihren Platz eins gesetzt.

Aber aktuell, unmittelbar nach den Nominierungen zu den Globes, sind die möglichen Gewinner weniger Gesprächsstoff als die, die von der HFPA vermeintlich übergangen wurden: Natürlich fällt sofort auf, dass es keine Filmemacherin in die Gruppe der fünf auserwählten Regisseure geschafft hat. Einmal mehr ist es ein reines Männerfeld. Hier findet sich neben Quentin Tarantino, Martin Scorsese und Sam Mendes auch "Parasite"-Regisseur Bong Joon-ho, was doch einiges aussagt über die Chancen seines Films bei den fremdsprachigen Filmen (wo sich mit "Die Wütenden" und Porträt einer jungen Frau in Flammen" gleich zwei französische Filme finden), sowie "Joker"-Mann Todd Phillips, der wohl die größte Überraschung in diesem Feld ist. Allesamt sind sie würdige Vertreter, aber es war eben auch ein sehr starkes Jahr für Regisseurinnen. So fällt es eben auf, dass Namen wie Lulu Wang, Lorene Scafaria, Kasi Lemmons und Céline Sciamma übergangen wurden, obwohl ihre aktuellen Filme in anderen Kategorien sehr wohl Nominierungen erhielten. Dazu kommt noch, dass die weithin gefeierte Miniserie "Now They See Us" von Ava DuVernay ohne Nominierung blieb - der wohl auffälligste "Snub" der diesjährigen Globes, sieht man einmal davon ab, dass Robert De Niro es für seine Leistung in "The Irishman" nicht ins Darstellerfeld geschafft hat (er aber wenigstens als Produzent des Films nominiert ist), der Festivalhit Uncut Gems" und sein gefeierter Star Adam Sandler ausgeschlossen wurden und auch Clint Eastwoods Geheimtipp Richard Jewell" fast keinen Niederschlag fand. Am Ende des Tages ist es so, dass es nur eine gewisse Anzahl von Nominierungen gibt und entsprechend manche Favoriten enttäuscht werden müssen. Aber dass weibliche Filmemacher überhaupt nicht gewürdigt werden, da sollte die HFPA doch noch einmal in sich gehen.

THOMAS SCHULTZE