Kino

"The Favourite" räumt bei European Film Awards ab

Großer Gewinner bei den 32. European Film Awards war "The Favourite" von Yorgos Lanthimos. Er gewann gleich vier Preise. Nicht nur den Hauptpreis als "European Film" holte sich die respektlose Sittenkomödie, Olivia Colman wurde als beste Darstellerin geehrt, Yorgos Lanthimos gewann für die Regie, der Film selbst wurde zudem zur besten europäischen Komödie des Jahres gewählt. "Systemsprenger" ging leer aus. Achim von Borries kündigte Staffel vier von "Babylon Berlin" an.

07.12.2019 21:48 • von Barbara Schuster
"The Favourite" wurde favorisiert (Bild: Fox)

Großer Gewinner bei den 32. European Film Awards war "The Favourite - Intrigen und Irrsinn" von Yorgos Lanthimos, der vergangenes Jahr bereits in Venedig den Großen Preis der Jury erhielt und seither etliche weitere Preise abräumen konnte. Er wurde "European Film 2019" und beste europäische Komödie gleichzeitig. Zudem wurde Lanthimos als bester Regisseur ausgezeichnet, Hauptdarstellerin Olivia Colman erhielt die Statue als beste Schauspielerin und stach damit u.a. Helena Zengel aus, die für Systemsprenger" nominiert war (der Film von Nora Fingscheidt hatte auch Chancen auf den Hauptpreis). Da weder Lanthimos noch Colman anwesend sein konnten, nahm einer der Produzenten die vielen Preise entgegen. Rechnet man die bereits bekannt gegebenen Excellence Awards mit ein (wir berichteten), hat "The Favourite" gesamt sogar acht Preise gewonnen (Schnitt, Kamera, Kostüm, Hair & Makeup kommen noch dazu).

Die Auszeichnung für das beste Drehbuch ging an Céline Sciamma für ihre feinfühlige Liebesstory "Porträt einer jungen Frau in Flammen", mit dem sie bereits in Cannes - in gleicher Kategorie - gewinnen konnte. Aufgrund des Streiks in Frankreich, schaffte es die französische Filmemacherin nicht nach Berlin.

Der dänische Schauspieler Claes Bang, 2017 für "The Square" beim europäischen Filmpreis honoriert, verkündete extrem charmant im Bett (auf der Bühne) den diesjährigen besten Schauspieler und sprach dabei sogar kurz fließend Deutsch, als er Alexander Scheer im Publikum ausriefen ließ. Leider ging Scheer schließlich leer aus - Kollege Antonio Banderas zog für seine starke, bereits in Cannes prämierte Performance in Leid und Herrlichkeit" an ihm und den anderen nominierten Kollegen (neben Scheer auch Jean Dujardin, Pierfrancesco Favino, Levan Gelbakhiani und Ingvar E Sigurdsson) vorbei. Da Banderas nicht nach Berlin kommen und nur per Video seinen Dank kundtun konnte, nahm sein Regisseur, Pedro Almodóvar, den Preis entgegen.

For Sama", der fünf Jahre einer jungen Frau im syrischen Bürgerkrieg folgt, die mit der Liebe, dem Krieg und der Mutterschaft kämpft, sahnte den Preis als bester Dokumentarfilm ab.

Als European Discovery 2019 wurde "Die Wütenden - Les Misérables" von Ladj Ly gewürdigt, der auch als bester europäischer Film nominiert war.

Von den vier nominierten Animationsfilmen - Salvador Simós Bunuel im Labyrinth der Schildkröten", Jérémy Clapins J'ai perdu mon corps", Anca Damians "Marona's Fantastic Tale" und "Les hirondelles de Kaboul" von Zabou Breitman und Éléa Gobbé-Mévellec - setzte sich schließlich der spanische Beitrag "Bunuel im Labyrinth der Schildkröten" durch, der u.a. beim renommierten Annecy International Animated Film Festival bereits den Jury Award gewonnen hat.

Den European Film Award für den besten Kurzfilm gewann "The Christmas Gift" von Bogdan Muresanu.

Zum ersten Mal vergab die Europäische Filmakademie auch eine Auszeichnung an die beste europäische Serie. Mit dem European Achievement in Fiction Series Award wurde, wie bereits im Vorfeld bekanntgegeben, die von X Filme in Koproduktion mit Beta Film für ARD und Sky produzierte Serie Babylon Berlin" geehrt, deren dritte Staffel Ende Januar Premiere feiert. In seiner Dankesrede kündigte Achim von Borries eine vierte Staffel an.

Eine sehr bewegende Rede hielt Ehrenpreisträgerin Juliette Binoche, die den Preis aus den Händen von Claire Denis entgegennahm. Binoche wies auf die große Krise hin, in der sich die Welt aktuell befindet und die dadurch steigende Bedeutung der Kunst. "Man fragt sich schon, ob all diese Preise überhaupt ok sind, während unsere Welt auf eine Sackgasse zusteuert", so Binoche. Sie hielt ein Plädoyer dafür, aufrichtiger zu sein, bessere Zuhörer zu werden, liebenswürdiger zu sein. "Als ich 14 Jahre war, sah ich im Theater ein Stück von Peter Brook. Am Ende standen wir alle auf und klatschten. Die Freude, die ich spürte, war so groß! Und in dem Moment wusste ich: Diese Freude will ich ebenfalls geben. Genau das ist Kunst: Dem Publikum, der Welt diese Freude vermitteln. Und ich kann nur allen Schauspielern raten, die Rollen genau auszuwählen. Ihr tragt eine Verantwortung, ihr habt die Wahl in dem, was ihr der Welt vermittelt."

Den Lifetime Achievement Award nahm Werner Herzog entgegen - wobei die sein Leben zusammenfassende, von einer Sopranistin im symbolischen Fitzcarraldo-Boot gesungene Arie (von Dietrich Brüggemann komponiert) wirklich ein großer, unterhaltsamer Moment des Abends war. Tiefgründig wurde im Anschluss Laudator Wim Wenders, der die Bühne mit den Worten betrat: "I cannot do opera, I only can do Rock'n Roll" - und im Sinéad O'Connor-Song weiter: "Because nothing compares, nothing compares to you." "You are indeed one hell of a filmaking genius!" Herzog, der nach Wenders' wunderbarer Rede mit feuchten Augen und sichtlich bewegt auf die Bühne kam, sagte, dass er immer ein guter Soldat für das Kino sein wollte und immer noch versucht, zu sein. In seiner Rede sagte Herzog, dass sich der europäische Film glücklich schätzen kann, über keinen einheitlichen Stil zu verfügen. Und dass dennoch aufgrund einer europäischen Solidarität und Kooperation heraus auch kleine Länder wie Dänemark oder Rumänien plötzlich mit phänomenalen Filmen hervortreten. "Ich lebe nicht in Europa, ich lebe in L.A. und sehe deshalb gewisse Dinge mit schärferem Profil, von außen: Es kommen viele Beschwerden aus Deutschland und anderen Ländern darüber, dass die Europäische Union in einem schlechten Zustand sei. Ich sage: Lasst sie, wie sie ist! Denn wenn ich an Europa denke, denke ich immer an Frieden. Ich erinnere mich an die Hippie-Zeit, als Blumen vorne in die Gewehre gesteckt wurden, oder an Filmemacher, die dachten, mit Meditation Frieden zu schaffen. Das funktioniert aber alles nicht. Weltfrieden erreicht man anders. Deshalb hat die Europäische Union einen sehr speziellen Wert. Es ist ein Friedensprojekt, das praktiziert wird - und das funktioniert! Sie ist das größte Friedensprojekt, das jemals existiert. Das sollten wir hochhalten und schätzen!"

Der EFA People's Choice Award ging an "Cold War - Der Breitengrad der Liebe", der im letzten Jahr der große Gewinner bei den European Film Awards war.

Vor der Vergabe der Excellence Awards, die bereits im Vorfeld bekannt gegeben wurden, kam Mike Downey, neuer Chairman der European Film Academy, auf die Bühne, der ein Plädoyer für die absolute Freiheit der Kunst hielt und in diesem Zuge den im Publikum sitzenden Oleg Sentsow zu sich bat, der mit Standing Ovations gefeiert wurde. Der ukrainische Filmemacher verbrachte vier Jahre in Haft und kam erst im September bei einem Gefangenenaustausch frei. Gleichzeitig kündigte Downey die neue Einrichtung "International Coalition for Filmmakers at Risk" an, die sich für politisch verfolgte Filmemacher*innen und die Einhaltung der Freiheit der Kunst einsetzt. Die Organisation wurde in Kooperation mit den Festivals IDFA und IFFR ins Leben gerufen.

Durch den Abend führte - mit viel Witz und Verve- das Damen-Duo Aiste Dirziute und Anna Brüggemann durch den Abend.