Produktion

"Wir müssen das große Ganze sehen"

Von brach liegenden Fördertöpfen über Ausnahmen vom Mindestlohn als Reaktion auf den Fachkräftemangel und fehlende Geschäftsmodelle für innovative Erzählformen bis hin zur Befreiung der FFA von diversen Aufgaben: Beim Münchener Forum der Filmwirtschaft wurde mit interessanten (und teils kontroversen) Thesen nicht gegeizt.

06.12.2019 07:30 • von Marc Mensch
Mathias Schwarz warf ein Schlaglicht auf etliche Herausforderungen, denen sich die Branche zu stellen hat (Bild: Forum Media/ab-bild.de)

Vor allem der bayerischen Film- und TV-Branche dürften sie seit Jahren vertraut sein: die Erlebnisse von Produzentin Maria Taubenblau. Ein Name, hinter dem sich die ebenso launige wie informative (und hier nur auszugsweise wiedergegebene) Zusammenfassung aktueller und kommender Branchenthemen verbirgt, mit denen Mathias Schwarz (SKW Schwarz) schon traditionell zum Münchner Forum der Filmwirtschaft aufwartet.

Besonderes Gewicht lag in diesem Jahr auf erheblichen steuerrechtlichen Problemen im Zusammenhang mit nationalen und internationalen Koproduktionen. Denn wo man seitens der Produzentenschaft einst darauf vertraut habe, dass der Medienerlass des Bundesfinanzministeriums (nur) Medienfonds betreffe, würden die Finanzbehörden bei Betriebsprüfungen nun eine "harte Haltung" hinsichtlich der Behandlung von Koproduktionen zeigen. Die damit verbundenen Probleme auch nur im Ansatz zu schildern, würde den Rahmen sprengen, insofern sei nur darauf verwiesen, dass die Produzentenallianz nach Angaben von Schwarz ein Modell für einen "minimal invasiven Umgang" mit der überraschenden Rechtsauffassung erstellt habe. Nachzufragen dürfte sich für (potenziell) betroffene Produzenten also allemal lohnen.

Beschäftigen wird die Branche im kommenden Jahr natürlich nicht zuletzt die Novellierung des Filmförderungsgesetzes. Zwar gilt die aktuelle Fassung noch bis Ende 2021, aber vor dem Hintergrund des traditionell eher langwierigen Prozesses (und der spätestens im Herbst 2021 anstehenden Bundestagswahl) ist an dieser Stelle keine Zeit zu verlieren. Einen ersten Arbeitsentwurf der BKM erwartet man noch vor der kommenden Berlinale. Schwarz bekräftigte dabei, was schon aus Reihen der Koalitionsfraktionen verlautete: Zuallererst werde es bei der Novellierung um die Mittel gehen. Denn wie die (wenngleich durchaus als "worst case" titulierte) Evaluierungsstudie aufzeige, sei für die Laufzeit des kommenden FFG eher mit sinkenden Einnahmen aus der Filmabgabe zu rechnen. Nicht zuletzt deshalb, weil der "dramatische Einbruch" beim physischen Home-Entertainment-Geschäft nicht durch die Abgaben neuer Verwerter kompensiert werde.

Ansätze, mit der prognostizierten Situation umzugehen, gibt es einige - in diesem Zusammenhang sei vor allem auf den exklusiven Beitrag von Martin Rabanus und Björn Böhning verwiesen. Wo diese explizit die Herauslösung von German Films aus dem FFA-Topf anregten, stellte Schwarz die Frage in den Raum, ob beispielsweise die (zweifelsohne wichtige) Rettung des Filmerbes eine Aufgabe sei, die bei der FFA angedockt sein müsse. Indes sei es schon angesichts des "komplexen Konstrukts" des diesbezüglichen Förderprogramms "höchst fraglich", ob man seitens der Politik den Cut wage. Unsicher zeigte er sich auch, ob der Gesetzgeber den Mut aufbringe, Forderungen wie jene aufzugreifen, die Sender sollten mehr Barmittel aufbringen, anstatt einen Gutteil ihres Beitrages über Medialeistungen abzugelten.

Was die Verteilung der Mittel anbelangt, verwies auch Schwarz auf den breiten Branchenkonsens, die Herausbringungsförderung zu stärken, was HFF-Präsidentin Bettina Reitz mit dem (späteren) Einwurf "Produktion alleine reicht einfach nicht, wenn man keine Strategie und Mittel für eine Herausbringung hat!" unterstrich. Er warnte jedoch davor, einen solchen Schritt zulasten der Produktionsförderung zu gehen (auch in diesem Kontext spielt eine mögliche Entlastung der FFA um einzelne Aufgaben natürlich eine Rolle). Während sich die Produzentenschaft in dieser Frage einig sei, gebe es allerdings nach wie vor sehr unterschiedliche Ansichten über eine Neugewichtung bei der Verteilung von Projektfilm- und Referenzförderung. Vor allem aber müsse es darum gehen, die Erlössituation der Produzenten zu verbessern - ein Thema, bei dem die Produzenten mit ihren Vorstößen nicht nur Zustimmung ernten. So bekräftigte der VdF bei seiner Jahreshauptversammlung gerade erst wieder seine Ablehnung des sogenannten Erlöskorridors. Wobei laut Schwarz auch differenzierte Modelle zur Debatte stünden, darunter eine Pro-rata-Lösung, die hohe Minimumgarantien bzw. Vorkosten des Verleihs berücksichtigen könne.

Indes steht die FFG-Novelle nicht für sich alleine. Vielmehr soll sie in eine umfassendere Reform eingebettet sein, die auch Instrumente wie den DFFF I und II sowie den GMPF umfassen soll. In diesem Zusammenhang verwies Schwarz auf das nach wie vor nicht gelöste Problem der (zu) hohen Einstiegshürden beim DFFF II. Nach einem "schwachen Start" für das Instrument habe es zwar Verbesserungen im Detail gegeben, aber eine notwendige große Richtlinienänderung stünde noch aus. Wobei "schwacher Start" noch durchaus euphemistisch formuliert ist. Denn nach Auskunft der BKM war zwischen dem Inkrafttreten des DFFF II im Sommer 2017 und Anfang Februar 2019 genau ein (!) Projekt aus diesem Topf gefördert worden, zwei weitere vorliegende Anträge waren Anfang dieses Jahres demnach "noch nicht entscheidungsreif" (wir berichteten exklusiv).

Insbesondere hinsichtlich der VFX-Förderung werde der DFFF II laut Schwarz nach wie vor nur "sehr zögerlich angenommen", weswegen der Vorschlag im Raum stehe, innerhalb des DFFF-II-Gesamtetats von 75 Mio. Euro pro Jahr einen eigenen Fördertopf für Animation und VFX abzuspalten. Wo der DFFF II nach Brancheneinschätzung (meilen)weit davon entfernt ist, ausgeschöpft zu werden, bewähre sich allerdings die wechselseitige Deckungsfähigkeit mit DFFF I und GMPF. Denn gerade bei letzterem übersteigt die Nachfrage den Topf von 15 Mio. Euro deutlich. Schon zum jetzigen Zeitpunkt waren auf der Website der FFA für das laufende Jahr Bewilligungen gelistet, die sich auf knapp 17 Mio. Euro summierten.

In Sachen DFFF II meldete sich auch Daniel Curio als Leiter des Referats für Audiovisuelle Medien im bayerischen Digitalministerium zu Wort. Auch er mahnte an, die Schwellen zu senken, weil derzeit kaum ein Projekt genehmigungsfähig sei. Was dann doch gefördert werden könne, spiele sich beinahe ausschließlich in Babelsberg ab. Für Curio ein klares Signal für eine Überarbeitung der Richtlinie, die übrigens noch im kommenden Jahr erfolgen müsse. Denn die aktuelle Förderrichtlinie (genauer gesagt: die auf ihr basierende Maßnahme) ist bis 31. Dezember 2020 befristet. Curio hält übrigens eine breitere Berücksichtigung der Postproduktion im Rahmen der Förderung für angezeigt, neben VFX nannte er explizit das Sounddesign.

Was angesichts der bereits bestehenden Deckungsfähigkeit der Töpfe übrigens geradezu naheliegend wäre, lassen laut Curio auch aktuelle Signale aus Berlin erwarten: die Zusammenfassung von DFFF I, II und GMPF zu einem "einheitlichen System". Und um die Notwendigkeit einer Förderreform zu unterstreichen, brachte er noch einen weiteren Aspekt ein: Denn zu einer der Folgen eines Brexit könne zählen, dass Großbritannien - dann losgelöst von europarechtlichen Einschränkungen - in Sachen Förderung noch einmal "richtig aufs Gas trete". "Mit fatalen Folgen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands" hätte man anfügen können.

Noch einmal zurück zu Maria Taubenblau und ihren Sorgen: Mit einem Gutteil der Produzentenschaft teilt sie jene um die künftige finanzielle Ausstattung der öffentlich-rechtlichen Sender, deren Aufträge laut Schwarz eine "entscheidende ökonomische Grundlage" seien. Denn die von der KEF vorgeschlagene Erhöhung der Haushaltsabgabe um 0,86 Euro pro Monat fällt nun nicht eben üppig aus. Zwar ergaben sich durch die 2013 erfolgte Umstellung der Rundfunkgebühren auf den Rundfunkbeitrag Mehreinnahmen durch zusätzliche Zahler, die eigentliche Abgabe ist aber seit 2009 unverändert. Entsprechend groß ist die Sorge, dass deutliche Einsparungen bei den Produktionsaufträgen unvermeidlich sind.

"Wie sollen die Anstalten ihrem Programmauftrag nachkommen, wenn sie nicht ausreichend finanziert werden?", fragte jüngst auch ver.di - und SPIO-Präsident Thomas Negele wurde in seiner Keynote besonders deutlich: Die Politik dürfe sich "nicht hinter der KEF verstecken", denn der gesellschaftliche Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen werde immer wichtiger. "Die Sender müssen im Wettbewerb eine faire Chance haben sie müssen konkurrenzfähig sein!" Was auch bedeute, Mittel zum Auf- und Ausbau der Mediatheken zur Verfügung zu haben. Er beklagte, dass die Kreativwirtschaft - obwohl sie deutschlandweit der drittwichtigste Umsatzträger sei - bei der Politik noch nicht den Stellenwert habe, den sie verdiene.

Grundsätzlich skizzierte Negele das Bild einer Branche im Umbruch - und appellierte an die Teilnehmer der von der Forum Media organisierten Konferenz: "Wir müssen das große Ganze sehen!" Was nicht zuletzt bedeute, der Film- und Fernsehproduktion neue Finanzierungsquellen zu erschließen. Heißt: Investoren müssen her - doch diese müssten auch verdienen können. Was an die bereits zuvor aufgeworfene Frage des Produzenten-Recoupments anknüpft.

An sich - und darin liegt durchaus eine gewisse Ironie - lässt sich geradezu ein Boom hinsichtlich der Nachfrage nach Content verzeichnen. Was aber (einmal ganz abgesehen von Themen wie der Unterfinanzierung von Projekten) neue Probleme mit sich bringt; Stichwort: Fachkräftemangel. Diesen gelte es dringend zu lösen - und das auch unter Einbeziehung der Filmhochschulen. Denn wo diese primär auf die Ausbildung in den Bereichen Produktion, Regie und Drehbuch ausgerichtet seien (Negele vermied es an dieser Stelle von einer Ausbildung jenseits der Aufnahmefähigkeit des Marktes zu sprechen), täten sich an anderen Stellen enorme Lücken auf.

Ein Thema, das auch die abschließende Diskussionsrunde beschäftigte und dort vor allem von UFA-Geschäftsführer Joachim Kosack aufgegriffen wurde, der Unternehmen wie das seine dabei klar in die Pflicht nahm. Seine nüchterne Analyse: "Es ist nicht mehr cool genug, in unserem Metier zu arbeiten." Und seine Prognose: Man werde ein Riesenproblem bekommen, wenn man sich als Produzent nicht komplett neu aufstelle, ein völlig anderes Miteinander schaffe - und sich vor allem auch mit Themen wie Diversität und Nachhaltigkeit beschäftige. Vor allem aber gehe es darum, die Leute anzusprechen, auf sie zuzugehen - wozu auch so vermeintlich banale Maßnahmen wie Infostände im Supermarkt zählen könnten. Ausbildung sei für ein Unternehmen wie die UFA ein zentrales Anliegen - und Kosack verwies in diesem Zusammenhang auf Initiativen, die man gemeinsam mit anderen Playern sowie in Kooperation mit der Filmuniversität Babelsberg und dem Erich Pommer Institut verfolge. Was Kosack in Richtung der Politik anregte: Ausnahmen vom Mindestlohn zu ermöglichen, damit man Interessierten die Chance geben könne, in ein Unternehmen "hineinzuschnuppern".

Das Thema "Fachkräfte" (und "Talente") sieht auch Daniel Curio als eine der wesentlichen Zukunftsfragen - und er skizzierte noch weitere Trends, darunter die "Seriesmania". Ob diese auch zu einer Verschiebung von Förderschwerpunkten beim FFF Bayern zulasten des Kinofilms führen werde? Keine "leichte Frage", so Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein. Allerdings lasse sich grundsätzlich sagen, dass es in der Vergabesitzung letztlich auf das einzelne Projekt ankomme, ausschlaggebend sei die Qualität, sie sei das "A und O". Daran, dass man das Kino brauche, bestehe für sie jedenfalls kein Zweifel.

Im Ministerium wiederum mische sich laut Curio in die Freude über einen spannenden neuen Player am Standort (gemeint war Leonine) auch die Erkenntnis, dass es gerade im Wettbewerb mit den internationalen Plattformen immer wichtiger werde, "eine gewisse Größe zu haben". Für kleinere Einheiten werde es - wenngleich sie sich auch in Zukunft der Unterstützung versichert sein dürften - zunehmend schwieriger. Apropos Zukunft: Diese werde immer stärker durch innovative Bereiche wie VFX, VR, 360-Grad-Produktionen, Webserien u.ä. geprägt - und bekanntermaßen läge ihm VFX besonders am Herzen, weshalb man nach wie vor für einen eigenen Studiengang an der HFF kämpfe. Ein wesentlicher Schritt in Sachen Innovation sei das Maßnahmenpaket "Virtuelle Realität Bayern, in dessen Zuge ein erster XR-Hub in München (dem weitere in Würzburg und Nürnberg folgen werden) ins Leben gerufen worden sei.

Indes zeigte sich Curio durchaus verhalten, was die aktuelle Verwertungsrealität innovativer Formate anbelangte. So gestand er, selbst noch "keine klare Vorstellung" davon zu haben, wie sich ein 360-Grad-Projekt kommerzialisieren lassen. Denn momentan liefen auch gute Projekte wirtschaftlich noch ins Leere. Eine Antwort konnte darauf Alexander von Woikowsky als Managing Director von BurdaStudios Pictures geben. Inhalte ausschließlich über YouTube zu refinanzieren, sei in der Tat eine große Herausforderung. Allerdings gehe es um die mediale Verschränkung, die Verlängerung von Themen. Oder kurz gesagt: Darum, das große Ganze zu sehen.