Kino

KOMMENTAR: Erzfeind Algorithmus

Rund 160 Mio. Dollar hat sich Netflix die Herstellung von "The Irishman" kosten lassen. Bisher schien das gut angelegtes Geld: Seit seiner Weltpremiere beim New York Film Festival ist der Film von Martin Scorsese in aller Munde, die Kritiken sind - zu Recht - ausgezeichnet, selbst das endlose Gezeter um das Für und Wider der Kinoauswertung bringt Werbung, die man sich für Geld nicht kaufen kann, und auch wenn längst nicht gesichert ist, dass Netflix im Jahr eins nach "Roma" nunmehr bei den Oscars siegreich sein wird, steht zumindest so gut wie fest, dass "The Irishman" es auf eine ordentliche Anzahl von Nominierungen bringen wird.

05.12.2019 08:00 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Rund 160 Mio. Dollar hat sich Netflix die Herstellung von The Irishman" kosten lassen. Bisher schien das gut angelegtes Geld: Seit seiner Weltpremiere beim New York Film Festival ist der Film von Martin Scorsese in aller Munde, die Kritiken sind - zu Recht - ausgezeichnet, selbst das endlose Gezeter um das Für und Wider der Kinoauswertung bringt Werbung, die man sich für Geld nicht kaufen kann, und auch wenn längst nicht gesichert ist, dass Netflix im Jahr eins nach Roma" nunmehr bei den Oscars siegreich sein wird, steht zumindest so gut wie fest, dass "The Irishman" es auf eine ordentliche Anzahl von Nominierungen bringen wird. Nachdem diese meisterliche Entzauberung des Mafialebens nun aber seit 27. November offiziell auf Netflix zu sehen ist, darf man sich auch als großer Fan des Films die Frage stellen, was genau der Streamingdienst mit seinem bislang größten und aufwändigsten Film erzielen will? Schon am Starttag war "The Irishman", so man denn mit seinem eigenen Laptop per Browser zugriff , teilweise nicht der Topfilm auf der Homepage von Netflix. Am zweiten Tag ist dem Dienst bereits das Bewerben von einer neuen Serie mit Dennis Quaid wichtiger als das vermeintliche Flaggschiff , das schon jetzt, gerade einmal 24 Stunden nach seiner Freischaltung, nur mit Mühe in irgendwelchen weiteren Listungen zu finden ist. Dass man Scorseses Alterswerk obendrein voll angesagt mit Tags wie "Slow Burn" , "Forceful" und "Drama" ankündigt - für jedermann ersichtlich Synonyme für "laaaaaangweilig" und eine Aufforderung zum Weiterklicken -, trägt nicht gerade zum Vertrauen bei, dass hier alles unternommen wird, um "The Irishman" beim Streamingpublikum zünden zu lassen.

Wie anders war das, als ich "The Irishman" im Kino gesehen habe, zugegeben in San Francisco, und selbst da lief er nicht in einem Top-Haus, sondern einem ausgewiesenen Arthousekino: Beide Male war der Film ausverkauft, beim zweiten Mal sogar bei einer Vorführung an einem Dienstag um 12 Uhr mittags. Beide Male nickte das Publikum beim Verlassen des Saals den Angestellten des Kinos zu und ließ verlautbaren: "Great movie!". Wie man hört (und ich das auch auf Posts von Freunden auf Twitter und Facebook nachlesen kann), ist "The Irishman" im Rahmen seines doch nur beschränkten Einsatzes in deutschen Lichtspielhäusern ein Renner, teilweise auf Tage ausverkauft, und das, obwohl man ihn fast ausschließlich in der OmU zu sehen bekommt. Auch wenn die Kinos das gar nicht wollen, macht der Netflix-Film Werbung für sie. Und weil Netflix sein bestes Pferd im Stall, wie man nun sieht, nur stiefmütterlich behandelt, sollte man die Gunst der Stunde nutzen. Weil sich auch Netflix-Filme nirgends besser genießen lassen als im Kino, dem Erzfeind Algorithmus sei Dank.

Thomas Schultze, Chefredakteur