Produktion

Hüseyin Tabak: "Ich brenne für meine Geschichten"

Der kurdisch-deutsche Filmemacher Hüseyin Tabak spricht über"Gipsy Queen", der zweifach in Tallinn geehrt wurde, wie man sich in der Branche durchboxt und warum sein erster "Tatort" mehr war als eine emotionale Rettung.

04.12.2019 07:46 • von Barbara Schuster
Ring frei für Hüseyin Tabak! (Bild: Johan Huimerind/PÖFF)

Der kurdisch-deutsche Filmemacher Hüseyin Tabak spricht überGipsy Queen", der zweifach in Tallinn geehrt wurde (wir berichteten), wie man sich in der Branche durchboxt und warum sein erster "Tatort" mehr war als eine emotionale Rettung.

Sie schreiben Ihre Drehbücher oft selbst. So auch bei "Gipsy Queen". Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?

Ich hatte bereits zwei Spielfilme gemacht und es lagen bereits weitere Projekte auf dem Tisch. In beiden fertigen Filmen standen Jungs bzw. Männer im Mittelpunkt, bei den Projekten, die ich in Entwicklung hatte, auch. Doch ich bin in meinem Leben von starken Frauen umgeben, wie meine Mutter oder meine Frau! Ich suchte also nach einer Geschichte, die aus der Perspektive einer Frau erzählt wird. Ein Boxerfilm schwirrte mir schon lange im Kopf herum, ich dachte immer an einen erfolglosen Boxer, der zum Sparring geht, sich also für Geld in die Fresse hauen lässt. Aber irgendwie hat mich das nie gepackt. Ich habe es dann mit einer Boxerin durchgespielt und mich dabei viel mit meiner Mutter unterhalten. Da ging mir ein Licht auf, weil mir klar wurde, dass meine Figur auch eine Mutter sein musste. Diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen. Zu der Zeit habe ich auch sehr viel Roma-Musik gehört. Und eines Tages beim Joggen, als ich diese Musik gehört habe, wusste ich es: Es muss eine Roma sein. In dem Moment spielte sich der ganze Film in meinem Kopf ab, es war wie ein Blitzeinschlag. Und den Titel, "Gipsy Queen", hatte ich auch sofort!

Wie ging es dann weiter?

DOR FILM hatte meinen ersten Spielfilm produziert und mich sehr unterstützt in meinen Anfängen. Deshalb traf ich mich gleich mit Milan Dor und Danny Krausz, die beide hin und weg waren. Ich habe also sofort losgelegt. Milan hat mich beim Drehbuch begleitet, er kennt sich gut in der Roma-Geschichte aus, kommt selbst aus dem Balkangebiet und hat in den Achtzigern eine lange Fotoreihe über Roma gemacht. Das hat geholfen. Er war ein guter Sparring-Partner!

War der Schauplatz auch von Anfang an klar? Die Ritze ist ein legendärer Laden in Hamburg. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?

Ich war viele Jahre lang in Hamburg als Fahrer, Set-Assistent und Aufnahmeleiter im Einsatz. Damals gab es noch keine Navis, das heißt, ich kannte mich wirklich gut aus in der Stadt. Wir hatten auch Drehs auf dem Kiez, die Ritze liegt aber mehr in einer Seitenstraße, im Hinterhof. Dennoch bin ich da des Öfteren vorbeigekommen. Als ich mal Zeit hatte, bin ich einfach reingegangen. Das hat mich so begeistert, die Geschichte des Ladens ist irre! Natürlich war die Ritze auch immer schon ein beliebtes Filmmotiv, aber noch nie war sie Teil der Geschichte eines Films. Nachdem ich die Idee zu "Gipsy Queen" hatte, war klar, dass die Ritze eine Rolle spielen musste.

Sie haben mit Alina Serban eine imposante Protagonistin, die einen interessanten Karriereweg hat...

Für mich war es wichtig, eine Roma in dieser Rolle zu besetzen. Für Frauen mit dunkler Hautfarbe, anderer Kultur ist es immer schwer, eine Hauptrolle zu kriegen. Und ich wollte nicht nur eine Filmfigur erschaffen, sondern auch ein Vorbild für Roma Mädchen! Daher suchten wir nach Roma Schauspielerinnen in ganz Europa, gleichzeitig fingen wir mit dem Streetcasting in Hamburg und Wien an. Zum Glück hat sich das schnell erledigt, nachdem mein Caster dann Alina in London entdeckt hat. Über Skype habe ich ihr die Geschichte gepitcht, sie war gerade in London auf dem Weg zur Arbeit, ist stehengeblieben und hat angefangen zu weinen, weil vieles in meiner Geschichte unmittelbar auch ihre Lebensgeschichte widerspiegelte - was wir natürlich nicht wussten. Angefangen beim Namen, der Name meiner Hauptfigur, Ali, stand lange fest, und zu Alina sagt auch jeder Ali... Wie meine Figur hat Alina auch ihren Vater früh verloren, ihre Mutter arbeitete im Hotel und musste unschuldig für mehrere Jahre ins Gefängnis. Alina wuchs auf der Straße und im Mädchenheim auf und eine Kampfsportart und die Schauspielerei retteten sie buchstäblich. Ich habe sie zwei Tage lange gecastet, nicht nur das Spiel, sondern der österreichische Box-Europameister hat ihr Talent im Ring getestet. Es zeigte sich schnell, dass sie auch hier eine echte Begabung besaß. Nachdem klar war, dass sie die Rolle bekommt, hat sie gleich mit dem Training losgelegt - das war zwei Jahre vor Drehstart! Sie hat sogar mit der rumänischen Olympiamannschaft trainiert. Das war kein Spaß, weil die kein Geld haben und unter Bedingungen trainieren, die mir Angst gemacht haben. Für Ali war es irgendwie hier schon ein Kampf ums Leben, aber für die Vorbereitung war es natürlich perfekt. Sie hat in irgendwelchen abgefuckten Boxschuppen Amateurkämpfe in Bukarest gemacht.

Wirkten deshalb die Boxszenen im Film so authentisch?

Der große Kampf am Schluss, bei dem sie gegen die amtierende Weltmeisterin antritt, war als Plansequenz durchchoreografiert. Ich habe selbst lange Zeit Ringen gemacht, da geht ein Kampf drei Mal zwei Minuten. Danach zittert man am ganzen Körper. Ich wollte, dass Ali das durchgeht, dass man es ihr als Zuschauer auch ansieht. Und genauso sollte der Zuschauer mit ihr durchgehen. Die meisten Boxkämpfe sind wie ein Actionfilm geschnitten, doch Boxen ist viel mehr, als nur auf Effekt zu erzählen. Jeder Boxkampf hat seine eigene Dramaturgie und das habe ich aufgegriffen. Der Kampf am Schluss war kein Zuckerschlecken, die Mädels hauen sich richtig die Köpfe ein. Ich wollte vermitteln, dass Ali bei der Bewältigung des Alltags draußen als alleinerziehende Mutter, in der Gesellschaft, viel größere Schwierigkeiten hat, als im Boxring. Es ist wie in einer griechischen Tragödie, bei der der Held versucht, sich aus dem Schlamassel herauszuziehen, dabei jedoch in immer mehr Probleme verstrickt wird. Aber im Ring, egal wie hart es ist, kommt Ali klar.

Tobias Moretti überzeugt als Tanne, Besitzer der Ritze, der Ali unter seine Fittiche nimmt.

Der Tipp kam von meiner Kostümbildnerin, die mit ihm bereits gearbeitet hat und wusste, dass er gerne mal so eine typische Kiez-Figur spielen wollte. Tobias Moretti als Hamburger! Wir mussten alle erstmal schmunzeln! Ich habe ihm dennoch das Drehbuch geschickt, wir haben uns getroffen, und er hat mir meine Geschichte so erzählt, dass ich selbst weinen musste. Er hat sich richtig damit auseinandergesetzt. Er wollte diese Rolle unbedingt spielen. Dennoch musste ich mit ihm erst proben und es kam mir nicht leicht über die Lippen ihn dies zu fragen. Wäre es Fatih Akin - ok, aber für mich ein Casting machen? Er war sofort bereit dazu. Daraufhin haben wir eine Szene in einer Bar gedreht, ich wollte einfach wissen, was er mit Tanne macht. Tobias hatte von Anfang an eine Idee für die Figur, eine ungeheure Tiefe und Charme. Später am Set war er auch nur noch Tanne. Ständig hat er die Beleuchter aus Hamburg gefragt, ob sich seine Aussprache richtig anhört. Der schönste Moment war, als er zu mir gesagt hat: »Ganz ehrlich, Hüseyin, ich möchte nichts anderes mehr spielen!« Er war nicht nur für Ali eine Bereicherung, sondern für uns alle, für das ganze Set!

Sie haben mit Ihrem Stammkameramann Lukas Gnaiger gearbeitet. Wie funktionieren Sie zusammen?

Wir haben beide in Wien studiert, ich bei Michael Haneke, er bei Christian Berger. Haneke hat uns die Vorbereitung auf einen Film eingeprügelt - im übertragenen Sinn natürlich. Wenn man nicht vorbereitet ist, muss man nicht an ein Filmset kommen. Wir sind beide Vorbereitungsjunkies geworden, arbeiten bis zum Umfallen. Aber am Set reden wir nicht mehr miteinander. Ich bin nur für die Schauspieler da. Er ist frei. Es ist ein blindes Verständnis. Das ist für mich enorm wichtig! Für die Boxszenen hatten wir im Ring einen unfassbar guten Operator, Florian Hatwanger, der sich auch "Gimbal-Ninja" nennt. Er war ein unglaubliches Geschenk!

Sie sind sehr Österreich-verbunden, haben da studiert und Ihre Filme bislang auch aus Österreich heraus produziert bekommen.

Bislang habe ich mit DOR FILM, Aichholzer Film und Mini Film gearbeitet. Die österreichischen Produzenten sind regiefreudig. Man ist als Regisseur sehr frei, genießt großes Vertrauen. Im Falle von "Gipsy Queen" rechne ich Dor Film hoch an, dass sie mir diesen letzten Kampf so erlaubt haben, wie ich wollte, und dass sie nicht eingeknickt sind, als mir etliche Leute ausreden wollten, die Hauptrolle mit einer Roma-Schauspielerin zu besetzen. Leider spüren wir das heute noch.

Inwiefern?

Viele Verleiher sagen, ein Film mit einer Roma sei schwer bis unmöglich im Kino zu vermarkten. Klar, es liegt nicht auf der Hand, wie man "Gipsy Queen" am besten an den Mann bringt. Aber mit einem kreativen Verleiher würde das gelingen! Es ist in erster Linie eine Geschichte über eine Mutter. Man braucht ein kreatives Gespür, Mut, Ideen, das richtige Händchen. In Österreich haben wir mit dem Filmladen einen tollen Partner. Ich würde mir einen ebensolchen für Deutschland wünschen. Denn alle Leute, denen ich den Film gezeigt habe bzw. die ihn auf einem Festival gesehen haben, sind begeistert.

Als Newcomer kann man Sie nicht mehr bezeichnen. "Gipsy Queen" ist Ihr fünfter Langfilm. Ist es schwierig, sich durchzuboxen, vor allem jetzt, wo Sie wieder in Deutschland leben?

Ich bin der österreichischen Filmlandschaft sehr dankbar. Als ich den Entschluss gefasst hatte, Regie zu studieren, haben mich alle deutschen Filmhochschulen abgelehnt. Meine erste Bewerbung an der Filmakademie Wien war hingegen gleich ein Gewinnerlos. Nach meinem ersten Kurzfilm "Cheeese" hat mir die österreichische Branche gutes Feedback gegeben. Ich kenne fast alle österreichischen Filmemacher persönlich. Von daher fühle ich mich dort sehr wohl. Aus familiären Gründen musste ich nach Deutschland zurückkommen und habe gemerkt, dass ich nicht wirklich ankomme - außer in Hamburg fühlte ich mich nirgends wohl. Als dann mein Dokumentarfilm "Die Legende vom hässlichen König", an dem ich jahrelang saß, der mein größter Kampf war, trotz der Teilnahme in Toronto und der Auszeichnung in Hof, auf null Resonanz stieß, war es tatsächlich ein Kampf für ein existentielles künstlerisches Schaffen. "Gipsy Queen" war mein letzter Schuss. Und ich finde, es ist wichtig, auch über Niederlagen zu sprechen, denn nachdem "Gipsy Queen" etliche Absagen von Festivals bekam, schien es tatsächlich, dass ich kein weiteres Projekt mehr kriegen würde. Doch ich zeigte den Film weiterhin Leuten von der Branche und zum Glück fand die NDR-Redaktion den Film super. So kam ich zu meinem ersten "Tatort". Der hat mich nicht nur emotional gerettet.

Was steht denn als nächstes an?

Ich bin schon seit 2003 beim Film und befinde mich zum ersten Mal in der glücklichen Situation, dass ich weiß, finanziell ein Jahr abgesichert zu sein. Im März beginnt der Dreh zu "Oskars Kleid". Florian David Fitz hat das Buch geschrieben und spielt die Hauptrolle. Pantaleon und Warner sind hier an Bord. Darüber hinaus habe ich mit Mehmet Aktas, dem Produzent von "Die Legende vom hässlichen König", vor einem Jahr eine Produktionsfirma gegründet. Über Epik Filmproduktion mit Sitz in NRW wollen wir nicht nur meine eigenen Stoffe produzieren, sondern auch Projekte von Kollegen. So schreibe ich gerade mit Mehmet zusammen "Die schwarze Rose", den Umut Dag inszenieren wird. Er handelt von den ersten Türkinnen, die 1961 in Deutschland eintrafen. Als am Anfang nämlich nur Männer kamen und Deutschland das Abkommen mit der Türkei nicht verlängern wollte, schickten einige Bezirksämter tatsächlich Prostituierte. Wir erzählen die Geschichte von einer dieser Prostituierten. Weitere Projekte, an denen ich arbeite, sind "Wolf", ein Kinderfilm, "Der letzte Deutsche" und "Roter Wein". Letztgenannter handelt von einem Kriegsfotografen, der mit dem Geist seines Vaters die Welt neu erlernt. Hierfür habe ich auch einen Schauspieler, der dem großem Mainstream zuzuordnen ist, aber mit mir gemeinsam etwas neues ausprobieren möchte. Auch er hat "Gipsy Queen" gesehen und war anschließend Feuer und Flamme mit mir zu arbeiten. Ein Bruder im Geiste!

Da haben Sie ja jede Menge vor.

Die Zeit, in denen ich keine Angebote hatte, habe ich eben zum Schreiben genutzt, auch die Monate, als ich darauf gewartet habe, dass es mit "Gipsy Queen" endlich losgeht. "Gipsy Queen" hat sich für mich persönlich auf jeden Fall rentiert, weil ich seither wesentlich mehr Anfragen erhalte. Und mit "Oskars Kleid" mache ich meinen ersten Film für einen Major. Mir ist es wichtig zu betonen: Ich mache die Filme nicht für mich selbst. Ich bin der ärmste Hund, wenn ich die Kinobesuchszahlen vom Wochenende bekomme und mit schlechten Ergebnissen konfrontiert werde. Da hilft kein Preis. Ich liebe den Satz von Yilmaz Güney: "Kunst ist nicht für die Kunst, sondern für das Volk!" Für mich ist es extrem wichtig, dass meine Filme ihre Zuschauer finden. Jetzt hoffe ich sehr, dass "Gipsy Queen" seine Zuschauer im Kino findet. Ich bin immer motiviert und brenne lichterloh für meine Geschichten!

 Das Gespräch führte Barbara Schuster