Produktion

"Wir kämpfen auf der Seite der Kreativen"

Das traditionelle Mediengespräch des Creative Europe Desk München stand in diesem Jahr vor allem im Zeichen eines prominenten Gastes. Mit der Botschaft von Sabine Verheyen ging ein klarer Auftrag einher.

04.12.2019 10:09 • von Marc Mensch
Sabine Verheyen war zum Mediengespräch des Creative Europe Desk München gekommen (Bild: Mathis Beutel)

Man möchte es nicht direkt einen Hilferuf nennen, den Sabine Verheyen als Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung im Europäischen Parlament zum traditionellen Mediengespräch auf Einladung des Creative Europe Desk München überbrachte. Und dennoch sollte die Branche den Aufruf ernst nehmen, sich bei der Politik (und insbesondere dem Finanzministerium) nachhaltig bemerkbar zu machen.

Denn bekanntermaßen laufen derzeit die Verhandlungen über die Zukunft des Programms Kreatives Europa - und dabei geht es natürlich vor allem um die finanzielle Ausstattung. Dazu Verheyen: "Wir als Europäisches Parlament kämpfen hier ganz klar auf der Seite der Künstler und Kreativen, wir wollen mehr Mobilität, mehr Wertschöpfung, mehr Beteiligung und faire Behandlung." Um diese Ziele zu erreichen habe das Europäische Parlament eine Verdopplung des bisherigen Etats vorgeschlagen - stoße dabei laut Verheyen aber auf "heftigen Widerstand" der Mitgliedsstaaten.

Und dies, obwohl die Anregung alles andere als ungebührlich ist: Denn wie die Vorsitzende des Kulturausschusses ausführte, steht der europäische Kultur- und Kreativsektor für rund zwölf Mio. Arbeitsplätze - und ganze 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU. Berücksichtigt seien dabei nicht die positiven Auswirkungen von Kultur und künstlerischer Freiheit auf Bildung, sozialen Zusammenhalt und gemeinsame europäische Werte. Mit anderen Worten: Schon die Forderung des Parlaments ist angesichts der Bedeutung des Sektors eher als moderat einzustufen, das von den Mitgliedsstaaten anvisierte Budget spiegele diese nicht annähernd wieder. Tatsächlich wurde Verheyen noch deutlicher: "Beim Streit mit dem Rat über den mittelfristigen EU-Finanzrahmen kommt die Kultur nicht gut weg." Allzu oft sei das Argument zu hören, Kultur sei keine europäische, sondern eine nationale Angelegenheit. Eine Debatte, die durch die potenziellen Auswirkungen eines Brexit nicht eben erleichtert wird. Denn im Grunde lautet das Gebot bei Aufstellung des Haushalts derzeit: sparen. Was den Druck übrigens durchaus noch erhöht, ist die von Verheyen angedeutete Absicht, auch den Gamesbereich in das Portfolio von Kreatives Europa aufzunehmen. Hier bedürfe es einer Verknüpfung, man könne ihn "nicht abgrenzen".

Finanzdebatten sind natürlich beileibe nicht die einzigen, die die Filmbranche auf europäischer Ebene tangieren und bei denen sich Verheyen nach eigenem Bekunden "schwer tue". Sie jedenfalls spreche sich dagegen aus, Geoblocking grundsätzlich abzuschaffen. Und noch am Rande eine Erfahrung, die sie mit dem ehemaligen EU-Kommissar Günther Oettinger teilt, wie dieser unlängst anlässlich eines Abschiedsgesprächs auf Einladung der Produzentenallianz schilderte: Sich für die Copyright-Richtlinie einzusetzen, sei nicht immer angenehm gewesen - auch sie prognostizierte, dass die Umsetzung "noch spannend" werde.

Nicht nur hinsichtlich der "Forderungen einiger Fraktionen" zur Abschaffung des Geoblockings hofft Verheyen auf eine Gesetzgebung, die "mit Sinn und Verstand" agiere, sondern zum Beispiel auch mit Blick auf eine neue e-commerce-Richtlinie. Um hierzu Oettinger ergänzend zu zitieren: Es gebe an dieser Stelle viel zu gewinnen - oder viel zu verlieren.

Aber zurück zu Kreatives Europa: "Inwiefern wir uns durchsetzen können mit der Forderung nach einer Verdopplung des Budgets ist im Moment schwer einzuschätzen, dies hängt von den Verhandlungen über den mittelfristigen Finanzrahmen der Union ab", so Verheyen. Und schließlich: "Wenn ich Sie um eins bitten darf: Tragen Sie unser gemeinsames Anliegen an den deutschen Finanzminister heran! Er ist derjenige, der den Finanzrahmen im Rat verhandelt."

Das Ohr der bayerischen Digitalministerin Judith Gerlach jedenfalls hat die Branche, wie diese bei ihrer kurzen Rede anlässlich des Mediengesprächs einmal mehr deutlich machte. Sie bedankte sich ausdrücklich für den "ständigen Austausch" mit dem sich Viele eingebracht hätten. Auch wenn nicht alles machbar sei, habe man sich die "Offenheit, neue Dinge zu lernen", klar auf die Fahnen geschrieben. In diesem Zusammenhang unterstrich sie auch die Eigenschaft ihres Hauses als ein "Querschnittsministerium". Was in der Konsequenz bedeute: Man sei auch Ideengeber für andere Geldgeber aus Reihen der Ministerien. Stolz zeigte sich Gerlach unter anderem über den erfolgreichen Einsatz für eine bundesweite Gamesförderung, darüber, dass rund ein Viertel der Bundesmittel für Kinos nach Bayern flössen - und über die Tatsache, dass das DOK.fest München das DOK Leipzig mittlerweile als erfolgreichstes Festival für Dokuemntarfilm in Deutschland abgelöst habe. "Wir brauchen Leuchttürme!", so Gerlach. "Ausruhen" jedenfalls sei keine Option, schließlich wolle sich Bayern unter anderem auch einen Namen beim digitalen Filmschaffen machen. Die Gründung eines ersten XR-Hubs in München (Standorte in Würzburg und Nürnberg sollen folgen) sei ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Kurz und knapp machte es der aus Brüssel angereiste Gabriele Bertolli als Vertreter von Direktorin Lucia Recalde. Er bedankte sich bei all jenen, die für das Programm (...und ein höheres Budget) einträten und versprach, man wolle das Möglichste tun, um es künftig flexibler und einfacher zu gestalten. Angesichts der anvisierten Ziele und neuen Aufgaben ist Letzteres womöglich nicht die einfachste Aufgabe.

Ingeborg Degener schließlich dankte als Geschäftsführerin des Creative Europe Desk München und damit als Gastgeberin ihrem Team und den Partnern, darunter dem Bayerischen Filmzentrum, dessen Zukunft nach aktuellem Stand ungewiss ist. Denn in zwei Jahren endet der auf 30 Jahre geschlossene Vertrag zwischen der Bavaria und dem Freistaat Bayern. Was dann kommt? Sicherlich auch eine Frage des Austauschs zwischen Branche und Politik...