Produktion

Gastbeitrag: "Wie weiter mit der Filmförderung?"

Wie wird Filmförderung in Deutschland zukunftssicher? Im Nachklapp einer Expertenrunde auf Einladung der SPD-Bundestagsfraktion haben Martin Rabanus und Björn Böhning ihre Gedanken für uns zusammengefasst. Zu den wesentlichen Thesen zählen unter anderem eine offene Diskussion über die Reduzierung der FFA auf ihre Kernaufgaben und eine Zusammenführung der Töpfe von DFFF und GMPF.

03.12.2019 14:43 • von Marc Mensch
Martin Rabanus und Björn Böhning (Bild: DBT/Von Saldern, J. Konrad Schmidt/BMAS)

Wie wird Filmförderung in Deutschland zukunftssicher? Im Nachklapp einer Expertenrunde auf Einladung der SPD-Bundestagsfraktion haben Martin Rabanus und Björn Böhning ihre Gedanken für uns zusammengefasst. Zu den wesentlichen Thesen zählen eine offene Diskussion über die Reduzierung der FFA auf ihre Kernaufgaben und eine Zusammenführung der Töpfe von DFFF und GMPF.

Zu den Autoren:

Martin Rabanus sitzt seit 2013 für die SPD im Deutschen Bundestag und ist dort als Sprecher für Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion tätig. Zudem ist er unter anderem Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien.

Björn Böhning ist Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes der medien- und netzpolitischen Kommission der SPD und des FFA Verwaltungsrates. Daneben ist er seit März 2018 Beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Der Beitrag im Wortlaut:

"Mit der Novelle des Filmförderungsgesetzes (FFG) wollen wir den deutschen Film als Wirtschafts- und Kulturgut stärken und die Qualität und Vielfalt des deutschen Filmschaffens unterstützen. Das Gesetzgebungsverfahren wird im kommenden Frühjahr starten. Doch bevor das Gesetz voraussichtlich zum 1. Januar 2022 in Kraft tritt, bleibt Zeit für neue Ideen und die Weiterentwicklung von ehemals bewährten Konzepten.

Worum geht's: Bereits jetzt basiert das FFG auf dem solidarischen Grundgedanken, dass alle Branchenbereiche mit der Verwertung des Films einen angemessenen Beitrag zur Erhaltung und Förderung des deutschen Films leisten. Für die Zukunft sehen wir das Ziel darin, die Bedingungen für Vielfalt und Qualität des Filmschaffens weiterzuentwickeln und gleichzeitig den kulturellen Begegnungsort Kino zu stärken. Wir wollen den deutschen Film sichtbarer und erfolgreicher machen. Doch ein nüchterner Blick auf die Zahlen offenbart dramatische Herausforderungen für den deutschen Film: Die Höhe der Filmförderung in Deutschland ist in den letzten Jahren mehr und mehr gestiegen, während gleichzeitig der breite und auch internationale Erfolg ausblieb. Mehr und mehr muss man sich als Freunde des deutschen Films daher die Frage gestatten lassen, ob es in Deutschland nicht an einer Fehlförderung des Films krankt: Viele kulturell und ökonomisch erfolgsversprechende Filme werden zu wenig gefördert werden, während gleichzeitig zu viele geförderte Filme weniger als 10.000 Zuschauerinnen und Zuschauer finden. Die Frage, die wir stellen, ist also, wie Deutschland die Lücke zwischen Höhe der Förderung und erfolgreichen Filmen (sei es an der Kinokasse oder bei Festivals) schließt. Unsere Antwort lautet: Wir müssen die Basis weiter verbreitern und gleichzeitig die Zielgenauigkeit der Filmförderung erhöhen. Denn im internationalen Konzert braucht der deutsche Film erstens ein weiter ansteigendes Förderniveau, um konkurrenzfähig zu sein. Und um die Akzeptanz dafür zu halten, muss zweitens die Bilanz des Films beim Zuschauer wie bei den Festivals erhöht werden. Und drittens muss die Qualität der Stoffe erhöht werden und zugleich die Frage gestellt werden, warum zu wenig gute Stoffe den Weg auf die Leinwand finden. Der deutsche Kinofilm muss im Wettbewerb mit den Plattformen bestehen - dafür müssen wir jetzt die richtigen Weichen stellen. Denn veränderte Sehgewohnheiten insbesondere jüngerer Zuschauerinnen und Zuschauer fordern den Film ebenso heraus, wie die äußerst lukrativen Produktionsbedingungen für Serien oder TV-Produktionen für Kreative und Produzenten.

Was ist also zu tun? Ein Beitrag dazu ist ganz sicher, das Kino als Filmort attraktiver zu machen. Dafür haben wir, so wie im Koalitionsvertrag dank der SPD bereits verankert, das »Zukunftsprogramm Kino« initiiert. Es startet im kommenden Jahr und ist auf fünf Jahre angelegt. Die Erfahrung mit dem »Soforthilfeprogramm für Kinos in ländlichen Räumen«, das dieses Jahr mit fünf Millionen Euro erfolgreich aufgelegt wurde, zeigt, wie wichtig und nötig diese Gelder sind. Durch Mittel für zeitgemäße Marketingstrategien sowie Ansätze zur digitalen Kundenbindung, für Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz, wird damit zugleich der gesellschaftliche Zusammenhalt im ländlichen Raum gestärkt.

Wir müssen allerdings auch feststellen, dass sich Sehgewohnheiten ändern und das Filmförderungsgesetz dies nicht aus den Augen verlieren darf. Andere Wege des Filmerlebens finden heute eine Heerschar an Fans: Wir sprechen nicht nur von Streamingdiensten wie Netflix, Amazon Prime oder Sky, sondern auch von YouTube, Vimeo oder Facebook, die nicht nur zunehmend Verantwortung für die Beschäftigten im Filmbereich übernehmen, sondern schon längst ein fester Teil des innovativen Marktgeschehens sind. Deshalb ist es an der Zeit, mehr Anbieter auf dem Feld der nonlinearen Angebote in die Filmabgabe einzubeziehen. Insgesamt stellt sich also die Frage, ob und wie die Filmabgabe neu zu regeln ist, wie die finanzielle Rolle der öffentlich-rechtlichen Sender gestärkt werden kann und weitere Akteure in die Abgabenpflicht eingebunden werden können.

Bereits mit der letzten FFG-Novelle im November 2016 wurde der Begriff der »Qualität« an eine wirtschaftlich erfolgreiche Verwertung gebunden. Dieser Weg muss konsequent weiter beschritten werden. Erfolge bei Zuschauern wie Erfolge bei A-Festivals müssen sich noch stärker lohnen. Dabei schließen sich Aspekte der Kulturgutstärkung als auch der Wirtschaftsförderung schon lange nicht mehr aus. Das wollen wir nun mit einer effizienteren Standortförderung ausbauen. Es ist ein wichtiger Schritt, dass die Filmförderung die Deutschen Filmförderfonds (DFFF 1 und 2), den German Motion Picture Fund (GMPF) und das FFG im Bundeshaushalt umfasst. Nun geht es darum, die Fördertöpfe zu konsolidieren. Wir stellen uns daher die Zusammenführung von DFFF 1 und 2 sowie dem GMPF unter einem Dach mit wechselseitig aufeinander bezogenen Säulen vor. Die internationale Konkurrenz wie etwa in Frankreich, Großbritannien, Kanada oder in osteuropäischen Staaten schläft nicht. Die Produktion von Kinofilmen muss sich auch im Vergleich zu TV-Produktionen weiter lohnen, darauf sind die Fördersysteme konsequent auszurichten. Dazu gehört auch, die Fördersätze der Spitzenförderungen anzuheben. Wenn wir mehr internationale Großproduktionen nach Deutschland einladen und den deutschen Film in der Welt bekannter machen möchten, brauchen wir bessere Förder- und Produktionsbedingungen. Das kann mit einer ganzheitlichen Förderung von der Entwicklung (Ausbau von Drehbuch- und Nachwuchsförderung, nachhaltigen Produktionen, Gendergerechtigkeit) über die Produktion (faire Arbeitsbedingungen, Honorare und Gagen, Jurys) bis zur Verwertung und Präsentation deutscher Kinofilme (Verleih, Vertrieb, gezielte Referenzfilmförderung, Kinofenster, Umgang mit Sperrfristen bzw. Auswertungskaskaden) gelingen.

Zugleich geht es darum, das internationale Marketing des deutschen Films noch stärker zu unterstützen. Auch im föderalen Geflecht muss es möglich sein, dass mit German Films ein solventes und zentrales Marketingunternehmen entsteht, das den deutschen Film weltweit bewirbt. Dazu ist mittelfristig German Films aus dem Finanzierungstopf der FFA zu lösen und eine eigenständige gesetzliche Lösung für diesen zentralen Bereich zu finden, welche dauerhaft organisatorische und finanzielle Stabilität gewährleistet.

Nicht zuletzt geht es darum, die Rolle der Filmförderungsanstalt (FFA) zu überprüfen. Sie hat als Bundesanstalt des öffentlichen Rechts die Aufgabe, die Struktur der deutschen Filmwirtschaft und die kreativ-künstlerische Qualität des deutschen Films für seinen Erfolg im Inland und Ausland zu fördern. Ziel ist, dass alle Branchenbereiche einen angemessenen Beitrag zum Erhalt und zur Unterstützung des deutschen Films leisten. Dazu gehört auch die enge Abstimmung mit den Ländern und Koordinierung der Filmförderung. Klar ist dabei: Angesichts zunehmend begrenzter Mittelverfügbarkeit muss offen diskutiert werden, ob sich die FFA auf Kernaufgaben reduzieren soll und welche Aufgaben zu diesem Kernbereich gehören. Eine Reduzierung auf die Förderung des Kinofilms beispielsweise würde eine höhere Verantwortung des Bundes für andere Aufgaben bedingen. Und Einzahlende müssen den Mehrwert ihrer Beiträge erkennen können. Letztlich müssen sich erfolgreiche Filme noch mehr lohnen. Daher ist die FFG-Novelle genau für diese Standortbestimmung der FFA zu nutzen.

Fazit: Mit einer neuen Strukturierung der Förderfonds, mehr Abgabegerechtigkeit zwischen den Akteuren sowie einer gezielteren Förderung können wir den Film als Kultur- und Wirtschaftsgut national und international stärken. Wer dem deutschen Film eine Zukunft weisen will, muss die FFG-Novelle groß denken."