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KOMMENTAR: Die hohe Kunst des Straßenfegers

Eine wachsende Geschichtsvergessenheit weiter Bevölkerungsgruppen, forciert durch populistische Tiraden neuer Gruppierungen am politischen Rand, macht es wichtiger, dass wieder mehr große Fernsehereignisse zu einer gesellschaftlich relevanten, breit wirkenden, filmischen Erzählung finden.

28.11.2019 07:51 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Eine wachsende Geschichtsvergessenheit weiter Bevölkerungsgruppen, forciert durch populistische Tiraden neuer Gruppierungen am politischen Rand, macht es wichtiger, dass wieder mehr große Fernsehereignisse zu einer gesellschaftlich relevanten, breit wirkenden, filmischen Erzählung finden. Nur wenige verstehen sich im audiovisuellen Bereich darauf, Geschichten massenwirksam zu erzählen, ohne zu viel Zugeständnisse bei Haltung und Qualität zu machen, und damit gleichzeitig einen im besten Fall Konsens stiftenden Diskurs auszulösen. Günter Rohrbach ist zu seinen Zeiten beim WDR jemand gewesen, der brennende und kontroverse Themen für den Fernsehabend aufgreifen ließ und darüber Diskussionen ausgelöst hat, die eine ganze (Fernseh-)Nation erschüttert haben: Acht Stunden sind kein Tag", Smog", Die Konsequenz" oder Holocaust" sind kollektive Erinnerung. Im Kino darf Bernd Eichinger für sich reklamieren, mit ehrgeizigen und risikoreichen Produktionen Millionen vor die Leinwand gelockt zu haben, um sie zu unterhalten und gleichzeitig ins Gespräch zu bringen. Zur Perfektion gebracht hat die Einladung an das große Publikum, sich mit Zeitgeschichte auseinander zu setzen, Position zu beziehen und gegebenenfalls die eigene Haltung zu relativieren, Nico Hofmann, inzwischen CEO der UFA, der größten deutschen Produktionsfirma, und gleichzeitig ein unermüdlicher Ermöglicher groß erzählter Eventproduktionen, die auf höchstem produzentischen Niveau eine möglichst große Reichweite bewirken wollen. Tatsächlich sorgten seine Filme von "Der Tunnel" bis zu "Unsere Mütter, unsere Väter" nicht nur für einen lebhaften Diskurs in Deutschland selbst, sie schaffen auch ein ganz neues Bewußtsein für deutsche Zeitgeschichte zumindest im europäischen Ausland. Durch sein beachtliches Engagement, neue Talente vor und hinter der Kamera zu fördern, sorgt er gleichzeitig dafür, dass eine regelrechte Schule von Filmemachern und Kreativen heranwächst, die seine Tradition des Filmemachens mit Haltung an den unterschiedlichsten Stellen fortschreibt.

Nico Hofmann feiert Anfang Dezember runden Geburtstag und fühlt sich hoffentlich noch lange nicht als Elder Statesman im Produktionsgeschehen, der anderen den Stab übergibt. Zu wichtig ist es gerade jetzt, dass in einer Welt, in der sich die Gesellschaft zunehmend polarisiert, in der sich filmisch relevantes Erzählen gegen eine Übermacht digitaler Programmangebote behaupten muss, der Mut wieder wächst, die Themen aufzugreifen, die uns auf den Nägeln brennen. Die hohe Kunst des Straßenfegers, die ihm immer wieder gelingt, braucht viele Nachahmer, während Senderredaktionen und Förderer lernen, dass auch komplexe Themen ein großes Publikum elektrisieren können. Dass hohe inhaltliche Qualität Unterhaltung nicht ausschließt, das lernen wir regelmäßig von Nico Hofmann.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur