Produktion

Vollmar über "Auerhaus" und den "Kosmos Familie"

Neele Leana Vollmar feierte gestern Abend Premiere von "Auerhaus". B:F sprach vorab mit der Regisseurin über ihre Romanverfilmung, für die sie auch das Drehbuch schrieb. Es ist ihr zweiter Film in diesem Jahr.

27.11.2019 13:18 • von Heike Angermaier
Neele Leana Vollmar, mit Frank Lamm am Set von "Auerhaus" (Bild: Warner)

Neele Leana Vollmar feierte gestern Abend Premiere von Auerhaus". B:F sprach vorab mit der Regisseurin über ihre Romanverfilmung, für die sie auch das Drehbuch schrieb. Es ist ihr zweiter Film in diesem Jahr.

"Auerhaus" ist nach Mein Lotta-Leben" bereits ihr zweiter Film, der in diesem Jahr in den Kinos läuft. Wie kam es dazu?

Neele Leana Vollmar: "Auerhaus" ist ein Herzensprojekt, das mich schon etwas länger begleitet. Als mir "Mein Lotta-Leben" angeboten wurde, das ich auch unbedingt machen wollte, war nicht ganz klar, wann "Auerhaus" zustande kommen würde. Ein Buch zu finden, das man als Regisseur unbedingt verfilmen möchte, passiert mir nicht so oft, also dachte ich mir: "Wenn beide Filme klappen, kriege ich das schon irgendwie hin." Dafür werde ich nun ein Jahr "zur Erholung" zu Hause bei meinem Sohn bleiben und nicht drehen.

Es waren zwei extrem anstrengende Jahre. Ich mag lieber eine Sache zu Ende bringen, bevor ich mit einer neuen beginne. Hier lief parallel zur Postproduktion von "Lotta" die Vorproduktion vom "Auerhaus". Zum Glück gab es einige Überschneidungen vom Lotta- und Auerhaus-Team, so dass man nicht ganz bei Null anfangen musste. Auch hatten wir das gleiche Produktionsbüro und die gleiche Wohnung. So hatte ich ein bisschen das Gefühl von Alltag und Normalität.

Was hat Sie besonders an "Auerhaus" gereizt?

NLV: Der Reiz des Auerhauses besteht für mich im Spannungsfeld zwischen einerseits der Komödie, die eine Gruppe von Jugendlichen zeigt, die ausbrechen wollen und versuchen, in ihrem kleinen Kaff, in dem sie geboren sind, die große weite Welt zu spielen und andererseits tiefgründigen Themen wie Freundschaft, Erwachsenwerden, Liebe und Tod, deren Schwere immer wieder ironisch und auch humorvoll gebrochen wird. Ich wollte eine Gruppe von Jugendlichen zeigen, die auf dem Weg ist, sich zu emanzipieren, die Träume hat und bereit ist zu kämpfen, dann aber an der zu großen Verantwortung scheitert und schneller erwachsen wird, als sie es sich gewünscht hätte.

 

Wie landete der Roman bei Ihnen?

NLV: Aufmerksam gemacht auf das Buch hat mich vor etwa über drei Jahren Oliver Berben. Ich war sofort unglaublich berührt. Dann kam es bei der Constantin Film zu Umstrukturierungen, und in der neuen Konstellation hatten wir das Gefühl, dass wir unterschiedliche Filme dazu im Kopf hatten. Ich erinnere mich noch oft an den Moment, in dem mich Oliver dann eines Tages anrief und sagte: "Neele, du brennst so für das "Auerhaus". Nimm es mit und suche dir einen neuen Partner." Dafür bin ich ihm bis heute sehr dankbar. Und dann kam mir sofort Tina Löbbert von der Pantaleon in den Kopf. Wir kennen uns noch aus ihren Wüste-Film-Zeiten aus Köln. Eine tolle Frau und Produzentin, die sofort meine Begeisterung teilte und mit mir losgaloppierte.

Bei "Auerhaus" haben Sie auch das Drehbuch geschrieben. Wie sah die Zusammenarbeit mit Dramaturgin Gerlinde Wolfaus?

NLV: Lars Hubrich schrieb die erste Drehbuchfassung. Dann wollte ich etwas ausprobieren und musste sofort an Gerlinde denken. Wir kannten uns von einem anderen Projekt und ich wusste, dass wir gut zusammenarbeiten können. Sie stellt die richtigen Fragen, hat tolle Ideen. Wir tauschten uns intensiv über die Figuren, die Erzählbögen aus und entschieden, uns an bestimmten Passagen vom Roman etwas zu lösen. Es gibt immer Dinge, die im Buch funktionieren, im Film aber nicht. Für mich war es fast wie ein zweites Drehbuchstudium. Ich empfinde das Drehbuchschreiben als eines der schwierigsten Aufgaben beim Filmemachen und bin sehr dankbar, Gerlinde an meiner Seite gehabt zu haben.

Wie war Romanautor Bov Bjerg im Entstehungsprozess involviert?

NLV: Es war mir sehr wichtig, dass er involviert ist. Er las u.a. die letzte Drehbuchfassung und gab Input zu den Dialogen. Auch hat er den Film vor dem Picture Lock gesehen, damit wir noch reagieren können. Ein Tag, an dem wir beide schrecklich aufgeregt waren, und er mich noch fragte: "Was mache ich denn, wenn er mir nicht gefällt?" Zum Glück hat der Film ihm aber gefallen!

Dass der Film so konsequent aus der Perspektive Höppners erzählt wird, u.a. über Voiceover, übernahmen Sie aus dem Roman?

NLV: Ja. Die Art des Humors entsteht größtenteils daraus, wie Höppner denkt und spricht. Das Voiceover war entsprechend ein guter Weg, wenn auch ein schmaler. Im Schnitt haben wir einiges ausprobiert und umformuliert. Teilweise haben wir uns dabei dem Roman auch wieder angenähert.

Sie haben mit Editor Hansjörg Weissbrich, einer sehr erfahrenen Kraft, zusammengearbeitet.

NLV: Ja, ich bewundere ihn. Es ist toll, mit ihm zu arbeiten und zu sehen, wie viel sich im Schnitt immer wieder verändern kann. Ich habe vorher mehrfach mit Bernd Schlegel gearbeitet, der dieses Mal aber nicht konnte. Bernd hat bei Hansjörg gelernt, so blieb es ein wenig in der Familie. Die beiden haben eine ähnliche Arbeitsweise, sind sehr stark auf die Figuren fokussiert, geben nie auf und suchen immer wieder nach neuen Wegen. Hansjörg und ich haben bei diesem Projekt leider viel von unterschiedlichen Orten aus gearbeitet. Die wenigen Tage, die wir tatsächlich nebeneinander im Schneideraum saßen, waren umso schöner. Beim nächsten Mal gibt es davon dann hoffentlich viel mehr!

Wie lief das Testscreening ür Sie?

NLV: Das Testscreening war in Hamburg vor 400 Menschen, die meisten von ihnen im Alter ab Mitte 20 bis 50 Jahre alt. Es war ein toller Abend, die Stimmung im Kino war großartig. Die Zuschauer haben viel gelacht, es gab sogar Szenenapplaus, aber es wurde auch an den richtigen Stellen mucksmäuschenstill. Solch ein Abend ist natürlich auch für die weitere Arbeit im Schneideraum extrem wichtig. Man spürt, wenn eine Szene vielleicht zu lange dramatisch gehalten wird und man das Publikum schon etwas früher abholen muss. Welche Szenen funktionieren und welche nicht? Wir sind mit einem guten Gefühl und vielen Plänen an diesem Abend nach Hause gegangen.

Dass der Film funktioniert, liegt auch am Ensemble. Wie haben Sie es gefunden?

NLV: Das Casting übernahm Nessie Nesslauer. Bei Nessie gibt es keine langen Listen. Nachdem wir ausführlich über die Figuren gesprochen haben, präsentiert sie einen Namen, der es gar nicht immer wird, aber über den man dann den Weg der Suche beginnt. Sie hat ein tolles Gespür - gerade bei den jungen Schauspielern und Schauspielerinnen.

Wie war es mit Ihnen zu arbeiten, nachdem Sie es bei den drei vergangenen Filmen vor allem mit Kindern zu tun hatten?

NLV: Ich habe es sehr genossen mit erwachsenen Schauspielern zu arbeiten, mit ihnen intensiv die Figuren zu besprechen, auszuprobieren, zu diskutieren. Beim Dreh mit den Kindern habe ich diese Art von Arbeit vermisst. Natürlich habe ich auch mit den Kindern über die Szenen gesprochen, Dialoge angepasst und Figuren erklärt, aber Kinder sind so wie sie sind. Sie reflektieren nicht, sondern spielen das, was in ihnen steckt. Beim "Auerhaus" hatte ich Verbündete an meiner Seite, mit denen ich mich zusammen auch auf die Suche machen konnte.

Max von der Groeben ist besonders stark.

NLV: Er stand als erster unter den Auerhaus-Bewohnern fest. Er ist ein bisschen älter als die anderen und hat mich sehr beeindruckt. Er ist ein intelligenter, sensibler Mensch und großartiger Schauspieler, der viele eigene Ideen ins Spiel bringt. Es hat Spaß gemacht, zusammen mit ihm nach Lösungen zu suchen. Er kannte am Ende den Frieder fast besser als ich. Wo würde Frieder den Abschiedsbrief an Höppner hinlegen? Zu welcher Musik tanzt Frieder mit der Axt im Regen? Max ist jemand, der lange vorher wissen will, zu welchem Lied er tanzen wird. Und als er dann am frühen Morgen im strömenden Regen mit seiner Axt vor dem Auerhaus getanzt hat, hat er uns damit einen der schönsten Drehmomente geschenkt, obwohl wir eine der schlimmsten Nächte hinter uns hatten.

Wie haben Sie die Songs ausgewählt? Man hört u.a. "Our House" und "goldener Reiter".

NLV: Uns war wichtig, dass es nicht nur klassische Achtzigerhits sind, kein Best of ist, sondern, dass es Lieder sind, die die Figuren hören würden. Wir haben vorab viel recherchiert und überlegt, wie viele Songs wir uns überhaupt leisten können. Songrechte sind leider teuer. Da mussten wir Prioritäten setzen. Wir haben eine gute Mischung, genügend Songs, die man kennt und den Zuschauer in die Zeit zurückversetzen und Songs, die genau die Stimmung erzählen und die nicht alle kennen. "Johnny and Mary" von Robert Palmer, einer meiner Lieblingslieder, ist auch dabei. Die Musik lief nach Drehschluss oft noch weiter.

Wie sah die Zusammenarbeit mit Ihrem Kameramann aus?

NLV: Ich hatte das große Glück, sowohl bei "Lotta" als auch beim "Auerhaus" zwei tolle Männer an meiner Seite zu haben: Daniel Gottschalk und Frank Lamm. Frank und ich haben beim "Auerhaus" zum ersten Mal miteinander gedreht, aber auf keinen Fall zum letzten Mal! Frank macht nicht nur unglaublich tolle Bilder, sondern hat mich auch inhaltlich immer unterstützt. Das Auflösen mit ihm zusammen kommt fast einer Bucharbeit nahe, denn er stellt die richtigen Fragen, bohrt in den Wunden und will genau wissen, wo welche Figur emotional steht. Diese Vorbereitungszeit mit ihm war für mich sehr wichtig.

Welche Art von Szenen inszenieren Sie lieber, Szenen mit vielen Leuten und viel Bewegung wie etwa bei der Party oder intime Zweier-Szenen?

NLV: Ich mag lieber konzentrierte Szenen wie die zwischen Höppner und Frieder. Man kann viel mehr modellieren. Jedes Wort, jede Betonung kann die Stimmung verändern. Bei der Partyszene gibt es viel mehr Organisatorisches zu bedenken, wo man den Fokus setzt u.a. Das macht auch Spaß. Nur kammerspielartige Szenen zu drehen, kann ermüden. Die Mischung macht's. Bei "Auerhaus" fand ich sie super.

Wie empfanden Sie das Boxoffice-Ergebnis von "Mein Lotta-Leben"? Der Film hatte deutlich weniger Zuschauer als die "Rico, Oskar"-Filme.

NLV: Das war für uns alle eine große Enttäuschung. Die Zeiten haben sich aber auch geändert. Der erste "Rico"-Film ist inzwischen fünf Jahr alt. Das darf man dabei nicht vergessen. Aber natürlich haben wir viel diskutiert, welche Gründe es dafür gab. Man fragt sich, ob es am Zeitpunkt lag, ob die ersten Fans der "Lotta"-Bücher vielleicht schon zu alt für den Film waren. Wie präsent war der Film tatsächlich bei der Zielgruppe? Oder haben es Kinderfilme allgemein inzwischen schwerer im Kino? "Rico" war für Jungs und Mädchen, "Lotta" eher nur für Mädchen. Es gibt so viele Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, angefangen beim Wetter, das uns leider auch einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Wie sind die Erwartungen bei "Auerhaus"?

NLV: Wir starten mit etwa 150 Kopien. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Film einen Nerv trifft. Ich habe im Vorfeld noch nie so viel Rückmeldung wie bei diesem Projekt bekommen. Aber wissen werden wir es erst Mitte Dezember.

Was wird Ihr nächstes Projekt?

NLV: Erst einmal mache ich eine Pause. Dann würde ich gerne wieder schreiben. Die Arbeit an "Auerhaus" hat mich dazu ermutigt.

Soll es wieder ein Stoff fürs Kino werden oder würden Sie wie viele ihrer KollegInnen vielleicht auch mal eine Serie machen wollen?

NLV: Es kommt auf die Geschichte an, die Frage, für welches Format sie wäre, ist erst mal nicht relevant. Ich lese einen Zeitungsartikel, den ich spannend finde, oder sehe eine bestimmte Situation, die etwas in mir auslöst oder lese eben einen Roman, der mich begeistert. Es muss ein Stoff sein, bei dem ich weiß, warum ich ihn erzählen will. Ob es dann Kino, Fernsehen oder Serie ist, spielt dabei erst einmal keine Rolle.

Sie haben sich bisher meist mit Familien beschäftigt, mit Komödie und Drama. Könnten Sie sich auch einen Krimi oder Thriller vorstellen?

NLV: Nein, eigentlich nicht. Ich finde den Kosmos Familie einfach sehr spannend. Ich habe gerade "Lara" gesehen, der mich total beeindruckt hat. Schön ist an Filmen wie diesen, dass sich jeder darin finden kann, dass man über manches sogar streiten kann wie z.B. ich mit meiner Mutter, die ganz klar Partei für Lara ergriffen hat, während ich versucht habe, Victor zu verteidigen. Jeder sieht eben das, was er sehen will. Das ist das Schöne am Kino.

Die Fragen stellte Heike Angermaier