Kino

KOMMENTAR: Haste ma 'ne Marke?

Genau kann ich mich nicht mehr erinnern, bei welchem Jahrgang des damals noch Media Summit genannten Seminars für Brancheninsider auf dem Zurich Film Festival ich erstmals mit dem mir bisher daher fremden - Schande über mich - Ausdruck "IP" konfrontiert wurde. 2014? 2015? So was um den Dreh.

21.11.2019 07:37 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Genau kann ich mich nicht mehr erinnern, bei welchem Jahrgang des damals noch Media Summit genannten Seminars für Brancheninsider auf dem Zurich Film Festival ich erstmals mit dem mir bisher daher fremden - Schande über mich - Ausdruck "IP" konfrontiert wurde. 2014? 2015? So was um den Dreh. Ich kann mich deshalb noch erinnern, weil die internationalen Produzenten auf den Panels damals mit großer Emphase über die Bedeutung von "IPs" schwärmten: Wer eine "IP" besäße, der sei fein raus und gewappnet für die ungewisse Zukunft. Den anderen Anwesenden war der Ausdruck offenbar fremd, also googelte ich versteckt auf dem Smartphone und fand heraus, dass es sich bei der mysteriösen Abkürzung um "Intellectual Property", also "geistiges Eigentum" handelt. Auf gut deutsch: Mit "Marken" und "Franchises" kann man nichts falsch machen.

Wohl dem, der die Rechte daran hat. Ich musste unweigerlich an den Media Summit denken, als nach dem Flop von "3 Engel für Charlie" in den US-Kinos am vergangenen Wochenende in Kommentaren das Konzept der zum Erfolg verdammten "IP" zu Grabe getragen wurde. Wenn alles gesagt und getan ist im Jahr 2019, diesem Jahr der radikalen Veränderungen, wird dies eine der grundlegendsten Veränderungen sein, mit der sich die Kinos anfreunden müssen.

Nun ist es nicht so, dass auch bisher schon immer alle Marken todsichere Bringer waren. Bei "Predator"war der Lack schon vor dem letzten Rebootversuch von Shane Black im vergangenen Jahr ab. Und auch den langsamen Niedergang der "Transformers" konnte man peu à peu mitverfolgen. Aber in diesem Jahr fällt es doch sehr auf, wie die Studios verzweifelt versuchen, dem unaufhaltsamen Siegeszug von Marvel/DC Comics/Star Wars etwas entgegenzusetzen, von dem sie erhoffen, dass es zumindest ansatzweise dem entsprechen könnte, was man als Nummer sicher bezeichnet. Funktionieren tut das allerdings nur noch bedingt. Jedem "Jumanji" stehen mittlerweile ein "Terminator" oder "X-Men" entgegen, ein "3 Engel für Charlie" oder "Beverly HIlls Cop", den Paramount für seine vierte Ausgabe wohlweislich an Netflix abgegeben hat. Wir sind gespannt, was im kommenden Jahr mit dem neuen "Top Gun" passiert oder den Bad Boys for Life". Vor zehn Jahren wären das einigermaßen todsichere Dinger gewesen. Heute wird es davon abhängen, ob denn die Filme auch wirklich gut oder originell sind, um den Kinobesuch wirklich zu lohnen.

"IP" ist sicherlich nicht tot. Manche der gescheiterten Marken dieses Jahres werden vermutlich ein neues Leben in Form von Serien auf Streamingdiensten haben, wie es aktuell gerade "Jack Ryan" vormacht. Wer künftig aber im Kino beim Publikum landen will, braucht mehr als einen klingenden Namen. Der braucht auch zündende Ideen und gute Geschichten. Das ist im Grunde auch nicht das Schlechteste.

Thomas Schultze, Chefredakteur