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KOMMENTAR: Deutschland - Krimiland

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett! Nicht wenn sie ihre Zeit vor öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern verbringt. Die stetig steigende Flut an Krimireihen oder -serien scheint keinen Höchststand zu erreichen. Will wirklich niemand etwas anderes sehen?

14.11.2019 07:48 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett! Nicht wenn sie ihre Zeit vor öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern verbringt. Die stetig steigende Flut an Krimireihen oder -serien scheint keinen Höchststand zu erreichen. Will wirklich niemand etwas anderes sehen? Das Land der Dichter und Denker ist im TV zum Land der Kriminalisten und Kommissare geworden. Kein Tag, an dem nicht ein bis zehn Gewaltverbrechen auf dem Bildschirm gelöst werden wollen. Ich rede gar nicht von den sonntäglichen heiligen Kühen, die das letzte Lagerfeuer der Nation bilden, vor dem sich noch die längst total zersplitterte, auf Kleinstsender und Streamingdienste verteilte Fernsehgemeinde versammelt, um sich Geschichten erzählen zu lassen. "Tatort" und "Polizeiruf 110" gehören längst zur öffentlich-rechtlichen Grundversorgung wie die Sozial- oder die Rentenversicherung. Die letzten inhaltlichen oder formalen TV-Experimente finden im Rahmen dieser Formate statt. Hier dürfen sich alte verdiente oder junge hoffnungsvolle Regisseure austoben, um auf gesellschaftliche oder gar politische Themen aufmerksam zu machen. Aber auch der Montag, der Donnerstag oder der Samstag ist dem Krimi gewidmet. Kaum ein deutscher oder europäischer Landstrich, der nicht vom Verbrechen heimgesucht wird. Schwarzwald- oder Erzgebirgskrimi, Kroatien-, Island- oder Irland-Krimi, Mordkommissionen von Stralsund bis Istanbul und Lissabon, "Wolfsland"-, "Wilsberg" - oder "Solo für Weiss"-Krimis, SOKOs landauf, landab, kein Wochentag, an dem die Gebührensender nicht die Kriminalität in all ihren Facetten feiern. Bestimmt wollen die Leute das sehen und sich jeden Tag aufs Neue ängstigen, wie gefährlich der Schritt nach draußen ist. Nicht die Propaganda der AfD sorgt für ein Gefühl der Unsicherheit und die Gewissheit, dass die Kriminalitätsrate in Deutschland täglich steigt, sondern die Erfüllung des Kulturauftrags durch die ÖR-Sender, die nur die endlosen Büchertische der Bahnhofsbuchhandlungen spiegelt, auf denen sich kaum mehr ein literarischer Bestseller gegen die zahllosen Kriminalromane durchsetzen kann, die alle auch noch verfilmt werden wollen. Bestimmt lässt sich diese Entwicklung beim kommenden Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden fruchtbar diskutieren und die Gründe, warum so wenig politisch oder gesellschaftlich relevante 90-Minüter noch der Serienflut der Streamer und der Sender trotzen. Vielleicht könnte man aber auch einfach nur einen Krimisendeplatz freiräumen für Fernseh- oder Kinofilme, die ihr Publikum wieder überraschen, inspirieren oder einladen, sich mit der Wirklichkeit zu befassen. Und das nicht nur zur Sommerzeit, wenn alle verreist sind, nein, auch im Winter, wenn es schneit. Filme wie Fremder Feind", die im Kino übersehen werden, aber zur Primetime ein Millionenpulikum finden, das ihnen gebannt folgt. Höchste Zeit für gute Vorsätze!

Ulrich Höcherl, Chefredakteur