Kino

"Es war ein Schock für uns"

Wegen eines Verkaufs der Räumlichkeiten droht dem ältesten Kino Deutschlands die Schließung. Die Rettung für das Moviemento läge in einem Erwerb durch die Betreiber selbst, eine Crowdfunding-Kampagne soll dabei helfen, die notwendigen Mittel aufbringen zu können. Wir sprachen mit Iris Praefke über die Perspektiven dieser Aktion - und Solidarität innerhalb der Branche.

13.11.2019 12:03 • von Marc Mensch
Iris Praeke betreibt das Moviemento gemeinsam mit Wulf Sörgel (Bild: Moviemento)

Es ist ein ganz besonderes Haus, für das Iris Praefke und Wulf Sörgel kämpfen - immerhin geht es nach Angaben der Betreiber um das älteste Kino Deutschlands. 1907 wurde das heute Moviemento genannte Filmtheater eröffnet und schon einmal mussten Praefke und Sörgel zur Rettung kommen. Ausgerechnet im 100. Jahr seines Bestehens bewahrten sie das Kino durch eine Übernahme vor der Schließung, nun sehen sie sich allerdings einer noch schwierigeren Aufgabe gegenübergestellt. Denn die Räumlichkeiten, in denen sich das Kino befindet, sollen verkauft werden. Einen Ausweg böte der Erwerb durch die Betreiber, doch der aufgerufene Kaufpreis stellt eine immense Hürde dar. Eine Hürde, die man unter anderem mit Unterstützung einer Crowdfunding-Kampagne nehmen will. Wir sprachen mit Iris Praefke unter anderem über die Perspektiven dieser Aktion - und über Solidarität innerhalb der Branche.

BLICKPUNKT: FILM: Wie haben Sie vom anstehenden Verkauf erfahren?

IRIS PRAEFKE: Das war wirklich ein Schock für uns, denn es hat uns völlig unerwartet getroffen. Eines Tages im Oktober standen Vertreter eines Maklerunternehmens bei uns im Foyer und setzten uns im Auftrag des Eigentümers, einer Tochter der Deutsche Wohnen, darüber in Kenntnis, dass die Räumlichkeiten verkauft werden sollen. Man bot sie uns dabei auch an: für rund zwei Mio. Euro. Ein Betrag, den wir nicht selbst aufbringen könnten - und der auch keine tragbare Miete durch einen anderen Käufer zuließe.

BF: Nun wollen Sie und Wulf Sörgel alles in die Waagschale werfen, um sich einen Erwerb zu ermöglichen?

PRAEFKE: Wir haben sofort geschaut, was wir selbst aufbringen können. Wenn wir alles zusammenkratzen, kommen wir auf rund 200.000 Euro. Daneben haben wir natürlich auch mit potenziellen Unterstützern gesprochen - und ein Freund würde uns mit einem weiteren Darlehen in Höhe von 200.000 Euro unterstützen. Damit haben wir schon einen Grundstock geschaffen - und die Idee, den Versuch zu wagen, weitere Mittel über ein Crowdfunding zu erhalten, war dann am Ende naheliegend.

BF: Nun ist das Moviemento nicht das einzige Kino, das Sie betreiben. Weshalb bedeutet Ihnen das Haus so viel, dass Sie Ihr gesamtes Kapital - und mehr - für die Rettung aufwenden würden?

PRAEFKE: Jedes unserer Kinos liegt uns am Herzen, aber das Moviemento ist noch einmal ganz besonders. Nicht nur, weil es das älteste Kino Deutschlands und eines der ältesten weltweit ist, sondern weil es wirklich ein integraler Teil der Stadtkultur hier im Kiez ist. Wir können hier so viel umsetzen - Festivals, Events, Schulvorstellungen, etc... Eine Schließung wäre für uns geradezu undenkbar.

BF: Wäre ein Vorkauf durch den Bezirk kein Ausweg?

PRAEFKE: Leider ist ein Vorkauf eher keine Option, da nicht das gesamte Haus zum Verkauf steht, sondern nur einzelne Teile. Der Voreigentümer hatte bereits einen Großteil des Hauses in Eigentumswohnungen umgewandelt. Aus der Politik kam aber breite Unterstützung aus allen Parteien. Beispielsweise Florian Schmidt, Klaus Lederer und Notker Schweikhardt haben ihre persönliche Unterstützung zugesichert und viele Politiker haben unseren Aufruf weiterverbreitet, wie Timur Husein oder Cansel Kiziltepe.

BF: Schon das erste Finanzierungsziel der StartNext-Kampagne von 100.000 Euro klingt relativ ambitioniert. Sehen Sie Chancen?

PRAEFKE: Absolut! Bis 11. November waren schon über 30.000 Euro zusammengekommen. Wir haben uns jüngst mit Vertretern von StartNext getroffen und dort sieht man die bisherige, enorm positive Entwicklung als klares Zeichen dafür, dass wir es schaffen können. Das zweite Ziel von 1,6 Mio. Euro ist natürlich sehr hoch angesetzt - aber es ging so Knall auf Fall, dass wir erst einmal reagieren mussten und das zweite Ziel so gesetzt haben, dass wir es bei dessen Erreichen in jedem Fall schaffen würden, das Kino zu erhalten. Wir suchen natürlich parallel noch nach weiteren Möglichkeiten, Mittel aufzutreiben.

BF: Mit 500.000 Euro etwas ausrichten zu können, wäre ja von einem erheblichen Entgegenkommen des Eigentümers abhängig. Ist das eine realistische Vorstellung?

PRAEFKE: Ich denke schon, zumal der angestrebte Verkauf eben dem Umstand geschuldet scheint, dass man sich schlicht von Objekten trennen will, die nicht komplett zu vermieten sind. Zumindest sehen wir auf Seiten der Deutsche Wohnen Gesprächsbereitschaft - und werden uns demnächst mit einem Ansprechpartner treffen.

BF: Unter anderem auch die Yorck-Gruppe hat Ihren Funding-Aufruf weiterverbreitet.

PRAEFKE: Ist das nicht toll? Ich finde, es ist ein großartiges Zeichen, dass wir auch Unterstützung seitens der Kollegen erfahren. Das zeigt, dass die Branche zusammenhält. Das ist wichtig auch für andere Themen. Generell sind wir sehr glücklich darüber, wie die Kampagne aufgenommen wird und welche Reaktionen wir von allen Seiten erfahren. Das hilft in so einer Situation auch emotional.

BF: Je nachdem, wie viel Geld nach einem Erwerb übrig bliebe, gäbe es weitere Pläne?

PRAEFKE: Sollte der höchst unwahrscheinliche Fall eintreten, dass wir am Ende noch Geld übrig haben, würden wir tatsächlich gerne den seit Längerem gehegten Plan umsetzen, einen vierten Kinosaal zu bauen und gegebenenfalls Saal 3 noch zu erweitern; der Platz wäre da. Wir sprechen hier von einem Fernziel, aber schon alleine aus Gründen der Transparenz müssen wir natürlich darlegen, was mit dem Geld geschieht, sollte mehr als der Kauf der Räume drin sein. Wie gesagt wissen wir noch nicht, welche Finanzquellen wir eventuell noch auftun können und wie sich der Kaufpreis entwickelt.

BF: Sehen Sie denn eine Chance, die potenziellen Investitionen auch wieder einzuspielen?

PRAEFKE: Ja, absolut - es ist nur eine Frage der Zeit. Das ist aber einer der Knackpunkte, weshalb eine Bankenfinanzierung ausscheidet. Ein üblicher Darlehenszeitraum wäre zu kurz.

BF: Für den Fall einer Rettung gehen sie also davon aus, noch in Jahrzehnten Kino an diesem Standort machen zu können?

PRAEFKE: Daran besteht für mich absolut kein Zweifel. Kino wird auch in 20 oder 30 Jahren - und darüber hinaus - noch eine unersetzbare Rolle spielen.

Das Gespräch führte Marc Mensch