Kino

Jackowski/Aselmann: Kein Branchenkonsens zu Lasten der Produzenten!

Mit einer Umverteilung von Produktionsfördermitteln zugunsten der Herausbringung und der Kinos, wie sie im Vorfeld der FFG-Novellierung diskutiert wird, sind die Produzenten nicht einverstanden. Das stellen Janine Jackowski und Uli Aselmann für Produzentenverband und Allianz im Exklusiv-Interview mit Blickpunkt:Film klar.

08.11.2019 11:57 • von Barbara Schuster

Janine Jackowski, Vorstand Produzentenverband, und Uli Aselmann, stellvertretender Vorsitzender des Gesamtvorstands der Produzentenallianz, stellen im exklusiven Interview mit Blickpunkt:Film klar, dass die Produzenten kein Einverständnis gegeben haben, die Produktionstöpfe der FFA zugunsten der Verleih- oder Kinoförderung zu beschneiden. Ihre Darlegung erfolgt im Zuge eines Expertenhearings der CDU/CSU-Fraktion im Vorfeld der FFG-Novellierung, bei dem von einem Branchenkonsens über die Verteilung von FFA-Fördermitteln zugunsten der Herausbringung gesprochen wurde.

Nach dem Expertenhearing der CDU/CSU-Fraktion im Vorfeld der FFG-Novellierung wurde von einem Branchenkonsens über die Verteilung von FFA-Fördermitteln zugunsten der Herausbringung gesprochen. Trifft dieser Konsens zu?

Janine Jackowski: Es existiert ein branchenweiter Konsens darüber, dass Filme, die ins Kino kommen, mit einem ordentlichen P&A-Budget ausgestattet werden müssen, das etwa 30 Prozent des Produktionsbudgets ausmachen sollte. Aber es gibt kein Einverständnis der Produzenten, zugunsten der Verleih- oder Kinoförderung die Produktionstöpfe der FFA zu beschneiden, sei es Referenz- oder Projektförderung. Eine Stärkung der Verleihförderung ist auch für uns Produzenten wichtig. Die Kinos sind bereits zusätzlich zu den Kinoförderungen der FFA und der Regionalförderungen durch die Mittel des Bundes unterstützt worden, und wir Produzenten haben das ganz ausdrücklich unterstützt. Es ist auch in Ordnung, über Verschiebungen innerhalb des Produktionsbudgets zu sprechen, dass etwa mehr Mittel in die Entwicklung fließen sollen. Aber wenn die Verleihförderung innerhalb der FFA zu Lasten des Produktionsbudgets aufgestockt werden soll, dann möchten wir dem ganz entschieden widersprechen.

Uli Aselmann: Dieses Ansinnen entspricht auch nicht dem Urteil des Bunderverfassungsgerichts, das besagt, dass der Gruppennutzen für die FFA aus der Produktion von Kinofilmen hervorgeht. Wenn dieser Gruppennutzen zu Gunsten der Herausbringung und der Kinos reduziert werden soll, und das auch noch bei sinkenden Einnahmen, die die FFA in den nächsten Jahren zu verkraften hat, dann widerspricht das den Feststellungen des Bundesverfassungsgerichts. Und dagegen müssen wir uns wehren. Es besteht aber die Einsicht bei Produzentenverband und Produzentenallianz, dass die Filmherausbringung und die Kinos gestärkt werden müssen. Das haben wir auch bei der CDU/CSU-Anhörung so geäußert, aber ebenso deutlich gemacht, dass das nicht zu Lasten der bestehenden Produktionsmittel gehen darf, weder beim BKM noch bei der FFA. Wir sind überrascht, dass plötzlich wieder diese Töne laut werden, die dem beschworenen Branchenkonsens entgegenstehen, sich gemeinsam in allen Bereichen für die Stärkung des Deutschen Kinofilms zu engagieren.

Janine Jackowski: Man muss sehen, dass sich die Projekt- und Referenzfördermittel der FFA für die Produktion im letzten Jahr auf 27 Mio. Euro beliefen, in der Verleihförderung betrugen sie insgesamt zehn Mio. Euro. Wenn es jetzt zu einer weiteren Verschiebung zugunsten des Verleihs kommen soll, würden wir über mehr als 30 Prozent in Relation zum Produktionsbudget sprechen. Wenn der Produktion innerhalb der FFA weitere Mittel abhanden kommen würden, würde die Produktionsförderung der FFA Gefahr laufen, massiv an Bedeutung zu verlieren.

Wie lässt sich denn bei gleich bleibenden oder gar sinkenden Einnahmen der FFA sonst eine Stärkung dieser Bereiche bewerkstelligen, wenn nicht durch eine Mittelverschiebung?

Uli Aselmann: Das BKM hält seine schützende Hand über den deutschen Kinofilm, worüber wir alle sehr glücklich sind, die Verleiher genauso wie die Kinos und wir Produzenten. So haben wir auch die gemeinsamen Gespräche begonnen, und vielleicht sollten wir in einer gemeinsamen Anstrengung zusehen, dass wir für die Kinos und die Verleihwirtschaft weitere Mittel aus Bundesmitteln generieren können. Bei den Kinos handelt es sich ja auch um eine Immobilienförderung, und vielleicht wäre es angebracht, noch einmal mit dem Wirtschaftsministerium zu reden. Auch muss man die Abgabenseite im FFG noch einmal unter die Lupe nehmen und zum Beispiel Medialeistungen der VAUNET-Sender als Barmittel einfordern und die Abgabesätze der TV-Sender und Streamingdienste neu bewerten. Mehreinnahmen kämen ja automatisch allen Fördersäulen zugute. Das FFG ist als Scharnier zwischen Bundes- und Länderförderung immens wichtig, verlöre aber an Bedeutung, wenn die FFA keine relevanten Mittel mehr generiert!

Hat es denn in Vorbereitung der FFG-Novelle keine frühzeitigen Konsensgespräche der einzelnen Verbände gegeben wie beim letzten Mal?

Uli Aselmann: Bei der vorletzten Novelle gab es ein All-Industry-Papier, das schon relativ früh nicht weiterverfolgt worden ist. Initiiert durch die SPIO noch unter der Führung von Alfred Holighaus haben diesmal mit allen Verbänden Gespräche stattgefunden, die bei den ersten Treffen einen positiven Konsens in allen Bereichen erkennen ließen. Darum sind wir jetzt auch so überrascht, dass diese Diskussion der Mittelverschiebung wieder aufflammt und man wieder nur die Butter des anderen vom Brot nehmen will. Auch die bestehenden Mittel von DFFF und DFFF2 müssen der Filmproduktion zur Gänze erhalten bleiben!

Hat nicht die Erhöhung der Produzentenhonorare durch die zuletzt erfolgte Richtlinienänderung der FFA den Produzenten bereits neue Spielräume gebracht?

Uli Aselmann: Eine einzelne Produktion hat mit dem Gesamtkinomarkt nur bedingt zu tun. Die Produzenten sind jetzt in einer Situation, höhere Deckungsbeiträge aus ihrer Arbeit zu generieren, deswegen bleibt das Risiko des Produzenten aber genauso groß wie vorher. Wenn die Budgets reduziert werden, weil zu wenig Geld in den Fördertöpfen ist, können wir ja im internationalen Wettbewerb nicht wirklich den Qualitätsansprüchen des Publikums gerecht werden. Wir müssen Filme finanzieren können, die eine höhere Qualität bei der Projektentwicklung und auf der Leinwand ermöglichen, wenn wir gegen andere Bewegtbildangebote punkten und den USP des Kinofilms erhalten wollen. Und für die aufwendige und langwierige Projektentwicklung, werden die Produzenten jetzt endlich angemessener vergütet. Deswegen ist es kontraproduktiv, nun im Gegenzug die Produktionsmittel kürzen zu wollen. Am letzten Wochenende ist ein höher budgetierter deutscher Film gestartet, der bei seiner Finanzierung eine unglückliche Vorgeschichte hatte. Es ist der drittbeste Start in diesem Jahr! Bei den gebotenen Parametern des Films von Produzenten, Autor, Regisseur und Besetzung, schadet sich die Branche nur selbst mit der zurückliegenden Debatte und offenbart, dass wir endlich für das Kino größer denken müssen!

Was muss bei dieser Novellierung geregelt werden, um Produzenten in die Lage zu versetzen, wieder verstärkt Kinofilme zu produzieren?

Janine Jackowski: Für uns Produzenten ist das wichtigste Thema das Recoupment. Vor einem Jahr haben Uli und ich in Blickpunkt:Film über drei Themen gesprochen, über die Erhöhung von HU und Producers Fee, über das Risiko für die Produzenten, und über das Recoupment. Insbesondere bei letzterem muss sich etwas ändern, damit der Kinofilm für Produzenten wieder interessant wird, und der Migration der wichtigsten Kreativen in Richtung Serie etwas entgegengesetzt werden kann. Dazu finden Diskussionen über eine Neuordnung des Recoupments statt, die Produzenten und Kreative in einem angemessenen Maße an den Einkünften partizipieren lässt.

Uli Aselmann: Im Moment läuft dazu noch eine Abstimmung zwischen Produzentenverband und Produzentenallianz. Wenn sich ein gemeinsamer Weg abzeichnet, wollen wir uns mit unseren Partnern vom Verleiherverband zusammensetzen und darüber diskutieren. Ich war erschrocken, dass der Geschäftsführer des VdF bei der Veranstaltung der CDU/CSU-Fraktion wieder von einem "Zwangskorridor" sprach, ein populistisches Wortspiel aus der letzten FFG-Novellierung. Wir dachten, unsere Partner hätten verstanden, dass es nicht um Zwang sondern um eine gerechte, nachvollziehbare partnerschaftliche Aufteilung der Einnahmen zwischen Verleih und den Produzenten bei erfolgreichen Kinofilmen geht.

Muss bei der FFA nicht auch noch eine stärkere Mittelkonzentration auf aussichtsreiche Filme stattfinden?

Uli Aselmann: Ich kenne diese Forderung mancher Branchenteilnehmer, aber die unabhängigen Produktionsfirmen im Produzentenverband wie in der Allianz wollen nicht das ausschließliche Referenzmodell. Wenn man sich die Erfolgsliste dieses Kinojahres ansieht, dann würde das vor allem verleihgebundene Unternehmen stärken. Die Produktionsförderung steht für eine gewisse Filmvielfalt und sichert diese. Die Referenzmittelförderung hat aber natürlich seine Berechtigung, denn sie ist vielfältig einsetzbar, zum Beispiel wenn eine andere Förderung ausfällt. Wie oft hört man inzwischen von Schauspieler*innen, Regisseuren*innen, Autoren*innen aber auch anderen Kreativen, dass sie für einen Kinofilm angefragt sind, aber wegen des Fehlens einer Förderung sich dann lieber anderen Projekten zuwenden. Dass die Finanzierungsstruktur so unübersehbar und wenig verlässlich ist, ist eine große Herausforderung für die gesamte Herstellerbranche. Darum sind Referenzmittel quasi das "Kapital", das uns ermöglicht bei einer Finanzierungslücke frühzeitig verlässliche Verträge mit den Mitarbeitern abschließen zu können.

Janine Jackowski: Ich glaube auch, dass es der FFA gut ansteht, weiterhin ein gewisses Portfolio zu fördern. Es ist auch immer die Frage, was als Erfolg zählt. Es gibt auch im künstlerischen Bereich Erfolge, die förderungswürdig sind und nicht nur vom BKM gefördert werden sollten. Die FFA hat bereits jetzt einen klaren Schwerpunkt bei kommerziellen Filmen, und das soll auch so bleiben.

Ist es denn nach wie vor attraktiver, für die neuen Streamingdienste zu produzieren, auch wenn man alle Rechte abgeben muss?

Uli Aselmann: Dazu kann Janine sicher mehr sagen, aber die Verlässlichkeit, zu wissen, dass die Produktion finanziert ist und man tatsächlich zum vorgesehenen Termin mit den Dreharbeiten anfangen kann, gibt größere Planungssicherheit. Für die Mitarbeiter sehe ich das als große Verlockung. Aber der Rechtesplit der Streamingdienste ist ein ernstes Problem.

Janine Jackowski: Das mit den Rechten ist tatsächlich ein Problem. Aber es war auch mit den öffentlich-rechtlichen Sendern ein langer Weg, sich auf eine Beteiligung an den Rechten zu einigen. Tatsache ist aber auch, dass uns im Fernsehen ganz generell HUs und ein Gewinn von 13,5 Prozent zugestanden werden. Selbst mit den gestiegenen Sätzen bekommen wir beim Kinofilm nur fünf Prozent Producers Fee plus 7,5 Prozent HUs abzüglich fünf Prozent an Eigenanteil, das ergibt noch immer deutlich weniger, nämlich 7,5 Prozent. Und beim Recoupment sind wir, was die Rückzahlungen betrifft, total im Hintertreffen. Es gibt nicht sehr viele Kinofilme im Jahr, bei denen beim Produzenten auch nur ein Cent ankommt. Das sollte aber für Produzenten und Kreative der große Anreiz sein, dass es zumindest die Aussicht gibt, irgendwann auch Gewinne oder Overcaps zu generieren. Dieses Geld sollten wir nutzen können, um andere risikoreiche Entwicklungen anzustoßen. Aber in diesen Kreislauf kommen wir überhaupt nicht mehr rein. Auch für Equity Investoren ist das derzeitige Recoupment-Modell in Deutschland total uninteressant.

In der Branche gibt es einen Konsens darüber, wie wichtig der deutsche Kinofilm ist. Wie lässt sich ein Konsens bei den Mittelverteilung finden?

Janine Jackowski: Wir sehen alle die gleiche Situation. Wir wissen, dass die Branche geschlossen etwas machen muss, um den deutschen Kinofilm zu stärken, gerade bei dem Überangebot an kreativen Inhalten durch die vielen Streamingdienste, das auch im Free-TV etwas verändert. Angesichts der sinkenden Kinobesucherzahlen ist allen klar, dass wir handeln müssen. Es gibt ja auch Eckpunkte, auf die sich alle Branchenteilnehmer einigen können. Wir sind sehr glücklich, dass alle Branchenteilnehmer gesehen haben, dass es bei HU und Producers Fee Handlungsbedarf gibt, damit wir auch im internationalen Vergleich, konkurrenzfähig bleiben. Genauso haben wir das Zukunftsprogramm Kino unterstützt, und genauso unterstützen wir jetzt auch, dass die Verleihförderung gestärkt werden muss. Das ist Branchenkonsens, aber eben nicht zu Lasten der Produktionsförderung.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl