Kino

KOMMENTAR: Der perfekte Kinofilm

Bora Dagtekin hat den Bogen raus, wie vor ihm nur Michael Bully Herbig und Til Schweiger, die ebenfalls fünf Filme in Folge mit mehr als einer Million Zuschauer ins Kino gebracht haben. "Das perfekte Geheimnis" bleibt trotzdem das Geheimnis ihres Erfolgs.

07.11.2019 07:37 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Bora Dagtekin hat den Bogen raus, wie vor ihm nur Michael Bully Herbig und Til Schweiger, die ebenfalls fünf Filme in Folge mit mehr als einer Million Zuschauer ins Kino gebracht haben. "Das perfekte Geheimnis" bleibt trotzdem das Geheimnis ihres Erfolgs. Während selbst die Kinobranche kleingläubig die Attraktivität des Kinobesuchs in Frage stellt, während ratlos die weltweite Dominanz der Marvel-Filme und der wachsende Zuspruch anderer Erzählformen, vor allem für Serien der Streaminganbieter, konstatiert wird, während der deutsche Film keinen rechten Zugang zum Publikum zu finden scheint, mit leuchtenden Ausnahmen wie der letzten Regiearbeit von Caroline Link oder den Verfilmungen der Eberhofer-Krimis, bringt Bora Dagtekin einfach seinen neuen Film ins Kino, und das Publikum strömt in Scharen. Dabei hat man es Dagtekin gar nicht so leicht gemacht. Selbst die erklärte Spitzenförderung des Bundes hat nur mit Magengrimmen ihr gutes Geld für den Film hergegeben: zu teuer für ein "Kammerspiel" und dann die unerhörten Herausbringungskosten. Am Ende hat man sich doch dazu durchgerungen und Dagtekin, der Constantin, den Kinos und dem deutschen Film einen seltenen Triumph beim Publikum ermöglicht. Die Zuschauer kommen also doch, wenn der Film etwas verspricht.

Sie kommen auch für Nora Fingscheidts Debüt Systemsprenger", weil der Film etwas Besonderes verspricht. "Das perfekte Geheimnis" und "Systemsprenger" sind zwei Seiten derselben Kinomedaille. Die halbe Million Zuschauer, die sich das verstörende Außenseiterdrama im Kino angesehen haben, sind so wichtig wie die Millionen, die in den perfekten Unterhaltungsfilm mit seinen vielen zeitgemäßen Themen, von der Handy-Sucht bis zur latenten Homophobie, gehen. Das Kino braucht Filme, die die Leute so stark elektrisieren, dass sie die beschwerliche Prozedur, bis sie glücklich ihr Kinoticket gelöst haben, auf sich nehmen. Gelungene Unterhaltung oder ein kontroverses Thema, am besten beides, das dürfen sie erwarten. Die größte Todsünde zu vieler deutscher Kinofilme, oder solcher, die es zu sein vorgeben, ist, dass sie das Publikum langweilen. Das gilt für den Mainstream- wie für den Arthousebereich.

Die Branche sitzt jetzt wieder an Runden Tischen zusammen, um die Zukunft des deutschen Films zu besprechen und Weichen für die Novellierung der bundesweiten Förderung zu stellen. Dass genau solche Filme ermöglicht werden müssen, wie die beiden oben genannten, und dass man dafür auf viele andere Kinostarts leichten Herzens verzichten kann, die niemand interessiert haben, sollte Richtschnur sein. Dass die Produzenten, die Kinos und die Verleiher deutscher Filme durch weitere Mittel gestärkt werden müssen, sollte Konsens sein. Viel Glück also all jenen, die diesen Weg zum perfekten Kinofilm steuern, beim Ausgleich der unterschiedlichen Interessen.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur