Kino

Das Gegenteil von Trumps Patriotismus

Regisseur Roland Emmerich und Produzent Harald Kloser feiern im Kriegsfilm "Midway" Amerikaner, die für Demokratie und Freiheit ihr Leben im Zweiten Weltkrieg riskierten. Die Filmemacher erzählen Blickpunkt:Film, wie herausfordernd die Projektfinanzierung war.

06.11.2019 10:16 • von
Regisseur Roland Emmerich (M.) am Set des Films "Midway - Für die Freiheit", den er gemeinsam mit Harald Kloser produzierte (Bild: Universum Film GmbH)

Regisseur Roland Emmerich und Produzent Harald Kloser feiern im Kriegsfilm "Midway" Amerikaner, die für Demokratie und Freiheit ihr Leben im Zweiten Weltkrieg riskierten. Die Filmemacher erzählen Blickpunkt:Film, wie herausfordernd die Projektfinanzierung war.

Was hat Sie an dem Projekt "Midway" gereizt? Beim Genre Kriegsfilm denkt man nicht automatisch an Ihren Namen.

Roland Emmerich: Vielleicht war ich gerade deswegen interessiert. Ich habe schon vor 20 Jahren diesen Film machen wollen. Ich hatte damals auch grünes Licht von Columbia TriStar. Aber dann hat sich relativ schnell herausgestellt, dass der Film richtig teuer wird. Da haben die japanischen Eigentümer des Studios nicht mitgemacht. Deswegen haben ich damals "Der Patriot" gedreht, weil Columbia dieses Script hatten. Über die Jahre habe ich aber immer wieder darüber nachgedacht. Irgendwann kam dann "Pearl Harbor" raus. Dann müssen Sie fünf bis acht Jahre warten, bis Sie mit so einem Filmprojekt wieder ankommen können.

Sie blieben hartnäckig?

Roland Emmerich: Ich hatte nach vielen Gesprächen das Gefühl, dass es im Hinblick auf die sich veränderte politische Landschaft perfekt wäre, das Projekt jetzt zu machen. Ich hatte Interesse, die Leute angesichts des Nationalismus und der Rechtsparteien, die wieder in Mode kommen, daran zu erinnern, dass es einmal andere junge Menschen gab, die sich für Freiheit und Demokratie aufgeopfert haben. Es ist mir wichtig, diese Erinnerung wachzuhalten. Diese sechs Monate im Pazifikkrieg waren für mich exemplarisch - es ist eine richtige Comeback-Story. Der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor kam aus dem Nichts, während in Washington noch verhandelt wurde. Die Amerikaner waren nicht sehr gut vorbereitet.

Zumal das, was dann im Pazifikkrieg bei der Schlacht um Midway passierte, auch in Deutschland nicht besonders bekannt ist.

Roland Emmerich: Ja, genau. Jeder kennt Pearl Harbor. Selbst in Amerika ist Midway zwar bekannter, aber auch da wissen nicht so viele Leute, was damals genau passierte.

Harald Kloser: Midway ist auch nicht eine ganz einfache Situation im Bezug auf die Schlacht. Die Tatsache, dass die Amerikaner in der Lage waren, das als Underdog zu gewinnen, war mit vielen kleinen strategischen Schachzügen verbunden. Im Endeffekt hing der Erfolg der Amerikaner daran, dass die japanische Seite einige Fehler in wichtigen Momenten machte.

In wiefern war es eine Herausforderung, die japanische Seite als Gegenpart im Film zu portraitieren?

Roland Emmerich: Das Portrait der japanischen Seite war uns wichtig. Sie können heutzutage nicht sagen: Das waren die bösen Jungs. Es ist nicht so gewesen, dass die einzelnen Piloten oder die Admirale diesen Krieg angefangen hätten. Beide Seiten haben ihre Pflicht getan. Es war uns wichtig, der Geschichte der Japaner einen nicht unerheblichen Teil des Films zu widmen. Wir wollten genau erklären, warum Fehlentscheidungen getroffen wurden und was überhaupt die genaue Strategie der Japaner war.

Wie haben Sie gecastet?

Roland Emmerich: Wir haben da Glück gehabt. Ein anderer Produzent, der in Martin Scorseses Film "Silence" involviert war, sagte uns, dass sie viel Hilfe von einer Frau in Tokio bekommen hätten. Er gab uns die Telefonnummer. Sie war fantastisch. Denn die Situation war nicht einfach. Bei einem Projekt über Midway denken sich die japanischen Schauspieler: Dann werden wir darin wohl die Bösewichte spielen müssen. Es gab viel Überzeugungsarbeit von ihrer Seite zu leisten, die das Drehbuch kannte und es den Schauspielern nahe gebracht hat. Ich skypte dann mit den Schauspielern, was ein bisschen schwierig war, weil nur einer der Schauspieler flüssig englisch sprach. Das lief dann über Dolmetscher. Alle unsere Schauspieler sind in Japan sehr berühmt.

Harald Kloser: Ja, zum Teil brauchte es da Überzeugungsarbeit, den Schauspielern zu erklären, dass sie bei uns nicht so eindimensional dargestellt werden, wie das normalerweise geschehen ist. Gerade weil das Top-Schauspieler waren, waren sie am Anfang kritisch und sich nicht sicher. Wir konnten für den Film auch lange keinen Vertrieb in Japan finden, bis wir gegen Ende der Schnittarbeiten den japanischen Verleihern den Film zeigen konnten. Als sie ihn sahen, haben wir dann einen Rekordverkauf gemacht.

Bei Ihnen taucht auch die Regielegende John Ford im Film auf, der damals während der Schlacht auf Midway Filmaufnahmen drehte. Wie war Ihr Einfluss auf diese Szenen?

Roland Emmerich: Ja, das war als Kopfnicken von mir gedacht. Wann immer ich nach Midway geschnitten habe, sieht man John Ford, wie der dort auf Motivsuche geht und mit seinem Kameramann die Insel abfährt. Das gibt dem Ganzen schon etwas Besonderes.

Was bedeutet Ihnen John Ford?

Roland Emmerich: Er ist einer der größten Regisseure, die es jemals gab. Sein Western "Der schwarze Falke" ist einer der tollsten Filme, die jemals gemacht wurden.

Haben Sie sich in der Vorbereitung nochmal die alten Filme zu Midway angeschaut?

Roland Emmerich: Ja, das macht man schon. Ich habe mir nochmal die ganzen guten Kriegsfilme angeschaut. Ich bin großer Fan von "Die Brücke von Arnheim", zu dem mein Film sehr viele Ähnlichkeiten hat.

Wie haben Sie ihren Hauptdarsteller Ed Skrein gefunden?

Roland Emmerich: Er war einer der letzten Schauspieler, die wir besetzt haben. Wir haben ganz lange gesucht. In der Endphase habe ich mit vier, fünf Schauspielern Skype-Sessions gemacht - Skrein war einer davon. Ich habe mich sofort in ihn als Schauspieler verliebt, er ist perfekt für die Rolle.

Sie kannten ihn nicht vorher schon aus der TV-Serie "Game of Thrones"?

Roland Emmerich: Nein, ich war nicht so vertraut mit seiner Filmografie. Aber als ich mir das überlegt hatte, dachte ich: Ja, das war toll, was er in "Game of Thrones" gemacht hat. Er war auch in zwei, drei Filmen wie "Alita" und "Maleficent 2", wo ich mir dann dachte, das wird ein gutes Jahr für ihn werden.

Harald Kloser: Warum wir so lange gesucht haben, hat auch damit zu tun, dass Roland keinen Schönling besetzen wollte.

Roland Emmerich: Skrein sieht schon gut aus, aber er hat mehr Charakter.

Ansonsten haben Sie einen echten Allstar-Cast aus ihren früheren Filmen zusammen gestellt.

Roland Emmerich: Ja, das lief ganz einfach. Wir hatten bei "2012" schon mal mit Woody Harrelson gedreht und uns ganz gut verstanden. Dann haben wir gesagt, Woody spielt bei uns Admiral Chester Nimitz. Das kam relativ schnell zusammen. Und wenn Sie Harrelson im Film haben, sagt das allen anderen Schauspielern: Oh, das ist großartig, ich wollte immer schon mal in einem Film mit Woody Harrelson sein. Aber wir hatten auch wirklich ein gutes Drehbuch.

Die Flugzeug-Actionszenen sind beeindruckend geworden. Wie haben Sie die technisch umgesetzt?

Roland Emmerich: Das war ein bisschen das größte Problem bei diesem Film. Es gab nichts. Und wir mussten superviel bauen. Man muss auch irre aufpassen, dass man nicht richtige Flugaufnahmen mit visuellen Effekten kombiniert, weil das immer etwas anders aussieht. Ich habe viele Hintergründe selber mit einem 360-Camera-Rig gedreht - hauptsächlich für die Szenen mit den Flugzeugträgern. Wir haben relativ lange an den visuellen Effekten gearbeitet. Es war das erste Mal, dass ich gedacht habe: Das muss alles exakt stimmen. Wenn das nicht stimmt, wird der Film nicht funktionieren. Irgendwann habe ich mir die ganzen Live-Szenen angeschaut - und das hat mir alles nicht gefallen. Dann habe ich das alles neu gemacht. Da hat die Produktion erstmal schwer geschluckt.

Harald Kloser: Ja, tief eingeatmet.

Gleichzeitig sind die Kampfszenen auch moralisch eine Herausforderung für den Zuschauer, weil man irgendwann richtiggehend mitfiebert, dass die Bomben die japanischen Schiffe treffen.

Roland Emmerich: Uns war es irre wichtig, dass wir keine blöden Jubelszenen im Film haben. Die Gewinner reden am Ende darüber, wie viele Freunde oder Kameraden sie verloren haben. Klar, nimmt man die Seite ein, die für die Demokratie gekämpft hat. Es ist eine gute Erinnerung für Amerikaner, was man mit vereinten Kräften und wenn man für die richtige Sache kämpft, erreichen kann.

Der Cast ist stark mit Männerrollen besetzt. Denken Sie, der Film ist auch für Frauen interessant?

Roland Emmerich: Uns hat bei den Testvorführungen total überrascht, dass er bei Frauen über 35 Jahre am besten angekommen ist.

Harald Kloser: Es liegt auch ein bisschen in der Natur der Sache. In Kriegsfilmklassikern wie "Die Brücke von Arnheim", "Dunkirk" und "Der Soldat James Ryan" sind auch nicht viele Frauen dabei.

Roland Emmerich: Aber deswegen haben wir uns auch für die Hauptfigur Dick Best entschieden, weil seine Frau auf Hawaii lebte und sie bereits ein kleines Mädchen hatten. Wir haben mit dem Drehbuchautoren über verschiedene Charaktere als Protagonisten nachgedacht. Uns war absolut klar, dass es Best sein muss, weil er in den ersten sechs Monaten, wo es zur Sache ging, zum Staffelkommandanten ernannt wurde. Zweitens hatte ich auch ein bisschen eine persönliche Verbindung zu seiner Figur. Mein Onkel, den ich nie persönlich kennengelernt habe, ist das Gleiche passiert wie Best. Der war auch Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg und bekam eine latente Tuberkulose durch das ewige Rauf- und Runterfliegen. Mein Onkel verstarb, da die medizinische Versorgung nach dem Krieg in Deutschland nicht so gut war. Mein Vater hat oft über ihn gesprochen. Ich fand es immer schade, dass er den ganzen Krieg überlebte, dann aber verstarb, als alles vorbei war. Mein ältester Bruder ist nach ihm benannt worden.

Glauben Sie, der Film könnte eventuell auch von Seiten Trumps für den Patriotismus in Anspruch genommen werden?

Harald Kloser: Eigentlich zeigt der Film auf, wie miserabel der Patriotismus auf Seiten der aktuell Regierenden in den USA ist. Da geht es nicht um das Wohl der kommenden Generationen, um Freiheit und um Demokratie. Trump sagt: Wir machen Amerika wieder großartig. Wenn man sich unseren Film anschaut, weiß man, wer Amerika irgendwann mal wirklich großartig gemacht hat.

Roland Emmerich: Amerika ist gerade voll in der Krise - politisch und menschlich. Harald und ich wohne jetzt fast 30 Jahren in diesem Land. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass alles so falsch läuft wie jetzt.

Warum stehen bei Ihren Filmen häufig kriegerische Konflikte im Mittelpunkt?

Roland Emmerich: Bei meinen Filmen geht es eigentlich immer um ganz normale Menschen. Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Marvel-Film drehen würde, dann wüsste ich gar nicht, wie ich das beschreiben sollte. Im Grunde genommen gibt es in Marvel-Filmen gar keine normalen Menschen mehr. Da gibt es dann 20 Superhelden, die alle ihre Probleme, aber auch ihre Superkräfte haben. Dann kommt ein Bösewicht, der noch größere Superkräfte hat. Für mich war es immer wichtig, dass in meinen Filmen der normale Mensch im Mittelpunkt steht. Und klar, Sie müssen immer Szenarien entwickeln, wo ein gewisser Konflikt besteht, weil es sonst keinen Film gibt.

Gehen Sie d'accord mit Martin Scorseses Haltung zu Marvel-Filmen, der sie als "Kein Kino" bezeichnete?

Roland Emmerich: Nein, das war zu extrem. Ich kann verstehen, was er meint, weil ich auch nicht unbedingt ein Fan von Marvel-Filmen bin. Aber man muss auch den Zuschauer respektieren. Die lieben Marvel. Was immer die Zuschauer lieben, muss man respektieren. Mir müssen die ja nicht gefallen. Und es gibt auch viele andere Zuschauer, die nicht in jeden neuen Marvel-Film reinrennen.

Wäre es denn für Sie einmal reizvoll, für einen Streaming-Anbieter einen Film zu machen?

Roland Emmerich: Wir sind gerade dabei, auch Fernsehstoffe zu entwickeln. Das muss man als Produzent und Filmemacher tun. Aber meine Liebe gehört immer noch hauptsächlich dem Kino.

Harald Kloser: Bei den Serienstoffen sind wir bei verschiedenen Projekten in verschiedenen Stadien. Das eine ist schon relativ weit. Das zweite größere Projekt ist im Drehbuch-Entwicklungsstadium. Aber spruchreif ist es noch nicht.

"Midway" hatte auch zwei chinesische Produzenten an Bord. Wie lief da der Austausch?

Harald Kloser: Die chinesischen Produzenten waren hauptsächlich als finanzielle Produzenten und nicht so sehr im kreativen Bereich tätig. Sie hatten ein Anhörungsrecht - so dass man sich ihre Kommentare zumindest anhört. Aber die kreativen Entscheidungen lagen komplett bei Roland.

Was war für Sie die größte Herausforderung an diesem Projekt?

Roland Emmerich: Dass es keine große Herausforderung gab. Zum einen war es die Chance, das Ganze akkurat darzustellen. Aber natürlich ist viel diskutiert worden, wie wir alles machen. Es war ganz cool, dass wir am Anfang alle Originalmotive an den Originalschauplätzen gedreht haben. Das hat jedem ein wenig die Bedeutung, dass man ein Stück Geschichte herstellen muss, mit sich gebracht. Das Schwierigste war, dass es gar nichts gab.

Harald Kloser: Das aller schwierigste war, diesen Film gemacht zu kriegen. Die vielen Puzzle-Steine, die dazu nötig waren und am Ende zusammen gekommen sind. Es hatte öfters mal zwischendurch, wenn Roland am Storyboarding war, so ausgeschaut, dass man hätte sagen können: Roland, du kannst jetzt mal aufhören.

Roland Emmerich: Es ist ein bisschen schade, dass Hollywood heutzutage, wenn es um bestimmte Filme geht, nicht mehr so einfach 'Ja' sagt. Es gab eine Zeit, da haben die Studios viel schneller 'Ja' gesagt. Aber wir haben bei diesem Film zum ersten Mal das Ganze mit verschiedenen Vorverträgen selber zusammengebaut. Dadurch, dass wir es auch zum ersten Mal so gemacht haben, ist es nicht so einfach gewesen. Jetzt bei unserem nächsten Film "Moonfall", den wir genau so zusammen gebaut haben, ging das schon einfacher.

Harald Kloser: Den haben wir sogar zusammen geschrieben.

Was dürfen da die Zuschauer erwarten?

Roland Emmerich: Der Mond fällt herab, wie der Titel schon sagt. Ich erkläre dann immer: Der Mond fällt auf die Erde, aber der Mond ist nicht das, was er zu sein scheint.

Harald Kloser: Aber dass Filme wie "Midway" schwerer zu machen sind, wie Roland sagte, liegt auch daran, dass wenn ein Studio so viel Geld in eine Produktion und die Werbung steckt, sie natürlich vermehrt nach Projekten suchen, bei denen ein Sequel möglich ist. Bei "Midway" ist das natürlich unmöglich. Deswegen ist das auch wahnsinnig schwierig zu finanzieren.

Roland Emmerich: Das läuft alles über Minimum Garantees ab. Sie bekommen von jedem Land ein gewisse Summe. Wenn Sie die Verträge unterschreiben, kriegen Sie ungefähr 20 Prozent angezahlt. Den Rest müssen Sie mit einer Bank finanzieren. Unser Film hat jetzt 100 Millionen Dollar gekostet, aber wir haben eigentlich nur 75 Millionen gebraucht. Der Rest funktionierte über soft money. Wenn Sie zum Beispiel in Hawaii drehen, kriegen Sie 25 Prozent von den Steuern zurück, in Kanada kriegen Sie bis zu 30 Prozent zurück - bei visuellen Effekten sogar bis zu 40 Prozent.

Das Interview führte Michael Müller.