Produktion

"Wir sind Überzeugungstäter"

Vor 25 Jahren ist X Filme Creative Pool angetreten, um in einem kreativen Verbund Filme zu realisieren. Stefan Arndt, Wolfgang Becker, Dani Levy und Uwe Schott diskutieren, wie man diese Haltung auch künftig bewahren will.

29.10.2019 08:02 • von Jochen Müller
Auch nach einem Vierteljahrhundert ist bei Wolfgang Becker, Stefan Arndt, Dani Levy und Uwe Schott (v.l.n.r.) die Lust am Filmemachen ungebrochen (Bild: Joachim Gern)

Vor 25 Jahren ist X Filme Creative Pool angetreten, um in einem kreativen Verbund Filme zu realisieren. Stefan Arndt, Wolfgang BeckerDani Levy und Uwe Schott diskutieren, wie man diese Haltung auch künftig bewahren will.

Kurzer Rückblick auf 25 Jahre X Filme: Was würden die jungen Filmemacher, die X Filme vor einem Vierteljahrhundert gegründet haben, zu der Produktionsfirma sagen, wie sie sich heute darstellt? Sind Sie Ihren Idealen und Prinzipien treu geblieben?

Stefan Arndt: Im Zuge der Vorbereitungen auf die 25-Jahr-Feier habe ich noch einmal viele der Interviews durchgelesen, die wir damals zum Start der Firma gegeben haben. Das war spannend. Die Welt hat sich zwischenzeitlich mal verbessert, dann wieder verschlechtert und so fort. Aktuell sind wir wieder in einer Situation, wo man nicht genau weiß, wie es mit dem Kino weitergeht. Aber ganz grundsätzlich ist die Grundhaltung, die Analyse von damals, weshalb wir unsere Kräfte vereint und mit X-Filme angetreten sind, immer noch richtig. Ich denke, dafür brennen wir auch heute noch. Wenn wir einen Delete-Knopf im Kopf drücken und alles auslöschen könnten, was wir in den letzten 25 Jahren gelernt haben, dann wären wir vielleicht in der Lage, uns etwas auszudenken, das punktgenau in die heutige Zeit passt - woran wir natürlich auch ununterbrochen arbeiten. Und doch würde auch das in den Grundzügen, in der generellen Haltung und Überlegung, wieder bestätigen, was wir 1994 als Manifest formuliert haben, um mit X Filme durchzustarten.

Dani Levy: Es gab zwei Hauptgründe, warum wir X Filme gegründet haben. Zum einen ging es uns darum, leidenschaftlich für die Filme einzustehen. Wir wollten, dass das Geld in die Filme geht und nicht in die Tasche des Produzenten, wie wir das immer wieder gesehen hatten. Filme, die wohlgemerkt inhaltlich und künstlerisch getrieben sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert, dafür stehen wir auch im Jahr 2019 noch, auch wenn uns das als Firma manchmal nah an den Überlebenskampf führt. Stefan und Uwe stehen als Produzenten unverändert leidenschaftlich auf der Seite des Filmemachers und der künstlerischen Kompromisslosigkeit. Unser zweites Anliegen war es, uns in einer Firma zu bewegen, in der künstlerische und inhaltliche Gespräche Alltag sind und keine Ausnahmen. Uns ging es um eine gesunde Streitkultur, um Auseinandersetzung, um Unterstützung, um Reibung. Das ist uns rückblickend vielleicht nicht immer so gut gelungen, wie wir uns das ursprünglich gedacht hatten. Ich kann aber sagen, dass wir erstaunlicherweise immer noch sehr miteinander befreundet sind und uns auch immer noch gerne über Inhalte austauschen. Und schließlich gab es noch eine dritte Sache: Wir wollten eine Art Lobby sein. Wir dachten, zusammen haben wir eine stärkere Position. Diese Rechnung ist ebenfalls aufgegangen.

Uwe Schott: Ich kann nicht aus dem Nähkästchen plaudern, weil ich zu Beginn noch nicht Teil der Firma war - ich bin erst 2009 als Teil der Geschäftsführung an Bord gekommen. Es war faszinierend für mich, mit diesen frühen Interviews konfrontiert zu werden. Vieles von dem, was ihr damals gesagt habt, sagt ihr heute auch noch - natürlich nicht eins zu eins. Manches trifft mehr zu, manches weniger: Die Konsistenz beeindruckt mich dennoch.

Wolfgang Becker: Fragt sich nur, ob das bedeutet, dass wir nichts dazugelernt haben, oder ob das damals Gesagte immer noch zutrifft.

Stefan Arndt: Wir sind Überzeugungstäter. Wir machen Filme. Wenn wir einen Pommes-Frites-Großhandel betreiben würden, dann hätte man sich an einem gewissen Zeitpunkt organisiert und könnte dann in den Ketchup-Großhandel einsteigen. Aber in unserem Fall heißt es immer: Neues Spiel, neues Glück. Neuer Film, neues Risiko. Und ich finde, dass wir immer etwas gewagt haben, alles aufs Spiel gesetzt haben. Wir sind nie auf Nummer sicher gegangen. Mich fasziniert bis heute, dass man bei Beginn der Arbeit an einem neuen Filmstoff im Grunde voraussagen muss, wie die Welt in vier Jahren sein wird, was die Menschen dann interessieren wird. Denn solange sitzt man an einem Film und hofft in dieser Zeit immer, dass man einen Nerv treffen wird, wenn man fertig ist. Auf uns lastet eine große Verantwortung. Deshalb ist es unbedingt sinnvoll, dass die Filmemacher auch Produzenten sind und die Produzenten Teil des kreativen Prozesses. Alle müssen zusammen anpacken. Am Ende geht es nicht, dass man mit dem Finger auf den anderen zeigt und sagt: Der hat es vergeigt.

Wolfgang Becker: Danis Analyse stimme ich unbedingt zu. Er trifft das ganz genau. Nur muss man sagen, dass die Ausgangssituation damals ganz anders war als der Markt, in dem wir uns heute bewegen. Mitte der Neunzigerjahre war alles viel überschaubarer. Wir hatten ein Manufakturgebilde. Das waren mit Tom, Dani und mir erst einmal drei Regisseure, die ihre Filme selbstbestimmt machen wollten, auch zeigen wollten, dass sie das in dieser Firma schaffen, dass sie die Firma nicht vor die Wand fahren. Wir wollten erst einmal unsere eigenen ersten Erfolge landen und die Firma dann für andere Filmemacher öffnen, die mit ähnlicher Überzeugung arbeiten wie wir. Das ist eingetreten. Ohne diese anderen Filmemacher wäre X Filme nicht das, was die Firma heute ist. Mein Eindruck ist allerdings, dass gerade Dani und ich früher mehr aufgefangen waren, als wir es heute sind. Wir kämpfen um zwei Dinge. Wir stehen für das Autorenkino - wohlgemerkt nicht für das selbstverliebte Autorenkino, sondern ein Kino, das eine Haltung hat, wo eine Autorenschaft erkennbar ist und das ein großes Publikum erreichen will. An dieser Haltung hat sich nichts geändert, auch wenn das im heutigen fragmentierten Kinomarkt sehr schwierig geworden ist, wenn man sich ansieht, welche Besucherzahlen deutsche Filme heutzutage generieren. Dazu kommt aber auch, dass wir gegen das Alter kämpfen. Es kommen viele junge Leute nach, und wie wir alle wissen, ist die Welt von heute darauf ausgerichtet, dass alles jung und neu sein muss. Frischfleisch muss her. Es mag auch sein, dass diese jungen Leute bessere und frischere Ideen haben als wir. Aber mir scheint, dass sie in unserer eigenen Firma eher zum Zug kommen als wir selbst. Was meine Zukunft anbetrifft, habe ich mich damals deutlich positiver gefühlt als heute. Wenn ich damals gewusst hätte, was 25 Jahre später sein würde, wäre ich mit deutlich weniger Optimismus in X Filme gestartet.

Wie meinen Sie das?

Wolfgang Becker: Wir bewegen uns in einer Kinowelt, in der Marvel den Ton angibt und sich alle anderen Formen des Kinos und insbesondere das deutsche Kino sehr schwertun. Der Kompass ist verloren gegangen. Wir verabschieden uns vom Kino als Kunstform zugunsten der reinen Jahrmarktsattraktion. Nach einer kurzen Blütezeit in den Siebzigerjahren befindet sich das Kino kontinuierlich auf dem absteigenden Ast, aufgefangen wird das aktuell nur von der Blüte der neuen Generation von Fernsehserien, die das Versprechen einlösen, das einst das Kino gegeben hatte. Andere Kunstformen wie das Theater, die Oper, die Literatur oder der Tanz können sich weiterhin als bürgerliche Kunst behaupten - der Film verschwindet mehr und mehr.

Die aktuelle Festivalsaison zeigt einem aber, dass das Kino nicht schlechter geworden ist. Die Qualität ist ungeheuer hoch. Womit diese teilweise großartigen Filme zu kämpfen haben, ist die Geringschätzung in der Öffentlichkeit. Kino als Tagesgespräch ist rar geworden.

Uwe Schott: Neue Werke von, sagen wir mal, Truffaut oder Fellini konnten den öffentlichen Diskurs bestimmen, weil die Halbwertszeit damals eine andere war. Ende der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts werden wir übeschwemmt mit Informationen. Heute ist der Zugang ein ganz anderer: Man kann überall Content abrufen, jederzeit, und man kann ihn jederzeit auch wieder wegdrücken. Vor 25 Jahren kam ein Film ins Kino, und bevor man ihn auf einem Videorekorder erstmals außerhalb des Kinos sehen konnte, vergingen sechs Monate. Filme heute müssen viel mehr leisten, um überhaupt wahr genommen zu werden, geschweige denn einen Eindruck zu hinterlassen, der mehr als ein paar Tage währt. Man muss ganz andere Hürden nehmen, um die Menschen ins Kino zu bewegen.

Dani Levy: Cineastisch gesehen leben wir hier in Deutschland in einem Zwergenland - ein Land, dass das Kino seit den Fünfzigerjahren nicht mehr richtig geliebt hat. Anders als in Frankreich, England oder den USA und vielleicht auch Italien ist das Kino in Deutschland systematisch nicht gefeiert worden. Wann waren wir mit unseren Filmen auf den Titelseiten der großen Zeitschriften? Bei uns werden Regisseure und Stars nie so gefeiert wie in Frankreich, wo es gelungen ist, ein Starkino aufzubauen, das aus nationalen Größen besteht und nicht verzweifelt Hollywood hinterher hechelt? Kino made in Germany ist vor allem hier im eigenen Land keine Größe. Heute zahlen wir den Preis dafür. Wenn ein Lars von Trier heute einen neuen Film ins Kino bringt, wird er in Frankreich zehnmal so viele Besucher machen wie in Deutschland. Wir haben hier bei X immer für ein attraktives Kunstkino gekämpft, und auch für ein deutsches Starkino. Unser Traum war immer, deutsche Schauspieler zu fördern und stark zu machen, die Persönlichkeit, Profil und Charisma haben, die eigen sind, auf eine gute Art unverkennbar deutsch.

Aber ist Ihnen das bei X Filme nicht auch gelungen? Franka Potente oder Daniel Brühl wurden bei Ihnen zu Stars.

Dani Levy: Manchmal hat es funktioniert, das stimmt. Aber in der Regel werden deutsche Schauspieler und deutsche Filme im Feuilleton und mal in einem Portrait beschrieben, aber selten als Aufmacher in den großen Zeitschriften, und es gibt ja noch nicht mal mehr richtige Kinosendungen, geschweige denn zur Hauptsendezeit. Dann ist das Fernsehen offensichtlich überhaupt nicht interessiert, das deutsche Kino zu feiern. Es gibt keine Sendeplätze, an denen das deutsche Kino zur Hauptsendezeit laufen würde. Dabei haben wir eine gute Fernsehlandschaft und machen auch sehr gutes Fernsehen. Da sind andere Länder neidisch auf uns. Aber der Platz für das Kino ist im Fernsehen stetig weniger geworden. Das macht uns echt zu schaffen, weil wir doch auch wissen, dass das Publikum gerne tolles deutsches Kino sehen würde.

Als Sie mit X Filme an den Start gingen, befand sich das deutsche Kino gerade im Aufschwung. Mit Der bewegte Mann", Männerpension", Rossini" oder Knockin' on Heaven's Door" gab es große Mainstreamerfolge. Til Schweiger und Moritz Bleibtreu wurden zu Stars. Das hat letztlich auch die Türen geöffnet für Ihr Selbstverständnis von Kino: X Filme hat ein Vakuum gefüllt. Und einen Nerv getroffen.

Stefan Arndt: Das ist schön und gut, aber auch lange her. Heute können wir nicht davon zehren, dass wir uns auf die Schulter klopfen und uns sagen, was wir damals alles bewegt haben. Das bringt uns nicht voran. Wir wollen aber auch heute noch etwas bewegen und einen Nerv treffen. Darüber sollten wir reden. Was kommt, ist spannender und wichtiger.

Einverstanden.

Stefan Arndt: Das Interesse an Deutschland im Ausland ist so groß wie lange nicht mehr. Das merken wir bei Babylon Berlin, die erste Serie, die wir bei X Filme machen. Die irren internationalen Verkäufe, die wir vermelden können, sind sicherlich einerseits der Qualität und der Produktionswerte der Serie geschuldet, aber auch diesem Interesse an dem Deutschland der Jetzt-Zeit, das wir unverkennbar in Babylon Berlin spiegeln, auch wenn die Serie Ende der Zwanzigerjahre spielt. Bis kurz vor dem Start von "Good Bye, Lenin" haben Wolfgang und ich noch darüber diskutiert, was für ein Film das ist, worum es wirklich geht. Für mich war das klar: Es ist ein Film darüber, wie weit man aus Liebe für seine Mutter zu gehen bereit ist. Dann kam "Good Bye, Lenin" ins Kino, und auf einmal wurde er zu dem Film über die DDR, der von einer Welle der Ostalgie getragen wurde und sich nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland zu einem Phänomen entwickelte. Natürlich haben wir das analysiert, natürlich haben wir versucht, unsere Lehren daraus zu ziehen. Aber man kann die großen Stoffe über Deutschland nicht erzwingen. Man kann die Ambition haben. Aber man kann nicht steuern, dass der Blitz einschlägt.

Dani Levy: Die Lage wird auch dadurch erschwert, dass wir an Verstopfung leiden. Natürlich ist es gut, dass es heute nicht mehr nur drei Filmschulen in Deutschland gibt, sondern 20. Und natürlich ist es gut, dass von jeder dieser Filmschulen in jedem Jahr zehn neue Regisseure und Produzenten abgehen. Das führt zu einer gewaltigen Produktivität. Aber es ist kompliziert, in diesem Gewusel von täglich wechselnden Programmen den Überblick zu bewahren. Der Markt ist vollgestopft und unübersichtlich. Heute ist der Anspruch an einen Film, damit er ein Ereignis wird, ungleich größer als jemals zu vor. Die Zusammenhänge sind ungeheuer komplex. Die Eventhaftigkeit, die ein Film heute braucht, um im Kino oder Fernsehen aufzufallen, ist so erdrückend, dass man sich eigentlich bei jedem Stoff, den man in Angriff nimmt, überlegen müsste, ob er überhaupt die Potenz besitzt, einer der zehn aufsehenerregendsten Filme des Jahres zu werden. Alle anderen Filme sind zum Scheitern verurteilt. Das ist Irrwitz. Der Druck, den man schon bei der Konzeption eines Films verspürt, ist gewaltig.

Uwe Schott: Die gute Nachricht ist, dass wir mit dieser Schere im Kopf doch nicht wirklich arbeiten bei X Filme, oder? Bei uns fängt ein Film mit einer guten Idee an und nicht mit seiner Vermarktung. So haben wir doch immer schon gearbeitet. Es werden Geschichten entwickelt, in deren Mittelpunkt die Vision ihres Machers steht, in der es erst einmal nur auf die Qualität ankommt. Wir denken aus der Geschichte heraus. Wenn wir die Geschichte spannend und reizvoll finden, dann machen wir den Film.

Wolfgang Becker: Ich merke, dass sich da bei mir etwas geändert hat. Viele Projekte, die mich interessieren würden, scheiden von vornherein aus Budgetgründen aus, gerade wenn es sich um historische Stoffe handelt. Weil sich ein Kinopublikum nicht in einer Größe erwarten lässt, die ein hohes Budget zulässt. Da engt sich etwas ein. Ich denke immer schon auch auf einen möglichen Etat hin.

Dani Levy: Wir sitzen oft zusammen und gehen durch, wie sich uns der Markt präsentiert. Wir sehen uns genau an, was passiert. Warum funktioniert Systemsprenger", warum gerade dieser Film, warum geht ein "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"? Wir betrachten genau, wie sich Filme im Markt schlagen, die uns begeistern. Kann man etwas daraus ablesen, das einem selbst helfen könnte? Wir müssen uns doch positionieren. Wir wollen wissen, dass wir Dinge machen, die uns ernähren. Faktisch ist es ein Vorteil des Älterwerdens zu wissen, dass man die Lebenszeit, die man in einen Film steckt, feiern will. Natürlich kann man sagen: Der Weg ist das Ziel. Es ist egal, was nach der Fertigstellung mit einem Film geschieht. Und ich empfinde den Akt des Filmemachens auch nach wie vor als etwas höchst Befriedigendes. Es ist eine beglückende und bereichernde Beschäftigung. Ich will sie nicht missen. Meine Leidenschaft hat sich nicht verändert. Deshalb mache ich weiter. Wenn man aber drei oder vier Jahre knallharte Arbeit in einen Film steckt, dann will man nicht, dass das Ergebnis nach zwei Wochen wieder aus den Kinos verschwindet, ohne dass es jemand gesehen hat. Das ist so bedrückend. Das sitzt einem in den Knochen.

Wolfgang Becker: Mein letzter Film, Ich und Kaminski", wurde bei der Erstausstrahlung in der ARD auf die Nacht von Sonntag auf Montag um 0 Uhr 10 gesetzt. Wenn das kein Schlag in die Fresse ist, dann weiß ich nicht, was ein Schlag in die Fresse ist. Ich finde das skandalös, gerade in Anbetracht des Programms, das um 20.15 Uhr gezeigt wird.

Können die vielen neuen Streamingdienste, die es bereits gibt oder in den kommenden Monaten an den Start gehen, in die Bresche springen?

Stefan Arndt: Mal langsam. Wenn der Konsument wirklich alle diese Dienste abonnieren würde, müsste er 110 oder 120 Euro im Monat berappen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich das irgendjemand leisten will. Es wird also einen brutalen Verdrängungswettbewerb geben. Und das ursprüngliche Argument, warum man Netflix oder Amazon Prime eigentlich abonniert hat, nämlich um eine möglichst große Bandbreite an Angebot sehen zu können, ist auch wieder passé. Welche Schlüsse ziehen wir also daraus? Ein deutsches Netflix wollen wir sicherlich nicht gründen. Wir wollen aber auch unseren Zuschauer nicht allein lassen, sondern müssen einen Weg finden, wie wir ihn begleiten können. Wie wir ihm nahebringen können, was sich anzusehen lohnt in diesem Wust an Angebot. Natürlich finde ich, dass sich die Sender ändern müssen, dass sie eine andere Haltung gegenüber dem deutschen Kino zeigen sollen. Aber zuerst müssen wir selbst für eine Kuratierung sorgen. Wir müssen mitsteuern, damit der Mensch überhaupt mitkriegt, was läuft. Es geht nicht darum, wem die Glasfaser gehört, sondern um die, die steuern, was durch die Glasfaser geschickt wird. Und das sind wir, die Filmemacher und Produzenten. Die Menschen wollen doch einfach gerne das Gute sehen. Lasst uns sie darauf aufmerksam machen.

Uwe Schott: Die Festivals machen es uns vor: Sie bieten ein kuratiertes Programm, und das Publikum sieht sich dort begeistert Filme an, für das es in der regulären Kinoauswertung eher widerwillig ein Ticket löst. Die Berlinale lockt in ihren zehn Tagen 300.000 Besucher in die Kinos. Nun müsste es nur gelingen, diese Begeisterung auf die Kinos in Deutschland zu übertragen. Aber genau da ist der Haken. Früher gab es das noch, richtige Programmkinos, die ihr Publikum geführt haben, die ein Stammpublikum hatten, weil es der Programmauswahl teilweise blind vertraut hat.

Stefan Arndt: Heute erzielen sie ihre vermeintlich guten Ergebnisse, indem sie auch Titel wie Bohemian Rhapsody" oder Der Junge muss an die frische Luft" listen, die zwar auch in den Kunsthäusern laufen, aber doch eindeutig nicht Arthouse, sondern Mainstreamkino sind.

Dani Levy: Ich will keinen Kulturpessimismus verbreiten, aber ich sehe beim Kino eine ähnliche Entwicklung wie beim Essen: Es findet eine Vereinheitlichung statt. Im Kino wollen viele ­Menschen das sehen, was sie kennen. Diversität ist momentan schwer durchzubringen. Als Filmemacher müssen wir nicht nur für unsere Filme, sondern auch für das Kino als Ort kämpfen. Es gibt tolle Kinobesitzer, die sich reinhängen und die wir alle lieben, aber auf meinen Kinotouren durch die Städte und die Provinz stelle ich schon auch fest, dass in vielen Arthouse-Häusern Nachholbedarf besteht. Sie tun nicht genug für ihr Publikum. Wenn ihnen die noch bestehende Klientel nach und nach wegstirbt, sieht es düster aus, weil sie sich nicht langfristig um ein junges Publikum bemühen, und weil das junge Publikum Kino sowieso aus den Augen verloren hat. Das Kino muss aber ein Erlebnisort sein, in dem man sich auf unterschiedlichste Stoffe einlässt. Diese Neugierde müssen wir alle zusammen wieder entfachen, Kino muss wieder cool werden.

Uwe Schott: Und doch gelingt es uns, in jedem Jahr zwei bis fünf Filme zu machen, hinter denen wir stehen, die wir lieben, die wir ins Kino bringen. Nicht alle funktionieren kommerziell - das wäre zu schön. Aber immer wieder ist einer dabei, der sein Publikum findet. Wir dürfen einfach nicht aufgeben, uns weiter für das zu engagieren, für das wir immer schon brennen. Kino. Ja, es ist schwierig. Aber machen wir uns doch nichts vor, schwierig war es doch schon immer. Ich sehe keinen Grund, schwarz zu sehen. Abgesänge will ich nicht hören. Wir müssen weitermachen, wie müssen weiter gute Filme machen. Aber, und da gebe ich Dani Recht, die andere Seite, unsere Partner von den Kinos, müssen auch weitermachen und dürfen nicht stehenbleiben.

Das Gespräch führte Thomas Schultze