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Starke Filme und große Zuschauerresonanz in Hof

Mit dem mit dem Goldpreis ausgezeichneten, künstlerischen Drama "1986" und dem mit dem Förderpreis ausgezeichneten ungewöhnlichen Genrestück "Coup" zeigte sich der Nachwuchs in Form. Festivalleiter Thorsten Schaumann zog eine positive Bilanz der 53. und seiner dritten Ausgabe der Hofer Filmtage.

28.10.2019 15:39 • von Heike Angermaier
Thorsten Schaumann, Leiter der Hofer Filmtage (Bild: Hofer Filmtage)

Mit dem mit dem Goldpreis ausgezeichneten, künstlerischen Drama 1986" und dem mit dem Förderpreis ausgezeichneten ungewöhnlichen Genrestück Coup" zeigte sich der Nachwuchs in Form. Festivalleiter Thorsten Schaumann zog eine positive Bilanz der am Sonntag zu Ende gegangenen 53. und seiner dritten Ausgabe der .

Schaumann und sein Team erreichten mit rund 31.000 belegten Sitzplätzen in acht Kinos und davon rund 12.200 verkauften Kinokarten in sechs Tagen erneut einen Spitzenwert bei der Auslastung. Mit "Coup" von Sven O Hill gewann wie im Vorjahr ein Genrefilm, der sich auch durch sein Lokalkolorit auszeichnet, den Förderpreis Neues Deutsches Kino. Zur ungewöhnlich jungen Jury gehörten auch zwei Hof-Gewinner aus den Vorjahren, die mit Genrearbeiten erfolgreich waren, Tini Tüllmann, die mit ihrem Thriller Freddy/Eddy" 2016 den Heinz-Badewitz-Preis gewann, und Max Gleschinski, der im vergangenen Jahr mit dem in der mecklenburgischen Provinz spielenden Thriller "Kahlschlag" mit dem Förderpreis prämiert wurde. Die in den späten Achtzigern in Elmshorn (und Luxemburg und Sydney) spielende Krimikomödie ist ein höchst unterhaltsamer, lakonischer Mix aus Ocean's Eleven" und True Crime, den die Jury, zu ihr gehörte auch Schauspielerin Franziska Weisz, als "Stellen Sie sich vor, Martin Scorsese und Guy Ritchie machen einen Film ohne Geld. Im Norden von Hamburg" skizzierte. Protagonist ist ein selbst erklärter Blümchen-Rocker und Bankangestellter, der, etwas über 20 Jahre jung, mit zwei Kumpels einen Mio. Coup durchzieht. Im Off oder auch an der Elbe entlang spazierend kommentiert der reale "Bankräuber" von heute. Manche Rückblicks-Szenen sind animiert - gestaltet von Xaver Böhm, der mit O Beautiful Night" sein wunderbares Debüt gab. Hill, der bisher im Dokumentarfilmbereich tätig war, und mit "Coup" sein Langspielfilmdebüt gibt, an dem er lange gearbeitet hat, montiert auch Fotos in denFilm, arrangiert die Rocker in ihrem Clubhaus zu Tableaux. Perfekter Hauptdarsteller ist Daniel Michel, einer der Dorfpunks" und ein Punk in Neue Vahr Süd".

Der zum zweiten Mal im Rahmen der Hofer Filmtage vergebene VGF- Nachwuchsproduzenten Preis ging ebenfalls an die Macher eines Genrefilms, an das Münchner Duo von Nordpolaris, Fabian Halbig und Florian Kamhuber, für den in einer Einstellung gedrehten Krimi-Thriller-Mix "Limbo" von Tim Dünschede, der beim Filmfest München Premiere gefeiert hatte und parallel zu den Filmtagen beim Filmfestival in Austin als internationale Premiere gezeigt wurde. Vom enormen Aufwand, den Film auf die Beine zu stellen, erzählte einer der Hauptdarsteller neben Elisa Schlott und Martin Semmelrogge, Matthias Herrmann, bei der Preisverleihung in der Klangmanufaktur.Ein Coup, ein Überfall bzw. die Flucht danach war übrigens auch Thema eines originellen Kurzfilms, der in einer Einstellung - und rückwärts - gedreht wurde. "Chaos" von Samuel Auer entstand als Übung an der DFFB. Die beiden Produzenten von Nordpolaris haben ihre Firma neu aufgestellt, sind umgezogen und agieren auch als Verleih, zunächst mit "Limbo", den sie am 20. Februar 2020 in die Kinos bringen wollen. Sie sind aber auch offen für andere Projekte, wie sie betonen. Mit der Verleihgründung bewegen sich die jungen Produzenten, Jahrgang 1992 und 1990, bewusst antizyklisch im Markt, wollen selber machen wie während ihres Studiums an der HFF München, als sie 2014 ihre Firma gründeten und mit u.a. Dinky Sinky" und den Musikdokus Wenn der Vorhang fällt" und "Immer noch jung" bereits einige Projekte vorzuweisen haben.

"Machen statt warten", seinen ersten Langfilm, drehen wollte auch der Zürcher Hans Kaufmann, Jahrgang 1991,der "Der Büezer" in kurzer Zeit für 100.000 Euro realisierte, mit u.a. Investor und der Unterstützung des mit ihm befreundeten Hauptdarstellers Joel Basman. Der liefert eine eindringliche Tour de Force als einsamer Arbeiter am Bau, der sich in eine junge Frau verliebt, die sich in einer Freikirche engagiert und der schwarz für einen Mann arbeitet, der sich als Gangster herausstellt. Gedreht wurde in einem echten sogenannten Gammelhaus von Zürich, in dem Prostitution stattfindet. Kaufmann stellte sein reifes, präzises, sehr heutiges Milieu- und Charakterdrama, in Solothurn vor. Er schrieb, inszenierte und produzierte es selbst und übernahm schließlich auch selbst den Verleih. Über 20.000 Besucher waren im Kino, geschätzt hätten manche nur 2000, erzählt er.

Der erst zum zweiten Mal vergebene, hoch dotierte Hofer Goldpreis ging an Lothar Herzog für sein Debütdrama "1986". Bernhard Sinkel von der verleihenden Bayerischen Akademie der schönen Künste wählte es aus und wird wie im Vorjahr Edgar Reitz als erster Preispate auch als Mentor zur Verfügung stehen. Reitz, der im vergangenen Jahr den von ihm (mit-) konzipierten Preis in Erinnerung an den langjährigen Festivalleiter Heinz Badewitz an Luzie Loose für Schwimmen" übergeben hatte, war auch wieder vor Ort, bei der Preisverleihung und auch als Protagonist, in dem Dokumentarfilm von Anna Hepp "800 mal einsam - Ein Tag mit dem deutschen Filmemacher Edgar Reitz". "1986" spielt in Minsk und in Tschernobyl von heute. Das impressionistisch anmutende Drama erzählt von einer junge Frau (gespielt von Daria Mureeva, die erstmals vor der Kamera stand), deren Beziehung zerbricht und die für die Schulden ihres Vaters gerade stehen will. Es zieht in den Bann, ohne klassisch-chronologische Erzählstruktur, mit traumwandlerischen Bildern von Philipp Baben der Erde. Herzog ließ sich u.a. von der Nouvelle Vage und von Andrei Tarkowskis "Der Spiegel" inspirieren, hatte die erste Idee während des Studiums an der DFFB und schnitt drei Jahre - mit längere Unterbrechung. Produzentin Romana Janik wurde im September bei den First Steps Awards für die herausfordernde Arbeit in Weißrussland und der Ukraine ausgezeichnet. In einer fremden Sprache drehte auch die aus Manila stammende Regisseurin Maria Diane Ventura. In "Deine Farbe" spielen Jannik Schümann, der gerade in Dem Horizont so nah" zu sehen ist, und Nyamandi Adrian Freunde aus einer deutschen Kleinstadt, die in Barcelona ein aufregenderes, neues Leben beginnen wollen, aber die von Adrian gespielte Figur stürzt ab.

Waren vielversprechende Nachwuchstalente wie Hill, Herzog und Kaufmannzum ersten Mal zu den Filmtagen geladen, war Schauspieler Max Riemelt bereits mit sechs Filmen in Hof, 2004 mit "Napola", 2009 mit 13 Semester", 2011 mit Playoff", 2012 mit Der deutsche Freund", 2014 mit Auf das Leben!" und 2018 mit Amnesia". In der 53. Ausgabe glänzte er im mutigen Debütdrama von Savas Ceviz, Kopfplatzen", das sich an ein Tabuthema wagte und subtil von einem Pädophilen erzählt, der mit seiner Neigung ringt. Riemelt wurde mit dem Filmpreis der Stadt Hof ausgezeichnet. Der letztjährigen Preisträger Alfred Holighaus, der kurzfristig als Laudator eingesprungen war, hob seine Bescheidenheit, Intelligenz und Freundlichkeit hervor. Erneut in Hof ausgezeichnet wurde auch Caroline Link, eine der prominentesten, häufigen Gäste und ehemaligen Entdeckungen des Festivals, die hier bereits 1990 für ihren Abschlussfilm an der HFF München, "Sommertage", 2010 mit dem Filmpreis der Stadt Hof und nun mit dem Hans Vogt Preis der Stadt Rehau ausgezeichnet wurde.

Zum vierten Mal in Hof ist Regisseurin und Drehbuchautorin Connie Walther. Das erste Mal war sie 1996 mit ihrem Langfilmdebüt "Das erste Mal". Nun erregte sie mit ihrem ungewöhnlichen Drama Die Rüden" Aufmerksamkeit und regte zur Diskussion an. Eine zusätzliche Vorführung wurde im großen Scala eingerichtet, das Club-Gespräch fand im Filmtage-Cafe Weiße Wand statt. Auf den schönsten Vorspann der Filmtage folgen teils unglaublich intensive Szenen. Ihr Film ist eine Versuchsanordnung, eine Verhaltenstherapie in mehreren Sitzungen bzw. Kapiteln, er stellt Fragen - und gibt auch Antworten - zu Aggression und wie Kommunikation funktioniert - greift bei seiner künstlerischen Überhöhung auch auf christliche Metaphorik zurück. Nadin Matthews, eine Hundeflüsterin salopp formuliert, die Hundetrainer ausbildet und auch mit Strafgefangenen arbeitet, spielt eine solche. Die Hunde im Film, unvermittelbar, weil zu aggressiv, sind echte Problemfälle. Die vier Protagonisten, die mit ihr und den Tieren in einem vom Szenenbild als Arena gestalteten Gefängnis an sich arbeiten sollen, wollen, werden von jungen Männern mit Gewalt- und Gefängniserfahrung und Schauspielerfahrung gespielt. Gesucht wird noch ein Verleih, aber er hat beste Chancen einen zu bekommen.

John David Seidler, der Kölner Regisseur von "Das Wunder von Taipeh", einem sehr unterhaltsamen Dokumentarfilm über die Frauen-Fußball-Mannschaft aus Bergisch Gladbach, die 1981 in Taipeh in einer WM für Deutschland spielte und gewann, zu einer Zeit als der DFB Frauenfußball noch ignorierte, freute sich bei der Vorführung verkünden zu können, dass er einen Verleih gefunden habe. Der Publikumsliebling war nur einer von zahlreichen Dokumentarfilmen im Programm. Als bester wurde Butenland" mit dem Hofer Dokumentarfilmpreis Granit ausgezeichnet, ein ruhiger Film über einen Hof in Norddeutschland, auf dem Nutztiere alt werden dürfen. Von der Jury, bestehend aus Alice Agneskirchner, Hans Andreas Guttner und Thorsten Schütte, wird er als "ein zärtlicher Film, der weh tut und uns einlädt, anders zu denken" skizziert. Er hat bereits einen Verleih, die auf Dokumentarfilme spezialisierten Mindjazz Pictures.

Ein herausragender Film im Programm war die dritte Langfilmregie des österreichischen Schauspielers Karl Markovics, Nobadi", fast ein Zwei-Personen-Stück, eine bitterböse Komödie, die man fast nicht mehr als Komödie bezeichnen kann. Die Geschichte um einen garstigen, alten Mann, der einen Flüchtling ein Grab für seinen Hund schaufeln lässt, hätte auch ein Buddymovie, die Geschichte einer Annäherung werden können, aber es wird ein Blutbad, bei dem die Odyssee zitiert und ein brauner Abgrund offenbar wird. Sie feierte in Toronto Premiere und startete Anfang Oktober in den österreichischen Kinos. Das österreichische Kino war auch prominent in der Samstag-Abend-Vorstellung im Scala mit Love Machine" vertreten, einer leichten Komödie von Andreas Schmied über einen unkonventionellen Callboy. Die Schweiz war besonders präsent. Neben "Der Büerzer" und dem Drama um eine Familie, deren Nachwuchs in den heiligen Krieg nach Syrien zieht, "Al Shafaq - Wenn der Himmel sich spaltet" der Regisseurin Esen Isik, war dem irakisch-schweizerischen Filmemacher Samir die Retrospektive gewidmet. Das Multitalent, das mit seiner Zürcher Dschoint Ventschr auch als Produzent aktiv ist, stellte 14 Titel vor, u.a. Baghdad In My Shadow". Wie immer gab es auch spannende Titel aus anderen Ecken der Welt zu sehen, die nicht von einem Mitwirkenden präsentiert wurden, wie der wunderbare Jojo Rabbit", der ein Publikumsrenner war.

Das Hofer Publikum war nicht nur zahlenmäßig wie eingangs erwähnt, sondern auch mit dem unerschütterlichen Enthusiasmus der Vorjahre dabei. Hof präsentierte sich mit seinem Filmtage-Cafe Weiße Wand, dem traditionellen Fußballspiel und den Bratwurstständen erneut als gemütliches, kommunikatives Home of Films, bei dem sich Filmemacher*innen mit dem Publikum und untereinander bestens austauschen konnten. Die Branchenveranstaltungen des FFF Bayern und VGF fanden schöne, neue Locations in der VHS und der Klangmanufaktur, auch wenn die Branche gefühlt etwas weniger zahlreich vertreten war als in den Vorjahren.