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Lineares Fernsehen zeigt sich selbstbewusst

Auf den Medientagen in München sehen Senderchefs die positiven Aspekte der Konkurrenz, die durch die Streaming-Plattformen entstehen. Live-Formate wie "The Masked Singer" liegen im Trend und bleiben ein Alleinstellungsmerkmal.

23.10.2019 19:27 • von
V.l.: Der Geschäftsführer von RTLZWEI, Andreas Bartl, die Senderchefin von ZDFneo, Nadine Bilke, der Senderchef von ProSieben, Daniel Rosemann, Katharina Behrends von NBCUniversal International Networks und Moderator Michael Praetorius (Bild: Medientage München/Sebastian Widmann)

"Dass das lineare Fernsehen nicht mehr zieht, ist Quatsch", sagt Katharina Behrends von NBCUniversal International Networks auf einem Panel der Medientage München am Mittwoch. 80 Prozent der Deutschen schauten nach wie vor lineares Fernsehen. Das sei eine Tatsache, die bei dem ganzen Streaming-Hype nicht vergessen werden sollte.

Weitere Gäste des Panels "Was zieht noch im linearen Fernsehen?" waren der Geschäftsführer von RTLZWEI, Andreas Bartl, die Senderchefin von ZDFneo, Nadine Bilke, und der Senderchef von ProSieben, Daniel Rosemann, der auch die Leitung bei ProSieben MAXX hat. Letzterer pflichtete Behrends beim Trendthema Streaming bei. "Als Medienschaffende sind wir alle in einer Bubble unterwegs. Es gibt einen große Teil des Landes, der nicht alle Streaming-Dienste abonniert hat", sagte Rosemann.

"Wir sind froh, dass wir die gesamte Klaviatur spielen können", sagte RTLZWEI-Geschäftsführer Bartel im Bezug auf lineares Fernsehen, Streaming und Social Media. Als Marke stehe RTLZWEI für Reality-Fernsehen in jeglicher Coleur, das nahe am Zuschauer sei. Darin sieht er auch Alleinstellungsmerkmale der Fernsehsender gegenüber den Streaming-Diensten, die er als Gegner respektiere.

Behrends, die unter anderem für die Pay-TV-Sender 13th Street, SYFY und E! Entertainment zuständig ist, freute sich vor allem über Eigenproduktionen, die mutig sind. "Es gibt unendlich viele Geschichte, die erzählt werden wollen", sagte Behrends, die besonders die Alieninvasions-Serie "Spides" anpries, die in Berlin spielt und kommendes Jahr auf dem Sender SYFY ausgestrahlt werden soll.

Rosemann nannte es "Herausforderung und Segen", als Programmmacher genau zwischen zwei Generationen von Medienkonsumenten zu stehen. Heute wollten die Zuschauer vermehrt aus einer Menükarte auswählen. "Was wir ablegen mussten, war diese Easy-Listening-Haltung, dass die Menschen bei uns im Fernsehen um 20.15 Uhr schauen mussten", sagte er über den Prozess. Es gebe heute Zuschauer, welche das Wissensmagazin "Galileo" ausschließlich über YouTube konsumieren.

Rosemann betonte Formate, die Stärken in der linearen Ausstrahlung hätten wie zum Beispiel die Sportübertragung oder die Live-Show. "'The Masked Singer' hat im Finale 40 Prozent aller Fernsehhaushalte gebunden. Das Format hat eine unglaubliche Kraft aufgrund seiner Interaktivität und der niedrigen Schwelle zum Mitmachen in allen Altersbereichen entwickelt", sagte Rosemann.

Bei den 14- bis 29-Jährigen habe die Gesangsshow, bei der Prominente ihre Identität hinter einem opulenten Kostüm verstecken, 30 Prozent gehabt - "die Generation, die angeblich kein lineares Fernsehen mehr schaut". ZDFneo-Senderchefin Bilke schaut derweil "mit einem lachenden und einem weinenden Auge" auf den Abschied des Neo Magazin Royale ins Hauptprogramm des ZDF im kommenden Jahr. Wichtig sei es bei den eigenen Formaten zu wissen, was der Primär- und Sekundär-Ausspielweg sei. ZDFneo habe jetzt zum Beispiel die funk-Serie "Druck", die ein "Bombenerfolg" auf YouTube war, ins lineare Programm geholt.

Auf dem Pay-TV-Markt, auf dem sich Berehnds hauptsächlich bewegt, habe die Konkurrenz durch die Streaming-Plattformen sogar geholfen, die Bereitschaft der Menschen für bezahlten Content zu erhöhen. "Es gibt eine Kreativ-Explosion beim seriellen Erzählen. Man kommt mit dem Produzieren gar nicht mehr nach, was Serien angeht", sagte Behrends.

Nach Trends im linearen Fernsehen gefragt, nannte Bilke Factual Entertainment - eine neue Spielart der Dokumentation mit mehr Alltagsnähe. Außerdem sei der Serien-Trend in der Fiction weiterhin ungebrochen. Rosemann betonte, dass Fernsehen auch sehr viel als Ritual funktioniere. Deutsche schauten durchschnittlich vier Stunden Fernsehen am Tag. Beliebt seien Formate, die durch den Tag begleiteten und den gleichen Takt der Menschen hätten wie zum Beispiel Daily Soaps. Da stimmte auch Bartl mit ein, weil Daily Soaps so empfunden würden, als ob sie zum Leben der Zuschauer dazugehörten.