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Frank Holderied: "Es bleibt ein Mysterium"

Seit knapp zwei Jahren setzt Servus TV auf eigenproduzierte Serien. Blickpunkt:Film sprach mit Programmchef Frank Holderied über den Stellenwert der Fiction, Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland und die Perspektiven von Servus TV in Deutschland.

18.10.2019 12:22 • von Frank Heine
Frank Holderied ist Leiter Programmplanung & Lizenzeinkauf bei ServusTV (Bild: Servus TV / Christian Leopold)

Herr Holderied, das Programm von Servus TV ist bislang sehr stark von Sportsendungen, Natur- und anderen Dokumentationen, Shows und Live-Events geprägt. Wie groß ist das Verlangen des ServusTV-Publikums nach fiktionalen Formaten?

Frank Holderied: Da muss man deutlich zwischen Deutschland und Österreich unterscheiden. In Deutschland spielt Fiction eine größere Rolle als in Österreich. Dort haben wir zwar auch Fiction-Slots mit US-Lizenzware, mit Klassikern und unseren Eigenproduktionen, aber nicht so viele wie in Deutschland. Das Programmschema weicht leicht vom österreichischen ab. Wir haben Programminhalte mit extrem starkem Österreichbezug in die Randzonen geschoben und durch internationale Dokus und Spielfilme ersetzt. Fiction ist daher ein wesentlicher Bestandteil von Servus TV Deutschland.

Sind in Österreich die fiktionalen Stoffe ein Schlüssel dafür, Servus TV neues Publikum zuzuführen?

FH: Ganz eindeutig. Auf dem Slot dienstags um 20.15 Uhr, auf dem wir unsere eigene Serie Meiberger - Im Kopf des Täters" gezeigt haben, lief außerdem auch Hubert und Staller". Durch die beiden Formate konnten wir neues Publikum zu uns ziehen.

Lässt sich aus diesen Beobachtungen eine Fiction-Strategie von Servus TV ableiten?

FH: Fiktionale Eigenproduktionen sind ein notwendiger Treiber, wenn man sich weiter nach vorne entwickeln möchte. Gerade in Zeiten eines Überangebots an Pay- und VoD-Channels, die alle mit serieller Fiction punkten. Meistens mit amerikanischer. Um dem etwas entgegensetzen zu können, muss man auf sich deutlich abgrenzende regionale Inhalte setzen. Eine andere Strategie wäre es, komplett auf diesen Bereich zu verzichten, aber das ist nicht unser Weg.

"Meiberger - Im Kopf des Täters" lief vor einem Jahr, jetzt haben Sie gerade die zweite Staffel gedreht. Man kann also davon ausgehen, dass Sie mit dem bisherigen Abschneiden zufrieden waren.

FH: Absolut. In Österreich wurden unsere Erwartungen sogar übertroffen. Deshalb haben wir uns sehr schnell für eine zweite Staffel entschieden. In Deutschland ist es uns mit der ersten Staffel noch nicht wirklich gelungen, den Markt zu durchdringen, aber wir sind überzeugt, dass die Serie auch dort ihre Zielgruppe finden wird. Aktuell zeigen wir die komplette erste Staffel noch einmal mit "Hubert und Staller" als Lead-in. Und wir merken jetzt schon, dass es bergauf geht.

Was haben Sie aus der ersten Staffel an Erkenntnissen mitgenommen, die sich nun auf die zweite anwenden ließen? Gibt es Unterschiede?

FH: Es gibt auf jeden Fall Learnings aus der ersten Staffel, die wir nun angewendet haben. Beruhigend war, dass die Folgen, mit denen wir zu einhundert Prozent zufrieden waren, auch vom Publikum entsprechend angenommen wurden. Die Folgen, bei denen wir selbst das Gefühl hatten, dass wir noch nicht am Optimum waren, hatten auch geringere Marktanteilswerte. Daraus haben wir Konsequenzen gezogen. Wir haben darauf geachtet, dass wir den USP von "Meiberger", dass er Psychologe und kein Ermittler ist, noch stärker ausspielen, auch in der Varianz der Fälle. Und wir haben auf eine stärkere Ausgewogenheit zwischen den teils recht taffen Inhalten und dem leicht augenzwinkernden Humor, der nie zu Klamauk verkommen darf, geachtet.

Gab es Veränderungen im Team vor und hinter der Kamera?

FH: Vor der Kamera sind weitestgehend alle wieder an Bord. Hinter der Kamera sind dieses Mal die beiden Jungregisseure Peter Baumann und Matthias Zuder dabei.

Wann kommt die 2. Staffel und wie sind Ihre Erwartungen?

FH: Wir starten am 5. November in Österreich und am Freitag darauf in Deutschland. Die Auftaktfolge wird ein richtiger Knaller mit Harald Krassnitzer als Antagonisten von Meiberger. Wir erwarten uns auch in Österreich noch einmal eine Steigerung und in Deutschland natürlich eine ganz klare Steigerung im Vergleich zur Erstausstrahlung.

Mit "Letzter Kirtag" steht bereits die nächste fiktionale Eigenproduktion an. Eine Verfilmung aus der Altaussee-Krimireihe von Herbert Dutzler. Schwebt Ihnen hier eine Filmreihe vor?

FH: Wir starten jetzt erst einmal mit einem Neunzigminüter. Aber im Hinterkopf schwebt uns schon vor, dass wir in den Folgejahren einen oder zwei weitere Altaussee-Krimis verfilmen werden.

Durch seine klare regionale Verortung und die großen Namen, mit denen Sie zusammenarbeiten - Julian PölslerCornelius Obonya -, würde sich der Film auch gut in der Landkrimi-Reihe des ORF machen oder wäre das ein Widerspruch, weil es dann nicht zu ServusTV passen würde?

FH: Die passende Antwort wäre ein "Ja, aber ...". Julian kam mit dem Stoff zu uns, weil er die Romanreihe vor einiger Zeit schon optioniert hat. Ich weiß auch, dass er den Stoff dem ORF für die Landkrimi-Reihe angeboten hat. Aber das war für uns kein Hinderungsgrund. Nach einer anfänglichen Skepsis habe ich nach 100 Seiten "Kirtag" gespürt, das ist genau der eine, den man verfilmen muss. Und als Julian ausführte, wie er das anlegen und filmisch umsetzen will, wussten wir, das ist ein "match made in heaven"

Warum passt dieses Projekt so gut zu ServusTV?

FH: Bei 85 Prozent der Regionalkrimis kann man die Handlung austauschen, sie könnte genauso gut in Ostfriesland wie in Oberbayern spielen. Herbert Dutzler beschreibt aber diese Region und den Menschenschlag von Altaussee mit all seinen Eigenheiten und seiner Skepsis gegenüber allem aus Wien kommenden geradezu brillant. Die Hauptfigur ist genauso angelegt: ein Mensch, den man wirklich nur in dieser Region finden kann. Aufgrund dieser authentisch-regionalen Komponente haben wir gesagt, jawoll, das ist Servus TV.

Mit einer weiteren Eigenproduktion, "Virginia Hill" bewegen Sie sich zwischen Doku und Fiction. Welche Motivation steckt dahinter?

FH: Die Begeisterung für einen faszinierenden Stoff, der trotzdem kaum bekannt ist. Die Geschichte von Virginia Hill, einer Mafiabraut, die eine Zeitlang im Raum Salzburg lebte und1966 unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Als sie mir nach meinem Umzug nach Salzburg von meinem Nachbarn erzählt wurde, hörte ich zum ersten Mal davon. Bei uns im Sender kannte sie auch so gut wie niemand. Bei einem Treffen mit Adrian Goiginger kam die Geschichte auf, er kannte sie auch nicht, war davon aber genauso begeistert und brachte Sascha Köllnreitner als Regisseur mit ins Boot. Wir wollten auf jeden Fall eine Doku machen, weil es aber wenig Bewegtbildmaterial dazu gibt und wir nicht nur Talking Heads von damaligen Zeitgenossen zeigen wollten, war schnell klar, dass wir auf Reenactment-Szenen setzen wollten, die aber auf keinen Fall peinlich wirken sollten. Dass dem nicht so sein wird, lässt sich allein schon daran erkennen, dass wir Verena Altenberger für die Rolle der Virginia gewinnen konnten.

Wie kommt es das Adrian Goiginger "nur" als Produzent und nicht als Regisseur im Einsatz ist?

FH: Zeitmangel. Er war schon intensiv mit anderen Projekten beschäftigt. Aber es stand auch niemals außer Frage, dass Sascha Köllnreitner unser hundertprozentiges Vertrauen genießt.

Verena Altenberger ist natürlich auch eine Hausnummer. Wie wichtig ist es für Servus TV, mit solch großen Namen wie auch Fritz Karl, Julian Pölsler oder Cornelius Obonya in Verbindung gebracht zu werden?

FH: Das ist ein für uns absolut wertvoller Aspekt. Man sollte da auch unbedingt Kameramann Martin Gschlacht nennen, der für uns "Kirtag" dreht. Ich will nicht arrogant klingen, aber dass diese Leute mit uns zusammenarbeiten, liegt auch daran, dass wir ein Versprechen für Qualität und Substanz abgeben, das wir mit unserem Programm auch täglich halten.

Sind "Letzter Kirtag" und "Virginia Hill" gezielt Programme für ServusTV in Österreich oder werden sie auch in Deutschland zu sehen sein?

FH: Wir wollen beide Programme auch in Deutschland ausstrahlen.

Können Sie schon Ihre Fiction-Pläne über "Meiberger" und "Letzter Kirtag" hinaus formulieren oder stehen und fallen diese mit deren Abschneiden?

FH: Wir planen bei beiden Formaten mit Fortsetzungen. Wenn sie jetzt beim Publikum überhaupt nicht ankommen sollten, machen wir uns natürlich Gedanken. Genauso gibt es Pläne für andere fiktionale Stoffe, ohne dass ich vielmehr darüber erzählen könnte. Aber wir sind offen für vieles und nicht auf Krimis fixiert.

Wären Partnerschaften mit deutschen Sendern eine Option, um ihre Fiction-Library schneller anwachsen zu lassen? Oder fürchten Sie, in solchen Konstellationen zu viele Kompromisse eingehen zu müssen?

FH: Doch, doch. Das ist ein stetiges Thema. Wir führen auch immer wieder Gespräche. Auch wenn bislang noch nichts Konkretes entstanden ist, heißt das nicht, dass wir in Zukunft solche Konstellationen nicht eingehen werden.

Sie haben die Unterschiede zwischen den Märkten eingangs schon angedeutet. Wie schwierig ist es, österreichischem und deutschem Publikumsgeschmack gleichzeitig gerecht zu werden? Welche Erkenntnisse haben Sie, was hier besser und dort weniger gut ankommt?

FH: Zum einen ist natürlich die unterschiedliche Wahrnehmung ein Aspekt. Nicht nur aufgrund der unterschiedlichen Größe der Länder. In Österreich sind wir überall im Relevant Set, in Deutschland noch nicht. Regionale Programme, die besonders vom Dialekt geprägt sind, funktionieren in Deutschland nicht. Deshalb programmieren wir sie, wenn überhaupt, an den Rändern. Aber auch bei Spielfilmen gibt es oft ganz unterschiedliche Ergebnisse. Es ist mir aber noch nicht gelungen, den genauen Grund herauszufinden, warum jetzt dieser Film in Deutschland funktioniert und jener in Österreich nicht.

Wenn nicht Sie, wer dann?

FH: Es ist und bleibt ein Mysterium. Ich dachte eine Zeitlang, es läge am Humor, aber der ist es auch nicht. Was interessanterweise verlässlich in beiden Territorien funktioniert, sind Western.

Wie wollen Sie sich künftig auf dem deutschen Markt positionieren und welche Rolle spielen dabei die fiktionalen Eigenproduktionen?

FH: Wir haben in Deutschland jetzt auch am Vorabend eigene News und eigene Wettervorhersagen eingeführt, als klares Signal, dass wir auf den Markt eingehen. Sport ist da natürlich eine große Säule, vor allem mit der MotoGP. Aber auch die Qualitätsprodukte im Spielfilm- und im Doku-Bereich. Als weitere Säule kommt nun originäres Fiction-Programm, wie man es bei anderen Sendern nicht findet, hinzu. Und es geht uns darum, ein Fenster in den Alpenraum hinein zu eröffnen, der ja nach wie vor ein Sehnsuchtsgebiet für die Deutschen ist.

Und wie geduldig sind Sie mit uns Deutschen?

FH: Wir sehen ja, dass die Richtung stimmt, seit wir diese programmschematischen Veränderungen vorgenommen haben. Seit zwölf, fünfzehn Monaten geht die Kurve stetig nach oben. Wir sind auch nicht immer die Geduldigsten, aber derzeit sind wir mit der Entwicklung in Deutschland zufrieden. Jetzt schauen wir eben, dass die Kurve vielleicht noch etwas steiler steigt.

Das Interview führte Frank Heine