Kino

Christoph Ott: "Ein guter Film gehört ins Kino!"

Fünf herausragende, auf Festivals begeistert aufgenommene Netflix Originals können in den kommenden Monaten auch in deutschen Kinos gezeigt werden. Christoph Ott hat viele gute Gründe, warum sie dort auch laufen sollten.

17.10.2019 12:44 • von Jochen Müller

Fünf herausragende, auf Festivals begeistert aufgenommene Netflix Originals können in den kommenden Monaten auch in deutschen Kinos gezeigt werden. Christoph Ott hat viele gute Gründe, warum sie dort auch laufen sollten.

In den nächsten zwei Monaten veröffentlichen Sie über Filmwelt fünf Netflix-Filme jeweils zwei Wochen, bevor sie gestreamt werden. Warum gehören diese Filme ins Kino?

Christoph Ott: Noch habe ich nicht alle Filme gesehen, aber ich kenne die Trailer, die Besetzung und die Regisseure. Nach allem, was ich weiß, gesehen und gehört habe, zählen diese Filme zu den Top 50 in diesem Jahr. Diese Produktionen werden fast weltweit im Kino gezeigt, und ich finde, sie gehören auch in Deutschland auf die Leinwände. Filme wie Martin Scorseses The Irishman" sind aufwendig produziert und perfekt mit Dolby Atmos abgemischt. Man sollte sie im Kino sehen können. Es gibt wohl kein Land, in dem es nicht Proteste gegen Netflix-Filme im Kino gibt, und wir nehmen diese Einwände nicht auf die leichte Schulter. Aber es gibt sehr gute Argumente, dass das Publikum diese Filme im Kino sehen können sollte.

Erwartet nicht auch ein Großteil des Publikums diese Filme im Kino?

CO: Wenn man sich in den sozialen Medien die Kommentare unter den Trailern ansieht, liest man immer wieder Sätze wie: "Hoffentlich läuft der auch bei uns im Kino!" Netflix-Filme werden von den Kinozuschauern als selbstverständlicher Teil der Filmlandschaft wahrgenommen. Sie gehören inzwischen zu den Highlights auf Festivals, werden dort von der Kritik überschwänglich gelobt und sind aussichtsreiche Oscar-Kandidaten. Das Publikum erwartet diese Filme im Kino und bemüht sich, herauszufinden, wo sie laufen. Solche Filme im Kino nicht mehr zu zeigen und das Publikum auf das Fernsehen oder die Streamingplattformen zu verweisen, widerstrebt mir im Innersten. Denn ein guter Film gehört ins Kino! In den Open-Air-Kinos laufen jeden Sommer Filme, die längst auf DVD erschienen sind. Und trotzdem sind die Veranstaltungen gut besucht, weil das Publikum spannende, dramatische, lustige Geschichten gemeinsam erleben, gemeinsam sehen will. Das ist ein Event, ein Happening. Jedes Bundesligaspiel läuft im Fernsehen, und trotzdem gehen Fußballfans ins Stadion.

800 Filme laufen dieses Jahr im Kino: Bedrohen die fünf Filme von Netflix die herkömmliche Auswertung?

CO: Das glaube ich nicht. Gerade im Arthouse-Markt auf Filme zu verzichten, die so viel Aufmerksamkeit u.a. bei Festivals bekommen, die durch ihre erzählerische Kraft, ihre inhaltliche Originalität und die Virtuosität ihrer Gestaltung Zuschauer*innen begeistern können, halte ich für den falschen Weg. Der Kinomarkt ist ja doch ein freier Markt. Das Publikum kommt für einen ganz bestimmten Film, auf den es aufmerksam geworden ist, und das braucht sehr oft drei bis vier Wochen. Mir war es wichtig, dass diese Netflix-Filme sechs Monate fürs Kino zur Verfügung stehen. Die Kinos bekommen sie zu einem fairen Prozentsatz und sind im Vergleich zu einer regulären Erstaufführung viel freier in der Wahl ihrer Anfangszeiten und der Gesamtzahl an Vorstellungen. Selbst Roma" kann man noch bis Ende Oktober im Kino spielen. Ich hatte mich hier um eine Verlängerung bemüht, weil ich dachte, dass er ein schönes Open-Air-Event im Sommer sein könnte. Die meisten Open Airs haben dann aus den bekannten Gründen - dem Netflix-Boykott - nicht gespielt. Dafür spielen sie Filme, die es auf DVD gibt, oder die schon im Fernsehen gelaufen sind. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Als Kinobetreiber möchte man seinem Publikum doch das Beste zeigen können, was es aktuell gibt.

Gibt es denn Erfahrungen aus der "Roma"-Auswertung, wie es sich auswirkt, wenn der Film auch auf dem Streamingportal abrufbar ist?

CO: Das hatte keine großen Auswirkungen. Positive Effekte gab es dafür durch die vielen Oscar- Nominierungen und den Oscar-Gewinn. Viele Kinos haben danach andere Filme, die auch einen Oscar gewonnen haben, wieder eingesetzt, obwohl sie schon auf DVD erschienen waren. Bei "Roma" haben sie auf einen Einsatz verzichtet. Im Netz haben sich dann viele Leute gefragt, warum er nicht im Kino läuft. Jeder Kinobesitzer muss sein Programm frei gestalten können - bei dem einen oder anderen Blockbuster ist er gar nicht mehr so frei, habe ich gehört. Im Fall von "Roma" haben Besucher*innen sich bei Kinoangestellten bedankt, dass der Film gezeigt wurde. Ich halte es für eine große Chance, in einem begrenzten Experimentierfeld Erfahrungen mit flexibleren Auswertungsformen sammeln zu können. Bei "Roma" hat das zu sehr guten Ergebnissen geführt. Das Kino braucht Filme, über die die Leute reden. Momentan ist z.B. Systemsprenger" ein echtes Ereignis. Ich freue mich total über den Erfolg dieses Films und wünsche ihm, dass er eine Oscar-Nominierung bekommt.

Die Kinoverbände haben sich früh festgelegt, Netflix-Filme nicht zu zeigen. Was bringt dieser Boykott?

CO: Natürlich akzeptiere ich, dass sich die Verbände da festlegen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass jeder Kinobetreiber, der die Filme zeigen möchte, - und ich hoffe, dass es viele sind, - das auch tun sollte. So mancher leidenschaftliche Kinogänger würde es uns übel nehmen, wenn er gezwungen wäre, "Roma", "The Irishman", Marriage Story" oder Two Popes" zuhause zu streamen, obwohl er die Filme lieber auf großer Leinwand sehen würde. Eine Blockadehaltung wird uns nicht weiterbringen.

Wie ist denn der Kontakt zu Netflix zustande gekommen?

CO: Wir arbeiten nicht direkt mit Netflix zusammen, sondern mit einem Weltvertrieb, für den wir schon andere Filme im Kino ausgewertet haben, und wurden deshalb gefragt, ob wir Interesse hätten. Es wurden auch andere Verleiher in Deutschland angesprochen. Das alles passiert natürlich sehr kurzfristig: Die Filme laufen in Venedig, Toronto oder Telluride und kommen nun ein paar Wochen später ins Kino. Das ist auch für mein Team ein Riesenakt.

Warum gibt es in Deutschland zwei Wochen Vorlauf, in England drei und in den USA sogar vier?

CO: Das weiß ich nicht. Ich habe mich um einen längeren Vorlauf bemüht, aber es handelt sich um ein europaweites Fenster. Nach zwei Wochen kommen die Filme in ganz Europa auf Netflix.

Alle Filme laufen in Originalfassung oder im Original mit Untertiteln in den Kinos. Wird damit ein großes oder gar ein neues Publikum angesprochen?

CO: Heutzutage ist auch ein Publikum von 60 Jahren aufwärts zu einem viel höheren Prozentsatz englischsprachig, als es noch unsere Eltern waren. Wir erleben, dass OmU-Fassungen im Kino wichtiger werden und sich Zuschauer*innen sogar ausdrücklich Filme im Original wünschen. Schließlich zeichnet sich jeder Schauspieler nicht nur durch seine Mimik, sondern auch durch seine Stimme aus. Trotzdem laufen Originalfassungen nur in einer begrenzten Anzahl von Kinos und haben keine signifikanten Auswirkungen auf den Gesamtmarkt. Für die Programmvielfalt ist die Digitalisierung ein Segen. Jeder große Hollywoodfilm läuft heute in zig OmU-Fassungen. Man muss dankbar sein, dass das jetzt per Knopfdruck möglich ist.

Die Medienwelt verändert sich. Die großen Filmkünstler arbeiten immer öfter für weitere Auftraggeber wie die Streamingplattformen. Müssen sich Kinobetreiber, die ihrem Publikum die besten Filme zeigen wollen, nicht auch dieser Herausforderung stellen?

CO: Die Kinos zeigen ja längst auch andere Programme als Alternative Content. Am letzten Septemberwochenende liefen zwei Folgen von Paw Patrol" sonntags in vierhundert Kinos als Event mit mehr als 80.000 Zuschauer*innen - fast in der Liga von "Shaun das Schaf" oder "Everest". Hätte man die letzte Staffel von Game of Thrones" im Kino zeigen können, eine Woche vor Ausstrahlung und nur samstags, wären alle Kinos ausverkauft gewesen. Es ist doch fantastisch, wenn das Publikum auch andere Programme unbedingt im Kino mit seiner besonderen Magie sehen will. Natürlich hat das reguläre Programm Vorrang und leidet auch im Regelfall nicht darunter. Wenn aber zwei Trickfilme an einem Wochenende starten, und am Sonntag die Kinos parallel zwei Folgen einer Zeichentrickserie zeigen, dann schadet das der regulären Auswertung schon. Darüber hat sich allerdings keiner aufgeregt.

Müssen sich die Kinobetreiber neu orientieren? Leute, die viel streamen, gehen gern ins Kino...

CO: Eine neue Erhebung zeigt, dass Leute, die 15 Stunden in der Woche streamen, zwölfmal im Jahr ins Kino gehen. Leute, die nicht streamen, gehen nie ins Kino. Wer ist hier der Feind? Aber nochmal, ich kämpfe nach wie vor dafür und nehme die Einwände ernst: Natürlich wäre es super, wenn ein großer Eventfilm einen Vorlauf von vier Monaten hätte. Am Ende ist alles eine Frage der Finanzierung und wie ein Film produziert wird. Aus den USA erreichen uns derzeit wenig große romantische Komödien wie früher Schlaflos in Seattle" oder "Während Du schliefst". Diese RomComs gibt es nicht mehr, weil man in Russland und China mit Komödien weniger anfangen kann. Dort kommen Action und Helden besser an. Der deutsche Kinomarkt ist nicht mehr der wichtigste oder zweitwichtigste Markt in Europa wie noch vor 25 Jahren. Heute sind wir, ähnlich wie im Fußball, nur noch Top ten. Aber wir haben tolle Kinos, und ich finde es spannend, wie einzelne mittelständische Betreiber ans Kino glauben und ins Kino investieren. Es ist ein großer Unterschied, Bohemian Rhapsody" im Astor oder zuhause zu sehen. Wir müssen ein bisschen mutiger sein und uns dieser Herausforderung stellen, nicht jammern und nach neuen Regeln rufen, sondern selbstbewusst damit werben, dass Kino mit tollem Bild und Sound das beste Erlebnis bietet. Dann kommt das Publikum auch (wieder).

Können sich die Kinos in Zukunft gegen die Streaminganbieter behaupten?

CO: Wir sollten den Mut haben, gemeinsam neue Wege zu gehen. Ich plädiere für die Freiheit des Programms. Diese Filme sind Angebote, die im Kino gesehen werden wollen, aber sicher nicht das herkömmliche Abspiel von Filmen behindern oder in Frage stellen. Und ich teile auch nicht die Sorge, dass deswegen künftig Arthouse-Filme oder Blockbuster nur noch eine Woche im Kino laufen und dann auf einer Streamingplattform auftauchen. Das kann sich kein Studio leisten. Die weltweiten Kinoeinnahmen sind ein Milliardengeschäft. Netflix ist mit seinem Geschäftsmodell auf diese Finanzierung nicht angewiesen, aber alle Studios schon. Als kleiner Independent-Vertrieb muss ich versuchen, auf dem freien Markt das Programm zusammenzustellen, mit dem wir glauben, unsere Firma am Leben erhalten zu können. Mit anspruchsvollem, klassischem Arthouse ist das fast nicht mehr zu schaffen. Das erleben gerade alle, auch die Förderinstitutionen. Und alle machen sich Gedanken. Wir sollten aus den Erfahrungen anderer Branchen lernen. Die Entscheidung, an Gewohnheiten festzuhalten, hat sich im digitalen Wandel nirgends ausgezahlt.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl