Kino

KOMMENTAR: La condition superhumaine

Wer Martin Scorsese schon einmal in einem Interview oder auf einer Veranstaltung sprechen gehört hat, der weiß, dass der Mann redet wie ein Buch: rasend schnell, blitzgescheit, präzise, geballtes Wissen, das aus dem 76-Jährigen drängt wie das, nunja, Wort Gottes. Was Scorsese sagt, der Schutzheilige des anspruchsvollen amerikanischen Kinos, ist Gesetz.

17.10.2019 09:56 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wer Martin Scorsese schon einmal in einem Interview oder auf einer Veranstaltung sprechen gehört hat, der weiß, dass der Mann redet wie ein Buch: rasend schnell, blitzgescheit, präzise, geballtes Wissen, das aus dem 76-Jährigen drängt wie das, nunja, Wort Gottes. Was Scorsese sagt, der Schutzheilige des anspruchsvollen amerikanischen Kinos, ist Gesetz. Was wohl der Grund ist, warum sich einer der Sätze, die er bei einem Q&A anlässlich der Premiere seines The Irishman" gesagt hat, für die große Marvel-Fangemeinde angefühlt haben mag wie ein Dolchstoß. Er sehe sich keine Superheldenfilme an, sagte er sinngemäß, obwohl er es versucht habe: Sie seien zweifellos gut gemacht und die Schauspieler würden im Rahmen der Möglichkeiten starke Leistungen abliefern, aber sie seien eben kein Kino, sondern eher mit Themenparks zu vergleichen. Dass aus dieser doch eher harmlosen Betrachtung ein Kreuzzug der Fanboys wurde, befeuert von den Filmemachern und Schauspielern auf der Gehaltsliste von Marvel, die sich zutiefst getroffen gaben von Scorseses freundlicher Kritik, als habe der Regisseur von GoodFellas" per Dekret die Produktion von Comicverfilmungen verboten, mag unterstreichen, wie tief die Qualität des Diskurses in den sozialen Medien gesunken ist.

Wie man aus einer Mücke einen solchen Elefanten machen kann, ist irritierend. Erstens ist es nicht das erste Mal, dass Scorsese sich besorgt über die Zukunft der Art von Kino äußert, mit der er aufgewachsen ist. Zweitens spricht er Marvel und Co. nicht die Daseinsberechtigung ab - vielmehr versucht er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit dahin zu richten, dass Kino mehr zu bieten hat als erwachsene Menschen in Capes: Das Kino, das Scorsese meint, ist das Kino der Meister (Ozu, Bergman, Fellini, Kurosawa, Sie wissen schon), das sich mit der Condition humaine auseinandersetzt. Und drittens ist "The Irishman" ein Paradebeispiel für das, was Scorsese meint: Kein Studio zeigte sich bereit, den Film zu finanzieren, der jetzt auf den Festivals von New York und London gefeiert wurde als Triumph des Kinoschaffens. Und dann im November nur in einer Handvoll von Kinos zu sehen sein und einem Publikum vorenthalten wird, das den vielleicht größten Film des Jahres auf der großen Leinwand sehen möchte.

Der Mainstream erfreut sich einstweilen an der Imitation of Life: "Joker" könnte niemals seinen Erfolgszug durch die Kinos antreten, wenn Martin Scorsese mit Taxi Driver" und King of Comedy" nicht die Blaupause für Todd Phillips' Film geschaffen hätte. Der zwar den Goldenen Löwen gewinnen konnte, aber nach dem ersten Jubel in Venedig, doch nicht die Gnade der Filmkritik findet. Dabei ist es einer der wenigen Comicfilme, denen die Condition Superhumaine egal ist, sondern der die Bestie Mensch abbildet in einem ungeschminkt monströsen Film.

Thomas Schultze, Chefredakteur