Kino

Judith Westermann: "Wichtiges und richtiges Signal"

Anfang Oktober ist der FFF Bayern mit einem ersten Drehbuchcamp an den Start gegangen, das Inspiration für bayerische Stoffe geben soll. Judith Westermann gehörte zu den Teilnehmern und erzählt hier über ihre Erfahrungen und warum es so wichtig ist, in Stoffentwicklung und Recherche zu investieren.

15.10.2019 13:53 • von Barbara Schuster
Judith Westermann hat Unterfranken (neu) entdeckt (Bild: Juliane A. Ahrens)

Anfang Oktober ist der FFF Bayern mit einem ersten Drehbuchcamp an den Start gegangen, das Inspiration für bayerische Stoffe geben soll. Judith Westermann gehörte zu den Teilnehmern und erzählt hier über ihre Erfahrungen und warum es so wichtig ist, in Stoffentwicklung und Recherche zu investieren.

Sie waren Teilnehmerin des ersten FFF-Drehbuchcamps, das Inspiration für bayerische Stoffe liefern soll. Was haben Sie auf der Reise - die durch Unterfranken führte - erlebt?

Judith Westermann: Wir sind auf unserer Reise durch Unterfranken den unterschiedlichsten Menschen in ihren Heimatorten und Wirkungsstätten begegnet und haben dabei in kurzer Zeit viel Spannendes erlebt. Mich hat die Vielfalt der Region völlig in ihren Bann gezogen. Ich war fasziniert von der Herzlichkeit und Offenheit der Menschen, ob Bäcker oder Braumeister, Kapitän oder Winzerfamilie - ein Kosmos großartiger Geschichten. All die Anekdoten und persönlichen Erfahrungen sind ein wahres Geschenk für Autoren, auf manche Dinge kommt man in seinem Schreibkämmerchen nun mal nicht. Ich habe während unserer Fahrt oft gedacht: Wenn ich das ins Drehbuch schreibe, glaubt mir das keiner! Und doch ist es wirklich passiert. Einzutauchen in solch reale Begegnungen und neue Welten ist das Beste, was man machen kann, um tolle Geschichten zu finden. Ein riesiges Kompliment und Dankeschön ans wunderbare Team des FFF Bayern, der Film Commission und Bayern Tourismus Marketing GmbH für diese inspirierende Reise!

Worüber haben Sie sich ausgetauscht? Es waren ja auch kreative Produzenten und Produzentinnen mit dabei...

JW: Wir haben viel über die Begegnungen gesprochen, die eine Menge unterschiedliche Themenfelder berührt haben, in denen man sich wiederfindet oder neue Anknüpfungspunkte findet. Das gemeinsam zu erleben mit tollen Produzenten wie Isabelle Bertolone und Martin Kosock und wunderbaren Autorenkollegen wie Barbara te Kock, Romina Ecker und Su Turhan, war eine wertvolle Erfahrung, die für einen Teamgeist steht, der idealerweise aus der Zusammenarbeit zwischen Autoren und Produzenten erwächst.

Müssten Angebote dieser Arbeit noch verstärkt werden? 

JW: Das Drehbuchcamp veranschaulicht auf großartige Art und Weise, wie viel Potential in den unterschiedlichsten Geschichten steckt, wenn man sich die Zeit nimmt, ihre Eigen- und Besonderheiten in Hinblick auf Menschen und Orte zu entdecken. Jede Geschichte wurde schon einmal auf die ein oder andere Weise erzählt. Neu an jeder Geschichte ist doch aber ihr Ansatz, ihre Figuren und ihre Form, die sie einzigartig machen. Um die zu finden, kann meiner Meinung nach gar nicht genug in Stoffentwicklung und Recherche investiert werden. Sonst wiederholen sich Geschichten und Figuren, wirken leblos oder werden zum Klischee. Eine gelungene Stoffentwicklung braucht Zeit und kostet Geld - Geld, das den Autoren bezahlt werden sollte, wenn man Filme möchte, die reale Lebenswelten künstlerisch verdichten. Ich habe das Gefühl, dass dank verschiedener Initiativen und Diskurse der letzten Zeit das Bewusstsein hierfür wächst, wie wichtig es ist, in Stoffentwicklung zu investieren. Das Drehbuchcamp ist in jedem Fall ein wichtiges und richtiges Signal, um die immense Bedeutung der Stoffentwicklung im gesamten Prozess hervorzuheben.

Welchen Stellenwert haben lokal verortete Geschichten für das Publikum?

JW: Ich denke, für das Publikum ist es einerseits wichtig, sich in den Geschichten wiederzufinden und andererseits auch, Neues entdecken zu können. Wenn wir als Beispiel unsere Reise durch Unterfranken nehmen, so gibt es in der Region die unterschiedlichsten Orte und damit verbundene Sehnsüchte und Sorgen, von denen man als Außenstehender oft nur wenig weiß. Das finde ich interessant zu entdecken. Dennoch taucht die Frage nach Herkunft, Identität und den eigenen Wurzeln überall auf, egal, wohin man schaut. Eine Frage, mit der auch die Mehrheit der Zuschauer viel anfangen kann, glaube ich.

In Bezug auf bayerische Geschichten haben viele Zuschauer erstmal Bilder vom südlichen Bayern im Kopf. Umso spannender ist es doch, wenn sie ein anderes, ihnen weniger bekanntes Bayern kennenlernen können. Das gilt ja im Übrigen genauso für alle anderen Teile Deutschlands. Ich finde es schön zu wissen, dass es noch viele Regionen zu entdecken gibt und wir dadurch noch viele Geschichten zu erzählen haben.

Sie haben Kino- und Fernsehregie an der HFF München studiert. Dennoch arbeiten Sie mehr als Drehbuchautorin. Was reizt Sie daran?

JW: Ich habe während meines Regiestudiums schon immer auch geschrieben, allein oder mit anderen. Zusätzlich habe ich noch einen Abschluss in Produktion und Medienwirtschaft gemacht, was mir ermöglicht hat, die Perspektive des Produzenten kennen- und schätzen zu lernen. In dieser Kombination hat mich Stoffentwicklung stets in all ihren Facetten begleitet und zu meinem ersten Drehbuchauftrag geführt. Daraus folgten weitere Projekte, bei jedem einzelnen lerne ich viel dazu, auch in Hinblick auf die Regie. Was mich am Schreiben reizt, ist zum einen die Recherche, die es mir erlaubt, in mitunter völlig neue Welten einzutauchen. Zum anderen mag ich beim Schreiben den Moment, in dem alles entsteht, Figuren ihre Stimmen bekommen und eine neue Welt beginnt zu existieren. Ebenso liebe ich es, genau diese Welt lebendig werden zu lassen, weshalb ich mich darauf freue, auch wieder verstärkt als Regisseurin zu arbeiten. Von mir aus könnte der Tag 48 Stunden haben, um all die Geschichten aufzuschreiben und zu inszenieren, die mich interessieren. Dank des Drehbuchcamps gleich doppelt so viele!

Das Gespräch führte Barbara Schuster