Produktion

Die Gesellschaft entwickelt Annas-Adaptionen

Michael Henrichs, der mit dem sudanesischen "You Will Die at Twenty" einen Hamburger Produzentenpreis gewann, treibt mit dem Krimipreis-prämierten Max Annas und Vasant Nath auch größere Genre- und TV-Projekte voran.

10.10.2019 07:36 • von Heike Angermaier
(vl.) Michael Henrichs mit Amjad Abu Alala und Mustafa Shehata (Bild: Filmfest Hamburg/Martin Kunze)

Michael Henrichs gewann mit dem sudanesischen Drama "You Will Die at Twenty" den Hamburger Produzentenpreis für europäische Kinokoproduktionen. Mit seiner Firma Die Gesellschaft DGS kümmert er sich um außergewöhnliche Stoffe fürs Kino und treibt gemeinsam mit dem Krimipreis-prämierten Autor Max Annas und Autor und Regisseur Vasant Nath auch größere Genre- und TV Projekte voran.

"You will Die at Twenty" ist das Langfilmdebüt von Regisseur und Drehbuchautor Amjad Abu Alala. Das Drama über einen Jungen, dem kurz nach seiner Geburt der Tod mit 20 Jahren prophezeit wird, ist erst der siebte im Sudan entstandene Spielfilm. Dort, ohne eine etablierte Film-Infrastruktur zu drehen, ist schon eine Herausforderung. Eine weitere ist die Zusammenarbeit innerhalb der internationalen Struktur des Filmes mit zahlreichen Koproduktionsländern. Er entstand in Koproduktion mit der französischen Andolfi, die u.a. den in Kinshasa spielenden Berlinale-Beitrag Félicité" produzierte, der norwegischen Duofilm, der ägyptischen Transit Films und Henrichs Die Gesellschaft DGS gemeinsam mit der ägyptischen Film Clinic und der sudanesischen Station Films des Regisseurs mit Unterstützung des Doha Film Institute aus Katar. Dabei bewegt sich das Budget mit etwa 670.000 Euro in einem niedrigen Bereich. Als deutsche Förderer holte Henrichs World Cinema Fund und Arri International Support Program an Bord. Die Postproduktion wurde von Film- und Medienstiftung NRW unterstützt.

Das hochgelobte Drama erregte Aufsehen, als es nach seiner Premiere im Rahmen der Giornate degli Autori in Venedig mit dem Luigi De Laurentiis-Preis als Bester Nachwuchsfilm ausgezeichnet wurde. Es folgte die Nordamerika-Premiere in Toronto und die MENA-Premiere in El Gouna - dort mit der Auszeichnung als Bester Narrativer Film. Nun wurde im besonderen die Produzentenleistung - auch beim Filmfest Hamburg gewürdigt. Aktuell läuft das Drama auf dem arabischen Filmfestival in Tübingen und in Busan. Es folgen das Cologne Film Festival und Mumbai. "You Will Die at Twenty" entwickelt sich auch für Weltvertrieb Pyramide sehr gut. Der Film wurde nach Großbritannien und in die Schweiz verkauft, kommt über den eigenen Verleih Pyramide in Frankreich in die Kinos, und wird auch in Ägypten und Ländern des Mittleren Osten und Nordafrika über Film Clinic gezeigt werden. Für Deutschland werden Gespräche geführt, so Henrichs, der es schätzt mit Talenten aus Ländern zu arbeiten, in denen es vielleicht noch keine starke Filmindustrie gibt, aber tolle Geschichten zu finden sind. So baute er etwa Clinik Kathmandu mit auf und organisierte dort Filmkurse für angehende Filmemacher aus angrenzenden Regionen. Aktuell denkt er über ein Filmprojekt im Tschad nach.

Henrichs, der zuvor an der Internationalen Filmschule Köln (ifs) die Bereiche Kreativ Produzieren und International Producing leitete und bei Greenlight Media große, kommerzielle Projekte wie "Simsalagrimm" und Unsere Erde" betreute, wollte mit seiner eigenen Firma kleinere, ungewöhnlichere Projekte mit größtmöglicher Freiheit umsetzen, so Henrichs, der betont: "Ich bin bewusst in Nischen unterwegs." Er realisierte Projekte außer im Sudan, in Indien und in Südafrika. Auf sie aufmerksam wird er auf Reisen und über sein Netzwerk, bei "You Will Die at Twenty" etwa über dessen norwegische Produzentin Ingrid Lill Høgtun. Zuvor hatte er mit Die Gesellschaft DGS als Koproduzent bei einem anderen Projekt in Afrika gewirkt, dem historischen Actiondrama "Sew the Winter to My Skin" über einen südafrikanischen Robin Hood in den Fünfzigerjahren von Jahmil X.T. Qubeka. Peter Kurth ist darin in der Rolle des Verfolgers der von Ezra Mabegeza gespielten Hauptfigur zu sehen. Henrichs lernte Qubeka und Produzentin Layla Swart von Yellowbone Entertainment beim Filmfestival in Durban kennen. Der Film feierte 2018 in Toronto Premiere, wurde in Busan, Palm Springs und in Hof gezeigt und war Südafrikas Einreichung für eine Oscar-Nominierung. Qubekas folgender Film "Knuckle City" ist Südafrikas Beitrag im Oscar-Rennen 2020.

Mit Qubeka und Swart arbeitet Henrichs an einem neuen Projekt, der Adaption von Max Annas' in einer Gated Community in der südafrikanischen Provinz spielenden, harten Thriller "Die Mauer", für den Annas mit dem Deutschen Krimpreis 2017 prämiert wurde. Henrichs optionierte neben "Die Mauer" auch den neuesten, ebenfalls bei Rowohlt erschienenen Roman des renommierten Autors, "Morduntersuchungskommission" über die gleichnamige in der DDR tätige Mordkommission. Ermittelt wird - inspiriert von Tatsachen - in den Achtzigern im Fall eines besonders brutalen Mordes an einem aus Mozambik stammenden Arbeiter, bei dem die Ermittlungen auf Anweisung von oben eingestellt werden müssen, als klar wird, dass es sich um eine rassistisch motivierte Tat handelt, die es in der DDR nicht geben durfte. Das Projekt, an dessen Konzept Henrichs mit Annas zusammenarbeitet, ist als Fernsehserie geplant. Henrichs nimmt also nun auch mit Die Gesellschaft DGS größere Projekte im Angriff.

In der Entwicklung bei Die Gesellschaft DGS ist außerdem eine Komödie, die Henrichs gemeinsam mit dem indischen Filmemacher Vasant Nath entwickelt, mit dem er 2017 den Kurzfilm "Sebastian and Rose" realisierte. Henrichs, der wie er sagt, die Drehbucharbeit liebt, hat auch einen Credit als Koautor. Nath ist vor allem als Autor in der Heimat erfolgreich, schrieb Folgen für die Emmy-nominierte Netflix-Serie "Der Pate von Bombay" und eine neue Amazon-Serie, kommt aber aus dem Indiebereich. Im geplanten "The J Diairies" erzählt Nath von einem Familienvater in Mumbai, dessen Pornosucht auffliegt und den sich daraus ergebenden Turbulenzen für ihn, seine Frau und seinen Sohn. Henrichs wird wie bei "Sebastian and Rose" und beim Langfilm Chauthi Koot"/"The Fourth Direction", der 2015 in Un Certain Regard lief - mit Produzent Kartikeya Singh zusammenarbeiten. Welches der Projekte als nächstes in Angriff genommen wird, ist noch offen. Parallel zu seinen Filmprojekten engagiert sich Henrichs als Dozent, Gutachter und Berater und kann so regelmäßig "sein Knowhow updaten".