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Elke Walthelm: "Wir haben noch einiges im Köcher"

Neue Streaming-Dienste schießen wie Pilze aus dem Boden, neue Sky Originals aber auch. Ein Gespräch mit Programmchefin Elke Walthelm darüber, wie sich Sky Deutschland in der aktuellen Marktsituation positioniert und die Zukunft plant.

04.10.2019 13:00 • von Frank Heine
Elke Walthelm, Executive Vice President Content bei Sky (Bild: Sky/Adrian Schätz)

Der Sportrechtemarkt ist umkämpfter denn je. Wie wirkt sich die für Sky komplizierter gewordene Situation bei den Fußballrechten auf andere Programmbereiche aus? Steigert das den Wert der Fiction?

Elke Walthelm: Ich würde es etwas weiter fassen. Der Wettbewerb nimmt zu, die Nachfrage nach Rechten wird größer. Aber das betrifft nicht nur Sportrechte, sondern genauso fiktionale Rechte. Wir sind hier optimal aufgestellt und im Wettbewerbsumfeld gut positioniert. Konkret bedeutet dies, dass wir zum einen weiterhin die Nummer 1 im Sportbereich bleiben wollen und zum anderen den fiktionalen Bereich stärken und massiv ausbauen. Die einzigartige Kombination aus exklusiven Inhalten beider Bereiche bietet nur Sky.

Kann es eine Strategie sein, den Verlust von Sportrechten durch fiktionale Angebote zu kompensieren oder geschieht das eher durch andere Sportrechte, weil man die beiden Bereiche getrennt voneinander betrachten muss?

Elke Walthelm: Durch die Rückkehr der Formel 1 und der Premier League haben wir zuletzt unser Portfolio im Sport weiter ausgebaut. Es ist aber nicht so, dass das eine das andere ersetzt, vielmehr ergänzen sich die verschiedenen Content-Segmente. Unsere Strategie ist es, ein umfassendes Entertainmenterlebnis anzubieten, also zum einen exklusiven Live-Sport und zum anderen hochwertige Serien, die aktuellsten Filme sowie Dokus und Kinderprogramm. Wenn wir uns nur auf das eine oder andere konzentrieren würden, würden wir uns in unserem Wachstum limitieren.

Was für ein Wachstum stellen Sie sich denn vor?

Elke Walthelm: Wir wollen weiter wachsen und schauen überaus optimistisch in die Zukunft. Als Teil der europäischen Sky Gruppe sind wir hervorragend aufgestellt. Comcast unterstützt uns auf diesem Weg.

Außer Frage steht, dass Sie bei der Fiction mehr Gas geben als je zuvor.

Elke Walthelm: Die Nachfrage nach fiktionaler, also Filme und Serien, aber auch non-fiktionaler Unterhaltung, nimmt insgesamt zu, ebenso wie die Zahlungsbereitschaft für qualitativ hochwertige Inhalte. Es ist daher richtig, dass Fiction eine tragende Rolle in unserem Bestreben spielt, dem Kunden ein möglichst allumfassendes Angebot zu offerieren. Ziel ist, dass Kunden zu uns kommen und dann möglichst lange bei uns bleiben.

Sie treffen mit Ihren Fiction-Aktivitäten auf einen Markt, in den immer mehr Streaming-Dienste eintreten. Welche Auswirkungen hat diese Marktsituation für Sky?

Elke Walthelm: Im Fiction-Bereich fußt unsere Strategie auf drei Programmsäulen: Wir haben im Filmbereich mit den meisten Hollywood-Studios sowie vielen Independents exklusive Lizenzverträge, dazu kommen exklusive Output-Deals u.a. mit HBO und Showtime. Ergänzt wird das zudem durch das Angebot unserer Partnersender, mit denen wir eng und lange zusammenarbeiten, wie beispielsweise Turner und NBC Universal - letztere gehören ja nun auch seit ein paar Monaten zur Sky Familie. Last but not least kreieren wir mit den Sky Originals und eigenproduzierten Showformaten einzigartigen Content, den es nur bei uns gibt, und über den wir die größtmögliche Kontrolle haben. Auf diesen Mix kommt es im Fiction & Entertainment-Bereich an: Wir sind das Zuhause für First Run Movies, wir setzen auf hochwertige, exklusive Serienakquisitionen sowie auf unsere Eigen- und Gemeinschaftsproduktionen, angefangen bei Babylon Berlin" in Zusammenarbeit mit X Filme, Degeto, WDR und Beta, dann Das Boot", Der Pass" und 8 Tage" - weiter geht es mit den neuen Sky Originals Hausen", Souls" und Ich und die anderen".

Und wie stellt sich jetzt die Marktsituation für Sky dar?

Elke Walthelm: Der Wettbewerb entsteht ja deshalb, weil der deutschsprachige Markt ganz offensichtlich Perspektiven bietet. Je mehr Wettbewerber auf dem Markt sind, umso normaler wird es für Inhalte zu bezahlen. Davon profitieren alle Marktteilnehmer. Unser Ziel ist es, uns in diesem Wettbewerb durch eine klare Content-Positionierung zu unterscheiden. Hinzu kommt unsere Angebotsvielfalt, die sich nach den Wünschen unsere Kunden richtet: Zum einen bieten wir mit Sky Q einen "All In One Place" Service für das beste Fernseherlebnis, zum anderen mit Sky Ticket einen monatlich kündbaren flexiblen und einfachen Streamingservice. Durch diese Kombination aus exklusiven Inhalten und Flexibilität und Einfachheit in der Nutzung sind wir am Markt hervorragend aufgestellt.

Wie wirkt sich Sky Studios auf Ihre Arbeit, die Arbeit in den Redaktionen von Sky Deutschland aus?

Elke Walthelm: Die große strategische Veränderung ist die Bündelung der Aktivitäten unter der Führung von Gary Davey auf europäischer Ebene. Dies geht einher mit dem klaren Bekenntnis die Investitionen in Sky Originals zu verdoppeln und den Output deutlich zu erhöhen. Für die lokalen Teams ändert sich dadurch nichts. Die sind nach wie vor auf die lokalen Märkte fokussiert, wie auch Marcus Ammon und sein Team. Der internationale Austausch wird intensiver, aber die lokalen Arbeitsprozesse bleiben dieselben. Es wird auch weiterhin nichts für den deutschen Markt produziert, von dem ich nicht überzeugt bin, dass es optimal zu unserer Programmstrategie für Sky Deutschland passt.

Wie kommt diese Bündelung der Aktivitäten zum Tragen?

Elke Walthelm: Es wirkt sich sehr beflügelnd aus, dass der Austausch zwischen den Märkten bereits in den Entwicklungsprozessen viel intensiver ist und man bei einem lokal gesteuerten Projekt viel früher die Relevanz für alle Sky Märkte erörtert. "Babylon Berlin" und "Das Boot" waren bereits sowohl national als auch international riesige Erfolge. Darauf wollen wir aufbauen. Trotz des verstärkten Austauschs auf internationaler Ebene bleibt aber auch in Zukunft an erster Stelle die Relevanz für den Heimatmarkt.

Was bedeutet das Erscheinen von HBO Maxx für ihre langjährige Zusammenarbeit mit HBO? Wie lange laufen die Verträge?

Elke Walthelm: Wir haben eine bestehende und sehr erfolgreiche Partnerschaft mit HBO. Zudem haben wir gerade erst gemeinsam mit HBO "Chernobyl" und "Catherine The Great" produziert. Sie sehen also, die Zusammenarbeit ist sehr fruchtbar. Für uns steht bei allen Kooperationen stets der Kunde im Vordergrund, dieser soll das beste Programm erhalten und nachhaltig begeistert werden.

Mit ihren vier deutschen Originals haben Sie viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und teils sehr gute Quoten erzielt. Lässt sich auch schon aufzeigen, inwieweit sie sich beflügelnd auf die Abonnementszahlen auswirken?

Elke Walthelm: Unsere Investitionen in Sky Originals tragen zum Erfolg von Sky bei. Sie sind essentiell für die zunehmende Positionierung im Fictionbereich. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren erreicht, dass über Sky in einem ganz anderen Kontext als bisher gesprochen wurde. Dies soll sich weiter steigern. Bei Sky Ticket können wir zudem gut erkennen, das die Sky Originals sowie herausragenden Serienformate wie "Game of Thrones" ein starker Treiber sind. Sie sind nämlich die Formate, die nach Registrierung verstärkt als erstes konsumiert werden. Was unsere Abonnements mit Sky Q anbelangt so ist es meist eine Kombination aus starken Inhalten, die zum Abschluss führt.

Sky Ticket ist bestimmt eine feine Sache, um Serienjunkies zu sich zu holen. Ist es aber nicht gleichzeitig Ihren Bemühungen, die Leute dauerhaft an sich zu binden, abträglich?

Elke Walthelm: In der Tat haben wir uns diese Frage vor der Einführung von Sky Ticket gestellt. Wir haben jedoch schnell die Erkenntnis gewonnen, dass es keine größere Kannibalisierung gibt. Vielmehr sprechen wir mit unseren verschiedenen Angeboten unterschiedliche Zielgruppen an. Sky Ticket ist als reiner Streamingdienst und mit seiner flexiblen monatlichen Kündbarkeit das perfekte Angebot für jüngere Zielgruppen, die einfach online streamen wollen. Mit dem klassischen Abonnement über Sky Q sprechen wir wiederum ein Publikum an, das möglichst komfortabel über eine Plattform einfach das beste Fernseherlebnis genießen möchte: Zugang zu linearen Free- und Pay TV Sendern, ein breites On Demand Angebot, Sky Go und direkten Zugriff auf beliebte Apps wie Netflix, DAZN, Spotify und die Mediatheken von ARD und ZDF.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Programmierung von Sky Originals? Gibt es da Variationen? Was hat am besten funktioniert?

Elke Walthelm: Wir verfolgen eine jeweils optimal auf den spezifischen Content abgestimmte Strategie. Gerade Kunden, die gerne bingen und nicht linear schauen, begeistern wir damit, dass wir von Tag eins an die ganze Serie als Boxset zur Verfügung stellen. Zum anderen haben wir Kunden mit einem eher traditionelleren Sehverhalten. Die sind einen wöchentlichen Ausstrahlungsrythmus gewohnt - am liebsten in Doppelfolge. Grundsätzlich lässt sich sagen: Je mehr Optionen wir unseren Kunden anbieten, umso mehr Menschen kommen in Kontakt mit unseren Serien und umso größer ist die Sehbeteiligung.

Während Sie mit ihren fiktionalen Originals in aller Munde sind, scheinen Sie im Showbereich etwas hinterher zu hinken. "X Factor" wurde sogar abgesetzt.

Elke Walthelm: Das sehe ich etwas anders. Beide Bereiche lassen sich nur bedingt miteinander vergleichen. Im Showbereich geht es uns genauso wie im fiktionalen Segment darum, die Leute mit hoher Qualität zu unterhalten. Die Art der Unterhaltung ist jedoch leichter und mehr am Mainstream ausgerichtet. Sowohl mit "Quatsch Comedy Club" als auch mit "MasterChef" und "Eine Liga für sich - Buschis Sechserkette" ist uns das hervorragend gelungen. Neben der Erstausstrahlung werden diese Formate zudem auch in den Wiederholungen und On Demand hervorragend genutzt. Daher werden wir auch im Showbereich weiter Gas geben.

Sie wollen künftig auch auf Entertainment-Dokus setzen.

Elke Walthelm: Das gehört zu den neuen Dingen, die wir ausprobieren werden. Einen ersten Dokumentationsfilm über die Bandgeschichte der "Fantastischen Vier", eine Koproduktion zwischen ZDF/arte, SRF und uns, haben wir schon angekündigt. Eine Herzensangelegenheit von mir werden Dokumentationen über weibliche Persönlichkeiten aus Deutschland sein. Es wird um das Leben und Wirken starker Frauen mit Vorbildcharakter gehen. Grundsätzlich haben die non-fiktionalen Produktionen enormes Potential, um mit lokalen Gesichtern zu arbeiten und dabei Aspekte der Gesellschaft, in der wir leben, abzubilden. Stichwort: Diversity.

Können Sie Ihren Programmbedarf im Fiction-Bereich beziffern?

Elke Walthelm: Entscheidend ist die perfekte Kombination aus Qualität und Quantität. Zum einen stets etwas Neues, das den Kunden neugierig macht und begeistert, zum anderen einen breiten Katalog, der stets eine große Programmvielfalt bietet. Eine mathematische Formel gibt es dafür nicht.

Heißt übersetzt für die Eigenproduktionen?

Elke Walthelm: Unser CEO Carsten Schmidt hat ja bereits kommuniziert, dass wir mittelfristig acht deutsche Sky Originals pro Jahr planen. Nächstes Jahr sind wir bei vier mit den nächsten Staffeln von "Babylon Berlin" im Winter 2019/20 und "Das Boot", mit "Ich und die Anderen" von David Schalko und der Horrorserie "Hausen". "Souls" kommt dann 2021, dazu die zweite Staffel von "Der Pass" und noch einige Dinge mehr, die wir im Köcher haben. Das alles wird ergänzt durch die internationalen Sky Originals.

Wie schlagen sich eigentlich die deutschen Originals in den anderen Sky Märkten?

Elke Walthelm: Sehr gut. "Der Pass" ist in UK grandios gelaufen, auf Deutsch mit englischen Untertiteln. In Italien startet gerade "8 Tage", da läuft die Promo rauf und runter. Und "Das Boot" war das erfolgreichste nicht-muttersprachliche Sky Original sowohl in Italien als auch in England. Für die Qualität der Produktionen spricht aber auch, dass sie über die Sky Märkte hinweg weltweit verkauft wurden. "Das Boot" in über 100 Märkte. Die Zeiten das deutsche Produktionen ein weltweiter Hit werden, sind angebrochen. Ich habe schon einmal gesagt, es spricht nichts dagegen, dass das nächste "Game of Thrones" aus Deutschland kommt.

Das Interview führte Frank Heine