Produktion

Heide Schwochow: "Es ist ungemein wichtig, in dieser Branche über Respekt zu reden"

"Deutschstunde" feiert am 28. September Premiere beim Filmfest Hamburg. B:F sprach vorab mit der renommierten Drehbuchautorin über ihre Zusammenarbeit mit Sohn Christian und ihr Engagement für Kontrakt 18.

23.09.2019 14:52 • von Heike Angermaier

Deutschstunde" feiert am 28. September Premiere beim . B:F sprach vorab mit der renommierten Drehbuchautorin Heide Schwochow über ihre Zusammenarbeit mit Sohn Christian und ihr Engagement für Kontrakt 18.

Wie sind Sie an die Adaption herangegangen? Was war Ihnen besonders wichtig?

Heide Schwochow: Zuerst einmal las ich den Roman und dachte, das ist eine große Geschichte, die immer noch aktuell ist. Brecht würde sagen: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem, das kroch."

Am Anfang steht immer die Frage, ob und was mich am Stoff fasziniert. Bis zum fertigen Drehbuch ist es dann ein sehr langer Weg, auch mit falschen Abzweigungen, der sich über drei, vier Jahre erstreckt. Ich bin keine technische Schreiberin, ich krieche in jede Figur, leide oder empfinde mit ihr. Mich hat die Geschichte des Jungen, der zwischen zwei Männern steht, sofort eingenommen. Klar war auch, dass ich die Figur der Mutter des Jungen verändern würde, eine derart bösartige Figur wollte ich nicht schreiben. Und ich wollte den Maler stärker in seiner Ambivalenz zeigen. In Lenz' Roman ist er ein durchweg guter Mensch. Ich strich einige Nebenhandlungen, so dass das Drehbuch sich schließlich zu einer "strengen" Geschichte verdichtete.

Haben Sie mit Blick auf das Kino geschrieben?

HS: Christian und ich wollten "Deutschstunde" unbedingt fürs Kino machen. Aber der Film muss für meine Begriffe in sich stimmig sein, es kommt nicht darauf an, für welches Medium er gedacht ist.

Haben Sie fürs Kino nicht vielleicht andere Bilder im Kopf als fürs Fernsehen?

HS: Nein, ich suche nach Bildern, die die Geschichte braucht. Viele denken, der Drehbuchautor sei nur für die Dialoge und der Regisseur für die Bilder zuständig. Aber ein gutes Drehbuch beinhaltet schon eine Vision für den Film, also auch für das Visuelle. Das ergibt sich besonders gut, wenn man, wie ich, eng mit dem Regisseur zusammenarbeitet. An Lenz' Roman faszinierte mich die Bildgewalt. Ich habe versucht, den im Roman besonders eindrücklich beschriebenen Möwenangriff ins Drehbuch zu schreiben. Bald wurde mir klar, dass man ihn so nicht im Film umsetzen kann. Als Drehbuchautor sucht man dann andere, eigene Bilder. Ich denke auch meist schon die Tonebene mit.

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Christian konkret aus?

HS: Ich schreibe, gebe es Christian zuerst zu lesen und wir diskutieren darüber. Ich arbeite die Anregungen ein und wir geben den Text dann an die Produktion bzw. den Sender weiter. Nach der Drehbuchbesprechung starten wir eine neue Runde. Es ist ein fortlaufender Prozess der Suche und Auseinandersetzung.

Auch Kameramann Frank Lamm wurde in die Drehbucharbeit eingebunden?

HS: Das war etwas Neues für mich. In der letzten Phase saßen wir zu dritt zusammen. Das war toll. Wir überlegten zum Beispiel, wie das Versteck von Siggi aussehen könnte, das im Roman eine Mühle ist. Um ein anderes Beispiel zu nennen: Während der Motivsuche erzählte mir Christian, dass er einen Damm gefunden hat mit Blick in die Unendlichkeit. Dieses starke Bild habe ich gleich mehrfach ins Buch eingebaut. Eine solche Zusammenarbeit ist ein Luxus, den sich viele andere Autoren wünschen. Da bin ich wohl eher ein Glückskind. Ich spreche mit Christian über fast alles, selbst über die mögliche Besetzung.

Waren Sie auch am Set dabei?

HS: Ab und zu. Ich war u.a. nach Dänemark eingeladen, als auf einer großen Düne gedreht wurde. Ich will die Konzentration am Set aber nicht stören und würde mich nie als Kontrolleurin definieren. Für mich beginnt die Arbeit erst wieder richtig beim Schnitt, wo dramaturgisches Einfühlungsvermögen gefordert ist und ich als künstlerische Dialogpartnerin wirken kann. Ich sehe die Muster und später die verschiedenen Schnittfassungen. Das ist nicht selbstverständlich für einen Drehbuchautor, aber einer der Punkte, für die wir mit Kontrakt 18 kämpfen. Wir wollen in den weiteren kreativen Prozess involviert, nach unserer Meinung gefragt, eben als künstlerische Dialogpartner ernst genommen werden. Nur so können sich die kreativen Kräfte bündeln.

Sie gehörten zu den ersten Unterzeichnerinnen von Kontrakt 18. Wie viel hat sich bewegt seit Beginn der Initiative?

HS: Es hat sich Einiges getan, wie ich finde. Zuallererst haben sich die DrehbuchautorInnen untereinander kennengelernt. Sie tauschen Erfahrungen aus, reden über ihre Rechte und Verträge: Sie beraten sich gegenseitig. Durch Kontrakt 18 werden Autoren inzwischen anders wahrgenommen. Aber immer noch kommt es vor, bei Festivals zum Beispiel oder auch in Filmkritiken, dass sie nicht genannt werden, dabei ist das Drehbuch die Grundlage für den Film.

Es ist ungemein wichtig, in dieser Branche über Respekt zu reden. Bei der Filmakademie habe ich zum Beispiel eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit der Frage beschäftigt: "Was ist eine Regiefassung?" Ein Begriff, der an sich schon missverständlich ist, weil er Regiearbeit suggeriert, aber Drehbucharbeit beinhaltet. Und er offenbart einen Missstand, dass ein abgenommenes Drehbuch einem Regisseur in die Hand gegeben wird mit der Aufforderung: "Schreib mal eine Regiefassung." Dann werden mitunter ganze Szenen umgeschrieben, Dialoge verändert, ohne es mit den Autoren abzusprechen. Im Inszenierungsprozess werden sie viel zu wenig gehört.

Bewegt sich auch etwas in der Branche allgemein?

HS: Ja, aus meiner Perspektive schon. Die Verträge ändern sich. Die Sensibilität ist größer geworden. Aber es gibt sicher auch andere Erfahrungen.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit anderen Regisseuren aus, Matthias Glasner beim Zweiteiler Landgericht" oder Till Endemann bei "Wir sind doch Schwestern"?

HS: In der Zusammenarbeit mit Christian war von Anfang an alles selbstverständlich, was in Kontrakt 18 steht. Wie gesagt, für mich war es zum Beispiel normal, dass ich Muster schaue. Bei anderen Regisseuren ist es anders und kann auch funktionieren, wenn man miteinander redet und sich gegenseitig respektiert. "Landgericht" war eine wichtige Erfahrung. Ich mag das Ergebnis. Bei dem anderen Projekt lief es schwieriger, aber das hatte schon mit der Buchentwicklung zu tun, wo die Visionen in unterschiedliche Richtungen liefen. Das kann ich nicht auf die Zusammenarbeit mit der Regie reduzieren. Was ich daraus gelernt habe: Je transparenter ein Prozess ist, je respektvoller der Umgang, je offener die Konflikte ausgetragen werden, desto mehr wird man zu einem Ergebnis kommen, mit dem alle Beteiligten zufrieden sind. Und ich denke: Gerade, wenn es schwierig wird, braucht es einen Moderator, der den Prozess steuert und sich nicht über seine Machtposition definiert. Meine Erfahrungen im Kinobereich sind besser, aber ich weiß natürlich nicht, ob das generell so ist. Beim Kino ist der Einfluss der Redaktion nicht so stark. Ich denke, da herrscht eine andere Kultur.

An welchen neuen Projekten arbeiten Sie jetzt?

Ich beschäftige mich mit einem Stoff über drei alte Frauen, jüdische Vergangenheit und den Nationalsozialismus, ich entwickle ihn zusammen mit Roxy Film. Und ich arbeite gemeinsam mit einer Autorin an einem Projekt über Christa Wolf für Terz Film. Wir führen in der Geschichte mehrere von Christa Wolfs Figuren zusammen und erlauben uns dabei eine große Freiheit.

Läuft es bei diesen Projekten nach Kontrakt 18? Überlegen Sie sich gemeinsam mit den ProduzentInnen, wer Regie führen könnte?

Ja, wir denken gemeinsam darüber nach und ich bin sicher, dass wir uns einig werden, weil es ein Grundvertrauen zwischen uns gibt. Es geht ja nicht darum, Kämpfe auszufechten, sondern gemeinsam im Sinne der Sache zu entscheiden. Ich würde gerne einmal mit einer Regisseurin zusammenarbeiten oder auch mit einem ganz jungen Regisseur oder einer ganz jungen Regisseurin.

Was fällt Ihnen leichter, einen Originalstoff anzugehen oder eine Adaption?

Unterschiedlich. Wichtig bei einer Adaption ist, den Geist des Buches zu erhalten, dabei aber eine eigene Autorenhandschrift zu entwickeln, zu sagen, ich bin die Autorin des Drehbuches, Siegfried Lenz oder Ursula Krechel schrieben die Vorlage, von der ich mich inspirieren lasse. Irgendwann lege ich den Roman ganz beiseite. Adaption ist eigentlich auch das falsche Wort, es heißt Anpassung, als Drehbuchautorin schaffe ich aber etwas Neues.

Sie saßen kürzlich beim First Steps Award in der Jury. Nachwuchsarbeit ist Ihnen ein Anliegen?

Ja, und dieser Preis ist sehr wichtig. Ich kann mich noch gut erinnern, als Christians Novemberkind" herauskam und wie groß seine Angst war, keinen zweiten Film mehr machen zu können. Es macht mir aber auch großen Spaß, in einer Jury zu sitzen. Ich diskutiere gerne über Film und lese gerne andere Drehbücher. Als Mitglied der Jury für den Deutschen Drehbuchpreis lese ich noch viel mehr Drehbücher.

Als Mitglied bzw. Vorstandsmitglied der Filmakademie sehen Sie ja auch viele Filme im Vorfeld des Filmpreises ...

Der Deutsche Filmpreis ist nur eines von vielen Projekten der Filmakademie, aber ja, mein Ehrgeiz ist es, alle Filme zu sehen, bevor ich abstimme. Ich freue mich auf die Kistendiskussion. Wir nennen sie so, weil früher die Filme in Paketen ankamen. Ab nächstes Jahr werden sie gestreamt. Wir diskutieren ganz offen über alle Gewerke hinweg über die Filme. Ich liebe das.

Sie haben in mehreren Bereichen Erfahrungen gemacht, haben Schauspielregie studiert, waren journalistisch tätig, haben für den Hörfunk gearbeitet. Konnten Sie all das nun fürs Drehbuchschreiben nutzen?

Irgendwie schon. Nach ein paar Jahren im gleichen Job habe ich immer eine Sinnkrise und frage mich, was ich Neues machen könnte. Zum Film bin ich über Christian gekommen, der mich fragte, ob ich nicht ein Drehbuch mit ihm schreiben würde. Nach dem dritten Film habe ich mich getraut zu sagen, ich bin Drehbuchautorin. Ich wollte nicht anmaßend sein. Und bei den ersten zwei Filmen habe ich so wenig verdient, dass ich noch fürs Radio arbeiten musste. Ich habe lange Zeit sehr gerne mit meinem Mann Radiofeatures gemacht, aber jetzt will ich Drehbücher schreiben, am liebsten fürs Kino.

Das Interview führte Heike Angermaier