Kino

"Eine Liebeserklärung an die Filmkunst"

Mit der feierlichen Verleihung der Gilde Filmpreise ist die Filmkunstmesse wie üblich mit einem Höhepunkt auf die Zielgerade gegangen - und die Auszeichnungen unterstrichen einmal mehr, wie hochklassig das Programm bereits ab dem ersten Tag war.

20.09.2019 03:06 • von Marc Mensch
Die Preisträger der diesjährigen Filmkunstmesse Leipzig (Bild: BF)

Großartige Filme sind zeitlos. Keine wirklich neue Erkenntnis, aber eine, die bei der diesjährigen Verleihung der Gilde Filmpreise einmal mehr nachhaltig ins Gedächtnis gerufen wurde. Denn für die musikalische Untermalung wählte man diesmal ein schlicht "Combo" getauftes Trio aus Studenten (bzw. Absolventen) der HFF München aus, die in mehreren Blöcken Szenen aus Buster Keatons Meisterwerk "Sherlock Jr" begleiteten. Übrigens aus mehreren Gründen eine hervorragende Wahl - nicht zuletzt jenem, dass schon die Geschichte des Films per se eine Liebeserklärung an das Kino ist.

Das richtige Stichwort - denn um eine Liebeserklärung an die Filmkunst handelt es sich nach den Worten von Christian Bräuer auch bei der Filmkunstmesse im Allgemeinen und der Verleihung der Gilde Filmpreise im Speziellen. Rückblickend auf eine Woche, in der abermals mehr Fachbesucher (knapp 1200) nach Leipzig gekommen waren und dort für durchaus optimistische Stimmung gesorgt hätten, erinnerte Bräuer gerade auch an die begeistert aufgenommenen Worte von Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes, der dem Kino unter anderem bescheinigt hatte, eine Schule der Empathie zu sein. Und Empathie, so Bräuer, sei in Zeiten zunehmender Vereinzelung wichtiger denn je. Er rief dazu auf, nichts für selbstverständlich zu nehmen - auch nicht die Freiheit künstlerischen Schaffens, für die man in (zu) vielen Ländern beneidet werde. Das Kino jedenfalls verstehe sich als Partner derjenigen, die den offenen Blick wagten und die ihre Geschichten mit aller Kraft des Mediums lebendig werden ließen.

In diesem Sinne seien die Gilde Filmpreise nicht nur eine Auszeichnung für die Kreativen hinter den ausgezeichneten Werken - sondern mittelbar auch für jene, die ihnen den gebührenden Raum auf ihren Leinwänden einräumten. Womit es dann auch schon in medias res ging - und zu einer Auszeichnung, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann, richtet sie sich doch an Werke, die dem Kino seinen Besuchernachwuchs sichern sollen, wie Laudatorin Petra Rockenfeller betonte: Jene für den "Besten Kinderfilm" - Mein Lotta-Leben - Alles Bingo mit Flamingo!" von Regisseurin Neele Leana Vollmar.

Und zum nunmehr zweiten Mal durfte Rockenfeller auch gleich noch einen zweiten Preis vergeben. Dass der "Beste Jugendfilm" einer sei, der erst noch ins Kino komme und durch die Auszeichnung damit einen besonderen Push erhalte, freue sie besonders. Wobei dem auffallend langen Applaus der Gäste zu entnehmen war, dass Booksmart" auch auf die Unterstützung der Kinobetreiber wird bauen können.

Wir bleiben beim Thema Jugend - mit dem "Preis der Jugendjury". Letztere setzte sich - erstmals in direkter Zusammenarbeit mit der FBW - in diesem Jahr nicht aus Leipziger Nachwuchs-Cineasten, sondern solchen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen. Und ihre Wahl fiel auf eine Dokumentation, die schon die Jury in Cannes überzeugt hatte: For Sama". Drei weitere Filme fanden eine besondere Erwähnung: Alles außer gewöhnlich", Auerhaus" (einmal mehr Neele Leana Vollmar) - und "2040 - Wir retten die Welt!". Der Hinweis auf letzteren Film war verbunden mit einem (aus dem Publikum mitunter lautstark bejubelten) Aufruf, am bundesweiten Klimastreik teilzunehmen.

Kurz und bündig fiel in diesem Jahr die Prämierung des "Besten Kurzfilms" aus. 16 Filme mit einer Laufzeit von insgesamt rund 80 Minuten standen dem Publikum zur Wahl, die es auf einen der diesjährigen Short-Tiger-Gewinner fallen ließ "Le premiere pas". Davon, welch gutes Händchen das Publikum dabei bewiesen hatte, konnte man sich bei der Verleihung selbst überzeugen - denn just dieses Werk war (zufällig) vorab zur Vorführung vorgesehen gewesen. Nachdem Andreas Dresen übrigens im letzten Jahr die Gilde Preise gerockt hatte, verleiht er 2019 als einer der Botschafter dem Kurzfilmtag zusätzlichen Schwung.

Die Auszeichnung für den "Besten internationalen Film" wiederum unterstrich einmal mehr, wie hochkarätig die Filmkunstmesse schon ab dem ersten Tag programmiert war. Denn der bereits zur Eröffnung gezeigte "Parasite" von Regisseur Bong Joon Ho durfte sich nach höchsten Weihen in Cannes nun auch über die Ehrung durch die AG Kino-Gilde freuen. Laut Laudator Matthias Elwardt ein Film, der "alles ist": "Politisch, klug, lustig, böse..." Kurz gesagt: "Eine universelle Geschichte, ein großes Ereignis."

Wie viel Mühe sich Christian Bräuer mit seiner Laudatio auf den diesjährigen Ehrenpreisträger und dessen Wirken für die Kultur gemacht hatte, brachte Dieter Kosslick in seiner unverwechselbaren Art auf den Punkt: "Ich habe das starke Gefühl, dass ich diesen Preis wirklich verdient habe", gestand er unter dem Applaus von rund 500 Kinobetreibern. An der Zukunft des Kinos hat er übrigens keinen Zweifel - Streaming hin oder her. "FridaysforFuture - ThursdaysforCinema!" so sein Credo.

Was hat der Gewinner des "Besten Dokumentarfilms" mit Buster Keaton gemeinsam? Beide haben sich (und an dieser Stelle sei eingestreut, wie beeindruckend Stunts aus einem Werk von 1924 gerade in der heutigen digitalen Filmwelt wirken) in keiner Weise geschont. Denn Anderswo dokumentiert Anselm Nathanael Pahnkes rund dreijährige Tour durch den gesamten afrikanischen Kontinent, die er alleine mit dem Fahrrad antrat. Nicht ganz so weite, aber doch sehr nennenswerte Strecken legte er für die große Kinotour zum Film zurück - und bedankte sich nun auf der Bühne bei den Betreibern für die "tolle Reise".

Eine einstimmige Entscheidung fällte die Jury in der "Königskategorie", dem "Besten nationalen Film". Und auch hier fiel die Entscheidung auf ein Werk, das demnächst startet und in Leipzig bereits vorab zu sehen war: "Lara", den zweiten Film des vielfach preisgekrönten und unter anderem Lola-prämierten Regisseurs Jan-Ole Gerster, der gemeinsam mit seinen Hauptdarstellern Corinna Harfouch und Tom Schilling auf die Bühne im Täubchenthal gekommen war.

Blieb noch die Verleihung des Publikumspreises der Filmkunstmesse, die mit einem Novum aufwartete: Denn wie Felix Bruder schilderte, hatte nie zuvor ein Film das perfekte Ergebnis der Bestnote 1,0 erreicht. Nun, Jenseits des Sichtbaren - Hilma af Klint" gelang dieses Kunststück. Chapeau!