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Offener Brief: "Abschied von Gestern"

In einem am 12. September veröffentlichten Interview von Blickpunkt:Film mit "Polizeiruf 110"-Redakteurin Cornelia Ackers vom BR ("Ich kam mir vor wie beim Hexentribunal") ging es neben der Kriminalreihe unter anderem auch um Ackers' Erfahrungen mit Pro Quote. Zu dem Interview erreichte uns ein Offener Brief von Pro Quote Film, den wir hier im vollen Wortlaut wiedergeben.

20.09.2019 09:02 • von Frank Heine

In einem am 12. September veröffentlichten Interview von Blickpunkt:Film mit "Polizeiruf 110"-Redakteurin Cornelia Ackers vom BR ("Ich kam mir vor wie beim Hexentribunal") ging es neben der Kriminalreihe unter anderem auch um Ackers' Erfahrungen mit Pro Quote. Zu dem Interview erreichte uns ein Offener Brief von Pro Quote Film, den wir hier im vollen Wortlaut wiedergeben:

"Von einer erfahrenen Redakteurin dürfen wir erwarten, dass sie geübt in der Sprache ist und einen bewussten Umgang damit pflegt. Der Vergleich einer Veranstaltung von Pro Quote Regie mit einem Hexentribunal ist geschmacklos und diffamierend. Gerade in Zeiten von Rechtspopulismus, der einerseits mit der Verrohung der Sprache einhergeht und andererseits einen Backlash für die Gleichstellung von Frauen nicht nur fordert sondern aktiv vorantreibt, ist dieser Griff in die Mottenkiste der Stereotype völlig inakzeptabel.

Anstatt aktiv an der Abschaffung der Schieflage von zu wenig Frauen in kreativen Schlüsselpositionen mitzuwirken, die nicht nur durch die gemeinsame Studie von FFA, ARD und ZDF "Gender und Film / Gender und Fernsehen" sowie durch die jährlichen BVR Diversitätsberichte hinreichend belegt ist, werden hier Ressentiments geschürt.

Filmschaffende Frauen, die zurecht darauf aufmerksam machen, dass eine im System verankerte Chancenungleichheit besteht, organisieren mit großem ehrenamtlichen Einsatz auf der Plattform von Pro Quote Film internationale Veranstaltungen. Sie machen diese Schieflage sichtbar und zeigen Lösungswege auf. Dazu gehört auch die konstruktive Auseinandersetzung mit den Entscheider*innen der Branche. Und dazu gehört auch die Konfrontation mit Daten und Zahlen, die Frau Ackers in ihrem Interview als deplatziert beschreibt. Wer keine Daten erhebt und sie transparent macht, degradiert alle Vorsätze zur Veränderung zu Lippenbekenntnissen. Nur ein kontinuierliches und öffentliches Gendermonitoring kann den Veränderungsprozess vorantreiben. Mit der Veröffentlichung der Studie "Gender und Fernsehen" Anfang 2017 haben ARD und ZDF dieses öffentliche Gendermonitoring zugesagt, das bis heute nicht stattfindet.

Als Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit haben sich unsere europäischen Nachbarn längst auf den Weg gemacht und setzen in der dortigen Medienbranche Maßnahmen für mehr Gleichstellung von Frauen und Diversität um. Das Britische Film Institut BFI arbeitet mit Diversitätsstandards, die BBC mit dem Diamond Programm, das Österreichische Filminstitut mit einem Gender Incentive, um nur einige zu nennen. Während in Deutschland ähnliche Innovationen und Maßnahmen - abgesehen von einzelnen Leuchtturmprojekten wie die 40 Prozent Quote für Regisseurinnen beim MDR, die Zielvorgabe bei Studio Hamburg und der Degeto - in weiter Ferne sind, spricht Frau Ackers als Vertreterin in Entscheidungsposition des öffentlich rechtlichen Rundfunks in einem Interview von "Ausländern", wenn sie offensichtlich Menschen mit Migrationserfahrung meint. "Ausländer" und "Homosexuelle" müssen für ein fadenscheiniges Argument gegen die Quote herhalten. Auf unseren Veranstaltungen sprechen die Vertreter*innen aus anderen europäischen Ländern über ihre Lösungswege und Erfahrungen. Ein wichtiger Ansatz dabei ist die Vielfalt der Menschen vor und hinter der Kamera zu steigern, die von Intersektionalität betroffen sind - z.B. durch Migrationserfahrung oder durch eine sexuelle Orientierung, die nicht der vorherrschenden Norm entspricht. Allein deshalb lohnt sich ein Besuch.

Über den Sinn von Quoten kann man diskutieren, man muss es sogar. Denn bisher hat sich der Anteil von Frauen ohne die Quote nirgends zum Positiven verändert. Weder in der Politik noch in der Wirtschaft. Egal welches Label man draufklebt; "feste Plätze auf Wahllisten" oder "Paritätische Besetzung von Gremien" - auch diese Maßnahmen sind nichts anderes als Quoten. Die von Frau Ackers im Interview gegen die Quote vorgebrachten flapsigen Argumente spiegeln, wie wenig Bewusstsein über die schwierige Situation von Frauen in kreativen Schlüsselpositionen vorhanden ist. Es stellt sich die Frage, ob der Inhalt der von der ARD selbst in Auftrag gegebene Studie "Gender und Fernsehen" in den Häusern überhaupt bekannt ist?

2015 hat Programmdirektor Volker Herres, im Anschluss einer Intendantentagung eine 20 Prozent Quote für Regisseurinnen beim "Tatort" verkündet und sagte, dass dies erst der Anfang sei. Bisher bleibt die ARD die Umsetzung schuldig. Die Initiative "Tatort: Drehbuch" hat mit ihrem Brandbrief darauf aufmerksam gemacht, dass auch der ohnehin geringe Anteil von Drehbuchautorinnen seit 2016 kontinuierlich abgenommen und auf 6 Prozent gefallen ist. Auch hier bleiben alle Äußerungen der ARD zur Gleichstellung leere Worte. In einem aktuellen Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen fordert Doris Dörrie die abwechselnde Vergabe der "Tatort"-Regie an eine Frau und einen Mann. Dieser Forderung schließen wir uns nicht nur an, sie muss auch für den "Polizeiruf" gelten, bezogen auf Regie und Drehbuch und die ARD muss endlich mit einem öffentlichen Gendermonitoring für Transparenz sorgen.

In diesem Kontext sind die negativen Äußerungen von Frau Ackers über Regisseurinnen, die sich angeblich nicht genügend um Aufträge bemühen, nichts anderes als stereotype Urteile, die aus allen Branchen bekannt sind und die Weigerung spiegeln, aktiv an der Gestaltung einer diversen und gleichberechtigten Zukunft mitzuwirken.

Damit wir endlich im dringend notwendigen Veränderungsprozess vorankommen und mehr Innovation eine Chance geben, dürfen negative und verkrustete Meinungen über die Professionalität von Frauen nicht unwidersprochen bleiben. Eine zentrale Forderung von Pro Quote Film sind Change- und Gender-Seminare für Entscheider*innen der Branche. Sie machen unbewusste Vorurteile und stereotype Annahmen bezogen auf Personen und ihre Projekte sichtbar. Darüber informieren wir u.a. auf unseren Veranstaltungen. Frau Ackers ist herzlich eingeladen teilzunehmen und sich an dem sehr inspirierenden und konstruktiven Dialog zu beteiligen.

Barbara Rohm für den Vorstand von Pro Quote Film

Susanne Foidl, Cornelia Grünberg, Kerstin Ramcke, Barbara Rohm, Barbara Teufel, Birgit Stauber, Tatjana Turanskyj